KielKontrovers

Gesellschaftliches aus Kiel und Schleswig-Holstein

Neues Blog „Landesblog“

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Ich war ja etwas skeptisch, was das neue Landesblog angeht. Auf dem Barcamp Kiel, auf dem ich selbst nicht teilnahm, skizzierte Swen Wacker seine Ideen so:

Landespolitische Themen; das sind für mich nicht föderal einengend verstanden allein die Kultus- und Bildungspolitik, die Landesplanung und -polizei sondern das, was die Menschen in diesen Tagen in Schleswig-Holstein bewegt – aus Sicht der Menschen in Schleswig-Holstein.

Wer unsere Zeitungen in SH liest, der findet diesen Blick nicht oft. Und wenn, dann sind es häufig genug allein die oben genannten Themen (oder Menschelndes), dabei mangelt es gleichwohl immer wieder an der notwendigen kritische Distanz. Der ruhige, lange Blick nach vorn oder zurück weicht häufig genug dem tagespolitischen Kleinklein oder temporären Aufgeregtheiten; wenn denn überhaupt das Thema aufgegriffen wird.

Weder der Rundfunk oder das regionale Fernsehen nehmen sich dieses Defizites der Printmedien in Schleswig-Holstein an. Die offenen Kanäle schrecken anscheinend mit dem technischen Aufwand und der Begrenzung auf Sendezeiten und -termine ab, haben sich, so glasube ich, deshalb nie wirklich durchgesetzt, finden kaum Publikum. Das Schleswig-Holstein-Magazin ist tagesaktuell, aller Kritik zum Trotz immer noch zumindest zu einem Teil politisch, aber dennoch nicht das Gelbe, das zum Ei gehört. Ähnlich geht es dem Rundfunk, der entweder den größeren Zusammenhang sieht (DW, DRadio, NDR als Mehrländeranstalt) oder zunehmend unpolitisch (NDR 1) ist, bzw. nie mit (landes)politischen Anspruch vor Ort in SH gewesen ist (RSH, DeltaRadio, …). Und schließlich sind das alles Medien, die uns zum lesen und zuschauen verdammen, an denen wir aber nicht teilhaben können.

An Stelle einer Wochen- oder Monatsmediums in der klassischer „Holzmedien“-Manier bietet sich das Internet als „Vertriebsweg“ an. Das eine oder andere Blog, in dem landespolitische, schleswig-holsteinische Themen vorkommen, mag es ja schon geben. Dabei handelt es sich aber eher um Einpersonenprojekte, die an dem Zeitbudget eines Menschen, dessen Manpower und seiner Interessiertheit hängen. Ein landespolitisches Autorenprojekt könnte da mehr und kontinuierlich bewegen, ähnlich – aber bitte nicht vergleichbar (verheben und Größenwahn ist nicht mein Ding) – http://www.spreeblick.com, http://www.carta.info oder http://www.pottblog.de, um ein paar Beispiele zu nennen.

Ich stelle mir die Ausrichtung des Blogs politisch aufgeklärt vor, damit sicher fortschrittlich, aber nicht Sprachrohr einer Bewegung oder Richtung und erst recht nicht pauschal gegen eine bestimmte politische Richtung parteinehmend. Also auf Überparteilichkeit und Unabhängigkeit bedacht. Mit Platz für konservative, fortschrittliche, liberale oder linke Ansichten. Aber kein Hort von Weltuntergangsszenarien oder abstruse Weltverschwörungsthesen. Immer unprätentiös, sachlich, fundiert. Dabei aber nie versuchend, ein abgehobenes gelehrtes Theoretikerblatt ohne Bodenhaftung und aktuellen Bezug zu werden. Also ziemlich nah am Journalismus. Wobei natürlich nichts dagegen spricht, auch Dinge zu thematisieren, die Skandalcharakter haben.

Das wäre keine Konkurrenz zu den Tageszeitungen in Schleswig-Holstein, denn die Tagesaktualität und umfassende Information wird man schwerlich leisten können Zumal das Projekt thematisch nach „unten“ regional abgegrenzt sein sollte: Kein Lokalblatt für Kiel, Lübeck oder Kirchnüchel, kein Förderflüsterer. Positiv formuliert ähnelt es in meinen Augen einer Wochenzeitung, einem Platz für Debattenkultur und für denjenigen, dem ein eigenes Blog (ich benutze Blog stets in der sächlichen Form, mag aber auch Leute die das anders sehen :-)) zuviel Aufwand wäre.

Swen Wacker (dieser Text ist eine Ideenkiste, kein fertiges Konzept. Wer ergänzen oder mag, ist herzlich eingeladen, ich klebe nicht an Buchstaben)

Folien aus der BarCamp-Session am 14. August 2010 (Format: Open Office Präsentation) landesblog.odp [Lizenz]

Skeptisch machte mich ja die „Alles hat Platz“-These. Weil das das beste Rezept für Beliebigkeit ist oder auch als Rechtfertigung dienen kann für das Freigeben von Beiträgen, denen man besser keinen Raum geben sollte. Aber ich habe zu mir gesagt, ich solle nicht so viele Vorurteile haben und dann doch mal Kontakt aufnehmen. Ein Kennenlernen kann ja nie schaden. Und so schrieb ich dann in einer Email:

an einem Treffen hätte ich ja mal Interesse, auch wenn da Ideen
vielleicht auseinandergehen. Aber würde mich mal interessieren Leute zu treffen, die auch politisch schreiben (wollen).

Ich rechnete damit, dass man sich auf einem Treffen nicht näher kommen würde. Aber da ich mich bisher als einzigen politischen Blogger in Kiel zu lokalen Themen wahrgenommen habe, war ich auch neugierig – und hätte mir einen Gedankenaustausch nur konstruktiv vorgestellt. doch eine Antwort auf meine Email erhielt ich nie. Am 19.9. las ich dann unvermutet auf  Twitter:

Wir fangen dann mal an mit dem bloggen: Wider den Jugendmedienschutz-Staatsvertrag http://bit.ly/9VIOVa

Da ich immer noch keine Antwort erhielt, nutzte ich dann Twitter um direkt nachzufragen:

@landesblog hatte gedacht ich krieg wenigstens eine antwort auf meine mailanfrage vom 16.8.?

Dies führte dann immerhin zu einer Mailantwort vom Initiator, der sich zwar für das Nicht-Anworten entschuldigte, aber es so darstellte, dass er lediglich Mitstreiter gesucht hatte, die konstruktiv am Blog mitarbeiten wollten. Die „Grundskepsis“, die meine Mail ausgestrahlt hätte, hätte ihm nicht behagt.

Das ist wirklich göttlich. Wenn man sich sein Projekt mal vorstellt: Er sucht irgendwelche Blogger, die Lust haben politische Beiträge auf einem gemeinsamen Blog zu schreiben. Die erste Frage, die sich da ja stellen sollte wäre: Kann das Funktionieren, wer passt zusammen? Welchen Charakter soll das ganze haben?

Aus meiner Sicht ist eine „Grundskepsis“ die „Grundvoraussetzung“ um überhaupt ein sinnvolles und inhaltsreiches Blog zu schreiben. Ich blogge nun seit vielen Jahren, nachdem ich selbst auf die Idee von Blogsoftware als effektives Medium kam und dann recherchierte, ob es nicht so etwas bereits gab. Denn: Die meisten Ideen existieren bereits. Wer es anders anfasst wird vom NIH-Syndrom befallen („Not Invented Here“ = nicht in unserem Hause entwickelt).

Vielleicht handelt es sich hier auch um eine Selffulfilling Prohecy? Aber genug der Muster. Wer über Politik schreiben will braucht Neugier. Neugier auf Themen und Menschen – und Lust an der streitbaren Auseinandersetzung. Für mich könnte der Start eines landesweiten Blogs schlechter nicht sein, wenn die Initiatioren den Kontakt mit kritischen, politischen Bloggern scheuen. Das deutet darauf hin, dass das kein Wille vorhanden ist, sich tatsächlich inhaltlich mit Themen auseinanderzusetzen. Stattdessen deutet es darauf hin, dass man ein Blog schreiben will, dass schon mit einem Anspruch antritt, der sich durch sich selbst rechtfertigt. Selbstgerechtigkeit aber kann sich ein kritisches Blog nicht leisten, weil es dadurch korrumpierbar und manipulierbar wird. Und das Allerschlimmste: Es droht belanglos und überflüssig zu werden.

Der erste Artikel bestätigt auch diese Vermutung. Landesweit ist natürlich das Sparkpaket das große Megathema – aber hier wird als Einstieg die Reform des Jugendmedien-Staatsvertrages genommen. Dort wird u.a. darüber sinniert, dass ein Nutzer, der einen Beitrag auf einer Website leistet ja zum Anbieter würde. Hier wird mal eben Anbieter und Urheber durcheinandergewürfelt und wieder einmal auf die Andersartigkeit des Internets verwiesen. Seit unzähligen Jahren versuche ich jetzt Leuten beizubringen, dass das Internet im Prinzip nicht jenseitig ist – keine andere Realität – leider wird das immer von Netizens konterkariert, die schreiben „Schon der Grundansatz, Jugendschutz in Radio, TV und Internet zusammen zu regeln, ist falsch.“ . Aber genau das Gegenteil ist das eigentliche Problem: Die tausenden Sonderregelungen für das Netz – die Vorratsdatenspeicherung ist dazu nur ein Beispiel – der Zwang der Öffentlich-Rechtlichen Anstalten Beiträge im Internet nach einer bestimmten Zeit zu löschen ein anderer. Sicher haben verschiedene Medien verschiedene Eigenschaften. Aber wer für jedes Medium ein eigenes Gesetz machen will unterliegt noch viel stärker der Denke der 90er Jahre, in dem das Internet eine Sonderrolle einnahm in jeder Hinsicht. Regeln müssen aber geradezu universell sein und dann eben berücksichtigen, dass es verschiedene Medien gibt. Sie dürfen eben gerade nicht unterschiedlich sein je nachdem in welchem Medium ein Werk gerade aufgeführt wird. Und eigentlich gilt das auch für die staatlichen Grenzen. In Österreich kann man z.B. ganz legal und ohne GEZ oder andere Gebühren zahlen zu müssen ARD und ZDF schauen. Warum? Warum gelten plötzlich andere Regeln wenn ich zwei Kilometer weiter meinen Fernseher aufstellen?

In dem Artikel ist auch dieser Satz zu finden:

Es macht aber auch deutlich, dass die „Internetcommunity“, also wir, nicht den Fehler machen dürfen, uns in uns selbst einzuigeln.

Für mich würde das auch die Bereitschaft bedeuten, sich mit Leuten zu treffen, die eine „Grundskepsis“ haben. Ein schlechter Start für ein Blog, dass bereits vor dem eigentlichen Start seinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden konnte. Schade.

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Written by tlow

21. September 2010 um 07:35

7 Antworten

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  1. Ich finde in diesem Beitrag eine sehr wichtige und völlig richtige Grundaussage:

    „Selbstgerechtigkeit aber kann sich ein kritisches Blog nicht leisten“

    Leider liefert unglücklicherweise genau dieser Beitrag selbst ein Paradebeispiel dafür, wie schwer es sein kann, diesem hehren Anspruch zu genügen.
    Einige Passagen sind an Gönnerhaftigkeit und Eigenlob nur schwer zu überbieten.

    Es ist doch so, dass sich jeder selbst aussuchen kann, mit wem er etwas machen möchte. Und mit wem halt eher nicht. Letzteres muss man als „Betroffener“ ja nicht gut finden. Aber man sollte es ohne Nachtreten akzeptieren.

    Und wenn vordergründige Sachkritik so offensichtlich einen rein persönlichen Hintergrund erkennen läßt, ist das imho schon gar kein Ausweis anspruchsvollen Bloggertums…

    Kielanwalt

    21. September 2010 at 10:02

    • Das mit mit dem „rein persönlich“ kann ich so nicht stehen lassen. Das bedeutet Du behauptest, dass da kein Funken Wahrheit in meinem Beitrag ist. Aber der Artikel erzählt eine konkrete Geschichte mit Ansprüche und Kommunikation. Daran ist nichts Falsches. Dein Kommentar geht auf keinen der Punkte ein, den ich kritisiere, sondern bleibt quasi bei der Feststellung stehen, dass ich als „Betroffener“einfach nur hinzunehmen habe was passiert. Also rein passiv bleiben, nicht infrage stellen, nicht drüber schreiben. Wie langweilig. Betroffenheit ist doch der Anfang jedes guten Artikels. Du formulierst da die Begrifflichkeit des „Anspruchsvollen Bloggertums“. Was dieser ritterlich wirkende Begriff aber sein soll bleibt leer. Und wer hat diese Anspruch erhoben und wer hat behauptet diesen erfüllen zu wollen? Offenbar lehnt er sich an die Begrifflichkeit des „Anspruchsvollen Journalismus“ an? Und was ist das dann? Unpersönlich, nicht betroffen,…? Wo ist das formuliert, wer hält sich dran und wie sieht das dann aus?

      T Pfennig

      21. September 2010 at 15:06

      • Bitte genau lesen! Und genau formulieren:
        Ich habe von Sachkritik mit rein persönlichem Hintergrund gesprochen. Ich habe damit nicht behauptet, dass „kein Funken Wahrheit in Deinem Beitrag“ wäre. Wobei das mit der objektiven Wahrheit bei reinen Meinungsäußerungen ohnehin so eine grundsätzliche Sache ist. Aber ich will da jetzt wirklich nicht in die Tiefe gehen.

        Tatsache ist, dass jeder objektive Leser merken muss, dass es Dir nicht um die Sache, sondern um Dich geht. Das ist natürlich völlig legitim. Man sollte dazu dann aber auch stehen, anstatt sich darauf zu beschränken, wortreiche aber inhaltsleere Aussagen und nicht zu Ende gedachte Gedankenfetzen aneinanderzureihen. Ich vermisse Dein Statement zum wesentlichen Punkt: Nämlich meiner Feststellung, dass Du recht selbstgefällig daherbloggst – und damit Deine eigene Forderung unterläufst.

        Und was den erwähnten Anspruch betrifft: Es geht um Deinen. Den man bei Dir nachlesen kann. Den Du selbst für Dich in Anspruch nimmst. Und an dem wirst Du Dich doch wohl messen lassen wollen, oder?

        So mißverständlich war mein Posting objektiv wohl nicht!

        Was Deine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Landesblog-Beitrag angeht, so bin ich mir auch nach wiederholtem Durchlesen Deines Beitrags nicht ganz sicher, ob da von Dir alles ganz richtig verstanden wurde…

        Kielanwalt

        21. September 2010 at 16:20

        • „Rein persönlicher Hintergrund“ begreife ich als Affront. Auch Deine übrigen Äußerungen finde ich eher beleidigend. Zum eigentlichen Inhalt nimmst Du keine Stellung. Das Thema war das Landesblog als solches.

          Dann kritischer betrachtet der erste Artikel. Ein wichtiger Kritikpunkt „Hier wird mal eben Anbieter und Urheber durcheinandergewürfelt“ – Das alleine ist Grund genug, dass der Artikel nur zu falschen Schlüssen kommen kann. Und „Aber genau das Gegenteil ist das eigentliche Problem: Die tausenden Sonderregelungen für das Netz“ und viele andere Argumente. Wer darauf keine Antwort weiss hat den Artikel wohl einfach nicht verstanden.

          T Pfennig

          7. Oktober 2010 at 18:38

  2. „Kritisch“ würde eigentlich auch „selbstkritisch“ bedeuten. Davon kann ich hier nichts finden. Außerdem bedeutet „kritisch“ nicht „über alles motzen“.

    Vielleicht ist ja genau dieses Blog als Referenz Anlass dafür, von einer Zusammenarbeit abzusehen. Ich könnte es verstehen.

    Peter

    7. Oktober 2010 at 16:30

    • Ich habe gezögert diesen anonymen Kommentar zu veröffentlichen, da ich mehr von einer Diskussion auf gleicher Augenhöhe halte und wenig von anonymen Beiträgen. In meinem Blog geht es nicht in erster Linie um Selbstkritik. Stimmt. Ich sehe die Mission eher darin Dinge aufzugreifen, die ich außen wahrnehme. Auf Kritik bin ich eingegangen. Bezeichnender weise kommt da aber keine Antwort. Von Kritik anonym und als Einbahnstraße halte ich nicht viel.

      T Pfennig

      7. Oktober 2010 at 17:59

  3. […] Thema fragt. Alleine kann man wenig ausrichten. Die Bereitschaft zur Kooperation ist aber sowohl unter Bloggern als auch im politischen Umfeld […]


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