KielKontrovers

Gesellschaftliches aus Kiel und Schleswig-Holstein

Zum Aufbau freier Funknetze in Kiel

with 3 comments

Es gibt seit einigen Monaten eine neue Initiative Freifunk in Kiel besser zu etablieren. Versuche gibt es in Kiel schon länger. Deswegen habe ich auch gezögert noch mal etwas zu schreiben. Das Thema ist auch sehr techniklastig. Daher eine kurze Einführung in die Grundideen:

Beim Freifunk geht es zunächst darum, eine alternative Netzstruktur zum Internet zu schaffen. In Berlin hat Freifunk die größte und beste Verbreitung. Vernetzt wird primär mit Routergeräten, auf die eine alternative Software (meist Linux) aufgespielt wird. Diese Router kommunizieren untereinander über WLAN-Wellen. Wer sich mit diesen Routern vor Ort verbindet kann somit auf das ganze, drahtlose Netz zugreifen.

Mehr will ich gar nicht zur Technik erzählen. Wer mehr wissen will kann die obigen Links durchforsten. Was aber ist die Herausforderung bei Freifunk?

  1. Die Router, die sogenannte „Netzknoten“ bilden liegen teilweise in einer Stadt zu weit auseinander, weil sie dort stehen, wo jemand wohnt.  Das heisst aber nicht, dass sie immer in ausreichender Nähe zueinander stehen.
  2. Jede Technik kostet Geld, so auch diese Router
  3. Es braucht technischen Sachverstand, um diese Router umzuprogrammieren und daraus ein funktionierendes Netz zu bauen.

Freifunk in Kiel

Ohne auf viele Ups und Downs und Details einzugehen: Chaoskueste und Toppoint betreiben seit Jahren verschiedene Router. wobei nach meiner bisherigen Erkenntnis kaum Router direkt via WLAN verbunden sind, sondern die meisten Knoten über ein sog. „VPN“ (Virtuelles Privates Netzwerk). Sven Thomsen sagte dazu auf dem Barcamp Kiel „Das Netz steht!“. Die Idee des VPNs ist, dass man sich auch ohne bestehende WLAN-Verbindung vernetzen kann, bis eine Freifunk-Verbindung besteht.

In Berlin werden damit z.B. Netzlöcher gestopft. Allerdings ist es etwas anderes, ob man lediglich kleine Löcher stopft, oder ob die Netzstruktur zu 99% aus Nicht-WLAN-Verbindungen besteht.

Freifunk in Gaarden

Durch Zufall erreichten wir im Sandkrug in Gaarden eine hohe Dichte an Freifunk-Interessierten. Wir hatten ein kleines Netz aus drei Interessierten Wohneinheiten, als eine weitere Partei dazukam: Die Crew der Thor Heyerdahl, die nicht wussten, wie lange sie in Kiel bleiben würden und eine Möglichkeit suchten Internet machen zu können.

Darüberhinaus gab es noch einige weitere Interessierte. Doch uns fehlte die Entschlossenheit, Technik und das Geld, um die längeren Distanzen zu überbrücken. Nicht die Möglichkeiten, denn wir hatten durchaus Sichtverbindung.

Als „Gaarden Funkt!“ bestand das kleine Netz einige Zeit (1-2 Jahre). Am Ende waren es dann aber doch nur noch wieder zwei Router/Parteien. Und für zwei Leute die sowieso kaum 50 Meter auseinander wohnen ist die Frage, warum man ständig zwei Router betreiben soll, die Strom verbrauchen und senden, ohne das das Netz viel genutzt wird.

Wie kanns funktionieren?

Die Erkenntnisse aus den bisherigen Vernetzungserfahrungen bringen mich zu folgenden Thesen:

  1. Freifunk kann funktionieren, auch via WLAN und ohne VPN. Allerdings erfordert es, dass man Vernetzungsmöglichkeiten konkret nutzt.
  2. Ein Router der nur sendet ist schon ein Hinweis an Nachbarn, dass hier was läuft. Dadurch wurde ich angesprochen. Allerdings fand man uns auch via Internet.
  3. Ein echtes Netz sollte aus mindestens vier zuverlässigen Wohneinheiten bestehen. Ich meine damit bewusst nicht Router. Es geht nicht um Technik, sondern um die Stabilität der Vernetzung.
  4. Es ist kein Problem lange Distanzen zu überbrücken, vorausgesetzt es existiert eine Sichtverbindung. Die ganze Power steckt in Antennen, die dem Zweck entsprechen und teilweise auch billig herzustellen sind:

Ich denke ein gutes Freifunk-Netz braucht eine gute Netzplanung und engagierte Leute. Ich würde empfehlen sich gar nicht erst mit VPN in einem frühen Stadion aufzuhalten. Denn VPN suggeriert, das der Job schon erledigt ist. Die Leute merken auch gar nicht mehr, wenn das WLAN nicht gut funktioniert, weil dann das VPN sofort eine Alternativroute anbietet.

Es gibt viele Interessierte an Freifunk. Vor allem junge, bastelfreudige Menschen. Freifunk wird auch auf absehbare Zeit ein Freakprojekt bleiben. Der Versuch dieses Netz jedermann schmackhaft zu machen muss scheitern. Denn man überträgt Vermarktungsgedanken der kapitalisitischen Welt auf ein selbstorganisiertes Projekt. Dann hat man bald eine handvoll Leute, die nicht begriffen haben, wie man sich beteiligt. die in erster Linie ein Anspruchsdenken/Serviceanspruch haben, den ein gemeinnütziges Projekt gar nicht leisten kann. Insbesondere wir Freifunk bei der derzeitigen Technik und am Anfang immer unzuverlässig sein. Auf dem  Barcamp Kiel z.B. gab es die Idee, dass man eine App für iPhones anbietet und somit jeder Kreuzfahrer sich das installiert und zu einem Freifunk-Knoten wird. Wieso die Leute das machen sollten, ist aber die große Frage.

Ein funktionierendes Freifunk-Netz in Kiel aufzubauen ist nicht schwer. Es braucht dazu nur gute Standorte und die entsprechenden Antennen. Die Router sind dabei gar nicht so wichtig, werden aber selbstverständlich auch gebraucht.

Die ersten Knoten sollten von engagierten Enthusiasten betrieben werden. Betreiben kann dabei auch heissen, dass jemand einen externen Knoten auf einem guten Standort pflegt.

Die Frage des Internets

Das Internet wird immer als ultimative Anwendung gesehen die jeder haben will oder muss.Vergessen wir dabei, dass die Struktur eine Alternative zum Internet darstellen soll. Und das eine Internetferne auch ein Feature sein kann. Ich kann meine Wohnungstür bei mir zuhause auch mal auflassen. Aber das würde ich nicht tun, wenn die ganze Welt reinkommen könnte. In einer Zeit, wo das Internet zunehmend omnipräsenter wird, wird auch Internet immer weniger ein Argument.

Wenn man versucht das Internet als Hauptargument zu verwenden, so wird das Argument für Freifunk jedes Jahr schwächer. Aus meiner Sicht bedeutet das Internet aber nur  eine große Anzahl an Fallstricken. Es kann Sinn machen, z.B. jemanden per VPN Zugang auf das eigene Internet zu geben. Das wäre dann aber etwas, was jeder einzelne mit anderen aushandeln kann. Das Freifunk-Netz selber wäre aber „internetfrei“.

Und die Zukunft?

Die Zukunft gehören m.E. drahtlosen Netzen, die niemandem gehören. Die Technik könnten die Kommunen bereit stellen. Jede Straßenlaterne ist ein potentieller Sendemast. Dazu sollte es dann aber beschänkte WLAN-Netze geben, wie Router niemals konkurrieren, sondern sich immer nur ergänzen. WLAN muss wie Straßen sein. Ohne dass man damit immer von überall nach überall kommt. Lediglich eine lokale Ebene z.B. für Kiel wäre angesagt.

Ich sehe Freifunk als Testfläche für so ein zukünftiges Medium. Es macht aber an sich keinen Sinn dauerhaft tausend unterschiedliche WLANs zu betreiben, wo jeder eine eigene Policy entwickelt. Im Moment sind wir im Experimentierstadium. Da ist fast alles erlaubt. Und die Technik entwickelt sich weiter.

Fazit

Die Zukunft ist  nicht, dass irgendwelche Leute, sich Router zu hause hinstellen und darauf warten, dass es funkt. WLAN kann durchaus auch weit senden mit der richtigen Technik. Es klingt simpel, aber bei der Funkvernetzung gehts drum, es einfach zu tun. Dinge ausprobieren, Netzwerke bauen, Erfahrungen machen, Leute kennenlernen. Es gibt dazu keine Abkürzung. Für Kiel würde ich sowas wie  einen Antennenbau-Workshop als eine gute Sache ansehen. Dann am besten gleich aufstellen und loslegen.

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Written by tlow

23. August 2011 um 08:21

3 Antworten

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  1. Viele gute Gedanken!

    Ich würde die Session beim BarCamp auch eher als das Brainstorming betrachten, als dass es Sven auch angekündigt hat. Und ich fand allein die Menge der Ideen schon toll. Ich würde aber nicht jeder einzelnen zustimmen 😉

    Das VPN täuscht glaube ich niemanden, der Aktiven darüber hinweg, dass es kein wirklicher Freifunk ist. Ich bin auch erst zufrieden, wenn ich per richtigem Freifunk mit Sven in Russee kommunizieren kann. Ich möchte in der Zwischenzeit aber gerne mal einen Ping von A nach B schicken können, um zu sehen, ob das prinzipiell funktioniert. Ich brauch auch zwischendurch mal Erfolgserlebnisse 😀

    Ich werde bei mir in der Umgebung mit Leuten über Freifunk sprechen und zusehen, hier eine kleines Netz aufzubauen. Aber es ist dann schön, wenn diese Netz dann auch mit dem kleinen Netz in Gaarden reden kann, bevor wir die Strecke direkt überbrücken können.

    Auch mit dem Internetargument hast Du recht. LTE wird auch in Kiel kommen und die Tarife werden günstiger. Dann zieht „Laptop im Park“ auch nicht mehr.

    Sicher bin ich, dass Du Recht damit hast, dass Freifunk ein Experiment ist für eine Vernetzung der Zukunft. Denn wie weit das System von fetten Mobilfunk-Antennen auf Hochhäusern in dicht besiedelten Gebieten skaliert, weiß ich nicht. Siehe auch: http://kfrng.de/74wyn Ich würde mich über kommunale Lösungen dafür freuen. Der Zeitgeist spricht dagegen 😦

    kaffeeringe (@kaffeeringe)

    24. August 2011 at 17:42

  2. Ergänzend zu Steffen:

    Freifunk lebt von der aktiven Beteiligung. Wenn Du einen Antennenworkshop anbieten willst, dann biete ihn an. Frag auf der Mailingliste nach, stell Modelle im Wiki vor und schlag einen Termin vor. Vielleicht können wir das ja auch direkt auf einem der kommenden, regelmäßigen Treffen organisieren.

    Ich glaube, dass jeder ein „selbsttragendes“ Netz ohne VPN möchte. Ich denke, dass wir das VPN als „Wachstumsbeschleuniger“ brauchen. Natürlich muss es so schnell wie möglich abgelöst werden, allein schon weil es eine singuläre Fehlerquelle ist.

    Freifunk in Kiel wird dann und nur dann erfolgreich sein, wenn wir eine hohe Vermaschung und gleichzeitige Besetzung von „strategischen“ Punkten in Kiel erreichen. Wenn ich aber mit Antennen auf einen Kirchturm will, dann muss ich die Kirchengemeinde überzeugen. Wenn ich in Bürgerzentren und Stadtteil-Cafes Router aufstellen will, dann muss ich dort Nützlichkeit nachweisen. Wenn ich städtische Gebäude nutzen will, muss ich die Stadtverwaltung überzeugen. Überzeugen kann ich nur, wenn ich Nutzungsmöglichkeiten aufzeigen kann.

    Also: Es gibt viel zu tun und es ist für jeden was dabei.

    Sven Thomsen

    24. August 2011 at 20:54

    • Sven, das versuche ich seit Jahren. Leider war meine Erfahrung, dass es zwar ein hohes GRUNDSÄTZLICHES Interesse gibt, aber bei der konkreten Terminplanung wird es schwierig. Selbiges gilt für unser LUG Kiel. Was Vernetzung angeht sei an dieser Stelle nur erwähnt, dass die Lübecker schon recht weit sind und auch eine eigene Batman-basierte Freifunk-Software haben. Soviel ich weiss haben die bereits einen Deal mit einem großen Geschäft in der Innenstadt. Darüberhinaus hatten wir Kontakte zu mehreren Freifunkern auf dem Lande und auch auf dem, Westufer (Hauptbahnhof). Ein interessantes Gebäude für Ost/West könnte das AWO-Hochhaus im Sandkrug (50 Meter von mir entfernt) sein, dass man auch vom anderen Ufer sehen kann. Bevor man da aber anfragt fände ich es wichtiger zu wissen, was man will und was man anbieten kann. Z.B. braucht man wetterfeste Anlagen und eine Stromversorgung. Wer trägt die Stromkosten und wie bringt man den Strom zu der Antenne/Router. Und wohin soll eine Richtfunkanlage gerichtet sein? Auf das Westufer oder in den Stadtteil? Beides? Und erst wenn man genau weiß, was man will, sollte man mit konkreten Anfrage oder Angeboten kommen. Ansonsten fürchte ich, dass man auch potentielle Orte „verbrennt“, weil irgendwer dusellige Anfragen stellt und der EIndruck entsteht man wisse nicht, was man will. Dazu wäre es z.B. praktisch ein paar Stichpunkte aufzuschreiben, was man bei einer Anfrage bedenken sollte.
      Bisher habe ich nichts von einem öffentlichen Treffen mitbekommen, dass die neue Initiative angeregt hätte. Ging das nur an mir vorbei? Wenn es sowas gibt, sollte man das etwas breiter bewerben als nur intern, z.B. auf allen Listen (auch unserer) und mehreren Blogs und in sozialen Netzwerken, Fördeflüsterer und evt. KN . Wir hatten übrigens schon mal eine KN-Anfrage, woraus dann aber doch kein Artikel entstand.
      Mein Vorschlag wäre also mit einem größeren barcampartigen Vernetzungstreffen anzufangen. Also Diskussion und Workshops, so weit Know-How da. Wenn man die Lübecker mit einlädt gäbe es da auch einen Wissenstransfer. Und vor allem sollte man alle Pläne transparent machen, damit sich jederzeit außenstehende einklinken können.
      Ich selbst habe derzeit leider nicht so viel Zeit für viel weitere Aktivitäten, finde das ganze aber nachwievor unterstützungswürdig.

      tlow

      25. August 2011 at 07:28


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