KielKontrovers

Gesellschaftliches aus Kiel und Schleswig-Holstein

Video: Snower im Occupy Kiel Camp

with 12 comments

Ich übernehme das mal hier, damit sich jede/r ein eigenes Bild machen kann nach dem Bericht in der KN und meinem Artikel:

Anwesende:

Ich habe mir mal das Video in voller Länge angesehen. Es ging hauptsächlich in der Diskussion, die von der KN moderiert wurde um Umverteilungsfragen, soziale Gerechtigkeit, um „sinnstiftende Arbeit und Leistung die sich wieder lohnen soll. Auch um Hartz IV und das Lohnniveau in Deutschland, sowie um „Raubtiermärkte“ und Steuererhöhungen.

Aus meiner Sicht bewegte sich die Diskussion überwiegen auf einem sozialdemokratischen Niveau. Es wurden zwar Auswüchse des Kapitalismus kritisiert und die Gerechtigkeitsfrage gestellt. Allerdings grenzten sich die Kritiker sehr stark gegenüber Ideen wie Revolutionen ab und der Kapitalismus als Ganzes wurde nicht mit einem Wort hinterfragt. Insofern habe ich nur marginale Differenzen zwischen den Kritikern auf der einen Seite und Snower und Bormann auf der anderen Seite wahrgenommen. Natürlich gibts da Differenzen, aber der Blickwinkel und die Tabus sind die gleichen. Schnittpunkt und Konsens gab es bei der Lösung die in der Umverteilung liegt, wobei Snower halt erst Ziele definieren will und damit eigentlich einen moderneren Umverteilungsansatz verfolgte als die Kritiker, die lediglich auf der grundsätzlichen Notwendigkeit zur Umverteilung beharrten. Snowers Lösungsvorschläge sind hingegen oftmals absurd.

Was hat gefehlt?

Mir persönlich eine Ablehnung des kapitalistischen Prinzips und des Wettbewerbs. Es gab keine Forderungen oder Ideen nach Selbstorganisation von Wirtschaft wie für einen Libertären Kommunismus. Da gibt es viele Denktabus bei den Kritikern, die bei Kommunismus offenbar immer nur an Staatskapitalismus und Stalinismus denken.

Wohingegen ich sagen würde: Wer nicht irgendeine Form eines Kommunismus denken will, will keinen grundsätzlichen Wandel. Der will auch keine Änderung der Eigentumsverhältnisse und nichts an der grundsätzlichen Strukturen und den Mechanismen unserer Gesellschaft verändern. Im Grunde fordern die Kritiker primär höhere Steuern und mehr Staat. Sind damit aber einem staatssozialistischen Wohlfahrtsgedanken alter Prägung näher, als wenn sie über einen aufgeklärten Kommunismus nachdenken würden.

Ausgeblendet wird m.E. vor allem die Tatsache, dass es sich bei Finanzblasen und Wirtschaftskrisen lediglich um Symptome handelt. Man fordert eine Symptombekämpfung dadurch, dass man die Folgen dämpft und den Leuten „sinnstiftende Arbeit“ verpasst. Snower will z.B., dass Langzeitarbeitslose höher subventioniert werden. Damit würden Unternehmen, die diese einstellen besonders gut belohnt. Eigentlich pervers. Wie schon heute in der aktuellen Armutsindustrie. Da wurde aber auch nicht wirklich Kritik laut, dass hier Firmen eine Art Sozialhilfe bekommen – nur weil jemand dort Arbeiten darf. Die Gesellschaft soll das also finanzieren? Letztlich ist diese Idee Snowers aber nicht viel anders als alle anderen Umverteilungsideen.Die basieren darauf, dass man Leute machen lässt, diese ihre Leistung erbringen  – und dann der Staat abschöpft. Im Grunde ja der gute alte Rheinische Kapitalismus.

Also unter dem Strich: Für was geht ihr auf die Straße oder erhaltet das Camp? Für ein wenig mehr sozialdemokratische Forderungen, die so oder anders auch von Parteien gefordert werden? Warum will man nicht einen viel grundsätzlicheren Wandel? Eine hierarchiefreie Welt ohne Chefs z.B.? Warum tut man das als Gleichmacherei ab? Mir scheint da ist das kapitalistische Gedankengut tief verankert und das System als solches zu verändern bereits seit langem verworfen worden. Es geht hier nur um Kosmetik, um Kapitalismus 2.0. Damit seid ihr aber ganz, ganz nahe an Snowers Ansatz.

Klar sind die Wirtschaftsbosse heute alle auf der Suche nach Antworten, wie das System sich erneuern und überleben kann, ohne das etwas grundsätzlich an den Besitz- und Produktionsverhältnissen geändert werden muss. Da sind Vorschläge wie von OKC oder Attac durchaus willkommen. Da ist man durchaus bereit Abstriche zu machen. Momentan wird zwar in Südeuropa die Austerität durchgeprügelt, aber irgendwann hofft man wieder auf Aufschwung und setzt dazu auf eine Fortsetzung der Sozialpartnerschaft und sozialen Frieden zwischen den Klassen.

Erstaunt war ich, dass immerhin die Begrifflichkeit „Klassenkampf von oben“ verwendet wurde. Widerprach dessen Verwendung doch dem sonstigen Konsensgedanken in der Diskussion.

Advertisements

12 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. Du hast zuvor geschrieben „PR-Stunt“ geglückt – und in Bezug auf den KN-Artikel gebe ich dir recht. Du solltest aber zugeben, dass dieses Video aus Sicht Snowers/Bohrmanns ein ziemliches PR-Desaster ist. Du siehst zwar – aufgrund deiner wesentlich radikaleren politschen Haltung – Snower und Occupy grundsätzlich relativ nah bei einander, aber du solltest immerhin wahrnehemen, wie überlegen hier Occupy agiert und Bohrmann/Snower nur noch platteste Metaphern ausspucken. Mehrfach versuchen die beiden Wirtschaftslobbyisten mit eindimensionalen Vergleichen, Strohmann-Argumenten und übler Hetze (russ. Revolution, Blutegel, Neid, Krieg) in einer fast schon verzweifelten Manier ihre immer gleiche Botschaft rauszuhauen. (Keine Steuererhöhungen! Occupy hat ja mit allem recht, aber trotzdem: keine Steuererhöhungen! Wir wissen zwar auch nicht, wie es ohne Steuererhöhungen gehen soll, aber trotzdem: keine Steuererhöhungen! Wir denken ja selbst täglich: wie können wir Finanzierung, aber trotzdem: keine Steuererhöhungen! Warum, können wir jetzt nicht näher erklären, aber trotzdem …)

    Und Occupy?

    Die lassen die richtig auflaufen, zeigen denen, was eine Harke ist, präsentieren denen jeden ihrer dummen Sprüche (russ. Revolution, Blutegel, Neid, Krieg) auf dem Tablett – so, dass es dem Zuschuer nur noch weh tut.

    Ich bin ehrlich gesagt, ziemlich perplex, dass das so gelaufen ist. Ich hätte nicht gedacht, dass sich Snower und Bohrmann als so armselige Würstchen präsentieren würden. Ich bin fest davon überzeugt, dass die alles dafür tun würden, das dieses Video keine öffentliche Resonanz findet.

    Das könntest du auch aus deiner Sicht anerkennen.

    So ärgerlich der KN-Artikel (samt Photo Shooting) auch ist.

    stefle

    5. April 2012 at 01:49

    • Also vielleicht ist das Video besser als der Artikel. Aber ehrlich gesagt finde ich nicht, dass OKC da so ein tolles Bild abgibt. ich merke schon, dass sich da alle während des Treffens unverhohlen freuen, wie cool sie sind. Da wird ja jedes einigermaßen passable Argument beklatscht. Sicher ist das Video auch nicht so steril und geschnitten, wie es ein Bankmanager oder Snower gerne hätte.

      Letztlich aber haben sie da ihre Punkte gut rübergebracht – und von eurer Seite wurden die Grundprinzipien des Kapitalismus nicht mal in frage gestellt. Philipp war auch Stolz drauf Geschäftsführer zu sein. Das hat er wohl deshalb betont, weil er sich ein wenig auf der Gegenseite wähnt. Aber er ist eben auch Arbeitgeber: http://www.getdigital.de/index/jobs/warum/yes – und damit tatsächlich auf der Seite der Ausbeuter (1%) und Teil des Problems und nicht der Lösung.

      Die Lösung ist nicht, dass Arbeitgeber weiterhin Lohnabhängige beschäftigen und dann etwas ehr Steuern zahlen. Die Sichtweise hat man uns mit Trigema schon lange genug im Fernsehen um die Ohren geschlagen.

      Am überzeugendsten hat aus meiner Sicht Jascha argumentiert – auch wenn ich nicht jedem seiner Argumente folgen würde.

      Was ich nicht verstehe ist, warum man nicht, wenn man sich auf Augenhöhe begegnen will, dem Snower sagt er kann ja jederzeit vorbeischauen, wie man es dem Rest der 99% sagt.

      Kritik wäre meinerseits auch, dass da nur Männer saßen in der ersten Reihe. Immerhin hat Frau M.B. ja auch einiges gefragt und gesagt. Ein wenig Geschlechtergerichtigkeit würde den 99% auch besser zu Gesicht stehen. 😉

      tlow

      5. April 2012 at 08:13

      • Das ich nun „Teil des Problems“ und ein „Ausbeuter“ bin, würde ich so nicht uneingeschränkt unterschreiben, aber klar: Auch wenn wir bei getDigital versuchen, ein paar Dinge anders zu machen (siehe u.a. den Text, den Du ja oben verlinkt hast), spielen wir natürlich vor allem im Spiel, das da Kapitalismus heißt, mit. Ich halte die Form, wie wir in unserem Unternehmen wirtschaften, für keineswegs ideal und sonderlich erstrebenswert, aber ich sehe im Moment auch nicht wirklich die realistische Chance, unser Unternehmen anders zu führen und das nicht nur aus dem Grund, dass ich nur 50% der Geschäftsführung stelle und deswegen nicht immer alles durchsetzen kann, was ich gerne durchsetzen würde. Nur ein kleines Beispiel: Trotz der klaren und wiederholten Ansage, dass wir für alle Angestellten bei uns die Gewerkschaftsbeiträge übernehmen (gern auch von der FAU 😉 ), ist bisher keiner unserer 12 Vollzeitkräfte Gewerkschaftsmitglied geworden (und ich denke nicht, dass das daran liegt, dass jemand Angst hätte, als Gewerkschafter Nachteile zu erleiden oder sowas). Falls also jemand von der FAU ne Werbeveranstaltung machen will bei uns: Wär kein Ding, kriegen wir hin 🙂

        Trotzdem halte ich es für durchaus sinnvoll, dass auch mal jemand „von der anderen Seite“ offen für die ganze Problematik ist und das bin ich definitiv. Gerne auch noch radikaler als ich mich oben im Video präsentiert habe, wobei ich dabei auch meine Ansichten etwas zurückgehalten habe, um den Herrn Snower nicht noch mehr zu überfordern 😉

        Ansonsten: Die Vision eines „demokratischen Sozialismus, wie z.B. von Sarah Wagenknecht skiziert, ist im Moment fürchte ich einfach realistischer als der Anarchokommunismus, obwohl ich mir durchaus vorstellen könnte, mit letzterem zu sympathisieren, wobei ich mir im Moment noch nicht klar genug darüber bin, was darunter genau zu verstehen ist. Generell ist aber doch die Frage, ob man es wirklich schaffen kann, einen solch radikalen Schnitt umzusetzen und ob es nicht besser wäre, auch für kleine Schritte zu kämpfen.

        Philipp Stern

        13. April 2012 at 23:14

        • „Ausbeuter“ bedeutet nicht, dass jemand ein böser Mensch ist, sondern identifiziert die Rollen in unserer Gesellschaft. Die ist hierarchisch organisiert. Ob nun in der Politik oder der Wirtschaft. Das Grundproblem ist die Unterteilung unserer Gesellschaft: In Besitzende und Besitzlose und Ausbeuter und Ausgebeutete. Daraus ergeben sich dann viele andere Folgen. Derjenige, der ein Unternehmen besitzt trägt das volle Risiko, kann aber auch alles bestimmen. Unsere Gesellschaft hinterfragt das Eigentum nicht, erlegt nur bestimmte Regeln auf, so dass z.B. ein Chef sich nicht alles erlauben kann. Durch organisierten Widerstand haben Beschäftigte in den vergangenen Jahrhunderten viel erreicht. Es gibt keine 14-Stunden-Tage mehr. Aber die Unternehmen sind primär so organisiert, dass einige wenige an der Spitze stehen und alle anderen für sie schuften müssen. Und das ist nicht etwa so, dass alle gemeinsam beschließen jemanden zu delegieren. Nein, aus diesem Zustand gibt es kein Entkommen, keine demokratische Abwahl der Chefs. Für eine Gesellschaft, die die Demokratie immer und überall im Mund führt ein seltsamer Zustand. Aber unsere Normalität. Und die Lösung liegt nicht darin, dass wir alle Chefs werden. Die Alternative? Eine kooperativer Wirtschaft in der niemand alleine die Produktionsmittel besitzt, auch nicht der Staat – und in der von unten nach oben Leute delegiert werden, die für einen Zeitraum ein Unternehmen leiten – wobei wichtige Entscheidungen von allen getroffen werden. Da kann man auch klein mit anfangen. Als Kollektive, wie z.B. in Hamburg http://www.warenwirtschaften.de oder http://www.cafe-libertad.de. Es ist möglich, wenn man will. Man wird damit nicht reich – und an dem Punkt hören dann Chefs auf, begeistert zu sein, weil „SIE“ ja alles aufgebaut haben. 2012 ist das internationale Jahr der Kooperativen. Einen unidelogischeren Zugang zum Thema bietet http://www.cicopa.coop (Video: http://www.youtube.com/watch?v=KALLFDpuHUE) . Zu Gewerkschaftsmitgliedschaften: Nicht immer stehen Menschen für ihre eigenen Rechte ein. Viele glauben, eine Gewerkschaftsmitgliedschaft wäre Luxus, oder sie sind von Erfahrungen mit Gewerkschaftshierarchien abgeschreckt. Sie merken es erst, wenn die Kündigung ins Haus flattert oder sonst etwas gegen ihren Willen passiert (z.B. ständige Überstunden), dass sie ganz schön alleine dastehen. Und natürlich sind die wenigsten Menschen scharf drauf eine Gewerkschaft von unten neu aufzubauen. Selbst dann, wenn ihnen das volles Mitspracherecht bietet, wie bei der FAU.

          tlow

          14. April 2012 at 07:52

      • Ich fürchte, Du siehst das alles zu schwarz/weiß. Ich persönlich hätte kein Problem damit, unser Unternehmen an die Belegschaft zu übertragen, wenn diese das denn wirklich wollte. Wenn sich da jemand von unseren Angestellten hinstellt und ne Revolution anzettelt: Von mir aus ist das kein Ding, wird der Chef eben gewählt. Macht aber eh keiner 😦 Bereits jetzt ist es übrigens so, dass wir uns als Gesellschafter nichts auszahlen – wir zahlen uns nur als Geschäftsführer ein Gehalt und über dieses haben wir die Belegschaft abstimmen lassen (wobei wir das Abstimmungsergebnis dann nochmal um 1/3 reduziert haben, da es uns zu hoch erschien). Zusätzlich gibt es für alle Angestellten eine Gewinnbeteiligung und in diesem Topf sind wir als Geschäftsführer natürlich genauso mit drin (und bekommen nach einem bestimmten (öffentlichen) Schlüssel _etwas_ mehr als die meisten anderen, aber dafür arbeiten wir allein zeitlich schon deutlich mehr und tragen mehr Verantwortung, unser Stundenlohn ist teilweise niedriger als der von unseren Angestellten). Es ist zusätzlich sogar so, dass wir beide die Firma über viele Jahre alleine geführt haben und fast alle Gewinne von damals in der Firma stecken. Davon zu reden, dass Chefs das Interesse verlieren, wenn man mit etwas nicht reich werden kann, ist in der Verallgemeinerung einfach falsch. Es gibt denke ich sehr viele Menschen, die einfach Spaß daran haben, etwas aufzubauen und zu gestalten und das ist ab einem gewissen Punkt in unserer Gesellschaft nun einmal damit verbunden, Angestellte zu haben. Ich habe nie bewusst geplant, dass ich jetzt mal Chef werde, sondern ich hatte einfach immer Spaß daran, eine Firma zu bauen, die coole Gadgets und T-Shirt verkauft. Irgendwann wurde es dann soviel, dass wir es zu zweit nicht mehr geschafft haben, also haben wir uns Hilfe gesucht und Leute angestellt. Natürlich hast Du Recht, dass wir uns damals auch weitere Gesellschafter hätten suchen können, allerdings kannten wir niemanden, der in Frage gekommen wäre und eine Kooperative ist fürchte ich zur Zeit leider auch nicht wirklich für alle Unternehmenstypen möglich. Neben dem Problem, dass viele Menschen gar nicht unbedingt soviel Verantwortung mittragen wollen, ist es auch einfach schwierig, in Unternehmen, die (auch) eher niedrig bezahlte Tätigkeiten ausführen, das Prinzip „gleicher Lohn für alle“ einzuführen und dann trotzdem noch Menschen zu finden, die die Tätigkeiten ausführen, die eben normalerweise deutlich besser bezahlt werden. Dazu braucht man dann vor allem überzeugte Idealisten, von denen es fürchte ich zumindest zur Zeit allzuviele einfach nicht gibt. Natürlich kann man auch einfach hingehen und die niedrig bezahlten Tätigkeiten outsourcen, aber das machen wir bewusst nicht bzw. nur da, wo es eben einfach nicht anders geht (DHL…). Streng genommen macht eine Kooperative, die mit Kaffee handelt, übrigens auch nichts anderes oder werden die Kaffee-Produzenten alle genauso bezahlt und dürfen mitbestimmen wie die Mitglieder der Kooperative? Man kann einfach in einem kapitalistischen System nicht einfach mal so alles umschmeissen, aber trotzdem ist es doch etwas wert, wenn man zumindest versucht, einige Dinge anders zu machen. Mit Begriffen wie „Ausbeuter“ tituliert zu werden ist da dann einfach nicht sehr hilfreich und konstruktiv (wie auch immer Du es gemeint hast, das Wort steht nun einmal bei den meisten Menschen für mehr als eine abstrakte gesellschaftliche Position).

        Noch was zu Deinem Argument zu den Gewerkschaften: Viele abhängig Beschäftigte lehnen Gewerkschaften auch einfach aus politischen Gründen ab oder sind zu faul, sich mit dem ganzen Thema auseinderzusetzen. Das fehlende Klassenbewusstsein ist ein großes Problem und bei uns im Unternehmen komme ich mir manchmal arg seltsam vor, als Chef gegen meine Angestellten zu argumentieren, dass Niedriglohnjobs scheiße sind, Chefs gewählt sein sollten und Gewerkschaften ne wichtige Sache… Ansonsten: Ohne Einsatz wird es einfach nichts mit der Mitbestimmung, von daher beschreibt Dein Argument, dass viele Menschen nicht scharf drauf sind, eine Gewerkschaft aufzubauen, schon ein großes Teil des Problems. Ich kann aber ja mal die FAU Zeitung bei uns auslegen, nur fürchte ich, dass das zu nichts führen wird…

        Philipp Stern

        14. April 2012 at 16:03

        • S/W-Seher würde bedeuten, das die Welt anders ist. Aber letztlich ists doch so: Du und Dein Kumpan habt den Laden als Eigentum. Und so lange alles gut läuft könnt ihr nette Chefs spielen. Aber dann kommt irgendwann der Zeitpunkt, wo das Geschäft weniger gut läuft – und dann müsst ihr Leute entlassen. Ist ja nun kein Hirngespinst. Da sind viele Läden der Dotcom-Blase mit guter Stimmung irgendwann gelandet. Das „Du“ selbstverständlich in der Firma und irgendwann heißt es dann „Du bist entlassen“. Einen Laden zu besitzen oder nur dafür zu arbeiten ist eben kein feiner Unterschied. Da mag es die besten Absichten geben, gutes zu tun – und auch ein berechtigtes Interesse den Laden nicht zugrunde gehen zu sehen. Aber an dem Punkt scheiden sich eben die Geister. Es geht nicht drum Wohltaten zu verbreiten. Das tut VW auch mit ner Gewinnbeiteiligung. Interessant wirds an dem Punkt, wo die Leute selber Produktionsmittel besitzen. Ich mache mir da auch keine Illusionen: Natürlich existieren auch Kooperativen innerhalb einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung – und es kann auch nicht darum gehen einige Inseln der Glückseligen zu schaffen. Aber irgendwo muss man anfangen und nicht beim sozial-verantwortlichen Unternehmer aufhören. Da sind wir dann auch ganz schnell bei Trigema und dem Affen im Fernsehen. Ich sage nur: Unternehmer gehören zu den 1-Prozent und nicht zu den 99-Prozent, wenn man mal bei dem Bild bleiben will. Weil einfach deren Interessen sich nicht mit denen decken, die nur für sie arbeiten. Und von wegen Desinteressierte Mitarbeiter: Marx unterschied zwischen der Klasse an sich und der Klasse für sich (http://de.wikipedia.org/wiki/Klassenbewusstsein). Also Unterschied: Sich in einer Situation befinden – oder sie auch zu verstehen und gemeinsam entsprechend und bewusst handeln. Wir leben in einer Konsumwelt – das viele Leute mit dem wenigen zufrieden sind, was sie haben – und auch realistisch sind . lieber ein netter Chef als ein Arschloch: Kann ich verstehen. Was nicht heisst, dass der nette Chef nicht doch am Ende nur ein weiterer Ausbeuter ist. Auch wenns Dir nicht gefällt 😉

          tlow

          14. April 2012 at 18:20

      • Ich sagte doch bereits: Wenn meine Angestellten die Firma übernehmen wollen, würde ich sie darin unterstützen. Und mich danach zur Wahl stellen. Es will aber keiner. Was ich soll ich da dann Deiner Meinung nach tun? Es ist doch sinnlos, zu fordern, dass die Angestellten das Unternehmen übernehmen sollen, wenn sie das gar nicht wollen. Wir haben zur Zeit einfach nicht die Gesellschaft, in der soetwas üblich ist und die meisten Menschen folgen gerne dem Mainstream und wollen gar nicht so radikal davon abweichen.

        Der Weg hin zu einer anderen Gesellschaft, in dem die Menschen selbst Verantwortung für die Produktionsmittel übernehmen wollen, kann meiner Meinung nach nicht darin bestehen, unterschiedslos jeden Unternehmer zu verteufeln. Er besteht vielmehr darin, genau die Unternehmer zu fördern, die echte Unternehmer sind und ein Unternehmen mit guten Ideen und Einsatz nach vorne bringen. Das sind allerdings nicht die Manager von irgendwelchen Aktienkonzernen oder die reichen Erben von satten Familienunternehmen. Wenn ein Unternehmen dann eine gewisse Größe und eine gewisse Zahl von Angestellten hat, muss man Wege finden, den Besitz des Unternehmens auf einer auch dem Unternehmer gegenüber faire Art an die Angestellten zu übereignen. Sarah Wagenknecht schlägt dazu eine Steuer zu Gunsten der Angestellten vor, die über viele Jahre (in der Größenordnung 30-50 oder so) das Unternehmen so belastet, dass dessen Besitz an die Angestellten fällt. Wenn soetwas gesellschaftlich etabliert und akzeptiert wäre, wäre es meiner Meinung nach ein gangbarer Weg…

        Eine Sache noch nebenbei, da Du das Entlassen von Menschen scheinbar so dämonisierst: Das sehe ich ich anders. Wenn ich als Chef eines Unternehmens in Mitarbeiterhand kandidieren würde, wäre es Teil meines Wahlprogramms, dass ich nicht über jede meiner Entscheidungen als Geschäftsführer diskutiere, d.h., ich möchte die gleichen Befugnisse haben, die ein Geschäftsführer (nicht ein Gesellschafter) jetzt auch hat und das beinhaltet, Leute zu entlassen. Natürlich könnte man mich jederzeit abwählen, aber wenn die Firma nicht anders zu retten ist, müssen auch Leute entlassen werden. Was ist daran per se schlecht? Natürlich könnte man mich auch entlassen, wenn die Mehrheit der Meinung ist, dass das eben nötig ist, um die Firma zu retten.

        Philipp Stern

        14. April 2012 at 19:32

        • Ah ja, jetzt zeigst Du doch noch Dein wahres Gesicht. Aber zunächst: Hast Du denn Deinen MitarbeiterInnen schon mal ernsthaft euer Unternehmen angeboten? Mir war eher so, als wenn Du Dir nicht mal sicher bist, was Dein Kollege dazu sagen würde?

          Dann zu den „ECHTEN UNTERNEHMERN“ – Au contraire! Das ist ja gerade diese Trigema-Argumentation Es kann nicht um höhere Steuern für die reichen Firmen gehen. Hier haben wir unseren Kerndissenz: Für Dich gibt es gutes und böses Kapital – und der gute Kapitalist zahlt gerne höhere Steuern, damit es mehr zum Umverteilen gibt. Entlassungen sind immer schlecht. Sollte eine Kooperative zu dem Punkt kommen, wo sie gemeinsam entscheiden, dass sie leider nicht mehr alle tragen kann ist das sehr schade, aber wenn ein/e GeschäftsführerIn über die Köpfe seiner Angestellten deren Entlassung entscheidet, dann ist das Teil des Problems. Entlassungen bedeuten, dass Leute arbeitslos werden, weniger Einkommen haben, weniger Rente und auch ihre Tätigkeit und soziale Bezüge verlieren. Das ist immer Mist! Da kannst Du noch so schöne Versprechen machen und Deine MitarbeiterInnen beteiligen – am Ende behälst Du Dir eben vor, alle Entscheidungen zu treffen. Und das Du WIRKLICH Dein Unternehmen mit Deinen Beschäftigten zu teilen bereit bist, will ich erst einmal sehen!

          tlow

          14. April 2012 at 19:50

      • Wir können die Diskussion gerne weiterführen, aber ich schreibe Dir mal per eMail – so langsam plaudere ich fürchte ich zu viele Interna hier aus 🙂

        Philipp Stern

        14. April 2012 at 21:41

  2. […] Kiel gab es ein Gespräch zwischen dem Präsidenten des IfW und Occupy-Aktivisten. Mit dabei auch ein Arbeitgeber auf […]

  3. das interessante an dem video ist tatsächlich eher die erstaunliche plattheit v.a. von snower als die eingaben von occupy, attack und maskenfall. wenn das vllt. etwas abstrakter gesehen werden will: hier zeigen sich die inhärenten widersprüche der bürgerlichen gesellschaft. denn die fragen, die occupy etc. aufwerfen, sind ja eher allgemeinplätze. und dass ein angeblicher „experte“, der pompöse gipfel zur rettung der welt veranstaltet, darauf keine schlüssigen antworten, ja noch nicht mal in irgendeiner weise eine überlegenheit im „wissen“, die sein status ja für sich beansprucht, hat, dann ist das in der tat peinlich für das ifw; aber darüber hinaus ein deutliches zeichen der hilflosigkeit dieser gesellschaft gegenüber ihrer fortschreitenden selbstzerstörung

    nosferatomonos

    5. April 2012 at 09:29

    • um es vorweg zu sagen: ich selbst bin auch mit gemischten gefühlen aus der situation heraus. der kn artikel war, wie vorherzusehen, konsenspropaganda, gleichwohl halte ich die wahrnehmung „nur marginale[r] Differenzen zwischen den Kritikern auf der einen Seite und Snower und Bormann auf der anderen Seite“ tatsächlich für eine reine wahrnehmung, durch die man hindurchschauen müsste. natürlich war dieses system (sagen wir seine kapitalbesitzer und sonstigen steigbügelhalter) nur aus gründen des selbsterhalts daran interessiert, dass eine gewisse durchlässigkeit nach oben besteht. ein „konservatives erhaltungsmärchen“ wie franz walter erst in der fr geschrieben hat. doch obwohl diese möglichkeiten (auch aufgrund der dynamik des kapitalismus) enger geworden sind und nun auf bloße attrappen, diskreditierung und reine ausspielung der menschen gegeneinander setzen, gibt es noch keine hinreichend große zahl von menschen in diesem land, die eine wahrnehmbare gegenrealität schafft (zumindest so, dass es für eine größere zahl von menschen nicht wie exotische kleingärtnerei wirkte). ich würde mir wünschen, dass dem bestehenden system und seinen vertretern öffentlich wahrnehmbar seine eigenen widersprüche vorgehalten würden, so dass sich weniger mit nebelkerzen arbeiten ließe und sich insgesamt wieder ein breites linkes denken herausbildet, das etwa „kommunismus“ nicht assoziiert mit korpulenten sowjetischen militärs mit grimmigem gesichtsausdruck und übertriebener offiziersmütze, sondern für eine diskussionswüdige idee hält.

      Jascha Jaworski

      11. April 2012 at 23:27


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: