KielKontrovers

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Archive for Mai 2011

EHEC und HUS in Kiel

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Neulich rief eine Bekannte von mir beim Kieler Gesundheitsamt an, um sich zu informieren, was denn zu tun sei. Sie hatte eine Gurke aus einer infizierten Charge gekauft und suchte Rat.

Die Antwort des Gesundheitsamtes war sinngemäß:

  • Die Frau am Telefon war zwar zuständig, aber meinte sie wisse nicht mehr als die Anruferin, weil sie ja den ganzen Tag gearbeitet hätte.
  • Man solle die Gurken doch einfach (ungeprüft) wegschmeissen!

Dazu denke ich nur passend zum Fall: Was für eine Gurkentruppe? Ich bin ja gegen Panikmache, aber an dem Scheiß sind schon einige Leute gestorben, gerade in Kiel. Ein derartiges Desinteresse, bzw. Uninformiertheit am zuständigen Telefon ist lebensgefährlich. Da gibts Vorschriften für jedes Gewerbe bis zum Abwinken – und wenns wirklich mal brennt lehnt man sich zurück?

Ich hätte jetzt gedacht, die Stadt Kiel hat auch nen 3-4 köpfiges Team, dass sich nur um das Thema kümmert, wegen der Gesundheit der eigenen BürgerInnen.

Nebenbei bemerkt finde ich es auch seltsam, dass EHEC immer nur auf Platz 3-4 der Nachrichten ist – aber dann immer mit der Message „Noch keine Entwarnung“. Was hat man uns bei der Schweine- und Vogelgrippe mit Sicherheitsmaßnahmen gequält, wo NIX passiert ist. Und jetzt, wo es mal wirklich wichtig wäre zu handeln?

Oder sehe ich das falsch?

Written by tlow

29. Mai 2011 at 20:49

Veröffentlicht in Allgemein, Gesundheit, Rathaus, Soziales

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Wer verkürzt hier was? Gentrifizierung zwischen Kapitalismuskritik und Populärkultur

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Anfang Juni startet in Hamburg ein Kongress zu Recht auf Stadt „Right To The City“. Die Zeitschrift Analyse & Kritik hat in diesem Jahr zu „Recht auf Stadt“ und Gentrifizierung einige wichtige Artikel veröffentlicht, wie z.B. diesen:

Damit schildern beiden Autoren relativ klar das Selbstverständnis der Bewegung aus ihrer Sicht. Ich greife dabei mal einige aus meiner Sicht  recht wichtigen Absätze heraus. Sie schildern die Bewegung als vier Perspektiven:

  1. Ganzheitliche Perspektive
  2. Utopische Vision
  3. Reformpolitischer Forderungskatalog
  4. Organisationsansatz

Unter Ganzheitliche Perspektiven findet man u.a.

Das Städtische wird in dieser Perspektive aus seinem allzu engen Raumkorsett befreit und als zentraler Ausgangspunkt für die Produktion, Verteilung und Konsumption von Waren angesehen. Städte sind in diesem Verständnis nicht mehr nur die Arenen der politischen Macht oder Container der kapitalistischen Verwertungskreisläufe, sondern haben sich selbst zu Motoren und Gegenständen des neoliberalen Umbaus der Gesellschaft entwickelt. […] Das Recht auf die Stadt, so kann diese theoretische Perspektive zusammengefasst werden, beschränkt sich nicht auf die materiellen Veränderungen und Umverteilungen, sondern schließt Formen der symbolischen Repräsentation mit ein. 

Andrej Holm wiederum kritisierte in einem Blogbeitrag am 23.4.  diesen Artikel:

mit den Worten:

Ich habe mich spontan gefragt, welche Debatten da wohl gemeint sein mögen. Die der Arbeitslosen- und Sozialinitiativen, die feststellen, dass es für Hartz-IV-Haushalte in bestimmten Vierteln keine Wohnungen mehr gibt, die Mieterorganisationen, die regelmäßig darauf verweisen, dass die Anteile der Mietkosten an den verfügbaren Einkommen schon wieder gestiegen sind, die Graffities gegen Yuppies (young urban professionals) oder Proteste vor neu eröffneten Galerien… In der Praxis wird die Auseinandersetzung in den Stadtteilen fast immer mit Fragen ungleicher Einkommen, und neuen Arbeitsverhältnisse verbunden.

Dazu könnte man sagen, dass Holm und andere mit dem Gentrifizierungs-Diskurs ganz bewusst einen anderen Ansatz wählen, als wenn nicht etwa Theorien, die die Arbeitswelt in den Mittelpunkt wählen. Zitat Holm/Gebhardt: „Das Städtische wird […] als zentraler Ausgangspunkt für die Produktion, Verteilung und Konsumption von Waren angesehen.

Das wird dann noch ein wenig mit dem Marxisten Henri Lefebvre gewürzt: „Städte sind verdichtete Unterschiedlichkeiten“ – als eine der Kernthesen der Konferenz in Hamburg. Doch das ist in meinen Augen nur eine Proklamation, die als Orientierung dienen soll. Die Kritik an der Gentrifizierungskritik legt m.E. schon den Finger in die Wunde: Es geht bei der Gentrifizierungskritik um einen anderen Fokus der Kritik: Die Stadt wird als Schwerpunkt der Kritik gesehen, ähnlich wie die Globalisierung – und eben nicht die eigenen, konkreten Arbeits- und Lebensverhältnisse. Diese dienen nur abstrakt als Maske einer Kritik an den Symptomen, die wir wahrnehmen können. Oder anders gesagt werden hier m.E. Ursache und Wirkung verwechselt. Und v.a. wird überschätzt, wo man in Städten wirkungsvoll Widerstand gegen eine laufende Politik anbringen kann. Darüber hinaus ist  die Gentrifizierungs-Debatte ein genau so gefährlicher Hype wie die Antiglobalisierungs-Schiene der letzten Jahre: Man wechselt die Schlachtfelder und meint damit dem Kapitalismus ein Schnippchen zu schlagen. Dabei gibt man klassische Felder wie die Organisierung von Beschäftigten auf und beachtet sie nicht, bzw,. lediglich als Betroffene von Gentrifizierung. „Eure Situation interessiert uns nicht, nur eure Symptome“, könnte man den Ansatz provokant zusammenfassen. Mir fehlen da nachwievor Beispiele, wo ich sagen könnte, dass ein effektiver Widerstand organisiert wurde, der mehr erreichte als nur ein paar Häuser zu retten, oder einen Park.

Tausende gegen Atomenergie in Kiel auf den Straßen

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Meiner Schätzung nach waren es ca. 3.500 DemonstrantInnen. Bei einer Sitzblockade in der Bergstraße wurde diese ziemlich genau gefüllt. Die Bergstraße ist ca. 300 Meter lang. 12 Menschen pro Meter könnte hinkommen.

Andere Leute teilen diese Schätzung:

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Written by tlow

28. Mai 2011 at 15:06

Der Schwachsinn hat Konjunktur – Deutschland ist deindustrialisiert?

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Das liest man von den Protagonisten der Anti-Gentrifizierung (und Anhängern Toni Negris) immer wieder: Es gäbe keine Industrie mehr. Vor allem nicht in Deutschland oder den Städten. Wie jetzt gerade wieder Twickel in ak 561 in einem Interview:

In weitgehend deindustrialisierten Städten, in denen Reichtum heute eher auf dem Management einer globalisierten Produktion beruht, wird der Stadtraum selbst ökonomisch wichtiger – und auch umkämpfter.

Es stimmt zwar, dass viele Arbeitsplätze abgebaut wurden seit den 70er Jahren. Ja es gab einen Strukturwandel, mehr Automatisierung und auch die Globalisierung. Weil da von den 70ern die Rede ist: Bis 1991 stieg die Beschäftigtenzahl im verarbeitenden Gewerbe und dem Bergbau sogar auf fast 10 Millionen an. (Quelle Statistisches Bundesamt).

Seit 1991 stieg aber auch der Umsatz der Industrie in Deutschland um 41 % . Deindustrialisierung sieht anders aus. Es mag zwar sein, dass die Produktionsstätten selbst nicht mehr so wie früher direkt in der Stadt sind. Und dass es dadurch auch Industriebrachen gibt, die als Lücken genutzt werden. Aber man muss eher betonen, dass die Bedeutung der Industrie sich nicht verändert hat (vgl. auch Pressemeldung des Stat. Bundesamtes 2009).

Es ist wichtig zu verstehen, dass Gentrifizierung nur ein Symptom ist. Und das es Gentrifizierung schon immer gab, insbesondere im Kapitalismus. Es erscheint gefährlich Gentrifizierung als treibenden Faktor zu betrachten und zu versuchen dort anzusetzen, wo es eigentlich keine guten Ansatzpunkte gibt. Einkommen und Eigentumsverhältnisse sind ausschlaggebend für die Entwicklung.

Da Twickel selber in einem Vortrag in Kiel keine Rezepte für effektiven Widerstand parat hatte, frage ich mich immer mehr, was diese ganze Debatte uns bringt außer uns von den Ursachen abzulenken. Eine Bewusstwerdung von Prozessen im Kapitalismus ist sicher wichtig, aber ist der Diskurs wirklich produktiv und verdient er die Aufmerksamkeit, die er derzeit erfährt? Daher ist für mich der Diskurs eher deswegen interessant, weil ihn (sorry) jeder Idiot im Mund führt. Oder ist der Begriff Gentrifzierung (inzwischen) auch nichts weiter als ein Marketingbegriff, der Autoren hilft, ihre Bücher unter die Leute zu bringen ?

Bezeichnend auch dieses Zitat:

Es geht vielleicht tatsächlich einer Initiative aus dem Netzwerk erstmal nur darum, z.B. die zwölf alten Häuser im Gängeviertel zu retten und umzunutzen. Na und? Wenn es gelingt, darüber ein grundsätzliches Unbehagen an neoliberaler Stadtpolitik populär und greifbar zu machen und wenn dabei noch ein Exempel in Sachen Aneignung bei rumkommt: Besser geht’s doch nicht!

Kirchhofallee soll umgebaut werden

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Written by tlow

23. Mai 2011 at 14:28

Alternativen zur Gentrifizierungs-Debatte?

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Keine Aktuelle Stunde zum Casus Zentralbad

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Letzte Woche wurde bekannt, dass die Pläne zu einem neuen Zentralbad auf einer falschen Berechnungsbasis bestanden. Dies war jeder BürgerIn vorher klar. Am heutigen Donnerstag bestand die einmalige Chance diese skandalöse und gezielte falsche Berechnung zu thematisieren und damit sich auch für den Erhalt von Katzheide und der Schwimmhalle Gaarden einzusetzen. Nun zeigte sich aber, dass weder die Linke noch die Direkte Demokratie, die sich bisher immer angeblich gegen das Zentralbad ausgesprochen haben, diesen Fakt, auf den die Freund von Katzheide seit über 1 ½ Jahren warten mussten in einer Aktuellen Stunde zu thematisieren. Auch auf den Webseiten oder in Pressemitteilungen waren beide Fraktionen stumm.

Damit ist das Thema parlamentarisch für absehbare Zeit kein Thema mehr. Und einmal mehr zeigt sich, das auf parlamentarische Initiativen kein Verlaß ist, wenn es darauf ankommt. Wenn wir wollen, dass etwas passiert, so müssen wir unabhängige Initiativen bilden, die nicht strategisch vor allem an ihr politisches Überleben denken, sondern selber Widerstand organisieren, und dann auch in absolut vorhersehbaren Entwicklungen konsequent handelt und an die Öffentlichkeit geht. Wer sich auf Parteien, Fraktionen oder Wählerinitiativen verlässt wird immer irgend wann enttäuscht werden: Denn letztelich sind für diese Themen nur zeitweise interessant, die dann konsequenter weise bei erstbester Gelegenheit fallen gelassen werden.

Damit geben sie dann auch den herrschenden parteien das Signal, dass es keinen Widerstand geben wird. Somit erscheint eine solche Unterstützung eher kontraproduktiv und eine Kooperation mit solchen Gruppen eher gefährlich für die eigenen Interessen.

An dieser Stelle also auch wieder meine Aufforderung sich an der Initiative „Rettet Katzheide!“ zu beteiligen!

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