KielKontrovers

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Archive for Oktober 22nd, 2011

Bericht von Occupy Kiel 22.10.11

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Am heutigen Samstag versammelten sich ca. 350 KielerInnen am Asmus-Bremer-Platz, um gegen die Auswirkungen der Krise des Finanz- und Wirtschaftssystems zu protestieren. Es gab dieses mal auch ein Offenes Mikrofon, das allerdings mehrheitlich von Mitgliedern von Organisationen genutzt wurde (aber nicht nur!). Das war auch ganz gut und lockerer als letzten Samstag. Es gab dieses mal auch einen Infotisch.

Es gab schon einige gruselige Sprüche auf Schildern wie „Kein Geld für Zocker! Geht arbeiten ihr Parasiten“ aus dem ATTAC-Dunstkreis [siehe Kommentare, wie ich erfuhr doch „Dunstkreis“.], wovon man sich klar distanzieren sollte. Kein Mensch ist ein Parasit. Die meisten anwesenden Parteimitglieder verzichteten auf Fahnen. Lediglich besonders die DKP und ein wenig die Linke vielen negativ durch Fahnenpräsenz auf. Dies führte dann auch dazu, dass einige Leute bei der Demo entweder gar nicht oder nur unwillig dem Demozug zur HSH-Nordbank folgten. Über den Demozug selbst kann ich nicht aus erster Hand berichten. Am Asmus selbst verblieben keine Aktivisten, woraufhin viele Spätankömmlinge enttäuscht oder erstaunt waren – und einige dann doch noch zum Demo-Endpunkt an der HSH liefen. Die Demo selbst soll am Ende nur noch aus rd. 150 Leute bestanden haben. Somit hat man erfolgreich rd. 250 Leute und somit die Mehrheit der DemonstrantInnen losgeworden – und dafür den eigentliche vorgesehenen Platz verwaisen lassen und auch die Chance verpasst mehr Leute einzubinden.

Bei dem Offenen Mikrofon sprachen ca. 10 Leute – dann wollte man unbedingt demonstrieren. Somit war es leider nicht wirklich geglückt den Ritualcharakter abzulegen. ATTAC startete 10 vor 11 mit Sprüchen zu Finanzmärkten und beschallte und dominierte damit den Platz und die Kundgebung bzw. Versammlung bereits vor dem offiziellen Beginn. Gemessen an der Absicht, dass jede Organisation oder Person eigentlich nur zwei Minuten sprechen sollte war das dann natürlich total ungewichtig.

Positiv war, dass doch viele Leute gerne ihr Wort an die versammelten Leute richten wollten und das die Menschen durchaus politisch interessiert waren an dem, was passierte und auch Flyer gerne annahmen.

Was nicht passierte war, soweit ich das verfolgen konnte, dass sich längere Diskussionen entsponnen hätten. Denn das Ganze hatte dann doch auch nur einen temporären Charakter. Leider fehlte jedes nennenswerte Gegengewicht zu der üblichen Politfraktion. Insofern erscheint die Bewegung jetzt bereits, trotz Verzehnfachung der Anwesenden inhaltlich am Ende angekommen zu sein und ihre Spannung zu verlieren, bevor sich wirklich etwas hätte entwickeln können. Sollte die Bewegung jetzt aber ins populistische Abdriften so würde ich das als selbsterfüllte Prophezeiung derjenigen interpretieren, die bisher die Termine bewusst gemieden haben, weil die Occupy-Bewegung noch zu diffus ist. Ja, wenn man eben nicht präsent ist, dann überlässt man halt anderen Fraktionen wie der DKP das Feld. Da wird dann auch keine Massenbewegung draus entstehen, weil die alten Rezepte und Parolen niemand mehr hinter dem Ofen vorlocken. Das spannende an der globalen Bewegung war ja gerade, dass resignierte oder neue Leute auch auf die Straße gingen. Für Kiel würde ich prophezeien, dass noch Potential für zwei ähnlich oder sogar größere Kundgebungen ist – und dann ist die Luft raus, sofern es da keine radikale Wende gibt. Im Moment sehe ich aber nicht woher die kommen sollte.

Written by tlow

22. Oktober 2011 at 14:06

Interview zu GES, AntiGES und Occupy-Bewegung

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Es gibt ein Interview vom FSK mit Leuten von der AntiGES-Koordination für Leute mit Geduld in 2 Teilen:

Leider sehr zähe Diskussion, die sich u.a. an dem Punkt aufhing, ob sich nicht die Klassen als solches aufgelöst hätten und durch Individualität ersetzt wurden. Dazu nur kurz: Das entscheidende an der Frage, ob es Klassen gibt ist m.E., ob es so etwas wie Ausbeutung gibt. Also gibt es z.B. hierarchische Arbeitsverhältnisse? Leben wir in einer klassenlosen Gesellschaft, die nach oben transparent ist? Haben alle die gleichen Chancen?
Man muss nur zur Tür hinaus gehen und kann feststellen, dass es eben eine Gesellschaft aus Verlierern und Gewinnern ist. Aus „Haves“ und „Have Nots“. Es ist dabei aus meiner Sicht irrelevant ob Leute abhängig beschäftigt oder selbständig sind. Entscheidend ist doch, wie autonom Menschen in der Gestaltung ihres Lebens sind – und wie sehr sie in die Autonomie ihrer Mitbürger eingreifen. Und wir sehen: Ja, es gibt Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Und es gibt Selbständige, die davon leben, was größere Unternehmen outsourcen. Die Arbeitswelt ist vielseitiger und flexibler geworden. Damit aber nicht weniger problematisch oder prekär. Es gibt Leute, die z.B. als Vorarbeiter sowohl Untergebene als auch Gebietende spielen und dabei immer wieder ihre Rolle wechseln. Das macht sie aber nicht freier. Was fehlt ist primär ein Bewusstsein der Einzelnen für die eigene Situation und der Möglichkeiten für die eigenen  Rechte, insbesondere gemeinsam und solidarisch, einzutreten. Individualität ist eine Konstruktion der modernen Welt. Der vereinzelte Mensch, der alleine nach der Befriedigung seiner Bedürfnisse strebt ist leichter kontrollierbar.
Am besten hat das meines Erachtens Adam Curtis in seiner Serie „The Century of Self“ herausgearbeitet, die man auch auf Youtube nachschauen kann:
Jetzt aber diese Konstruktion dieser „Happiness Machines“ als alternativlose Realität zu nehmen – und als Bezugspunkt einer Sichtweise auf Gesellschaft ist gleichbedeutend damit diese kapitalistische Konstruktion auch noch zu adeln. Das Individuum wurde ja eben gerade als Werkzeug zur Zerschlagung von Klasse benutzt. In Deutschland insbesondere auch durch die Propaganda der Nazis. Die dann die Deutschen auf etwas Neues einschworen. Man kann nicht das Ergebnis kritisieren, aber das Werkzeug loben! Menschliche und echte  Solidarität ist ein Gegenmittel gegen die Vereinzelung, die uns bisher zum Spielball von Interessen Dritter macht. Es geht darum zu erkennen, dass die Individualität, so wie sie propagiert wird – und das wir doch alle irgendwie im selben Boot sitzen. Das nicht das Einzelkämpfertum der richtige Weg ist und  Konkurrenz und Gegeneinander nicht das richtige Prinzip sind für eine Gesellschaft und diese Prinzipien in Wirklichkeit uns selbst schaden.

Written by tlow

22. Oktober 2011 at 00:44

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