KielKontrovers

Gesellschaftliches aus Kiel und Schleswig-Holstein

Snowers PR-Stunt geglückt

with 13 comments

Bevor Occupy Kiel Camp (OKC) das verabredete Treffen mit Herrn Snower vom IfW (Institut für Weltwirtschaft) hatte, witzelte ich in meinem Bekanntenkreis, in dem ich aus dem  KN-Artikel, der noch nicht geschrieben war zitierte. Sinngemäß „man begegnete sich auf Augenhöhe“. Und dass das Ende natürlich versöhnlich sein würde, ganz im üblichen KN-Stil.

OKC hat getan, worauf sich andere Kieler KapitalismuskritikerInnen nicht einlassen wollten: Eine Photo Op für das IfW und ihren Chef zu bieten. Wer die KN kennt, weiß, wie sie ausgerichtet sind. Kein Wunder, denn als Teil des Madsack-Konzerns haben sie spätestens bei der Massenentlassung der Tabel-Beschäftigten bewiesen, dass sie ganz klar auf Seite der Arbeitgeber sind. OKC hat sie jetzt als neutrale Moderatoren akzeptiert und wurde von Kopf bis Fuß eingeseift. Und der Artikel ist inhaltlich genau das, was ich vorausgesehen hatte – was übrigens keine große Kunst ist für jeden mit ein wenig Resthirn:

  • Überschrift „Rededuell auf Augenhöhe“ und
  • Subtitel „Dennis Snower trifft Occupy“

Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte, als ich das las. Wie bereits bei der Begegnung mit Albig vergisst OKC etwas ganz wesentliches: Wenn man sich als 99% bezeichnet, dann gibt es keine Instanzen an die man sich wendet. Schon gar nicht darf man den Fehler begegnen sich als PR-Gag missbrauchen zu lassen. D.h. Begegnungen mit Persönlichkeiten, die eigentlich auf der Gegenseite stehen nur auf der Ebene der Begegnung auf ECHTER Augenhöhe, dass heißt kein roter Teppich, keine Journalisten und Fotografen und keine Pressemitteilungen im Anschluß! Und da hätte Herr Snower ja wie jede Normalbürgerin ohne besonderen Empfang und großen Bahnhof jeden Tag vorbeikommen können. Aber OKC  hat akzeptiert, dass ein Herr Snower ja was Besonderes ist und haben sogar Journalisten als Moderatorin zugelassen.

Damit verkauft Occupy Kiel Camp ein weiteres mal die ursprünglich Occupy-Idee, die etwas mit Straßenbesetzungen und Systemumstürzen in Nordafrika zutun hat. Schlimmer als ein geräumtes Camp aber ist, wenn eine Bewegung Teil des Systems ist, dass sie kritisiert. Das Ergebnis sind dann Parteien wie der „Arbeiterpartei“ SPD.

OKC zeigt auch ein weiteres mal seine totale Orientierungslosigkeit, die so weit geht bei verschiedenen Gelegenheiten gegen die Ziele von Occupy vorzugehen. Wobei sie immer stets darauf bedacht sind ihren Alleinvertretungsanspruch der Occupy-Ideen für Kiel zu bewahren.

Wahr ist, dass es in Kiel ein breites Spektrum an Gruppen gibt, die kapitalismuskritisch sind und das OKC da nur einen kleinen Ausschnitt darstellt, der nicht mehr KielerInnen auf die Straße mobilisieren kann als andere Gruppen. Keine der Gruppen in Kiel kann dabei einen allgemeinen Anspruch der Vertretung für sich in Anspruch nehmen. Aus meiner Sicht versucht Occupy Kiel Camp als Gruppe von Individuen lediglich die eigene Meinung stärker in den Vordergrund zu drängen, als andere Gruppen das tun. Dabei passierte das, was in vielen kleinen Gruppen passiert: Nur bestimmte Menschen akzeptieren das Camp und kommen regelmäßig. Es bildet sich eine Wohlfühlgruppe, die sich gegenseitig in der Richtigkeit bestätigt. Ja es gibt sicher auch Meinungsverschiedenheiten und Streits – aber alles andere als eine breite Diskussion oder Abstimmungen von vielen KielerInnen. Und die wären ja nötig, um überhaupt eine kritische Masse zu haben, um irgendeinen Anspruch abzuleiten.

Interessant dabei, dass OKC offenbar weniger Probleme mit den VertreterInnen des Systems hat, als mit KritikerInnen oder Unterprivilegierten TortenwerferInnen.

Nun ist das Treffen mit Snower wie voraussehbar PR-mäßig total nach hinten losgegangen. Dennis konnte sich als legerer, toleranter Typ inszenieren, der sogar mit den Spinnern vom Camp redet. Und das Camp gab die Statisten und baute die Kulisse auf, ganz unentgeltlich.

Ja eine Bewegung ist prozesshaft. Leider geht der Prozess bei OKC in die falsche Richtung, Richtung Anpassung und systemstützend. So jedenfalls meine Meinung.

Wie seht ihr das? Bitte um zahlreiche Kommentare (werde alle freischalten!)

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Written by tlow

2. April 2012 um 09:52

13 Antworten

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  1. Würde es begrüßen wenn du deine Kritik bei uns einbringst und versuchst deine Überzeugungen bei uns zu vertreten. Ich denke wir sind immer offen für konstruktive anregungen. Hab mir deinen Artikel durchgelesen und nehme ihn durchaus ernst. Ich werde ihn ausdrucken und später mal im Camp diskutieren. Auch wenn die Diskussion vielleicht gute PR für Snower und Konsorten war hat die denke ich auch Aufmerksamkeit für Occupy Kiel, Attac und Maskenfall gebracht. Der Video-Mitschnitt wird bald zur verfügung stehen uns da kann sich dann ja nochmal jeder ein eigenes Bild der Diskussion machen. Ich denke schon das das Occupy Camp in Kiel durchaus Systemkritisch ist. Am besten man macht sich sein eigenes Bild und kommt einfach vorbei. Ich lade dich Thilo gerne ein uns im Camp zu besuchen und deine Kritik zu diskutieren. Das Camp ändert sich permanent und wir sind alle denke ich noch im am Lernen wir effektiver politischer Kamp für eine gerechtere Gesellschaft funktioniert.

    Jacob

    2. April 2012 at 14:09

    • Ihr macht euch das zu einfach: Einerseits ne Menge Leute verprellen oder via Twitter sperren – sich von Obdachlosen distanzieren – etc. etc. – ich war durchaus mehrfach im Camp, aber bin dauerhaft abgeschreckt – auch durch Geschichten anderer Leute. Ich warte mal darauf, dass sich bei euch was ändert – oder andere Leute was machen, sehe aber eher den Karren im Dreck und denke eher es bräuchte einen grundsätzlichen Neustart.

      tlow

      2. April 2012 at 16:03

  2. die anti ges kampagen 2009/2011 haben das andauernd dialog suchende des herrn snowers mit eiern bzw. farbbeuteln beantwortet. das hat außer ein bisschen schlechter presse gar nix gebracht und daher will ich das jetzt auch nicht als die adäquatere lösung hinsichtlich snowers vereinnahmungsshow als okc’s eingehen darauf hinstellen. doch drückt sich dadurch natürlich auch der stand der inhaltlichen kritik aus. denn gerade das ifw, snower und das ges stehen doch gerade dafür, dass veränderungen des weltweiten akkumulations – und ausbeutungsbetriebes als konsequenz der finanzkrise entworfen und moderiert werden. überwachung des finanzmarktes und abgaben als eine art versicherungsbeitrag auf spekulationen sind steuerungsmechanismen für einen technokratischen postneoliberalismus. und genau da hohlt die ideologie von ifw/ges eben globalisierungskritikerInnen allmählich mit ins boot. notwendige maßnahmen, die z.b. auch der bewegung des kapitals zur konzentration und monopolisierung als ausdruck der krise folgen, werden zu „reformen“ umgedeutet und moderiert. das wesentlich ist die rolle des staates, und dies ist die falle, in die alle staatsappellativen gruppen wie z.b. occupy oder attac zielstrebig laufen: sie sehen nicht, dass der staat gerade mit jeder reform, jedem ordnenden eingriff – inkl. steuerlicher belastung! – technokratischer teil des ganzen wird und immmer mehr mit der logik des kapitals verschwimmt. den staat als vehikel zur durchsetzung von forderungen wider des unweigerlich sterbenden bzw. eigentlich schon toten neoliberalismus benutzen zu wollen verkennt, dass die transformation in einen kaptialismus, der den gegensatz staat/kapital endgültig aufhebt, längst im gang ist. kapitalismuskritik erfordert heute mehr denn je zuvor staatskritik, und zwar substantielle, keine partielle an bestimmten staatsmodellen. die über kn mitgeteilten standpunkte von okc sind aber genaues spiegelbild nicht durchschauter zusammenhänge, an die snower resp. ifw/ges nur zu leicht andocken können. die zahllosen gutgläubigen gruppen und einzelperson beim ges verdeutlichen dies nur zu gut; vllt. gehört okc oder einige aus dem camp beim näxten ges ja auch dazu.
    ich empfehle die auswertung des ges 2009 http://geskiel.blogsport.de/images/GESAuswertung.pdf , vor allem punkt II D) das globale finanzsystem stärken. die fluchtlinien, die sich logisch aus einer analyse des derzeitigen status des kapitals aus der krise ergeben, werden auf dem ges und von parteien bis hin zu einigen positionen bei occupy, attac etc. als gesellschaftliche bewegung wider der krise gedeutet – dass ist aber ideologische augenwischerei

    nosferatomonos

    2. April 2012 at 18:36

  3. Klein-Fritzchen: “Wenn ich mal groß bin, möchte ich Kassierer im Supermarkt werden; denn bei dem vielen Geld, das die kassieren, müssen sie die reichsten Menschen der Welt sein.”

    Auf ähnlichem “Niveau” steht die Aussage: “Die bösen Banken sind Schuld an der Finanzkrise.”

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2011/07/was-passiert-wenn-nichts-passiert.html

    Stefan Wehmeier

    3. April 2012 at 08:28

    • dein link soll ein beispiel für das von dir in deinem gleichnis beschriebene „niveau“ sein, hoffe ich?! geldprodukte – und dazu gehören in letzter konsqeunez auch zinsen – entlasten [!] die arbeitskraft strukturell, solange es wachstum gibt, von einem noch höheren grad der ausbeutung. natürlich ist es eine grundsätzliche ungerechtigkeit, wenn geldprodukte eine politökonommisch stärkere stellung einnehmen als die arbeitskraft, aber dass ist nur einer von vielen dem kapitalismus inhährenten widersprüchen. die vervielfachung der akkumulation des abgeschöpoften mehrwertes der arbeit macht das kapital, wie gesagt, selbst zur produktivkraft, und ermöglicht so das ausweichen des kapitals gegenüber widerstand aus der arbeiter_Innenschaft. solange es ausreichend wirtschaftswachstum zur zinstilgung gibt, bedeutet dies das die löhne nicht direkt belastet werden müssen, um profit aus der produktion zu ziehen, da das kapital quasi „sich selbst“ ausbeuten kann, das ist kein fluch, sondern sowas wie ein temporärer waffenstillstand zwischen den klassen. genau so lässt sich ja auch das aufkündigen von bretton woods und eben das ende des keynesianismus in den 70’er jahren in beziehung zu den starken sozialen bewegungen und heftigen klassenkämpfen in den industrienationen setzten.

      sobald das wirtschaftswachstum dauerhaft einbricht und als folge [!] davon auch die finanzprodukte an mehrwert verlieren, greifen natürlich die besitzverhältnisse an produktionsmitteln, um die akkumulation als direkte ausbeutung der arbeitskraft entlang des von ihr produzierten mehrwertes aufrechtzuerhalten. die mechanismen dazu sind in der von der finanzindustrie geprägten westlichen welt dann natürlich im endeffekt auch zinsen – aber diese sind ja lediglich nur EIN ausdruck der besitzverhältnisse, EINE gesellschaftliche übersetzung. mehr aber auch nicht! die ausbeutung ist unterm strich: der von der arbeitskraft weggenommene mehrwert, also die differenz zwischen lohn und unternehmensgewinn, ganz banal. und genau darauf basiert der kapitalismus. alle geldprodukte, inklusive zinsen, sind lediglich die gesellschaftsspezifische ausdifferenzierung dieses inneren prinzips und haben unterm strich eher noch entlastende wirkung auf die arbeitskraft als belastende.

      in welchem maße die fixierung auf den zins zu einem kompletten gehirnschatten führt, zeigt dein link übrigens spätestens dann deutlich, wenn von „zwei allgemeinenn europäischen kriegen, die sich sogar weltweit ausdehnen ließen“, gesprochen wird um den „Zinsfuß wieder auf eine für den Kapitalismus lukrative Höhe“ anzuheben. nationalismus und nationalsozialismus von all ihren historischen und gesellschaftlichen grundbedingungen zu lösen und nur einem „ziel“ zuzuordnen, nämlich dass die zinsraffer profitieren, ist wirklich das höchstmaß an gesellschafts- und wirtschaftstheoretischer dummheit.

      ein schönes beispiel, wie „toll“ kapitalismus resp. ausbeutung ohne zinsen und andere geldprodukte funktioniert, ist das arabische bankengeschäft (hier kommt auch wieder occupy kiel ins spiel, bei denen ja tatsächlich die these vertreten wurde, der westen führe krieg in der arabischen welt weil das zinslose arabische bankgeschäft ihnen ein dorn im auge wäre). denn die gesellschaftlichen grundbedingungen eines solchen kapitalismus wie er z.b. in saudi-arabien oder dem iran praktiziert wird sind eben direkte, verstärkte ausbeutung: eines riesigen informellen sektor, der vom lohn komplett agbeschnitten ist (v.a. frauen in familienverhältnissen, aber auch zwangsarbeit politischer häftlinge), enorme einkommensunterschiede (v.a. in der ölproduktion), und ein enormer repressionsapparat. so sieht eine kapitalistische gesellschaft aus, die auf geldprodukte, und vor allem auf zinsen, verzichtet! die ausbeutung des kapitals als produktiosnkraft ist neben dem sozialstaat die große konsequenz aus der politischen organisierung der arbeiterklasse im 19. und 20. Jahrhundert: einmalige mehrwert abschöpfung als basis unendlicher akkumulation.

      es ist tragisch dass viele kapitalismuskritische menschen das einfach nciht sehen oder nicht begreifen (wollen), es ist genau das selbe, was ich oben zum ges beschrieben habe: nun werden globalisierungskritische und andere gruppen „mit ins boot“ geholt, um den untergang der finanzwirtschaft, wie wir sie seit den 70’ern kannten, als konsequenz einer geläutererten gesellschaft zu feiern, und damit dann mit pauken und trompeten eine verschärfung der direkten ausbeutungsverhältnisse zu begrüßen. kritik an finanzprodukten ohne kritik des fetisch cahrakter der ware, die die ausbeutung der arbeitskraft entlang des mehrwertes verschleiert, ist immer regressiv.

      nosferatomonos

      3. April 2012 at 10:31

  4. @ kielkontrovers: meine ausladenden ausführungen beinhalten zwar auch schon eine antwort auf deine im artikel gestellte frage, aber nochmal in kurz: ja, ich sehs genauso! occupy (deutschland) sind letztendlich das jubelvolk für einen gesellschaftlichen wandel zur aufrechterhaltung des kapitalismus, der sich bereits klar abzeichnet. sie sehen nicht, dass all ihre oberflächliche kritik, all ihre forderungen längst teil des herrscheinden diskurses sind. die neue, nochmal viel schlimmere kapitalistische weltordnung lässt sich so als gesellschaftlicher konsens inszenieren

    nosferatomonos

    3. April 2012 at 10:52

  5. Nicht, dass es zum Thema passen würde: aber die Frage brennt mir ein wenig unter den Nägeln und der Autor scheint ja was die „alternative Szene“ in Kiel angeht, recht gut informiert. Weiß dieser, oder gerne auch jemand anderes, ob Aktionen, von welcher Seite auch immer, gegen den am Samstag stattfindenden Ostermarsch geplant sind?

    mettskillz

    4. April 2012 at 17:10

    • Konmmentar von einem Mitglied einer „appellativen Gruppe“
      Der Staat ist in einem kapitalistischen System selbstverständlich keine neutrale Institution, sondern strukturell die ökonomische, juritische und politische Agentur zur Durchsetzung von Kapitalinteressen.
      Das ist fast linkes Allgemeingut.
      Daraus zu schließen, dass dieser Staat z.B. in sozialen Interessenkonflikten keine Adresse
      für Forderungen ist, die die soziale Lage breiter Bevölkerungsschichten verbessern, ist m.E. völlig falsch.
      Die Geschichte der Arbeiterbewegung zeigt, dass es Kämpfe um die Verbesserung der sozialen Lage der Arbeiterklasse immer auch mit dem Ziel gegeben hat, gesetzliche Veränderungen zu erstreiten ( z.B. Einführung des 12 Stundentages, Verbot von Kinderarbeit, Streik- und Tarifrecht etc.) Auch wenn in diesen Fällen der Staat der Adressat war und ist, so ist es letztlich eine Auseinandersetzung mit den Kapitalinteressen, die über den Staat als „Agentur“ vermittelt werden. Das macht also systemisch keinen Unterschied zu den direkten Auseinandersetzungen zwischen Kapital und Arbeit. Vor diesem Hintergrund finde ich den vermutlich kritisch gemeinten Begriff: „systemappellativ“ daneben ( netter Begriffscontainer) . Der Kampf um Verbesserungen bzw. gegen Verschlechterungen der sozialen und politischen Verhältnisse im „Hier und Jetzt“ ( auch mit Forderungen an den Staat) bedeutet jedoch nicht, dass das System als Ursache dieser Missstände nicht erkannt wird. Dieser Bezug muss bei allen Forderungen natürlich immer hergestellt werden. Das kommt z.B. in der Parole: „Die Krise heißt Kapitalismus“ gut zum Ausdruck.

      Andreas meyer

      5. April 2012 at 12:43

      • Ja gut, aber warum wurde dann von euch der Kapitalismus als solches nicht kritisiert und warum habt ihr Arbeitgeber auf eurer Seite? Nichts dagegen, dass man sich z.B. gegen Austeritätspolitik wehrt – da der Staat nunmal durch Entzug von Geldern Macht ausübt. Aber man muss dann schon auch die Ursache nennen und für eine andere Gesellschaft kämpfen, anstatt unter dem Strich nur eine Umverteilung zu fordern. Wenn man sich dann nur von Begriffen wie „Revolution“ und „Kommunismus“ distanziert, spricht das m.E. eher dafür, dass man über die reine Appelation gar nicht hinausgehen will. Und somit eben nur an einem „verbessserten“ Kapitalismus arbeitet, genau so wie Herr Snower, Frau Merkel, die Deutsche Bank und viele andere.

        tlow

        5. April 2012 at 12:55

      • das wort war staatsappellativ, nicht systemappellativ. dazu: stichwort steuerabgaben auf börsen gewinne bzw. transaktionssteuern, DIE attack forderung überhaupt; stichwort kontrolle der finanzmärkte (durch staatliche aufsichtsorgane oder what ever); stichwort verstaatlichung der rating agenturen; garniert mit neuen supranationalen organen die dann nicht wie das „böse g8“ nur ein paar, sondern die ganze staatenwelt repräsentieren und unmittelbar in die finanzwelt eingebunden sind … die finanzwelt ist kaputt, und es deuten sich radikale reformen an. die staaten werden institioneller teil des kapitals, also nicht bloß ideeles/juristische interessenvertretung dieses und jenes spezifischen kapitals, sondern des kapitals als gesamtverhältnis. die ewigen krisengipfel müssen auch mal inhaltlich verfolgt werden. technokratischer postneoliberalismus, damit ist nicht der linke allgemeinplatz gemeint, der staat sei ideeler gesamtkapitalist. sondern dass ein weiterer, möglicherweise finaler schritt zur mechanisierung und naturalisierung der politischen ökonomie stattfindet. wenn die staaten als versicherer und aufsichtsräte – moderiert als erfüllung von forderungen, dass die politik doch in die ökonomie intervenieren müsse! – nicht mehr politischer, sondern vollkommen administatorischer teil des ganzen sind, hat das kapital die höchstmögliche authorität, die letztendlich hegemonie erreicht.

        alles nur science fiction?! ich kann nur immer wieder auf die veröffentlichungen des ges zur globalen ökonomie und dem finanzsystem verweisen. und wie sich das dort gesagte immer wieder auf anderen gipfeln wiederholt. die krise seit 2008 ist nicht nur irgendwas, sondern der beginn einer epochalen neuordnung der ökonomie, und die folgt der inneren logik des derzeitigen status des kapitals: getrieben von der strukturellen überproduktion. 2008 kamen viele linke an und sagten: jetzt wird ein fetter krieg kommen, um die kapazitäten wieder auf null zu stellen. was aber, wenn es ohne krieg geht? wie sieht das aus? eben: technokratische verwaltung zunehmend schwankender produktionszyklen, monopolisierung, machtkonzentration durch marktbereinigung. das wissen politik und ökonomie – und versuchen, es zu ordnen.

        wenn du willst, dann guck dir nochmal die verlinkte auswertung des ges 2009 und den punkt das globale finanzsystem stärken an. auswertung 2011 folgt, und da wird auch aufgezeigt werden, wie das, was auf dem ges besprochen wird, teil eines gesamt diskurses ist – in beide richtungen, zur neugestaltung der globalen ökonomie wie auch der vereinnahmung der globalisierungskritischen diskurse.

        nosferatomonos

        5. April 2012 at 15:30

  6. […] Ich übernehme das mal hier, damit sich jede/r ein eigenes Bild machen kann nach dem Bericht in der KN und meinem Artikel: […]

  7. Nachtrag zum Thema „staatsappellative Forderungen“ ( mein Kommentar s.o.)
    Ich habe mich in meinem Kommentar weder von dem Begriff „Revolution“ noch von dem Begriff „Kommunismus“ distanziert.Dazu sehe ich auch keine Veranlassung. Ich glaube allerdings, dass es unter den derzeitigen Verhältnissen, die hier weit von einer revolutionären Situation entfernt sind, nicht weiterhilft, ständig die Revolution zu proklamieren.Natürlich ist es wichtig, die sozialen, ökologischen und ökonomischen Krisen auf die Funktionsweise des Kapitalismus zurückzuführen und daraus die Notwendigkeit einer Systemüberwindung abzuleiten. Wenn dieses zurzeit eher utopische Ziel allerdings nicht mit Kämpfen um Verbesserungen im „Hier und „Jetzt“ verbunden wird, bleibt es abstrakt und für die meisten Menschen politisch unatraktiv.

    Der Einschätzung, dass sich durch die tiefgreifende Finanz- und Wirtschaftskrise ein Funktionswandel des Staates vollzieht ( z.B. Regime der Troika, technokratische Regierungen als Zwangsvollstrecker) stimme ich zu. Die Politik der EZB, das ständige Gerede von der „notwendigen Beruhigung der Märkte“ macht inzwischen schamlos die enge Verknüpfung von Politik und Kapiltal deutlich. Dennoch halte ich auch bei dieser Funktionsveränderung des Staates den Staat für einen notwendigen Adressaten für soziale und politische Forderungen . Dabei geht es um einen Machtkämpfe zur Verbesserung der sozialen, ökologischen und politischen Verhältnisse und nicht um demokratische Illusionen gegenüber einem „neutralen Staat“. Nach wie vor hat der Staat z.B. über Steuereinnahmen, Gesetzgebungen die Verteilungs- und Ordnungsmacht – ob uns das passt oder nicht.
    So, das war es von mir. Damit das keine „neverending story“ wird, werde ich zu diesem Thema keinen
    weiteren Kommentar abgeben.
    ciao!

    Andreas meyer

    6. April 2012 at 13:49

    • hallo andreas, nein dit soll keine never ending story werden, und auch wenn du in diesem teil nicht auf mich sondern tlow antwortest, möchte ich dir hier ausdrücklich recht geben:

      „Natürlich ist es wichtig, die sozialen, ökologischen und ökonomischen Krisen auf die Funktionsweise des Kapitalismus zurückzuführen und daraus die Notwendigkeit einer Systemüberwindung abzuleiten. Wenn dieses zurzeit eher utopische Ziel allerdings nicht mit Kämpfen um Verbesserungen im “Hier und “Jetzt” verbunden wird, bleibt es abstrakt und für die meisten Menschen politisch unatraktiv.“

      über den staat als adressaten von forderungen werden wir nicht zu einer meinung kommen, hat ja auch gründe weshalb wir verschiedenartig organisiert sind 😉 ich befürchte nur, dass eben die technokratie bewegungen des überparlamentarismus auslöst und somit bürgerliche bewegungen wie die nach „mitbestimmung“ oder „transparenz“ bei piraten/occupy im geiste einer „gesamtgesellschaftlichen“ vernunft mitnimmt. aufsaugen der bevölkerung in die technokratische denke: die authorität zur durchsetzung gegen das chaos.

      in gefahr läuft mensch eben nicht, wenn viel eher die direkte auseinandersetzung (bzw. die direkte aktion ;-)) um den mehrwert bzw. gegen die fremdbestimmung gesucht wird (also bei der arbeit, beim arbeitsamt). dafür bedarf es solidarischer strukturen, die die einzelnen schützen, und die versuchen wir aufzubauen.

      sich vor banken hinzuzelten ist eben so abstrakt, dass ein erfolg dann z.b. im „ernst genommen werden“ durch eben jene gesellschaft, die sich in richtung totalitärer krisenverwaltung bewegt, gesehen wird.

      aber jetzt schluss damit!

      nosferatomonos

      6. April 2012 at 15:41


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