KielKontrovers

Gesellschaftliches aus Kiel und Schleswig-Holstein

Zwischenbericht Juni 2009 von KLARSCHIFF KIEL

with 3 comments

KLARSCHIFF KIEL ist eine Kampagne gegen Graffiti-Kunst im Kieler Stadtraum. Ich zitiere aus dem Zwischenbericht (Vorlage 0486/2009), der morgen im Kieler Innen- und Umweltausschuss vorgelegt wird:

Anfang 2002 wurde aufgrund einer Initiative der Polizei und der Stadt Kiel das Bündnis KLAR SCHIFF mit dem Ziel gegründet, der zunehmenden Verschandelung des Stadtbildes in Kiel durch Farbschmierereien entgegenzutreten. Dem Bündnis gehörten im Laufe der Jahre bis zu 40 wechselnde Partner, vor allem aus der Wohnungswirtschaft, an. Auch die Umlandgemeinden Altenholz, Kronshagen und Flintbek sind KLAR SCHIFF beigetreten. Die Koordination der Aktivitäten des Bündnisses lagen bei der damaligen Polizeiinspektion Kiel (heute Polizeidirektion Kiel) und der Stadt Kiel, hier federführend beim Amt für Wohnen und Grundsicherung.

Hauptbetätigungsfeld von KLAR SCHIFF waren von Anfang an eine aufklärende Öffentlichkeitsarbeit, eine Präventionsarbeit an den Kieler Schulen sowie die Beseitigung von illegalen Graffiti im Stadtgebiet. Letzteres beinhaltet u.a. die Eigenverantwortlichkeit der Partner (insbesondere der Stadt in ihrer Vorbildfunktion) für die umgehende Entfernung von Farbschmierereien an ihren eigenen Gebäuden und Objekten.

Darüber hinaus wurden in den Jahren von 2002 bis 2006 mehrere große Reinigungsaktionen in verschiedenen Stadtgebieten (z.B. Ravensberg, Pries-Friedrichsort, Gaarden-Ost) mit unterschiedlichem Erfolg durchgeführt. Dabei wurden von einem gemeinsamen Team der Polizei und des Amtes für Wohnen und Grundsicherung die von Graffiti betroffenen Gebäude vor Ort im jeweiligen Bereich festgestellt und danach die Eigentümer/innen der Häuser ermittelt und angeschrieben (allein in Gaarden-Ost z.B. über 230). Nach einigen Wochen erfolgten dann von dem gleichen Team eine bzw. mehrere „Erfolgskontrollen“. Die Eigentümer/innen der bis dato noch nicht gereinigten Gebäude wurden dann erneut kontaktiert. Dies erforderte einen ungeheuren Personal- und Zeitaufwand, der mittlerweile sowohl von der Stadt als auch von der Polizei nicht mehr zu leisten ist.

Hauptbetätigungsfeld von KLAR SCHIFF ist mittlerweile der äußerst wichtige Präventionsunterricht an Kieler Schulen. Der Unterricht wird jeweils gemeinsam von einem fachlich versierten Sozialpädagogen und einem Polizeibeamten/einer Polizeibeamtin durchgeführt. So wurden in den Jahren 2006 bis 2008 an insgesamt 19 Kieler Schulen und Berufsschulen Unterrichtseinheiten in den 7. bis 9. Klassen durchgeführt. Das Programm wird auch 2009 – wiederum mit finanzieller Unterstützung des Kieler Rates für Kriminalitätsverhütung – intensiv fortgesetzt. In Überlegung ist zudem, wenn die Kapazitäten dies zulassen, eine Ausweitung des Unterrichts auf 5. und 6. Klassen.

Die Aktivitäten und die Struktur des Bündnisses KLAR SCHIFF werden nach wie vor bundesweit von anderen Städten und Gemeinden sowie Polizeien nachgefragt. So war zum z.B im August vergangenen Jahres der zuständige Ordnungsdezernent der mecklenburgisch/vorpommerschen Landeshauptstadt Schwerin zu einem Informationsgespräch in Kiel.

Adolf Martin Möller
Stadtrat

Was soll uns dieser Bericht nun sagen. Oder besser was fehlt hier?

  1. Es fehlen konkrete Vergleichszahlen: Wie hat sich Anzahl und Umfang von Graffiti tatsächlich verändert? Die Stadt gibt jedes Jahr viel Geld aus – die Frage ist nun, ob die Strategie erfolgreich war und tatsächlich weniger Graffiti entsteht oder ob die Fallzahlen gleichgeblieben oder etwa gar gestiegen sind. Das diese Zahlen fehlen deutet darauf hin, dass dem wohl so ist.
  2. Die Begrifflichkeit „Farbschmierereien“ ist unsachlich, da Graffitis gesprüht und nicht geschmiert werden. Dadurch sollen Vorurteile geweckt  und von einer sachlichen Argumentation abgelenkt werden.
  3. Es fehlen konkrete Zahlen zu den Kosten.
  4. Der Satz „Hauptbetätigungsfeld von KLAR SCHIFF ist mittlerweile der äußerst wichtige Präventionsunterricht an Kieler Schulen.“ deutet auch darauf hin, das die konkrete Bekämpfung bislang nicht zielführend war und man sich von einem Strategiewechsel mehr erhoffte.

Entscheidende Frage ist also: War die Nulltoleranz-Politik gegenüber Graffiti erfolgreich (wäre z.B. eine Abnahme von neuen Graffiti um 15-20 % im Vergleich zur Zeit vor KLARSCHIFF KIEL). Ansonsten würde ich diese Aktion als teures Hobby des „Amtes für Wohnraumsicherung“ bezeichnen. Hat die Kieler Polizei sonst keine Probleme mit echter Kriminalität?

Bei aller Liebe, so handelt es sich denn bei Farbkleksen, wenn man es denn überhaupt kriminell betrachten will, nicht um Gewalt, Raub oder etwas anderes schlimmes, sondern allenfalls aus Sicht mancher Erwachsener um fehlgeleitete Energien von Jugendlichen, die auf diese Art ihrer Kreativität Ausdruck verleihen möchten. Deswegen sollten die Mittel zur Bekämpfung dem Problem angemessen sein. Insbesondere in einer Zeit, in der die Haushaltslage der Stadt Kiel zunehmend angespannt ist, sollte man sich keine Extra-Propaganda-Abteilung in Kieler Rathaus halten.

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Written by tlow

9. Juni 2009 um 01:36

3 Antworten

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  1. die maler freuten sich doch seinerzeits, als z.b. an der uni und anderswo die flächen z.b. an brückenunterführungen gereinigt wurden. es gab wieder neue top spots, die man bemalen konnte, ohne dass man sich hätte crossen müssen.
    selbstverständlich hat klarschiff aber auch rein gar nichts gebracht, außer reinigungsfirmen aufträge vermittelt.

    werner

    2. Juli 2009 at 09:10

  2. Die Vorlage im Innen- und Umweltausschuss ist allerdings etwas oberflächlich gehalten. gleichwohl stellt sich nicht die Frage nach Farbkleksen, sondern vielmehr ob der Eigentümereiner Immobilie eine farliche „Verschönerung“ möchte oder nicht… Die Freiheit des Einzelnen hört dort auf, wo die freiheit des Anderen eingeschränkt wird.

    *

    6. Mai 2010 at 21:44

  3. Eigentum wird überbewertet. Schön wenn man es hat, aber nicht jeder hat die Möglichkeit Eigentum zu erwerben. Geschmäcker sind verschieden. Aber wer Eigentum erwirbt, erwirbt oft das Recht sehr weitgehend die Umwelt umzugestalten. Siehe Bauten wie das CAP. Mich hat da niemand gefragt, aber ich finds hässlich. Interessiert aber niemanden wie ich es finde.

    T Pfennig

    6. Mai 2010 at 22:22


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