KielKontrovers

Gesellschaftliches aus Kiel und Schleswig-Holstein

Umstrittene Möbelkraft-Ansiedlung

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Um 1830 Jahre enstanden in Kiel sogenannte „Armengärten„, wie z.B. der „Prüner Schlag“ (s.a. bei Google Maps). Damit wollte man damals dem Armutsproblem begegnen mit der Möglichkeit der Selbstversorgung durch Schrebergärten.

Heute, 2011 haben wir andere Zeiten. Mottos wie „Sozial ist, was Arbeit schafft“ sind allseits zu hören. Ein eigener Garten, Selbstversorgung gilt nicht mehr als politisch.

Der Kleingartenverein Kiel e.V. von 1897 hat auf einer eigenen Seite einmal aufgestellt, was bisher so passierte. Ich zitiere das mal hier:

Seit Anfang der 50er Jahre  gab es zahlreiche Kündigungen für Zwecke des Gemeinwohls. Verbunden mit dem Aufschwung der 50er und 60er Jahre  stieg auch die Nachfrage nach Wohn- und Industriegebieten innerhalb der Stadt Kiel stetig an. Neue Schulen wurden gebaut, neue Verkehrsstraßen geplant und verwirklicht. In den 70er und 80er Jahren kamen die Kaufhäuser Plaza und der Citti-Großmarkt, sowie die neue Autobahn A215 hinzu. Große Teile der Brunsrade, der Alten Weide und des Dubenhorstes fielen in den 90er Jahren dem Bau des Olof-Palme-Dammes (B76) und der Telekom zum Opfer. Im neuen Jahrtausend kamen der IKEA-Neubau am Westring und die Zufahrt zum Citti-Park hinzu, die weitere Verluste der Anlage Brunsrade mit sich brachten. Zuletzt verschwand die komplette Anlage „Frahm´sche Koppel“ im Stadtteil Steenbek-Projensdorf. Dort entsteht das Neubaugebiet „Alte Gärtnerei“

Darunter findet man eine erschreckend lange Liste an vernichteten Kleingartengeländen.

Nun wurde bekannt, dass Möbelkraft und Sconto Kiel mit zwei Möbelhäusern (a 40.000 und 8.000 Quadratmetern) beglücken wollen. Darunter das Gelände des ehemaligen Armengartens „Prüner Schlag“. Das Konzept des Armengartens mag heute nicht mehr so ganz zeitgemäß  erscheinen, wie im 19. Jahrhundert. Aber ist die massenhafte Vernichtung innenstadtnahen Erholungsraums zeitgemäßer? Wie viele Möbelhäuser braucht Kiel? Jahrzehnte lang hatte Kiel kein einziges großes Möbelhaus (außer vielleicht das Dänische Bettenlager?). Dann kam IKEA vor einigen Jahren.

Und nun zwei weitere Möbelhäuser. Das Winkelement sind Arbeitsplätze. Doch wie nachhaltig wären die wirklich in einer kriselnden Weltwirtschaft, in der Deutschland zur Zeit zwar temporärer Gewinner ist, aber wie es in zwei Jahren aussieht wissen wir alle nicht.

Ein einmal vernichtetes Kleingartengelände wird wohl für alle Zukunft nicht wieder zurückgewandelt, sollte Möbelkraft irgendwann mal wieder entscheiden wieder zu gehen. Kleingartengelände werden heutzutage nicht mehr neu angelegt. Für Städteplaner stellen sie stattdessen eine Art Rohmasse dar, die man beliebig schröpfen kann für Neuansiedlung von Betreiben oder wie im Falle des Olof-Palme-Damms für Umgehungsstraßen. Vielleicht ist das ganze zu Teil auch vertretbar, wenn mal hier und da ein Kleingarten weichen muss. Insbesondere dann, wenn viele Gärten  noch leer stehen. Nur im Rückblick muss man feststellen,  das die Schrumpfung rapide verläuft. Alle reden davon, dass die Bevölkerung schrumpft. In Kiel soll sie vermutlich leicht ansteigen. Aber nachhaltig wäre es, denn heutigen Flächenverbrauch pro Person eher zu reduzieren. Mehr Grün in der Innenstadt bedeutet mehr Naherholung- d.h. weniger gefahrene Kilometer, weniger Abgase, gesündere EinwohnerInnen und die stadtnahen Kleingartengebiete dienen SpaziergängerInnen dazu noch zusätzlich zu den Pächtern als Fläche zur Verfügung. Die KleingärtnerInnen pflegen Kulturlandschaft, sorgen dafür, dass Bienen Nahrung finden. Wo ein Möbelhaus steht ist gar keine Natur mehr.

Gestern hat die SPD Kiel Süd sich auch zaghaft gegen eine Ansiedlung auf den Kleingartengeländen ausgesprochen:

Das Bauvorhaben würde dort mit der Vernichtung von circa 230 Kleingärten erkauft werden, die für den Stadtteil ein unverzichtbares Naherholungsgebiet darstellen.
Bleibt zu hoffen, dass die eigenen Genossen im Rat auf sie hören. Aber wer traut sich heute schon etwas zu sagen, wenn ein Investor mit Investitionen winkt? Da kriegen PolitikerInnen ja reihenweise gleich weiche Knie. Dabei ist Kiel all zu oft reingefallen bei Großansiedlungen. Städte sind erpressbar. Und sie haben ein Dilemma: Sie müssen Interessen gewichten. So mancher Kleingärtner ist SPD-Wähler. Nimmt man ihm seinen Kleingarten, so wird er evt. bei der nächsten Kommunalwahl wo anders sein Kreuz machen. Aber in Kiel weiß die SPD zumindest nachwievor Peter Todesgrün auf ihrer Seite, so dass klar ist: Auch ein grünes Kreuz rettet keinen sozialdemokratischen Schrebergarten.
Was fehlt ist sicher mehr Solidarität unter den Kieler KleingärtnerInnen. Die sind bisher noch relativ unpolitisch – und engagieren sich eher nur dann, wenn ihre eigene Scholle bedroht wird. Also organsiert euch!
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2 Antworten

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  1. Was passiert hier mit der Demokratie?
    Wieso ist es bei der Entscheidung zur Ansiedlung im Vorfeld nicht
    nach demokratischen Regeln zugegangen?
    Weil zu diesem frühen Zeitpunkt der Verhandlungen die Öffentlichkeit nur gestört hätte! Warum konnte hier keine Transparenz herrschen, wo es doch um öffentliche Flächen ging? Weil die Bürgen nicht von Beginn an in die Überlegungen mit eingebunden werden sollten, da ihnen doch ein großes Stück öffentlich, zugänglicher Raum genommen werden sollte und man wohl mit Protest rechnete.
    Offensichtlich ist das Misstrauen uns Bürgern gegenüber sehr groß.
    Wieso dürfen städtische Flächen einfach mal so an ein Unternehmen verkauft werden, dass dafür nur vage Versprechen ( Arbeitsplätze und Gewerbesteuern) liefert? Wie will man denn später nicht erfüllte Versprechen einfordern, welche Mittel haben die Stadtoberen dann noch? Keine wahrscheinlich!
    In wessen Namen handelt sie?
    Mit der gleichen Begründung könnten doch nun die Stadtverantwortlichen auch alle anderen Grünflächen der Bürger verkaufen (bei genügend potenziellen Investoren) und müssten sich nicht einmal um ein anderes Argument bemühen.
    Wem gehört die Stadt?
    Alle Kieler Grünflächen würden nach der bisherigen Lesart zu potenziellen Investitionsstandorten werden.
    Sie handeln nicht mehr in unserem Namen!
    Sie haben unser Vertrauen verspielt. Als gewählte Stellvertreter handeln sie in dieser Sache gegen uns.
    Derartige Prozesse müssen zukünftig öffentlich nachvollziehbar sein.
    Urbaner Raum ist endlich. Dieser darf nicht ohne Not dem erstbesten Investor nur zur „strategischen Ausrichtung“ seines Unternehmens überlassen werden.
    Für künftige Generationen muss ebenfalls noch freier Raum zur Verfügung bleiben.
    Geplante Ansiedlungsflächen sind vorhanden und müssen dafür auch verwendet werden. Dort steht die Ansiedlung im Konsens mit der Bevölkerung, dort muss städtische Planung umgesetzt werden.
    Eine Gewerbeansiedlung in dieser Größe und in diesem Areal trägt nicht zur Befriedung der Bürger bei.

    Uwe

    24. September 2011 at 18:29

    • Ich würde hier differenzieren: Die gehen schon nach demokratischen Regeln vor. Aber nach denen einer repräsentativen Demokratie. Die besagt, dass wir Repräsentanten wählen, die dann unsere Interessen vertreten. Das bedeutet immer, dass die Interessen einzelner zurückstehen müssen. Da hilft auch keine Bürgerbeteiligung. Es gibt genau so viel Transparenz, wie gesetzlich vorgeschrieben und wie wichtig es ist, den Eindruck von Variabilität der Entscheidungen zu vermitteln.

      tlow

      24. September 2011 at 23:17


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