KielKontrovers

Gesellschaftliches aus Kiel und Schleswig-Holstein

Bericht von Occupy Kiel 22.10.11

with 14 comments

Am heutigen Samstag versammelten sich ca. 350 KielerInnen am Asmus-Bremer-Platz, um gegen die Auswirkungen der Krise des Finanz- und Wirtschaftssystems zu protestieren. Es gab dieses mal auch ein Offenes Mikrofon, das allerdings mehrheitlich von Mitgliedern von Organisationen genutzt wurde (aber nicht nur!). Das war auch ganz gut und lockerer als letzten Samstag. Es gab dieses mal auch einen Infotisch.

Es gab schon einige gruselige Sprüche auf Schildern wie „Kein Geld für Zocker! Geht arbeiten ihr Parasiten“ aus dem ATTAC-Dunstkreis [siehe Kommentare, wie ich erfuhr doch „Dunstkreis“.], wovon man sich klar distanzieren sollte. Kein Mensch ist ein Parasit. Die meisten anwesenden Parteimitglieder verzichteten auf Fahnen. Lediglich besonders die DKP und ein wenig die Linke vielen negativ durch Fahnenpräsenz auf. Dies führte dann auch dazu, dass einige Leute bei der Demo entweder gar nicht oder nur unwillig dem Demozug zur HSH-Nordbank folgten. Über den Demozug selbst kann ich nicht aus erster Hand berichten. Am Asmus selbst verblieben keine Aktivisten, woraufhin viele Spätankömmlinge enttäuscht oder erstaunt waren – und einige dann doch noch zum Demo-Endpunkt an der HSH liefen. Die Demo selbst soll am Ende nur noch aus rd. 150 Leute bestanden haben. Somit hat man erfolgreich rd. 250 Leute und somit die Mehrheit der DemonstrantInnen losgeworden – und dafür den eigentliche vorgesehenen Platz verwaisen lassen und auch die Chance verpasst mehr Leute einzubinden.

Bei dem Offenen Mikrofon sprachen ca. 10 Leute – dann wollte man unbedingt demonstrieren. Somit war es leider nicht wirklich geglückt den Ritualcharakter abzulegen. ATTAC startete 10 vor 11 mit Sprüchen zu Finanzmärkten und beschallte und dominierte damit den Platz und die Kundgebung bzw. Versammlung bereits vor dem offiziellen Beginn. Gemessen an der Absicht, dass jede Organisation oder Person eigentlich nur zwei Minuten sprechen sollte war das dann natürlich total ungewichtig.

Positiv war, dass doch viele Leute gerne ihr Wort an die versammelten Leute richten wollten und das die Menschen durchaus politisch interessiert waren an dem, was passierte und auch Flyer gerne annahmen.

Was nicht passierte war, soweit ich das verfolgen konnte, dass sich längere Diskussionen entsponnen hätten. Denn das Ganze hatte dann doch auch nur einen temporären Charakter. Leider fehlte jedes nennenswerte Gegengewicht zu der üblichen Politfraktion. Insofern erscheint die Bewegung jetzt bereits, trotz Verzehnfachung der Anwesenden inhaltlich am Ende angekommen zu sein und ihre Spannung zu verlieren, bevor sich wirklich etwas hätte entwickeln können. Sollte die Bewegung jetzt aber ins populistische Abdriften so würde ich das als selbsterfüllte Prophezeiung derjenigen interpretieren, die bisher die Termine bewusst gemieden haben, weil die Occupy-Bewegung noch zu diffus ist. Ja, wenn man eben nicht präsent ist, dann überlässt man halt anderen Fraktionen wie der DKP das Feld. Da wird dann auch keine Massenbewegung draus entstehen, weil die alten Rezepte und Parolen niemand mehr hinter dem Ofen vorlocken. Das spannende an der globalen Bewegung war ja gerade, dass resignierte oder neue Leute auch auf die Straße gingen. Für Kiel würde ich prophezeien, dass noch Potential für zwei ähnlich oder sogar größere Kundgebungen ist – und dann ist die Luft raus, sofern es da keine radikale Wende gibt. Im Moment sehe ich aber nicht woher die kommen sollte.

Advertisements

Written by tlow

22. Oktober 2011 um 14:06

14 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. Ein Parasit ist ein Organismus, der an oder in einem anderen Organismus lebt und seine Nahrung oder andere Leistung ohne gleichwertige Gegenleistung von seinem Wirt bezieht. Verhältnis zwischen beiden heißt Parasitismus.(Saprophyt, ähnlich jedoch mit Gegenleistung: Symbiose)

    Ich trug das Plakat auf dem der Spruch mit den Parasiten steht. Im Ganzen: Kein Geld für Zocker! Geht arbeiten ihr Parasiten und auf der anderen Seite meines Plakats : Geld arbeitet nicht-niemals! Sondern wir. Power to the People.

    Ich bin in keiner Organisation und ging im “ Attacdunstkreis“ ohne Verbindung .
    Schließe hier aus Deinem Text allerdings , dass Du persönlich eine Abneigung gegen diese Leute hegst und mich benutzt hast diese schlecht zu machen ohne Dich vorher zu informieren.

    Ein Tipp noch: Kritisier nicht aus der Ferne- bring Dich ein und beweg Dich und wenn nicht, dann sei bitte still!!!!

    LG und schönen Tag noch

    wertz

    22. Oktober 2011 at 15:15

    • Deine Verwendung des Begriffes basiert auf der Zeit der Nationalsozialismus, siehe Wikipedia-Artikel „Wirtsvolk„. Deine Organisationszugehörigkeit ist dabei vollkommen unwichtig. Ich finde solche Sprüche die sich aus dem Nationalsozialismus speisen absolut unpassend für eine Demonstration. Ich hege keine Abneigung gegen Attacies – beobachte aber aus der Richtung oft ähnlich undifferenzierte und bedenklich Phrasen. Das geht über Dein Beispiel hinaus.

      tlow

      22. Oktober 2011 at 15:39

      • Deine Kritik in allen ehren, aber auf der einen Seite zu unterstellen, die 2 Fahnen der DKP halten die Leute vom Demonstrieren ab und auf der anderen Seite öffentlich über einen Spruch auf einem Schild her zuziehen macht nicht viel Sinn. Die Chance nach einer Demo hier öffentlich am Pranger zu stehen motiviert sicherlich jeden sich beim nächsten Mal einzubringen.
        Denk doch mal darüber nach, wenn dir so etwas auffällt die- oder denjenigen gleich anzusprechen. Dann bekommst du vielleicht auch die Diskussion, die dir gefehlt hat.
        Auch ist der größte Teil der Menschen auch bis zur HSH Nordbank dabeigeblieben. Warum viele dann so schnell weg waren, kann ich nicht beurteilen, obwohl ich dabei war.

        Ulf

        23. Oktober 2011 at 18:55

        • Naja wer ein Schild oder Fahne mitbringt drückt damit seine Meinung aus. Da muss man auch damit leben, dass andere Leute das anders sehen – und zwar auch öffentlich (also Aktion und Reaktion auf der öffentlichen Ebene). Wer dann aufgrund von Kritik zuhause bleibt, ht das ganz alleine zu verantworten. Aus vielfacher Quelle wurde mir zugetragen, dass doch viele DemonstrantInnen nicht mitgelaufen bis zur HSH Nordbank. Und da ich auf dem Platz blieb kann ich auch sagen, dass ich bestimmt 20 Leuten noch Auskunft erteilen musste, wo die Kundgebung hin ist. Einige gingen da dann nicht hin. Angeblich war der Demozug auch eher mau. Was mich aber auch nicht wundert, da es m.E. bisher auch keine kohärente Message gibt. In Kiel drehen wir die Bewegung auf dem Kopf: Wir fangen damit an Forderungen zu stellen und kommen darüber in den Konflikt und in Diskussionen. Dabei sollten wir uns mehr Zeit nehmen uns kennenzulernen und gemeinsame Position erst zu finden. Die meisten scheinen dazu aber keine Geduld zu haben?

          tlow

          23. Oktober 2011 at 19:18

    • Ja, mehr Diskussion fordern und dann anstatt vor Ort zu diskutieren mal lieber nach Hause und an den Blog. Super offene Diskussionskultur…
      Kritik zu haben ist ja n Ordnung, aber vor Ort zu sein und auch die für den Blog aufzuheben ist auch eine großartige Unterstützung. Hilft sicher auch um eine niedrigschwellige Beteiligung herzustellen.
      Einbringen und unterstützen ist was anderes.

      Ulf

      24. Oktober 2011 at 19:45

  2. tlow

    22. Oktober 2011 at 15:57

    • Danke für die Korrektur in obigem Text. Ich finde es hat durchaus seinen Reiz/Sinn /Zweck solche Wörter dahin zurückzuschleudern wo sie herkommen. Es ist doch auch eine Spiegelung – zurück zum Sinn des Wortes.
      Verlieren wir uns in solchen Reibereien hat der Weg so viele Kreuzungen, dass nur noch fünf Leute ankommen…
      Vielleicht is Dein Text deshalb so sehr pessimistisch
      Wünsche Dir Leichtigkeit
      LG

      wertz

      22. Oktober 2011 at 16:30

  3. Ich war nicht dort, habe aber über meine Parteimitgliedschaft bei den Linken gestern Abend die Info erhalten, dass heute vormittag auf dem Asmus-Bremer-Platz diese Demo stattfinden wird und ich möchte dazu folgendes erwähnen … unsere Parteispitze hat uns mitgeteilt, wir möchten OHNE FAHNEN !!!!! erscheinen, um den Charakter diese Demo für alle möglichen Gruppen nicht zu stören. Gut, nach Deiner Schilderung scheinen sich manche Leute nicht daran gehalten zu haben … möchte hier aber einmal unsere Leute, die es haben organisieren helfen, dass unsere Mitglieder auch kommen können, hier vor zu krasser Kritik schützen.

    Renate Hafemann

    22. Oktober 2011 at 17:08

  4. Occupy Kiel – Kiel campt! Seid heute Abend (22.10.2011) stehen Zelte vor der Hauptsparkasse an der Bergstraße.

    Es wird noch Feuerholz benötigt. Weitere Aktivisten mit Zelt sind willkommen.

    Momo

    22. Oktober 2011 at 17:46

  5. „Ein Parasit ist ein Organismus, der an oder in einem anderen Organismus lebt und seine Nahrung oder andere Leistung ohne gleichwertige Gegenleistung von seinem Wirt bezieht. Verhältnis zwischen beiden heißt Parasitismus.(Saprophyt, ähnlich jedoch mit Gegenleistung: Symbiose)

    Ich trug das Plakat auf dem der Spruch mit den Parasiten steht. Im Ganzen: Kein Geld für Zocker! Geht arbeiten ihr Parasiten und auf der anderen Seite meines Plakats : Geld arbeitet nicht-niemals! Sondern wir.“

    Ein Börsenmakler, eine Bänkerin, ein Mitarbeiter von Rating Agenturen etc. sind aber keine der Menschheit äußeren „Organismen“, sondern erfüllen notwendige positionen innerhalb des entwickelten kapitalismus: ohne mehrwertschöpfung aus dem bereits abgeschöpften mehrwert der arbeit nicht genug akkumulation zur aufrechterhaltung der kapitalistischen produktionsweise! das so genannte „finanzkapital“ gehört ebenso zur herrschenden klasse wie konzernmanager, staatsspitzen, generäle u.a. vertreterInnen der bourgeoisie. sie arbeiten durchaus (in ihrer funktion) wie wir alle für das kapitalistische prinzip. was verändert werden muss sind die produktionsverhältnisse, also kollektivierung anstatt konkurrenz.

    @wertz: dein kommentar ist wirklich komplett daneben. lies dir mal bitte den flyer, den „einige aus der anti-ges-koordination“ auf der demo verteilt haben durch (ich gehörte nicht dazu) und setzt dich mit dem inhalt auseinander:http://geskiel.blogsport.de/images/occupy.pdf

    quasimodo

    24. Oktober 2011 at 10:54

  6. OccupyKiel verlinkt auf seiner Facebook-Präsenz inzwischen auch auf Alpenparlament.tv, empfiehlt Bröckers und stellt die These auf, das islamische Bankensystem ist der Grund dafür, wieso der Islam vom Westen bekämpft wird. Ich denke damit hat sich die Bewegung auch in Kiel ausreichend selber diskreditiert und kann ohne jegliches schlechtes Gewissen abgelehnt werden!

    mettskillz

    25. Oktober 2011 at 22:13

  7. „Deine Kritik in allen ehren, aber auf der einen Seite zu unterstellen, die 2 Fahnen der DKP halten die Leute vom Demonstrieren ab und auf der anderen Seite öffentlich über einen Spruch auf einem Schild her zuziehen macht nicht viel Sinn.“

    Um ehrlich zu sein, haben meine Freundin und ich genau aus diesem Grunde eine Kehrtwende gemacht. Egal um welches gesellschftspolitische Anliegen es geht; immer werden Demos von bauchlinken Sektierern und Kapitalismus Abschaffern okkupiert und mit entsprechenden Transparenten angeführt. Diese Erscheinung haben wir nicht zuletzt bei der Mensa-Besetzung erlebt, wo bestimmte Mensch/innen letztendlich mit klischeehaften Empörungsdogmen anderen Interessengruppen einen Konsens im Vorfeld unmöglich machen. Ich bin mir sicher, dass mehr Wutbürger mobilisiert werden könnten, wenn der Habitus derer, die den Stein ins Rollen bringen wollen, nicht tief in 70/80er Jahre Protestsemantik verstrickt wäre. Flyer in soziologischem Ulrike Meinhof-Sprech (am besten mit Verzicht auf Versalien) wirken zwar unglaublich revolutionär, gehen aber meiner Meinung nach am Großteil derer, die mobilisiert werden könnten vorbei oder wirken abstoßend. Ich habe zumindest keine Lust beim Protest gegen das Finanzgebaren der HSH Spielbank vor den Karren der Weltrevolution gegen das kapitalistische Schweinesystem gespannt zu werden.

    LK

    8. November 2011 at 08:54

    • Tja, ich fühle mich da immer etwas zwischen den Stühlen: Wenngleich ich Deine Kritik gegenüber DKP aber auch anderen Sektierern/Verschwörungstheoretikern teile. Finde ich es zu kurz gegriffen, dass es sich hier um Proteste „gegen das Finanzgebaren der HSH Spielbank“ ginge.

      tlow

      8. November 2011 at 09:05

  8. Zugegeben, es geht natürlich um mehr als die belagerte Fördesparkasse oder die HSH. Letztere empfinde ich aber wegen ihrer herausragend entfesselten Spekulationsgier und Verschleuderung von Steuergeldern, mit denen man ganz andere Projekte hätte finanzieren können, als bestes S-H Beispiel für mangelnde Kontrolle auf dem Finanzmarkt.

    LK

    8. November 2011 at 18:24


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: