Archiv für Oktober 2011
Roma-Abschiebungen in Hamburg
Heute früh um 4.20 Uhr stürmten Beamte von Polizei, Zoll und Ausländerbehörde in Begleitung auch eines Arztes die Wohnung des Ehepaares Sakipovic in der Unterkunft am Billstieg. Jowanka und Stanisa Sakipovic sind Roma, denen wie vielen anderen Hamburger Roma seit Anfang des Jahres die Abschiebung angedroht wurde. Jowanka S. ist schwer krank und hat ohne ärztliche Behandlung wenig Überlebenschancen. Die Ausländerbehörde schert das nur insoweit, dass sie zur Abschiebung einen Arzt mitschickt! Der SPD-Senat ist offenbar wild entschlossen, trotz der vielfältigen Proteste dagegen, die Abschiebung der Roma in die Tat umzusetzen. Dabei zählt auch der anstehende Winter nicht (der in den eiskalten nassen und zugigen Hütten der Roma-Lager Serbiens nur schwer zu überstehen ist) und auch nicht die Tatsache, dass Roma-Familien in den Nachfolge-staaten Ex-Jugoslawiens Diskriminierung, Ausgrenzung, mangelnde Gesundheitsversorgung und (auch polizeiliche) Gewalt drohen.Wir, der Flüchtlingsrat Hamburg und der Arbeitskreis Roma und Roma-UnterstützerInnen in Hamburg verurteilen diese Aktion und fordern ein Bleiberecht für die von Abschiebung bedrohten Roma. Ausgerechnet heute, wo erneut eine Entscheidung in der Bürgerschaft ansteht, über die Petitionen anderer von Abschiebung bedrohten Roma-Familien sollen hier mit einer ersten Abschiebung Fakten geschaffen werden.Hermann Hardt vom Flüchtlingsrat Hamburg und dem Roma-UnterstützerInnenkreis meint: “Es darf nicht sein, dass Menschen – trotz Krankheit und trotz der bevorstehenden Winter-monate – in elende und für Viele tödliche Lebensverhältnise abgeschoben werden! Es darf nicht sein, dass 66 Jahre nach dem Genozid des deutschen NS-Faschismus an einer halben Million Roma und Sinti wieder Roma von hier in Tod und Elend abgeschoben werden!
Der SPD-Senat hat offenbar jedes Gespür für Humanität und Mitmenschlichkeit und für die besondere geschichtliche Verantwortung Deutschlands verloren. Wir fordern als ersten Schritt die Aussetzung der Abschiebungen in den Wintermonaten und weiterhin ein Bleibe-recht für die von Abschiebung bedrohten Roma!” Flüchtlingsrat Hamburg
+ Arbeitskreis Roma und Roma-UnterstützerInnen in Hamburg
In Oakland brutales Eingreifen der Polizei
Mittlerweile einen Schwerverletzten (Scott Olsen) gab es in Oakland, als die Polizei Tränengaskanister wild in die Menge schoss:
Die Zeitgeist Bewegung
Anläßlich verschiedener Beobachtungen und jetzt eines Kommentars, veröffentliche ich in diesem Artikel einiges zur Zeitgeist-Bewegung.
Im Freitag hab am Montag einen Artikel mit de Titel ”Fällt die Occupy-Bewegung ihrer eigenen Offenheit zum Opfer?” Die TAZ bereits am 21.10. .
Auf Twitter gab es folgende Meldung:
OccupyKiel erkennt islam. Bankensystem als Grund für Bekämpfung des Islams durch den Westen!Kulturzeit liefert Munition tinyurl.com/6bleov4—
mett skillz (@mettskillz) October 25, 2011
Zeitgeist ist laut Wikipedia eine Advocacy Coalition, d.h., dass “…oftmals nicht sofort ersichtlich ist, wer einer solchen Advocacy Coalition angehört. Nur das inhaltliche Agieren zur Erreichung des Ziels setzt diese als Koalition fest.”
Der Freitag schreibt:
Jetzt verdichten sich die Hinweise darauf, dass die aus den USA stammende Zeitgeist-Bewegung systematisch versucht, die Occupy-Bewegung in Deutschland und Österreich zu unterwandern.
In Kiel gibt es ein Chapter von Zeitgeist (–> eigene Seiten).
Außerdem wurde bekannt, dass viele Occupy-Seiten auf Facebook zentral ferngesteuert werden. Zitat:
Inzwischen habe ich herausgefunden, daß so ziehmlich alle alle Occupy-Seiten von dieser Zeitgeist/Venus-Projekt Bewegung gemacht wurden und daß die sog. “Zeitgeist-Chapter-Führer”, des jeweiligen Landes immer ein Unternehmen im Bereich IT/Marketing betreiben.
Ist Zeitgeist nun nur eine Sekte wie jede andere? Hier ein Video von ihnen selbst. Das ist durchaus sehr professionell und aufwendig gemacht. Man kann davon ausgehen, dass das richtig Geld gekostet hat. Die Frage ist, warum jemand so viel Geld ausgibt für Public Relation:
Nach dem Video viel mir wieder eine Dokumentation von Adam Curtis ein. Denn Zeitgeist hat die Vision eines technokratischen Utopias. Im Grunde entsprechen sie damit aber, auch wenn sie es selbst so nicht bezeichnen der alten Ingenieurs-Utopien des Kapitalismus und Realsozialismus.
Pandora’s Box erzählt Geschichten aus den USA und der UDSSR und warum technokratische Lösungen immer scheitern müssen (in einigen Ausührungen etwas überspitzt, aber durchaus zufreffend insgesamt):
Zeitgeist glaubt also fundamental mit den Prinzipien, die bereits mehrfach gescheitert sind, dieses mal Erfolg zu haben. Dabei kreieren sie eine neue technokratische Ideologie, die an die Stelle von bekannten Ideologien treten soll. Auch wenn sie es selbst nicht als Ideologie bezeichnen. Aber ihre Videos sind vollgestopft mit unbewiesenen Behauptungen und Glaubenssätzen.
In Kiel hat Zeitgeist offenbar durchaus einigen Einfluss auf die Occupy-Bewegung – und Attac kann oder will dem nichts entgegensetzen. Womit dann klar ist, dass die Occupy-Bewegung endgültig an ihren Wendepunkt abkommt,wo es darum geht die Spreu vom Weizen zu trennen.
Ein Scheitern der Occupy-Bewegung unter den derzeitigen Bedingungen ist notwendig. Denn es bestehen keine fördernswürdigen Bedingungen. Bzw. sind hier Leute aktiv, deren Wirken eher als rückschrittlich zu bezeichnen ist. Hier stoßen verschiedene alte und neue Kräfte aufeinander. Bisher war alles undifferenziert. Aber nun versuchen verschiedene Gruppen die Bewegung auf ihre Seite zu ziehen. Dabei fehlt Occupy vor allem in Deutschland eine breite Basis. Der Misserfolg ist so unausweichlich. Aber wenn man hört, was da für krude Vorstellungen herumgeistern, kann man nur froh sein. Der nächste Winter kommt bestimmt.
Auch wenn Occupy einige gute Ansätze hat, so reicht es doch noch nicht aus, selbst bis in die Provinz (Kiel, Hamburg, Berlin, Frankfurt) mit einigen Ideen vorzudringen. Und was sich in Deutschland so durchsetzt, das sollte doch besser unter dem Stein bleiben, wo es bisher verborgen war. Es ist noch ein langer Weg, bis sich hier mal etwas wirklich interessantes bewegen wird, dass nicht in einer Katastrophe enden würde.
Reaktion von AntiGES Kiel auf Occupy Kiel & Zelte am Kleinen Kiel
Gemeinsam haben beide Gruppen eine Kritik an herrschenden Verhältnissen. Ansonsten nicht viel. Sowohl bei den AntiGES-Demos, als auch bei Occupy Kiel waren höchstens ein dutzend Leute, die auf beiden Versammlungen präsent waren. Nun haben “einige” von AntiGES am letzten Samstag ein Papier mit dem Titel “Die Krise heißt Kapitalismus” veröffentlicht. Offenbar wirds jetzt zur neuen Mode, dass Papiere nur noch von “einigen” geschrieben und veröffentlicht werden?
Positionierung Einiger aus der Anti-GES-Koordination zum Märchen von der Finanzmarktkrise:
Warum eine bloße Kritik der Finanzmärkte zur Krisenüberwindung nichts taugt und obendrein gefährlich ist.Die Große Krise – wie alles begann…
Wer sich mit der Krise beschäftigt begegnet zwangsläufig immer wieder Schlagworten wie “Entfesselte Finanzmärkte”, “finanzmarktgetriebener Kapitalismus”, “Raubtierkapitalismus”, “Diktatur der Finanzmärkte” usw. Die Finanzmärkte seien schuld an der Krise. Die Finanzkrise sei übergegriffen auf die Realwirtschaft. Solche Positionen sind weit verbreitet. Folglich geht es in vielen politischen Forderungen, die derzeit als vermeintlich kapitalismuskritische Krisenlösungsvorschläge aufgestellt werden, dann auch darum, die “Finanzmärkte zu bändigen”, die “Spekulation zu unterbinden” etc. So auch von großen Teilen der jüngst auch nach Deutschland übergeschwappten Occupy-Bewegung.
Die Insolvenz der US-Investmentbank “Lehman Brothers” im September 2008 wurde als Auslöser der Krise der Realwirtschaft gesehen. Doch bereits vorher, Anfang des selben Jahres, zeichnete sich eine Überproduktionskrise in allen großen Zweigen des verarbeitenden Gewerbes ab. Empirisch ist dies nachweisbar anhand der fallenden Auftragseingänge für Unternehmen. Der Weltmarkt geriet also in eine Überproduktionskrise, es waren schlichtweg zu viele Waren auf den Märkten, die nicht mehr abgesetzt werden konnten.
Doch warum fiel die Krise diesmal so heftig aus? Die Erschließung neuer Regionen für das Kapital und ihre Integration in den Weltmarkt – so insbesondere China, Osteuropa oder die Golfstaaten – führten zu einer heftigen Investitionstätigkeit, neue Industrieregionen entstanden. Hinzu kam eine sprunghafte Fortentwicklung der Produktivkräfte durch neue Technologien. Es kam zu einer Phase des längeren Aufschwungs und seit Mitte der 1980er konnten sich Welthandel und Produktion ohne große Rückschläge rasch ausweiten.
Mit dieser Expansion des Weltmarktes ging einher, dass Unternehmen immer schneller, immer größere Kredite benötigten, um die Produktion am Laufen zu halten. Die so enorm expandierende Realwirtschaft sprengte alle Barrieren auf den Finanzmärkten – bis der Warenabsatz ins Stocken geriet…
Auf Produktionsstockungen folgten schließlich Kreditausfälle. Die globalen Finanzgeschäfte brachten auch das globale Bankensystem ins Wanken. Staaten und Notenbanken mussten eingreifen, um den Kollaps des Bankensystems zu verhindern. Folge davon war das, was derzeit die westliche Welt in Atem hält: Horrende Staatsverschuldungen und, um diese auf die lohnabhängigen Klassen abzuwälzen, Sozialkürzungen.Das Märchen von der Finanzmarktkrise: Ideologische Rettung des Kapitalismus …
Welche Erklärungen gibt es für die gängige Analyse der kapitalistischen Krise als “Finanzmarktkrise”? Zum einen gibt es das weit verbreitete Dogma vom Gleichgewicht der Märkte: Es wird schlichtweg davon ausgegangen, dass die Realwirtschaft gar nicht die Krise kriegen kann. „Normaler Kapitalismus“ sei im Vergleich zum „finanzmarkgetriebenen Kapitalismus“ somit per se krisenfrei. Zur vulgärökonomischen Volkswirtschaftslehre gehört dieses Dogma wie das Amen in der Kirche. Und das nicht ohne Grund: Die VWL betreibt deshalb Vulgärökonomie, weil sie nicht zuletzt in Abgrenzung zur marxschen Kritik der politischen Ökonomie im Interesse der Herrschenden ins Leben gerufen wurde. Es ging ihr von jeher um nichts anderes, als den Kapitalismus zum Zwecke seiner Aufrechterhaltung ideologisch zu rechtfertigen.
Es besteht im Kapitalismus also ein ganz materielles Interesse daran, die Krise durch äußere Einflüsse zu erklären. Seien die ausgemachten Schuldigen nun Spekulanten, ausländische Banken, “Heuschrecken”, Finanzstrategen oder auch in alter antisemitischer Weltverschwörungsmanier Zionisten – die Ursachen sollen im Interesse der bestehenden ökonomischen und sozialen Ordnung auf jeden Fall immer außerhalb der so genannten Realwirtschaft liegen.…und irrationale Welterklärung in kapitalistischen Verhältnissen .
Andererseits liegt es ebenfalls im kapitalistischen System selbst begründet, dass die Zusammenhänge in der Ökonomie notwendig verschleiert sind. Die Erscheinungsform der alltäglichen Ökonomie des Warenaustausches ist täuschend. In der Warenform selbst liegt die Ursache der Verschleierung, indem die gesellschaftlichen Verhältnisse als Verhältnisse von Dingen erscheinen. Dies nennen wir Fetischismus. Ein Fetisch ist eine von Menschen geschaffene Sache, von der die Menschen glauben, dass sie Macht über sie habe. Im Fetischismus hat nicht der Mensch Macht über die Sache, sondern die Sache hat Macht über den Menschen. So kursieren in den Krisenanalysen viele Fetische – seien sie “das Geld” oder das “zinstragende Kapital” – und das Geld an sich wird als eine eigenständige Macht angesehen, welches die Welt beherrsche. Schwachsinn!
Die Krise heißt: Kapitalismus!
Doch die eigentlichen Ursachen der Krisen – was stets verdeckt wird – liegen in den irrsinnigen Prinzipien der kapitalistischen Warenproduktion selbst: In einer auf Konkurrenz begründeten Wirtschaftsweise, die zum bloßen Selbstzweck der Profitsteigerung und nicht etwa, was vernünftigerweise anzustreben wäre, der menschlichen Bedürfnisbefriedigung produziert und deshalb aus sich selbst heraus zum unaufhörlichen Wachstum gezwungen ist. Dieses Wachstum unterwirft, je weiter es fortschreitet, zunehmend alle Bereiche menschlichen Lebens und seiner Umwelt unter die kapitalistische Logik der Verwertung und der Ausbeutung und fast jegliches menschliche Handeln unter die Diktatur des Sachzwanges. Und nichtsdestotrotz stößt dieses irrationale ökonomische System zwangsläufig immer wieder an seine Grenzen: Nichts anderes sind die immer wieder auftretenden Krisen.
Die Krise gehören zum Kapitalismus und Kapitalismus kriegt sie auch ganz ohne “entfesselte Finanzmärkte” in schöner Regelmäßigkeit. Nicht nur die Banken gehören also unter gesellschaftliche Kontrolle, sondern die gesamte Produktion! Nicht nur die Finanzmärkte gehören abgeschafft, sondern der ganze beknackte kapitalistische Markt an sich! Gerade Krisenanalysen, die die Ursachen der Krise außerhalb einer “guten deutschen Wertschöpfungskette” sehen, wie es jüngst auch die Bundeskanzlerin höchstpersönlich in ihrer gerade zum guten Ton der Herrschenden gehörenden Sympathiebekundung für die Krisenproteste unterstrich, bereiten den Boden für Verschwörungstheorien bis hin zu Antisemitismus. Die Bedrohung für die Wirtschaft, die dann meistens nicht genau benannt wird, kommt auf jeden Fall von außen. Jegliche Form eines solchen regressiven Antikapitalismus, egal wie er daher kommt, gilt es vehement zurückzuweisen.
Ein emanzipatorischer Ausweg aus dem bestehenden globalen Krisenzustand muss die kapitalistischen Verhältnisse überwinden.
Für die soziale Revolution weltweit!Einige aus der Anti-GES Koordination
Zelte am Kleinen Kiel
Am Kleinen Kiel sollen Zelte stehen. Die Fotos anderer kann ich hier leider nicht zeigen, da diese unter dem restriktiven Urheberrecht stehen. Und selbst habe ich keine gemacht, bisher. Aber auf dem FöFü kann man über einen Artikel welche sehen. Das selbe gilt für Hamburg und Berlin. Offenbar gibt es keine AnhängerInnen von Freien Lizenzen, die da Fotos machen – eine sehr freiheitliche Bewegung ist das also nicht. Aber dafür gibt es immerhin zwei freie Fotos aus Frankfurt:


In den USA sieht die Bewegung diesbezüglich auch ganz anders aus. Beispielfoto aus Portland:
Enges Themenspektrum in Deutschland und Europa
In Deutschland und Europa fokussiert sich vieles derzeit auf Finanzmärkte und Finanztransaktionssteuer. Jetzt wurde der 29.10 zum globalen “Robin Hood Steuer”-Tag ausgerufen. Damit wird klar formuliert, dass es nur um eine Umverteilung von Geld gehen soll als primäres Ziel. Wer das Ziel formuliert hat und wozu das gut sein soll?
Hier ein Werbevideo dafür (hat jemand offenbar monatelang vorher vorbereitet)
Das gleiche gibts auf englisch:
Interessant dabei im deutschen der Abspann. Sogar die SPD oder GRÜNE sind mit an Bord bei der “Steuer gegen Armut”-Kampagne. Parteien also, die uns genau das mit eingebrockt hat, was wir jetzt als Problem haben. S.a.”Träger der Kampagne“
Was kostet ein Werbespot? Im allgemeinen ein paar hundert tausend Euro. Und jetzt vergleichen wir mal die Aussagen in den Videos:
- Die Steuer bringt mehr als “100 Milliarden Euro” (man denkt: in Deutschland)
- In England “100 Milliarden Pfund” (man denkt: in Großbritannien) = rd. 87 Milliarden Euro(“Billion”=”Milliarden”)
Bericht von Occupy Kiel 22.10.11
Am heutigen Samstag versammelten sich ca. 350 KielerInnen am Asmus-Bremer-Platz, um gegen die Auswirkungen der Krise des Finanz- und Wirtschaftssystems zu protestieren. Es gab dieses mal auch ein Offenes Mikrofon, das allerdings mehrheitlich von Mitgliedern von Organisationen genutzt wurde (aber nicht nur!). Das war auch ganz gut und lockerer als letzten Samstag. Es gab dieses mal auch einen Infotisch.
Es gab schon einige gruselige Sprüche auf Schildern wie “Kein Geld für Zocker! Geht arbeiten ihr Parasiten” aus dem ATTAC-Dunstkreis [siehe Kommentare, wie ich erfuhr doch "Dunstkreis".], wovon man sich klar distanzieren sollte. Kein Mensch ist ein Parasit. Die meisten anwesenden Parteimitglieder verzichteten auf Fahnen. Lediglich besonders die DKP und ein wenig die Linke vielen negativ durch Fahnenpräsenz auf. Dies führte dann auch dazu, dass einige Leute bei der Demo entweder gar nicht oder nur unwillig dem Demozug zur HSH-Nordbank folgten. Über den Demozug selbst kann ich nicht aus erster Hand berichten. Am Asmus selbst verblieben keine Aktivisten, woraufhin viele Spätankömmlinge enttäuscht oder erstaunt waren – und einige dann doch noch zum Demo-Endpunkt an der HSH liefen. Die Demo selbst soll am Ende nur noch aus rd. 150 Leute bestanden haben. Somit hat man erfolgreich rd. 250 Leute und somit die Mehrheit der DemonstrantInnen losgeworden – und dafür den eigentliche vorgesehenen Platz verwaisen lassen und auch die Chance verpasst mehr Leute einzubinden.
Bei dem Offenen Mikrofon sprachen ca. 10 Leute – dann wollte man unbedingt demonstrieren. Somit war es leider nicht wirklich geglückt den Ritualcharakter abzulegen. ATTAC startete 10 vor 11 mit Sprüchen zu Finanzmärkten und beschallte und dominierte damit den Platz und die Kundgebung bzw. Versammlung bereits vor dem offiziellen Beginn. Gemessen an der Absicht, dass jede Organisation oder Person eigentlich nur zwei Minuten sprechen sollte war das dann natürlich total ungewichtig.
Positiv war, dass doch viele Leute gerne ihr Wort an die versammelten Leute richten wollten und das die Menschen durchaus politisch interessiert waren an dem, was passierte und auch Flyer gerne annahmen.
Was nicht passierte war, soweit ich das verfolgen konnte, dass sich längere Diskussionen entsponnen hätten. Denn das Ganze hatte dann doch auch nur einen temporären Charakter. Leider fehlte jedes nennenswerte Gegengewicht zu der üblichen Politfraktion. Insofern erscheint die Bewegung jetzt bereits, trotz Verzehnfachung der Anwesenden inhaltlich am Ende angekommen zu sein und ihre Spannung zu verlieren, bevor sich wirklich etwas hätte entwickeln können. Sollte die Bewegung jetzt aber ins populistische Abdriften so würde ich das als selbsterfüllte Prophezeiung derjenigen interpretieren, die bisher die Termine bewusst gemieden haben, weil die Occupy-Bewegung noch zu diffus ist. Ja, wenn man eben nicht präsent ist, dann überlässt man halt anderen Fraktionen wie der DKP das Feld. Da wird dann auch keine Massenbewegung draus entstehen, weil die alten Rezepte und Parolen niemand mehr hinter dem Ofen vorlocken. Das spannende an der globalen Bewegung war ja gerade, dass resignierte oder neue Leute auch auf die Straße gingen. Für Kiel würde ich prophezeien, dass noch Potential für zwei ähnlich oder sogar größere Kundgebungen ist – und dann ist die Luft raus, sofern es da keine radikale Wende gibt. Im Moment sehe ich aber nicht woher die kommen sollte.
Interview zu GES, AntiGES und Occupy-Bewegung
Es gibt ein Interview vom FSK mit Leuten von der AntiGES-Koordination für Leute mit Geduld in 2 Teilen:
Aufrufe zu Occupy Kiel
Ich wiederhole mich, wenn ich schreibe, dass die Occupy-Bewegung ihren Anfang in Nordafrika nahm. Genauer gesagt in Tunesien. Und weder in Tunesien, noch in Ägypten ist der Prozess abgeschlossen. Libyen und Syrien lassen wir mal außen vor. In Algerien hat sich nicht viel getan.
In Spanien gab es monatelang Assambleas. Die Bewegung ist aber meines Wissens abgeebbt, wenngleich Strukturen und Kontakte geblieben sind. Und natürlich wird die Situation in Spanien für Jugendliche eher prekärer. Griechenland ist ein wenig ein Fall für sich. USA hat dem Ganzen einen neuen Drive gegeben. Wobei mir scheint dort sind viele Leute vom zerschlagenen ACORN aktiv – insgesamt scheint mir da oft die Kritik expliziter gegen den Kapitalismus als solches zu kommen, als nur stupide gegen “DAS FINANZKAPITAL”
Es gibt wieder einen Aufruf von Attac. Ich dokumentiere den hier mal:
Entmachtet die Finanzmärkte !
Die 99 % sind wir !
Es reicht !
- Finanzkrise seit 80 Jahren!
- Mit Milliarden Steuergeldern wurden Großbetriebe und Banken aus „Rettungsschirmen“ saniert.
- Den dadurch hoch verschuldeten Staaten gaben die Banken Kredite und verdienten so erneut an ihrer Rettung.
- Um den Banken die Kredite zurückzuzahlen, werden in ganz Europa staatliche Sparprogramme durchgezogen, die dramatische soziale Folgen für breite Teile der Bevölkerung haben.
- Anstatt sich das Geld über Steuern und Abgaben von den Reichen zu holen und die Banken endlich unter demokratische Kontrolle zu bringen, blicken die herrschenden Politiker auf die Finanzmärkte wie Kaninchen auf die Schlange. Dabei vergessen sie, dass sie kräftig dabei geholfen haben, diese Schlange frei zu lassen.
Demokratie geht anders ! • Schluss mit der Zockerei !
Für ein demokratisch kontrolliertes Bankensystem
und eine Verteilung des Reichtums von oben nach unten !Beteiligen Sie sich an einer gemeinsamen Kundgebung,
in die sich jede und jeder einmischen kann
und an der anschließenden Demonstration durch die
Kieler Innenstadt.
Sa., 22.10.2011 – 11.00 Uhr
Asmus-Bremer-Platz
http://www.attac-ki.de Kiel
Ich hatte die leise Hoffnung, dass Attac einen breiteren Aufruf verfassen würde, wo sich viele darunter versammeln könnten. Allerdings ist der doch wieder mit sehr expliziten Standard-Forderungen von Attac verbunden. Nun gut, vielleicht sehen sie das als ihre Chance die Forderungen, die sie schon seit vielen Jahren stellen unters Volk zu bringen. Ich selbst sehe hier allerdings eine Chance vertan mal ganz anders anzufangen. Nur mal so als Gedanke: Wenn die Argumente und der Stil von Attac wirklich überzeugen würden, dann wäre ihre Organisation bereits heute stärker. Schließlich habe sie eine ganze Menge Mobilisierungspotential.
Alternativ dazu gibt es eine Aufruf der Linksjugend/Solid, den ich auch dokumentiere:
Für den Untergang des globalen Katastrophenzustands!
Die Krise heißt Kapitalismus!Aufruf der Linksjugend [’solid]- Kiel zum Aktionstag in Kiel
am Samstag, 22.10. um 11 Uhr auf dem EuropaplatzAm Mittwoch, den 19.10. lud attac- Kiel zu einem spontanen Ratschlag unter dem Motto „Entmachtet die Finanzmärkte“ ein. Es kamen recht viele unterschiedliche Menschen und somit unterschiedliche Positionen zusammen, sodass es am Samstag keine inhaltlichen Vorgaben gibt. Ziel ist es auf Krise und globale Kämpfe aufmerksam zu machen. Es gilt den Protest auch nach Kiel zu tragen. Daher gibt es eine Versammlung mit offenem Mikrophon und vielfältigen kreativen Aktionen mit anschließender Demonstration zur HSH- Nordbank. Letzteres hängt dann jedoch von den VersammlungsteilnehmerInnen ab.
Wir rufen dazu auf, sich einzubringen und linke Positionen deutlich zu machen!Aus dem Aufruf von attac: „Weltweit finden in hunderten Städten
Demonstrationen oder langfristige Besetzungsaktionen gegen zunehmende Verarmung, soziale Ungerechtigkeit und den schleichenden Abbau demokratischer Rechte und Freiheiten statt. Die sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Krise spüren immer mehr Menschen. Eigene bitterere Erfahrungen der Verarmung und Perspektivlosigkeit und die Einsicht, dass die gegenwärtige Gesellschaft ihnen keine wirklichen
Zukunftsperspektiven bietet, treibt die Bevölkerung auf die Straßen und Plätze… Diese Protestwelle äußert die verbreitete Ahnung, dass sich die bestehende Gesellschaft grundsätzlich falsch entwickelt. So kann es nicht weiter gehen.“http://www.attac-netzwerk.de/fileadmin/user_upload/Gruppen/Kiel/Flugblatt4Sa.pdf
Solidarität mit allen sozialen Kämpfen weltweit!
Die Krise heißt Kapitalismus!
Das klingt schon vernünftiger. Allerdings glaube ich langsam, dass wir es in Kiel nicht schaffen werden, diese Bewegung weiterzuentwickeln, solange sie sich nicht spaltet. Da hier Parteien und verschiedenste Organisationen bei den Vorbereitungen eine übermächtige Rolle spielen, müssen sich die gemäßigten, linksradikalen Kräfte von den extremen oder wirren distanzieren. Wir sind hier offenbar noch nicht so weit, dass wir an einem Strang ziehen oder gar die Bereitschaft hätten uns inhaltlich näher zu kommen. Natürlich schwächt jede Spaltung eine Bewegung. Doch stark ist diese Bewegung (zumindest in Kiel ) sowieso noch nicht.
Viele müssen offenbar noch lernen, aufeinander zuzugehen. Oder was Demokratie wirklich ist, oder sein könnte.
Die Gefahren in der OCCUPY-Bewegung
ATTAC hatte am 15. Oktober einen Termin aufgegriffen, der von der 15-M-Bewegung in die Welt gesetzt wurde. Inzwischen gab und gibt es in verschiedenen Städten auch in Deutschland, dem Land ohne Streiks, entsprechende Proteste.
Gefahren drohen der Bewegung m.E. aus verschiedenen Richtungen
- Die Rolle der Parteien. In Kiel zumindest scheint es (noch) keinen breiten Konsens zu geben, dass Parteifahnen oder Parteien als solches keine Rolle spielen sollten. Dabei sind Parteien doch Träger der Krise. Wir beobachten wechselnde Koalitionen, doch immer zu eine Fortschreibung der Politik. Parteien eine Rolle zuzugestehen bedeutet doch:
- Das man glaubt, dass bei der nächsten Wahl alles anders wird.
- Das man bereit ist PolitikerInnen die Repräsentanz der eigenen Positionen zu überlassen.
Occupy-Bewegung: Da stimmt was nicht!
Es ist ja schon spannend, was da so weltweit passiert. Und es fällt schwer all dem zu folgen, was gerade passiert.
Super finde ich ja, dass die beiden Großdemos und was danach passierte heute schon bereits in der Tagesschau gänzlich unerwähnt blieben. Obwohl um 20 Uhr gestern noch gar nichts passiert war. Staatsfernsehen pur.
Aber schauen wir auf die Inhalte, dann kann ich mich da oft auch nicht wiederentdecken. Wenn es z.B. heisst die Bewegung sei gegen die Gier der Banken gerichtet und nicht gegen den Kapitalismus. Da frage ich mich zum einen, was ich denn da seit Wochen in den USA beobachtet habe – vielleicht ist das in Deutschland tatsächlich so? Ich jedenfalls sehe es nicht so, dass ich nur ein bisschen weniger ausgebeutet werden möchte – sondern gar nicht! Es ist doch ganz wichtig zu sehen, dass fette Prämien für Manager bankrotter Banken oder Steuerfreiheit für Reiche und Großunternehmen nur einige Symptome sind – und nicht die Ursachen von Problemen!
Es wird sich nichts wesentliches ändern, wenn Herr Ackermann ausgetauscht wird, oder wenn es eine Transaktionssteuer gibt. Oder wenn es ein Grundeinkommen gibt. Nicht, wenn man die Wirtschaftsweise nicht ändern will.
Mixed Messages
Und die Kundgebungen und Demos in Deutschland… hier ein Schild aus Kiel:

Hiermit entziehe ich Dir das Nutzungsrecht an meinen/m Foto/s! Bitte entferne unverzüglich das Foto und meinen Namen aus Deinem Blog! Jörg Paulsen, 28.10.2011
// Inzwischen soll ich freigegebene Bilder wieder löschen. Das ist ja auch ok nach Urheberrecht. Das Recht aber das zum Thema zu machen, lasse ich mir nicht nehmen. Da das mal wieder zeigt wie freizügig die Bewegung wirklich ist:
Am 15.10.2011 schrieb Jörg : “Ooops, habe mich gar nicht weiter um die Copyright-Einstellungen gekümmert. Komm da jetzt auch nicht zu. Abspeichern geht eigentlich auch so. Bis auf den Typen mit der Klobürste und den Studenten kannst Du alle Fotos aus dem Album “15. Oktober 2011″ verwenden!“
Was wollen uns solche Schilder sagen? Das Ackermann glaubt er wäre das Volk? Das Ackermann NICHT das Volk ist?
Oder aus Berlin:
Schilder über Schilder. Ein wahrer Schilderwald.
Hier die Tagesthemen von gestern:
Auch die Tagesthemen vermitteln den Eindruck, dass das Finanzsystem und nicht das Wirtschaftssystem das Problem sei (“Die Macht einer gierigen Minderheit”). Also wollen wir mal das Finanzsystem abschalten und mal schauen, wie problemlos der Kapitalismus ohne das oder mit einem neuen Finanzsystem (das dann besser und fairer sein soll?) klarkommt? Ist es nicht umgekehrt, dass sich der Kapitalismus ein Finanzsystem nach seinen Bedürfnissen geformt hat? Ihr die ihr auf die Straße geht, ihr Journalisten, ihr Tagesthemen meint wirklich, dass das Finanzsystem getrennt wäre vom Wirtschaftssystem? Wo sind eure Indizien?
Muss man sich also nicht viel mehr die Frage stellen, ob die BürgerInnen etwas aus der Krise gelernt haben, wenn sie lediglich fragen, ob die Banken etwas aus der Krise gelernt haben? Die Banken handeln nach den Gesetzen des Marktes. Das hat wenig mit Vernunft oder Gerechtigkeit, aber sehr viel mit Gewinnmaximierung zu tun. Es kann im Kapitalismus doch keine gerechte Umverteilung geben. Warum sollte das passieren, wer sollte das tun? Die Deutsche Bank? Der Unmut der Bevölkerung ist verständlich und auch ermutigend, dass sie auf die Straße gehen. Aber angesichts des kommenden Winters kann die Perspektive kaum sein, dass man so lange vor der EZB kampiert, bis die Politik aus Mitleid die Gerechtigkeit entdeckt. Insofern wirkt der Protest zur Zeit oft noch grenzenlos naiv und unreflektiert. Empören ist ein guter, erster Impuls. Aber wenn die Motivation wie bei einer Demonstrantin in Frankfurt sich damit erschöpft, dass sie das Weltfinanzsystem nicht mehr versteht, dann sind das doch eher persönliche Wissensdefizite, als fundierte Kritik? Wäre ich Politiker würde ich warten, bis es noch kälter wird und der Protest wäre vorbei.
Nicht unerwähnt sollte man die Tatsache lassen, dass in Berlin in der Bannmeile gewaltsam geräumt wurde. War vielleicht auch nicht anders zu erwarten:
Vielleicht hat der relative Erfolg der Bewegung in Berlin und Frankfurt nicht so gut getan, weil sie sich trotz kruder Theorien und kaum inhaltlicher Auseinandesetzung vor Ort schon mit Forderungen und Thesen zu Wort gemeldet haben und eher die einfachen Antworten gaben, als mehr in frage zu stellen.
Ist die Stadt unsere Fabrik?
Die “Recht auf Stadt”-Bewegung bezieht sich oft auf Negri/Hardt. Da gibt es wieder einen Artikel von einem der “Für-SprecherInnen” der Bewegung Andrej Holm.
Ich muss dazu mal wieder einiges schreiben, aber zuerst ein paar Zitate aus dem Text in der Passage, die mich am meisten aufregt:
Die Stadt ist unsere Fabrik
Die Stadt war im 20. Jahrhundert der Ort und Gegenstand staatlicher Regulation – hier wurden die Rahmenbedingungen der industriellen Produktion gelegt.
[...]
Die Analyse des Städtischen verweist auf dessen fundamentalen Bedeutungswechsel für die Produktionsverhältnisse. „Die Metropole“, schreiben Michael Hardt und Toni Negri, sei „der Ort biopolitischer Produktion, weil sie der Raum des Gemeinsamen ist, der Raum von Menschen, die zusammen leben, Ressourcen teilen, kommunizieren und Waren und Ideen tauschen“. Stadt ist dabei nicht länger der reproduktive Rahmen und Container einer industriellen Produktion, sondern wird selbst zur Produktivkraft: „Was die Fabrik für die industrielle Arbeiterklasse war, ist die Metropole für die Multitude“, nämlich der Ort der Produktion, Begegnung und Organisation sowie des Widerspruchs und der Rebellion. Die Qualitäten des Städtischen werden nicht mehr als etwas den Produktionsverhältnissen Äußerliches angesehen, sondern als Quelle der Produktivität.
[...]
Mehr will ich erst einmal gar nicht aufgreifen. Aber hier handelt es sich um eine der Kernthesen. Hier tauchen zwei Wörter auf, die man erklären muss:
- Biopolitik – ist ursprünglich ein von Michel Foucault verwendetes Erklärungsmodell. Bio-Macht als Machttechniken, die “nicht auf den Einzelnen, sondern auf die gesamte Bevölkerung zielen”
- Multitude – ein m.E. eher unklarer Begriff aus dem Postoperaismus. Jedenfalls erschloss sich mir der Begriff nie wirklich.
Haben sich dadurch aber wirklich die wesentlichen Bedingungen verändert unter denen Lohnarbeit entstanden ist dazu s.a. die Artikel ”Sie wollen uns zu Maschinen machen!“(DA 207).
In der Frage der aktuellen Stadtforschung spielt daher auch die Frage eine Rolle, was unsere Städte heute prägt. Zu der Sichtweise, dass die Städte heute die entscheidenden Produktionsorte gehört bei den auf Gentrifizierung fokussierten Forschern auch die Annahme dazu, dass trotz dieser angenommen Bedeutung für die Erzeugung von Mehrwert die Stadt mit dem Wandel in erster Linie Arbeit im ursprünglichen Sinne abgebaut hat. Dass die Städte quasi deindustrialisiert wurden. Die Stadt als Fabrik meint daher nicht in erster Linie die vielseitigen Arbeiten, die Leute in einer Stadt verrichten, sondern das durch Mechanismen wie der Aufwertung von Stadtvierteln aus etwas relativ Wertlosem etwas Wertvolles gemacht und weiterverkauft wird. Vielen eher als Häuser-Spekulation bekannt (trifft es nicht ganz, widerspricht dem aber auch nicht und macht es deutlicher).
Darüber hinaus ist damit auch die Vermarktung von Städten gemeint. Sowas also wie “Kiel Sailing City” – die exponentielle Zunahme von Straßen-, Stadtteil und Stadtfesten. Die stete Bemühung von Städten in Konkurrenz zu anderen Nachbarstädten oder bei Metropolen zu anderen Metropolen, besser da zu stehen. Nicht nur Konkurrenz, sondern auch Kooperation gibt es dann in Metropolregionen, in denen Umlandgemeinden oder kleiner Städte am Erfolg einer Metropole partizipieren wollen und Metropolen das aus Eigennutz zulassen.
Kritisiert wird auch die Marginalisierung von Gruppen oder Bevölkerungsschichten, die die Angebote der neuen Städte nicht mehr wahrnehmen können. Sozialtickets sind eher selten, so dass Transport ein Privileg geworden wird. Die Möglichkeit von Menschen mit kleinerem Geldbeutel Stadt zu nutzen wurde in den letzten Jahrzehnten wieder geringer.
Soweit kann ich den Argumenten auch gut folgen und hier und da auch voll zustimmen. Allerdings folgt daraus eben die Wendung einer strategischen Ausrichtung von Protest und Widerstand. Und dieser hat sich bei den Postoperaisten gewandelt. In den 70ern haben die Operaisten die Fabrik und die ArbeiterInnen selbst als Avantgarde für einen Wandel der Industriegesellschaft begriffen. Sie haben sich bemüht zu verstehen, was in Industrien passierte und ihre Interpretation war, dass hier der Ansatzpunkt war die Verhältnisse grundsätzlich zu verändern.
Allerdings wandte man sich schon damals von den Methoden des klassischen Arbeiterwiderstands ab und als Postoperaisten ließen sie ihre Lieblings-Avantgarde dann ganz hinter sich. In der “Multitude” fand man die neue Avantgarde und in DER STADT als solches ein neues Spielzeug als Ersatz für DIE FABRIK. Im Wesentlichen verwarfen viele der Operaisten ihre damaligen Positionen, prägen aber die heutige Anti-Globalisierungsbewegung oder die “Recht auf Stadt”-Proteste entscheidend mit “neuen” Theorien und Denkansätzen.
Im Wesentlichen wird hier die “Lösungsstrategie für die Verwertungskrisen der kapitalistischen Produktion” kritisiert. Was dann Marx pur ist (s.a. Überproduktionskrise).
Der im Raum stehende Vorschlag ist der, sich also den Kapitalinteressen in den Städten in den Weg zu stellen. Als positives Beispiel wird dabei das Gängeviertel in Hamburg genannt. Doch ist dies nicht gerade Beispiel dafür, wie ein an sich erfolgreicher Protest von Gentrifizierungsgegnern selbst zur Gentrifizierung beitrug? Als kurze Geschichte: Das Gängeviertel sollte abgerissen werden und Raum für neue Investitionen bieten. Dies haben Initiativen aus KünstlerInnen und das “Recht auf Stadt”-Bündnbis erfolgreich verhindert und so Raum für KünstlerInnen geschaffen.
Nun haben sie einen Vertrag mit der Stadt abgeschlossen:
So wird das Gängeviertel saniert und in den nächsten Jahren, wenn alles so läuft die die Gängeviertler wollen selbst ein Baustein der Kulturmetropole Hamburg. Ein Pyrrhussieg in meinen Augen. Und zwar deshalb, weil es auf dem Gebiet keinen erfolgreichen Kampf geben kann. Es kann nur zum Teil erfolgreiche Kämpfe geben. Und zwar ausgesprochen dort, wo sich die Interessen von AnwohnerInnen/KünstlerInnen auf der einen – und der Stadt oder den Finanzinteressen auf der anderen Seite vereinen lassen. Und so erkämpft man sich mit viel Mühe ein Eigentor. Die Stadt gewinnt dabei immer. Ob jetzt Abriss und Neubau – oder kulturelles Kleinod. In Kiel bietet natürlich auch die Hansastraße 48 oder die Alte Meierei Kultur für alle an. Die Hansastraße war ehemalig besetzt und wurde gekauft – die Alte Meierei wird geduldet. Diese Freiräume haben ihren Wert, aber sie stellen keinen Stolperstein für Kapitalinteressen dar.
Und was unsere Städte anbelangt, so gibt es da eine Vielzahl an Arbeitsplätzen, inklusive Freiwis, informeller Beschäftigung, … in denen wir uns tagtäglich ausbeuten lassen. Dies wegzuwischen als unbedeutend, hier nicht anzusetzen und sich nicht für die Rechte von Illegalisierten, Flüchtlingen auf gerechten Lohn für Arbeit einzusetzen und stattdessen darauf zu setzen, dem Kapital an der Hörn oder in Gaarden ein Bein zu stellen, halte ich für abwegig. Was nicht heisst, dass man nicht hier und da Widerstand gegen bestimmte Pläne leisten kann und soll. Insbesondere dann wenn es authentischen Widerstand der AnwohnerInnen gibt. Es geht hier m.E. um den Schwerpunkt von Organisierung. Nicht darum etwas ganz zu bleiben zu lassen. Die Stadt ist aus meiner Sicht keine Fabrik. Produktion findet an vielen Orten statt. Auch auf dem Lande. Eine strategische Ausrichtung auf bestimmte Orte führt nicht zu effektiverem Widerstand, sondern dazu, dass Menschen sich weniger dort organisieren, wo sie ihre ureigensten Interessen haben müssten und könnten. An die Stelle einer Bewusstmachung erfolgt eine Indoktrination mit Erklärungsmustern.
Ein erfolgreicher Widerstand gegen bestimmte Ansiedlungen oder Abrisse kann passieren, wenn die Leute ihre eigenen Interessen ernst nehmen und selber vertreten. Sie passiert nicht dadurch, dass eine politische Avantgarde ihre Interessen für sie formuliert und sich dann darüberhinaus noch sich selbst als Vertretung oder Bewegung präsentiert. So ein Handeln führt lediglich zu einem weiteren Auseinanderdriften von Realitäten und dazu, dass Dinge gefordert werden, die nicht im Interesse der Betroffenen ist. Damit aber folgen solche Initiativen einem ähnlichen Muster wie die bisherige Fremdbestimmung durch Stadtregierungen. Da werden Freibäder dicht gemacht, weil die Stadt besser zu wissen meint, was für das Stadtteil gut ist. Die Formulierung einer übergeordneten Ideologie als Erklärungsmuster für das, was in einer Stadt passiert ist da nicht viel besser. Transparenz fängt von unten an und muss auch alle Bereiche einer Organisierung betreffen. Transparenz heisst dabei nicht einfach, dass alles aufgeschrieben und veröffentlicht wird. Sondern dass Argumente nachvollziehbar sind und sich auch von unten nach oben entwickeln.
Das witzige ist, dass die große Politik, die großen Unternehmen trotz vielfacher Hinterzimmerpolitik in ihrem Handeln und Argumentation unter dem Strich dennoch oft nachvollziehbarer für Außenstehenden und BürgerInnen sind, als manche Bewegung oder Organisati0n. Für die ist Transparenz ein Luxus, den sie sich bei Bedarf gerne leisten. Wie z.B. bei der Gläsernen Akte der Stadt Kiel zum Fall Möbel Kraft. Sie setzen Transparenz und Bürgerbeteiligung als Waffe gegen Kritik ein. Und nehmen damit KritikerInnen fast jeglichen Wind aus den Segeln. Zurück bleibt immer wieder Ohnmachtsgefühle der Betroffenen, die meistens von niemanden wirklich gefragt, aber oft benutzt werden. Geht es nun aber darum ernst gemeinter und ehrlicher Kritik Gehör zu verschaffen und effektiven Widerstand, z.B. gegen eine Möbel Kraft-Ansiedlung zu organisieren. Oder geht es darum, welche Seite das meiste Kapital aus einem auftretenden Konflikt zieht? Am Ende, so scheint es mir, gewinnt all zu oft die Seite der Großkonzerne. Und wie Holm selbst schreibt:
Denn ohne den klaren Bezug auf die soziale Frage droht das „Recht auf die Stadt“ als Lifestyle-Revolte von Mittelschichtsangehörigen zu versanden.








