KielKontrovers

Gesellschaftliches aus Kiel und Schleswig-Holstein

GES vs. AntiGES 2011

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Vom 4.-6. Oktober fand in Kiel nun das umstrittene Global Economic Symposium (GES) statt. Was die Ergebnisse des GES 2011 angeht die nach außen hin sichtbar sind, so scheinen die doch etwas mau zu sein. Als Lösungsansatz scheinen sie den „Kapitalismus mit menschlichem Antlitz“ propagieren zu wollen. Was dann aber doch eher wie eine Werbeveranstaltung rüberkommt.

Vor dem GES fand ein Alternativkongress statt. Dazu gab es am 30.9. ein Podium in der Pumpe. Das wurde sogar aufgezeichnet und mittlerweile auch auf Youtube hochgeladen. Ich habs mir live angesehen und war nicht besonders angetan von den Entwürfen. Insbesondere „Kapitalismus Ausschleichen“ fand ich niedlich, aber seht selbst (1/7):

Am zweiten Tag gab es verschiedene Workshops. Detlef Hartmann hielt aber eher einen (m.E. ausgesprochen guten) Vortrag zur Entwicklung der letzten Jahre und die Hintergründe. Vielleicht stimmt die Kritik, dass Hartmann manchmal zu sehr den Blickwinkel der Gegenseite übernimmt und dabei die alternativen Sichtweisen nicht so zur Geltung bringt. Dennoch halte ich seine Analysen für sehr treffend, so weit ich das beurteilen kann:

Noch eine weitere Aufzeichnung zu lokalen Kieler Energie-Konzepten von der Bürgerinitiative umweltfreundliche Energieversorgung:

Die Anti-GES-Koordination rief bereits vor dem Alternativkongress, der u.a. von Avanti und ATTAC organisiert wurde zu einer Kundgebung und Demonstration auf. Aus meiner Sicht hatte dieser überlange Aufruf  aber schon aufgrund der Länge und des Stils ein Vermittlungsproblem, so dass es am Tag selbst nicht verwunderte, dass knapp 100 DemonstrantInnen erschienen, wovon die meisten sich wohl zur linksradikalen Szene zählen würden:

Ich habe mir mal den Spaß gemacht verschiedenste Leute zu befragen, ob irgendwer überhaupt weiß, was „GES“ ist, oder dass es stattfand. Von den meisten Kielern wusste niemand etwas davon. Das einzige, was die Kieler kennen ist das Institut für Weltwirtschaft (IfW). Darüber hinaus kann sich kaum jemand darüber aufregen, Dass sich beim „GES“ Spitzenkräfte aus Wirtschaft, Politik und Medien treffen

D.h. die Vermittlung, dass das GES tatsächlich eine kritische Rolle spielt ist kaum vermittelbar. Das liegt daran, dass das GES eben im Leben der meisten KielerInnen gar keine Rolle spielt. Natürlich ist das GES für dessen Kritiker auch nur Projektionsfläche verschiedener Kritikern am Gesamtsystem oder wie sie es schrieben der „GESamtscheiße“ – also Kapitalismus & Co. .
Ich fand Kritik und Widerspruch als solches dringend notwendig – und der schlug sich dann ja auch in der Berichterstattung der KN nieder – und bei eingeladenen Bloggern:

Ich konnte es mir dann doch nicht verkneifen einen kleinen Dialog mit beiden BloggerInnen via Kommentarfunktion anzufangen. Die BloggerInnen auf dem GES MUSSTEN einen wirtschaftswissenschaftlichen Hintergrund haben. Natürlich war das kostenfreie Multiplikatorenwerbung fürs GES.

Noch kurz zur Kundgebung und Demo: Auf mich wirkten der Ablauf und die Reden langweilig – und so manche Rede auch eher peinlich und dozierend. Insgesamt wirkte die Demo etwas unwirklich. Die Innenstadt war eher menschenleer und so verhallten die meisten Parolen eh eher ungehört.

Trotz aller Kritik, wie gesagt gut, dass es einen Gegenpol gab. Das aller peinlichste war denn daher auch der Diskussionsbeitrag anlässlich der Anti-GES-Kampagnen von Einigen vom Arbeitskreis kritischer Studierender Kiel.

Mit vielen Worten wollen sie eine Kritik an der Kritik vortragen, bleiben dabei aber seltsam schwammig. In keinster weise grenzt sich ihre Kritik positiv dadurch ab, dass sie konkreter und verständlicher wirken würde. Eher im Gegenteil. Beim Kritisieren der Kritik haben sie offenbar das Kritisieren des Kritisierbaren vergessen?
Einige Thesen sind atemberaubend, wie z.B. diese:
Mit dem Beginn von Wirtschaftswunder, kollektivem Wohlstand und der entstehenden Post-Moderne wandelte sich die ökonomische und soziale Situation. Die Klassen und ihre Strukturen wurden aufgelöst in übergreifende ‚Lebensstilmodelle‘; soziale Mobilität und Individualität wurden ins Zentrum einer sich verändernden kapitalistischen Ordnung gerückt.
Soso, die Klassen haben sich also aufgelöst – und jedeR kann sich einfach das Lebensstilmodell wählen, auf das er Lust hat? Das mag vielleicht das sein, was einem die Rama oder Nescafe-Werbung suggeriert. Hat aber sehr wenig mit der Realität in Deutschland zu tun. Dazu kann man sogar die Bundeszentrale für politische Bildung zitieren, die da schreibt:
Nach wie vor hängen die Bildungschancen für eine höhere Ausbildung an Gymnasien und Universitäten für Jugendliche stark von ihrer sozialen Herkunft ab. Infolgedessen ist der durchschnittliche Anteil der Kinder aus „bildungsnahen Schichten“, also aus der „oberen Dienstklasse“, die ein Gymnasium besuchen, mehr als viermal so hoch wie der Anteil der Kinder aus Facharbeiterfamilien.
Der Kapitalismus suggeriert uns, dass jedeR die gleichen Chancen hat. Das es eigentlich keine Klassen und Grenzen gibt und jedeR ES schaffen kann. Die Arbeitsverhältnisse haben sich tatsächlich, teilweise drastisch, verändert. Doch das ändert überhaupt nichts an den grundsätzlichen Bedingungen. Die Verhältnisse in Deutschland: Der relative Reichtum, eine immer noch recht große Mittelschicht, verwischen zum Großteil die tatsächlichen, dahinterliegenden Verhältnisse aus verschiedenen Herrschaftsbeziehungen. Diese werden in anderen Ländern deutlicher, in denen es z.B. gerade Revolten habe,wie in Ägypten oder sogar im europäischen Spanien.
Kritisiert wird in dem Text auch mehrfach die Reduzierung der Kritik auf Einzelpersonen wie Dennis Snower. Allerdings trifft diese Kritik meines Erachtens überhaupt nicht zu – aus dem Aufruf von Anti-GES geht m.E. wirklich nicht hervor, dass die glauben, dass es ohne Snower keinen Kapitalismus geben würde, auch wenn hier und da mit einer revolutionären Attitüde kokettiert wird.
Verwunderlich auch diese Kritik:
Das Zentrale der Analyse ist aber, dass die sogenannten Kapitalist_innen/Kapitalbesitzer_innen ebenfalls den Zwängen kapitalistischer Strukturen unterworfen sind. Konkurrenz und Konkurs spielen sich nicht nur einseitig ab. Auch die Unternehmen sind im Strukturzwang, ‚Gewinn‘ zu machen, um am Markt überhaupt produzieren und bestehen zu können, gefangen. Mehrwertproduktion ist nicht Narzissmus der Kapitalbesitzenden, sondern inhärenter Mechanismus des Kapitalismus.
JedeR der den Kapitalismus kritisiert sollte sich eben dessen bewusst sein – das Unternehmen bestimmten Gesetzen unterworfen ist. Jeder Aufruf zur Abschaffung des Kapitalismus ist aber eben Systemkritik und kritisiert sinnvoller ja eben genau dieses Problem. Das zu konstatieren ist also nicht besonders neu – und wenn dies zentraler Punkt der Kritik ist, so ist die zentrale Kritik eben substanzlos.
Sogar Libyen hat Platz gefunden:
Den libyschen Menschen wird oft ein progressiver Charakter abgesprochen. Grund für die Delegitimierung ist die NATO Intervention, in der einfachen wie nicht mehr aktuellen Imperialismusthese wird hier der „Charakter des revolutionären Volkes“ aberkannt.
Was auch immer der Libyen-Konflikt hiermit zutun hat, einen positiven Bezug auf einen Volksbegriff zu vermissen, finde ich schon arg seltsam?
Zum Schluss würde ich betonen, dass die Veranstaltungen rund ums GES Raum geboten haben Meinungen zu präsentieren und zu diskutieren. Bedauerlicher weise wurde das nicht so intensiv genutzt, wie es möglich war. Viele Debatten und Gruppen drehen sich in Kiel leider lediglich um sich selbst, ohne sich selbst zu hinterfragen oder eine breitere Perspektive zu ermöglichen.

12 Antworten

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  1. Finde die Zusammenfassung sehr gelungen. Ich denke auch, dass von der Demo, den Sprechchören und dem GES so gut wie keiner aus Kiel was mitbekommen hat. In der Hinsicht wäre ein Text wie der vom AK Kiel auch nicht weiter erwähnenswert, wenn er aus seiner gesamtkapitalistischen Analyse nicht teilweise fatale Schlüsse ziehen würde.

    Kleine Expertise zum Anti-Anti-GES-Text von einem AKler (http://akkiel.blogsport.de/):

    Der eigene Anspruch der Autoren des Textes (siehe hier: http://akkiel.blogsport.de/2011/10/06/diskussionsbeitrag-anlaesslich-der-anti-ges-kampagnen/) an bestimmte Bewegungen und Aufstände führt dazu, dass die gesamte Erhebung in Nordafrika verurteilt wird. Die Autoren übersehen dabei, dass es hier auch um eine historische Komponente gehen müsste – nämlich um die Frage, in welchen Verhältnissen die Menschen vorher lebten? Betrachtet man die gegenwärtigen Erhebungen vor dem Hintergrund diktatorischer Regime, zu deren Machenschaften Folter und Erniedrigung von Gefangenen sowie das hemmungslose Bereichern der Obersten auf Kosten der Allgemeinheit dazugehörten, erscheinen die Vorkommnisse in einem ganz anderen Licht: Die Solidarisierungen mit den Ägyptern sind demnach mitnichten eine Verherrlichung der Revolte „um der Revolte willen“, sondern eine notwendige Unterstützung von in teils erbärmlichen ökonomischen Situationen lebenden Menschen.

    Mir scheint, dass hier bei einigen Wunsch und Wirklichkeit meilenweit auseinanderklaffen. Wird doch von den nordafrikanischen Bewegungen ernsthaft die Forderung nach der Abschaffung der Regierung sowie die „Befreiung des Individuums von Unterdrückung und (selbst-)auferlegten Zwängen“ erwartet. Solche Forderungen scheinen angesichts der Realität in den arabischen Staaten mehr als utopisch.

    Im Text klingen zudem Anflüge einer Militanzdebatte an. Hier formulierten die Autoren folgenden einprägsamen Satz: „Nur weil es knallt, heißt es nicht, dass sich was ändert.“ Zunächst scheint der Satz richtig zu sein. Er ist allerdings nur solange richtig, wie man auf der allgemeinen Ebene analysiert. Schaut man aufs Detail, ist die Gewalt, die bei den Aufständen in Athen und London und auch in Ägypten zu beobachten war, mitnichten „unpolitisch“. So kam es in London erst als Antwort auf die Ermordung eines Schwarzen durch einen Polizisten zu den Ausschreitungen, in Ägypten waren es Mubaraks Schlägertrupps und in Athen wiederum die Polizei, die massiv mit Tränengas und Schlagstockeinsatz gegen die bis dahin friedlich auf dem Syntagma-Platz kampierenden Protestierenden vorging. Die Gewalt der Protestierenden ist somit eine Antwort auf die Aggression des Staates und nicht andersherum. Demnach sind Ausschreitungen, wie wir sie erlebt haben, sehr wohl politisch, da sie sich gegen bestehende Rezeptionen der Gewaltanwendung in der Gesellschaft wenden und damit die bestehenden Herrschaftsmechanismen infrage stellen.

    Fazit: in der Tat peinlicher Text, da die Autoren nicht von ihrem hohen Ross des westlichen Kritikers gegenüber emanzipatorischen und basisdemokratischen Bewegungen im arabischen Raum herunterkommen, aber auch, weil linke Positionierungen zu wenig differenziert werden.

    Ein im Hinblick auf die Aufstände im arabischen Raum und die fehlende Solidarisierung seitens der westlichen Linken gut zu lesendes Interview gibt es unter:

    http://arranca.org/ausgabe/44/ein-neues-zeitalter-der-kaempfe

    ein AKler

    AK-ler

    8. Oktober 2011 at 21:46

    • Für mich blieb auch die Frage offen, welchen progressiven Anspruch die Autoren des Textes dann eigentlich noch erheben? Gibt es in ihren Augen noch so etwas wie eine wünschenswerte Umwälzung von Verhältnissen, oder haben wir eigentlich alles, sind alle gleich, weil eskeine Klassen mehr gibt – also kein Grund etwas zu ändern? Oder wenn doch, was bleibt?

      Im übrigen hatte ich auch überlegt, ob ich zum AK-Text etwas schreiben soll. Aber da sie den ja so proaktiv und öffentlichkeitswirksam verteilt haben, fand ich es dringend nötig.

      tlow

      8. Oktober 2011 at 22:36

    • Na na die Revolten in Nordafrika werden durchaus korrekt eingeordnet. Ich zitiere den Ak-Text:

      Zur Verdeutlichung: Die Aufstände und Revolten waren und sind notwendig, und wenn es auch „nur“ bürgerliche Revolten sind, so werden die Verhältnisse deutlich besser für die Menschen.

      melange

      11. Oktober 2011 at 17:54

      • Was ist denn daran bitte bürgerlich, wenn die Proletarier das Land lahmlegen?

        tlow

        11. Oktober 2011 at 18:36

      • bürgerliche bezieht sich nicht auf die an einer Revolte partizipierenden sondern auf das was sie erreichen will und das ist im Nordafrikanischen Raum momentan nicht die “ Befreiung des Individuums von Unterdrückung und (selbst)- auferlegten Zwängen “ – sondern die unmittelbare verbesserung der Lebensituation, etwa durch die möglichkeit der demokratischen teilhabe.

        Der Kommentar von Ak-Ler wirft ja den Text von einigen Aklern vor dies zu verkennen:

        „Wird doch von den nordafrikanischen Bewegungen ernsthaft die Forderung nach der Abschaffung der Regierung sowie die „Befreiung des Individuums von Unterdrückung und (selbst-)auferlegten Zwängen“ erwartet. Solche Forderungen scheinen angesichts der Realität in den arabischen Staaten mehr als utopisch.“

        Und eben dieser Vorwurf trifft auf den AK-Text aber nicht zu.

        melange

        11. Oktober 2011 at 22:57

      • Der Vorwurf hätte vielleicht deutlicher formuliert werden können. Er bezieht sich eher darauf, dass die Autoren des Diskussionsbeitrag von den westlichen Standards der Demokratie ausgehen, wenn sie Missstände wie „Forderungen nach Mitbestimmung statt der Forderung nach Selbstbestimmung“ in den jeweiligen Aufrufen z.B. in Kairo monieren. Das ist m. E. ein Schritt zu weit gedacht, berücksichtigt man die Zustände wie sie vor den Aufständen waren: Korruption, Armut, Folter. Zudem leuchtet mir der emanzipatorische Gehalt der „Forderung nach Selbstbestimmung“ nicht ein. An wen soll dies denn bitte gerichtet werden? Genauso der Satz „Aufforderungen an Regierungen statt der Forderung nach deren Abschaffung“ – an wen richtest du denn dann die „Forderung nach der Abschaffung“, wenn nicht an die Regierung – an die nächstbeste Zeltwand? Das was auf dem Tahrirplatz geschah und auch in Spanien Anwendung fand, die Selbstorganisation der Protestierenden, IST die höchste Form der Selbstbestimmung.

        Wer es nicht glaubt schaue sich mal folgendes Video an: http://youtu.be/9Y3lZMvHUOM

        AKler

        12. Oktober 2011 at 14:49

  2. tlow

    9. Oktober 2011 at 08:42

  3. Eine Replik eines kleinen Teils der Anti-GES Koordination zum „Diskussionsbeitrag anlässlich der Anti-GES-Kampagnen“ des Arbeits- und Aktionskreises Kritischer Studierender Kiel (AK Kiel)

    Als ein Kerngeschäft des AK Kiel kann die Ideologiekritik begriffen werden: entgegen einem fetischisierten Bildungsbegriff (siehe Flugblatt „Bildung boykottieren!“, Mai/Juni 2009), in Beschäftigung mit staatlicher Autorität & religiöser Indoktrinierung (z.B. die Veranstaltungen „Politologentrug. Ideologiekritik der Extremismus-Legende“ (SoSe 2010) oder den Workshop-Tag zur Religionskritik am 11.5.2011), und, ganz zentral natürlich, entgegen einer „verkürzten Kapitalismuskritik“ (in diversen Veranstaltungen, als fester theoretischer Argumentationsgröße, wie z.B. in der aus dem AK Kiel Umfeld stammenden Positionierung „Die vom anderen Ufer“ zur Debatte um den Mord in Kiel-Gaarden Anfang 2011). Dezidierte Ideologiekritik – wahrlich unter anderen Vorzeichen und mit anderen Inhalten – wird spätestens seit 2009 nun auch von anderer Seite innerhalb der linken Szene Kiels aus betrieben: gemeint sind die Kampagnen gegen das „Global Economic Symposium“ (GES). Schon allein die enge Anbindung der Kieler Uni an dieses Event durch den Ausrichter, das an die CAU angegliederte „Institut für Weltwirtschaft“ (IfW), nährte bereits die Hoffnung der „GES-Protestkoordination“ (2009), die aktivste und theoretisch versierteste links-emanzipatorische Gruppe an der Kieler Uni – den AK Kiel – in die Proteste oder zumindest bei der Entwicklung der Kritik einbinden zu können. Diese Hoffnung bzw. auch Erwartung wurde sowohl 2009 wie auch 2011 enttäuscht. Nun meldete sich der AK Kiel in der Endphase der Anti-GES-Kampagne 2011 erstmals mit einem Beitrag rund um das GES zu Wort – allerdings kaum anhand einer Auseinandersetzung mit dem Symposium selbst (dies wird in wenigen Worten bewerkstelligt), sondern in Form einer ausführlichen Kritik am Ideologiebegriff der Anti-Ges-Kampagnen von 2009 und 2011.

    Der Inhalt dieser Kritik offenbart allerdings, dass es möglicherweise tatsächlich zwischen der „GES-Protestkoordination“ (2009) bzw. der „Anti-GES-Koordination“ (2011) und dem AK Kiel zu viel Trennendes hinsichtlich dem Verständnis von Begriffen wie „Herrschaft“, „Klasse“ und daraus resultierend natürlich auch „Ideologie“ gibt, als dass eine Teilnahme des AK Kiel in den jeweiligen Kampagnen hätte Früchte tragen können. Diese Feststellung ist nicht Ausdruck gekränktem Stolzes oder verletzter Gefühle aufgrund unerwiderter Wertschätzung, sondern entspringt der ernsthaften Auseinandersetzung mit der von Seiten des AK Kiel geäußerten Positionen; der „Diskussionsbeitrag anlässlich der Anti-GES-Kampagnen“ ist ein starkes Papier, dessen Lektüre sich lohnt und entlang dem sich relevante politische Debatten entspinnen können. Wie auch schon vom AK Kiel in dem besagten Text erwähnt, wird hier eine Diskussion um das Verhältnis von materieller Wirklichkeit, Bewusstsein und politischen Interventionsmöglichkeiten geführt, wie sie auch in den Debatten rund um die mediale und politische Rezeption des Mordes in Kiel-Gaarden Anfang 2011 angestoßen wurde (siehe Flugblatt „Die Kieler Nachrichten, der AStA, „Die Linke“ und der „Kieler Bandenterror““ und die darauf bezugnehmenden Texte „Die vom anderen Ufer“ & „Le FIN de Nous“, http://www.altemeierei.de/tiki-read_article.php?articleId=1555#comments ). Wie von den „Gaardener AnwohnerInnen“ werden auch von den Anti-GES-Kampangen 2009 & 2011 materielle Grundlagen ideologischen Bewusstseins in konkreten Herrschaftsmechanismen (Medien & Politik) thematisiert und sich in einer greifbaren politischen Intervention versucht – dem AK Kiel jedoch stellt sich dies bei beiden Thematiken vielmehr als die händeringende Suche nach einem politischem Feind dar, was, so die Kritik des AK Kiel, jeweils in einer verfehlten Konstruktionsleistung ende. Dagegen hält der AK Kiel fest: „Kapitalismus funktioniert nicht als repressive Einbahnstraße“. Um rhetorische Auflockerung ihres Textes bemüht, bezieht sich der „Diskussionsbeitrag anlässlich der Anti-GES-Kampagnen“ des AK Kiel auf das Symbol ihres RH-Cup-Fußballteams „Lokomotive Lustprinzip“: Dem lächelnden Deutsche Bank Chef Josef Ackermann mit Victory Zeichen, unterschrieben mit dem Slogan „Don’t hate the player – hate the game“. Ein durchaus passendes Bild, vor allem was die gute Laune des Global Players angeht. Im Folgenden soll es lediglich um das hier zum Ausdruck kommende Verständnis des AK Kiel von Herrschaft-Klasse-Ideologie gehen. Die Ausführungen des AK Kiel zum „linken Aufstandsfetischismus“, der verkürzten politischen Rezeption der Form (fliegende Steine, brennende Autos etc.) und festgefahrenen Sichtweisen auf „die arabische Welt“ werden von dem diese Zeilen produzierenden „kleinen Teil der Anti-GES Koordination“ grundsätzlich geteilt (hier drückt sich auch die Heterogenität v.a. innerhalb der Anti-GES-Koordination von 2011 aus).

    Der AK Kiel betreibt eine zweigleisige Marx-Rezeption: Zum einen solle Marx hinsichtlich der Konstituierung von „falschem Bewusstsein“ ernst genommen werden: hier ginge es um NOTWENDIGES falsches Bewusstsein, welches sich in erster Linie in Alltagsbeziehungen ausdrücke, sprich: Ideologieproduzent_Innen sind die (ausgebeuteten) Subjekte selbst. Die Semantik der Anti-GES-Kampagnen, in der das Symposium als „Ideologiemaschinerie“ (2009) bzw. „Ideologieschmiede“ (2011) erscheint, ist somit im Text des AK Kiel natürlich mit einem einfachen theoretischen Handgriff erledigt. Zum anderen stellt der AK Kiel dann aber eine Klassenanalyse an, die den heutigen Verhältnissen Rechnung tragen soll und gleichzeitig den der Anti-GES-Kampagnen inhärenten Klassenbegriff als veraltet da stehen lässt: der in Vorlesung und Seminar „Einführung in die soziologische Strukturanalyse“ vorgegebenen Chronologie auf Schritt und Tritt folgend, setzt der AK Kiel Klassen und ihre Strukturen nach `45 als in verschiedene „Lebensstilmodelle“ aufgelöst. Begriffe, wie sie im Soziologie-Grundstudium auf breiter Linie verballert werden, bestimmen denn auch die weitere Analyse: „Verschiedenen Modelle von Identität“, die „jenseits von Klassenkollektiven“ funktionieren, konkurrieren in diesem Verständnis von Gesellschaft als Ausdrücke „sozialer Mobilität“ – tatsächlich spricht der AK Kiel hier nicht von Ideologie, sondern von gesellschaftlicher Realität. Die Gesellschaftskritik des AK Kiel funktioniert nun derart, dass die vorgebliche Befreiung aus den Klassenverhältnissen nur im Rahmen von SELBSTausbeutung (zwecks Selbstakkumulation?), Konkurrenz und sozialer Atomisierung stattgefunden habe. Der AK Kiel verabschiedet sich von der politischen Ökonomie: Während das Sozialatom in der moderneren Kritischen Theorie eine rein ideologische Größe ist, die den gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang (bzw. die Gesamtscheiße) verschleiert und als Projektionsfläche für die Winner/Loser Mentalität des Neoliberalismus fungiert, nimmt der AK Kiel die sozial-atomisierte Gesellschaft als Grundlage des derzeitigen Kapitalismus an, quasi als das derzeitige Produktionsmodell. Hier werden Ursache und Wirkung, wie sie im eigentlichen Sozialatom-Konzept vorzufinden sind, vertauscht: Im Zuge der globalen Krise des Keynesianismus in den 1970’er Jahren, dem ein Gesellschaftskonzept als Synthese aus Staat und Markt zu Grunde lag, wurde gegen erheblichen politischen und gewerkschaftlichen Widerstand in Westeuropa und den USA eine enorm verschärfte Konkurrenzsituation zwischen den abhängig Beschäftigten – ja, sagen wir mal: der Arbeiter_Innenklasse – etabliert. Dies wird heutzutage „Neoliberalismus“ genannt. Der Widerstand der Gewerkschaften, unabhängiger Arbeiter_Innen und sozialer Bewegungen wurde häufig genug polizeistaatlich-militärisch, aber eben auch, und nun nähern wir uns des Pudels Kern, ideologisch gebrochen: Anstelle eines Verständnisses von politischer Ökonomie, welches hinter ökonomischen Strukturen eben auch Herrschaftsverhältnisse wahrzunehmen in Lage ist, wurde und wird massiv das Leitbild der „Eigenverantwortung“ propagiert. Die politische Rhetorik spätestens seit den 80’er Jahren appelliert beständig an eine „survival oft he fittest“ Mentalität, welche auf kollektiver Basis dann wohl dem entspricht, was der AK Kiel als „regressive Krisenlösung“ versteht.

    Hinsichtlich des „Diskussionsbeitrages anlässlich der Anti-GES-Kampangen“ des AK Kiel ist nun zweierlei bezeichnend: Erstens werden in der historischen Hinleitung zur eigenen Analyse (wie es im Grundstudium der Soziologie auch der Fall ist) sämtliche gesellschaftlichen Kämpfe der 70’er/80’er Jahre geflissentlich übergangen; die individuellen Befreiungskonzepte „der“ ´68’er werden angeblich weitestgehend umgesetzt und lediglich kapitalistisch konnotiert. Nur so kann das sozial-atomisierte Individuum nicht als ideologisches Ideal einer hegemonialen kapitalistischen Gesellschaft, sondern als tatsächlicher Produzent und Träger der Ökonomie verstanden werden: Ohne Verhältnis zu den Produktionsmitteln und der politischen Struktur, steht es nur durch Konkurrenzsituation im Austausch mit der Umwelt und funktioniert durch Selbstausbeutung und Selbstrationalisierung; es existiert allein eine ökonomische Verwaltung, die sich „Diversity Management“ nennt (in welchem sich Soziologie-Student_Innen ausbilden lassen können). Der AK Kiel hat also das Gesellschaftskonzept des Neoliberalismus, welches die gedankliche Konstruktion vom Sozialatom eigentlich in der Tradition der Theorie der Politischen Ökonomie kritisch auflösen sollte, soweit verinnerlicht, als dass diese Gruppe nun „falsches Bewusstsein“ paradoxer Weise als zutreffende soziale Realität mystifiziert.

    Zweitens, und dies bestätigt das so eben getroffene Urteil nur noch, werden auch die materiellen Verhältnisse außerhalb der so genannten „Industrienationen“ (ein veralteter Begriff, jedoch nicht weniger pauschalisierend als „Erste Welt“ oder „Nördliche Hemisphäre“) in der Auseinandersetzung mit der Entwicklung des Kapitalismus nicht angesprochen. Im Aufruf der Anti-Ges-Koordination (2011) mögen sich einige zweifelhafte Passagen über die dort so genannte „südliche Hemisphäre“ finden lassen (was der Text des AK Kiel natürlich auch aufgreift), dennoch: hier wird zumindest versucht, sich außerhalb von gedanklichen Ordnungsmustern der modernen Soziologie mit materieller Realität auseinanderzusetzen. Gerade in Beschäftigung mit dem GES, einem Think Tank, welcher globale Verhältnisse im Rahmen der herrschenden Ordnung reflektiert, stellt sich schon die Frage: In Zeiten einer nie da gewesenen Quantität an weltweiter Akkordarbeit zur Herstellung von Waren, mit denen eine so große Menge an Kapital akkumuliert wird, dass die Finanzmärkte in immer kürzeren Abständen an ihrer Masse zusammenbrechen – akkumuliert, ja, tatsächlich, durch die Abschöpfung des Mehrwerts der Arbeitskraft, und zwar nicht zu Händen der sich angeblich Selbstausbeutenden, sondern zu Buche schlagend in den Bilanzen von Konzernen, deren Macht und Größe sich Marx nicht einmal hätte eralpträumen können – da wird innerhalb der „Metropolenlinken“ (aus dem Aufruf der Anti-GES-Koordination 2011) der politische Charakter der Ökonomie geleugnet und in „Diversitys Management“ und „konkurrierende Lebensstile“ hineinmystifiziert?! Dass sich dies ja nun nur auf die deutschen Verhältnisse beziehe, ist ein naheliegender Einwand. Doch dem AK Kiel dürfte doch klar sein: genau diese globalen Verhältnisse sind der unmittelbare Charakter der gegenwärtigen ökonomischen Struktur, und vor diesem Hintergrund sind „Auflösung der Klassen“ und das Bild eines allgemeinen gesellschaftlichen Subjekts als konkurrenzbasiertes, selbstausbeutendes Sozialatom nur eines: pure Ideologie.

    Nun zurück zum lächelnden Ackermann als Wappen der „Lokomotive Lustprinzip“. Mit der angeblichen Auflösung der Klassen erledigt sich natürlich für den AK Kiel auch das, was für Marx, wenn wir ihn denn „ernst nehmen“ wollen, Konsequenz jeder Aufklärung war: Das Freilegen der Klassenverhältnisse und der jeweiligen Interessen, hin zu einer politischen Praxis – dem Klassenkampf. Eine martialische Rhetorik, mit der verständlicher Weise so Manche_R Probleme hat. Doch begnügen wir uns zunächst mit Aufklärung. Denn bedauerlicher Weise fällt der AK Kiel in seiner aufwendigen Kritik in manchen Teilen noch hinter vulgär-globalisierungskritische Positionen wie denen Attacks, des DGB oder der Linkspartei zurück: Wie kann sich so ausführlich mit dem Problem der Ideologie auseinander gesetzt werden, und dabei nun einmal real existente Instanzen wie die Bertelsmannstiftung, den BdA oder Kampagnen wie die der „Neuen Sozialen Marktwirtschaft“ oder „Du bist Deutschland“ gänzlich ignoriert werden? Die Stoßrichtung der hiermit eingeschlagenen Argumentation zielt auf eine Oberfläche, die der AK Kiel in seinem „Diskussionsbeitrag“ ganz zu Anfang als „Offensichtlichkeit“ abtut. Doch damit setzt der AK Kiel ein undurchschaubares A Priori: Wie lässt sich denn erstmal bewusste Ideologieproduktion (gegen welche sich die Anti-GES-Kampagnen wendeten) erfassen und erklären, bevor sich in bester `68’er Tradition dem „Unbewussten“ des Menschen per se, also der Psychologisierung und Pathologisierung der Subjekte angenommen wird? „[Es ist] kein vollständig unbewusster Prozess, die Ideologien werden als vermeintlich notwendig rationalisiert“, ist die einzige Antwort, die sich im Text des AK Kiel finden lässt. Dem AK Kiel soll an dieser Stelle einfach mal eine außer Verhältnis geratene Beziehung zwischen Induktion und Deduktion unterstellt werden: Es kann nicht sein, was nicht sein darf! Sprich: Ein Bewusstsein von politischer Ökonomie als Planungsgröße in den Vorstandszimmern der Industrie, flankiert im Austausch mit der Politik, erscheint dem AK Kiel entweder als zu vernachlässigender Umstand, oder gar überhaupt nicht existent. Doch der Erklärungsansatz des AK Kiel, auch wenn sich im „Diskussionsbeitrag“ u.a. auf die Krise des Kapitalismus bezogen wird, lässt zu viele drängende Fragen offen. Wie kann es sein, dass sich das Bewusstsein der Sozialatome – für den AK Kiel die Subjekte – immer so zeitgleich mit den verschiedenen Phasen kapitalistischer Akkumulation verändert, wenn es doch nur die ökonomische Ordnungsinstanz des „Diversity Management“ gibt? Platt gefragt: Wie kann es sein, dass außerhalb Deutschlands Ökonomen/_Innen und Medien die deutsche Überproduktion an Waren und den Lohnverzicht deutscher Arbeitnehmer_Innen als wahren Krisenherd innerhalb der Euro Zone ausmachen, aber nicht minder gebildete und ökonomisch bewanderte Politiker_Innen, Medienvertreter_Innen und Wirtschaftsbosse in Deutschland vehement von „faulen und korrupten Südländern“ schwafeln? Hat Ackermann wirklich so wenig Ahnung, als dass er tatsächlich daran glaubt, wenn er das „Schattenbankensystem“ für die Finanzkrise verantwortlich machen will (in seinem Text zum GES 2009, siehe http://geskiel.blogsport.de/images/GESAuswertung.pdf ). Was ist davon zu halten, wenn Wirtschaftsunternehmen und Politik in aufwendigen Kampagnen das Wort „sozial“ definieren als „alles, was Arbeit schafft“, wenn der gleiche illustre Kreis Millionen investiert, um ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass ein_e Jede_r dem Staat etwas zurückgeben solle?

    Natürlich: Das Wort „Ideologieproduktion“ suggeriert, dass „falsches Bewusstsein“ monokausal „von oben“ als Fabrikat auf die entleerten Köpfe der Subjekte verteilt wird. Ein solcher Ideologiebegriff greift aber ebenso zu kurz wie die Analyse des AK Kiel: Zumindest im Bewusstsein der Unternehmensführungen und Politik – dürfen wir sie Bourgeoisie nennen? – scheint die Drohung einer sich selbst bewussten „Klasse“ oder auch „Schicht“ als zu befürchtende politische Kategorie angesichts der globalen Krise des Kapitalismus durchaus zu existieren. In genau diesem Kontext findet die Ideologiekritik der Anti-GES-Kampagnen statt. Die technisch-rationale Verwaltung der kapitalistischen Verhältnisse, in deren Rahmen natürlich auch Selbstausbeutung und Konkurrenz zwischen den Subjekten stattfindet, ist ein weiterer Baustein in der Beschäftigung mit dem GES. Der Komplexität dieser Themen kann ein politischer Aufruf mit Sicherheit nie gerecht werden, und so gesehen ist der „Diskussionsbeitrag anlässlich der Anti-GES-Proteste“ sicherlich auch eine notwendige Vertiefung der Thematik. Doch die Verengung der Sichtweise auf die „Subjektebene“ (allein dieser performative Schritt geht von einem ideologischen Grundsatz des Neoliberalismus aus: der grundsätzlichen „Gleichheit“, a historisch, quasi „vor Gott“) vermag die mediale Krisenrezeption als Kongruent ökonomischem und politischem Krisenmanagement nicht zu erklären.

    Auch wenn dies am Weitesten von dem zu liegen scheint, was sich der AK Kiel als politische Praxis wünscht: Die Konsequenz aus einem Ideologiebegriff, der sich von dem politischen Charakter der kapitalistischen Produktionsweise löst, ist eine schon bald esoterische Abkehr von der gesellschaftlichen Materialität: ‚Wir müssen unser Bewusstsein verändern, um die Welt zu verändern; es liegt an jedem einzelnen – entkoppele dich von deinen falschen Bedürfnissen (Konsum), lebe antiautoritär, und schon lösen sich die Autoritäten auf.‘ Anstatt Aufbegehren gegen konkrete Ausbeutungsverhältnisse – Tarifverträge, Korporatismus der Gewerkschaften, Eigentumsverhältnisse – Kampf gegen ‚Selbstausbeutung‘?! Hier wird der Text des AK Kiel natürlich absichtlich fehlinterpretiert. Doch hinsichtlich einer politischen Praxis könnte genau dies die Gefahr eines Ausklammerns konkreter Herrschaftszusammenhänge bedeuten.

    nosferatomonos

    10. Oktober 2011 at 20:17

    • Jo, viel Text, sehr viel Text, zu viel Text. Ich habe bei solchen Texten (dem Aufruf, der Reaktion vom AK, diesem ) ja eher das Gefühl es geht mehr drum zu zeigen, was man alles weiß, als Kritik zuzuspitzen und an den bestehenden Verhältnissen etwas zu ändern. Auf mich wirken diese Texte alle sehr selbstgefällig. Wen sollen die erreichen? Geht es nur darum sich innerhalb einer Linken zu positionieren oder um den richtigen Standpunkt und die besseren Argumente (oder die bessere Marx-Interpretation) zu wetteifern? Vielleicht habe ich da auch einiges nicht richtig verstanden, aber mir ists irgendwie auch viel zu verschachtelt. Daher ist mein Ansatz in diesem Blog auch mehr Kritik zu formulieren oder auch Debatten anzustoßen – wobei nicht eigentlich im Sinne SOLCHER Debatten, sondern darum immer wieder Kernprobleme oder Missstände zu benennen. Und auf der anderen Seite muss ein Thema dann immer was mit MIR zu tun haben. Weil ich keine Kritik authentisch vermitteln kann, wenn sie mich nicht beschäftigt. Vielleicht suchen wir alle nach einem richtigen Ansatz? Aber ich frage mich bei vielen Texten wirklich, wer mit der Kritik erreicht werden soll, insbesondere wenn ein progressiver oder revolutionärer Ansatz durchscheint? Wie soll eine Umwälzung von Verhältnisse funktionieren? Dadurch, dass sich eine handvoll linker Intellektueller mit Worten bewerfen? Oder dadurch, dass man in der Lage ist eine Sprache zu finden, die viele Leute verstehen – und daraus eigene Erkenntnisse gewinnen können. Und dann im besten Fall einen eigenen Wunsch entwickeln, dass sich die Verhältnisse ändern? Ich glaube an letzterem führt kein Weg vorbei – und das intellektuelle Geplänkel ist mit Humor betrachtet ja ganz lustig, aber wenns ernst gemeint ist, fände ich es Energievergeudung.

      tlow

      10. Oktober 2011 at 22:32

      • … das stimmt, kurz nach dem posten dachte ich auch: eigentlich ist dieser blog auch der falsche ort für diesen text. kam nur, weil hier die kritik des ak kiel angesprochen wurde, und inhaltlich ist dieser text dem, was oben gesagt wurde, auch sehr nah. solche texte können bestenfalls eine „diskursive“ wirkung haben, also eben in jenen universitären/links „intellektuellen“ kreisen (jenseits des vokabulars sind solche texte ja häufig gar nicht so „intellektuell“) kapitalismuskritische meinungen durchsetzen. aber natürlich werden dadurch viele leute ausgegrenzt, weil sie die sprache nicht kennen oder einfach keine lust haben sich mit solchen bleiwüsten (wie es ja auch leider der aufruf zu den anti-ges protesten eine war) auseinanderzusetzen.

        nosferatomonos

        11. Oktober 2011 at 09:06

  4. Die Frage ist und bleibt für mich: Was für praktische Schlüsse müssen wir daraus ziehen, dass Aufrufe wie der Anti-GES Text schlicht nicht verstanden werden und so die Menschen, wenn man nicht gerade neben ihnen steht und es ihnen erklärt, nicht verstehen. Oft sind die Themen der Aufrufe so abstrakt, dass sie gar keinen Bezug mehr zu den Leuten auf der Straße haben. Dadurch kann dann natürlich auch nur eine geringe Wirkung erzielt werden. Das dumme ist: Die sich für linksradikal haltenden gefallen sich in ihrer Rolle als Außenstehende. Anstatt an Bewegungen wie #occupywallstreet oder reale Demokratie jetzt (gutes Video: http://kanalb.org/clip.php?clipId=2797) anzuknüpfen, bespielt jede Gruppierung ihre eigene Anhängerschaft. Und wenn dann plötzlich die Revolution auf der Straße ist, ist die Linke ganz überrascht. Trotzdem würde ich linken Zusammenhängen zugestehen, dass sie bestimmte Entwicklungen anstoßen können, die dann (wie im Video angeklungen) zum Entstehen neuer Arten von miteinander und einem globalen Nachdenken über das was schief läuft auf der Welt führen kann. Revolution bedeutet ein Umdenken von allen, weg von einer Wachstumsgesellschaft und der ungerechten Verteilung des Wohlstands und der individuellen Chancen weltweit. Wenn viele Menschen die Chance ergreifen und sich sagen „Ja, ich kann etwas ändern“, „Das ist meine Angelegenheit“, „Mit mir nicht!“, was viele Menschen auf der Welt – von Chile über Ägypten, Athen bis in die USA bereits tun, dann können, in einem gemeinsamen Austausch auf der Straße, neue Formen der Gesellschaft gedacht werden. „Its time for us to unite – its time for them to listen.“ (http://15october.net/de/)

    ein AKler

    11. Oktober 2011 at 23:37

    • Da wo „ECHTE Demokratie“ gefordert wird, lässt sich natürlich auch prima ansetzen und streiten darüber, was denn ECHTE Demokratie ist. Für manche wird die damit erreicht, dass Volksabstimmungen erleichtert werden. Andere wollen mehr „Selbstbestimmung“ statt lediglich „Bürgerbeteiligung“ oder „Mitbestimmung“. Nur richtige Fragen führen zu richtigen Antworten. Deswegen finde ich Skepsis gegenüber einer zufälligen Bewegung sehr angebracht. Wobei das nicht dazu führen sollte, sich nicht dafür zu interessieren. Letztendlich müssen wir gemeinsame Antworten finden, bzw.einen Konsens in wichtigsten Fragen.

      tlow

      12. Oktober 2011 at 09:04


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