KielKontrovers

Gesellschaftliches aus Kiel und Schleswig-Holstein

Hamburg kehrt Videoüberwachung den Rücken

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Wir wissen, dass man sich in Kiel schon seit Jahren darauf vorbereitet Präsedenzfälle für Videoüberwachung zu schaffen. Entgegen vielfacher Erkenntnisse, dass die Videoüberwachung kein mehr an Sicherheit oder Aufklärung bringt, wird vielerorts daran festgehalten.

Hamburg scheint nun auch eingesehen zu haben, dass Videoüberwachung nur Kosten und in erster Linie Dauerüberwachung von Unschuldigen bringt – im seltensten Fall aber abschreckt oder zur Ermittlung von Straftätern dient. Zumindest am Hansaplatz werden die Videokameras für immer verschwinden.

Im Zuge so mancher Gewalttaten kramen Politikerinnen gerne mal wieder das Thema Videoüberwachung hervor. Man muss dazu aber die folgende Kritik bedenken:

  1. Statistisch gesehen kommt es durch Videoüberwachung nicht zu einer Verringerung der Kriminalität. Das einzige, was passiert ist, dass im Blickfeld der Kameras zum Teil eine Abnahme geplanter Straftaten erfolgt. Diese finden dann wenige Meter weiter statt. Spontane Straftaten werden dadurch überhaupt nicht weniger.
  2. Der wichtigste Punkt ist, dass Videoüberwachung ein Eingriff in die Privatsphäre ist und daher nur im absoluten Ausnahme erfolgen darf. die Idee Videoüberwachung als einfache Lösung zu etablieren ist daher verfehlt.
  3. In Großbritannien wird Videoüberwachung in vielen Städten fast flächendeckend eingesetzt. Die Kriminalität hat sich dadurch insgesamt nicht verringert.
  4. In der BVG in Berlin wurde bekannt, dass sich im Zeitraum der Einführung von Videoüberwachung die Kriminalität erhöhte und nicht sank.
  5. Die Bildqualität ist meist so schlecht, dass diese nicht ausreicht, Täter zu überführen.
  6. Viele Kameras sind Attrappen. Die Bürger fühlen sich zwar sicherer, aber wenn etwas passiert verlassen sie sich eventuell zu sehr auf die Sichtbarkeit durch Kameras. Auch werden nicht alle Kameras ständig eingeschaltet und überwacht. Eine trügerische Sicherheit.
  7. In vielen der bekanntgewordenen Fälle von Gewalt – z.B. in München hat die Videoüberwachung nicht zur Ermittlung der Täter beigetragen, sondern lediglich Bilder für die Tagesschau und die Zeitungen geliefert.
  8. Die Gewalt in der Öffentlichkeit sinkt und steigt nicht. Prof. Dr. Henning Ernst Müller schrieb dazu im Beck Blog „Zur Gewalt auf deutschen Straßen – fehlerhafte BKA-Kriminalstatistik beeinflusst politische Debatte“ Selten stimmt das gefühlte Sicherheitsempfinden mit der Realität überein.

Insgesamt kann man sagen, dass die  Diskussion um Videoüberwachung eine Phantomdiskussion ist: Erhebliche Eingriffe in die Privatsphäre stehen hohen Kosten und einer schlechten Erfolgsbilanz gegenüber. Trotzdem redet jeder Provinzpolitiker gerne davon, so als ob es noch keine Erfahrungen damit gäbe – oder er bezieht sich auf die wenigen Fälle, wo es messbar positive Effekte gegeben haben soll. Und damit reiht sich diese Diskussion nahtlos ein in andere Debatten, bei denen Technik helfen soll gesellschaftliche oder strukturelle Probleme zu lösen.

Das Geld kann man sinnvoller einsetzen. Hoffen wir darauf, dass man das in Kiel weiterhin konservativ betrachtet und nicht anfängt Kamers wild auf öffentliche  Plätzen zu verteilen. Es gibt einige wenige Fälle, wo Videokameras Sinn machen. Dazu bedarf es aber Politiker, die zwischen Sinn und Unsinn unterscheiden können.

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Written by tlow

10. Oktober 2009 um 02:32

Veröffentlicht in Allgemein

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