KielKontrovers

Gesellschaftliches aus Kiel und Schleswig-Holstein

Occupy Kiel Camp wird geräumt

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Lange Zeit war es still ums Occupy-Camp. Man dachte schon, es würde zur Dauereinrichtung. Es schien soll, als würde es von der Politik akzeptiert – auch Ex-OB und Neu-Ministerpräsident Albig ließ es sich nicht nehmen dort aufzutauchen und Sympathien auszutauschen.

Nun wird es also geräumt. Aber auch die Kündigung der Fläche klingt versöhnlich und Bürgermeister Todeskino spart nicht mit Lob.

Zeit für ein kleines Fazit:

Über das Camp haben sich, wie auch global bei ähnlichen Bewegungen Leute kennengelernt. Das Camp sorgte aber auch insbesondere in der linken Szene in Kiel mehr für Spannungen denn für eine neue Solidarität. Die Geister spalteten sich. Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich sagen, dass der Weg der da gegangen wurde für mehr Auseinandersetzung mit Leuten geführt hat, als dazu an einem Strang zu ziehen. Heute kann man konstatieren, dass die Linke in Kiel nicht geschlossener dasteht als vor dem Camp. Eher gespaltener und weniger eins. Oder vielleicht sind nur manche Bruchlinien und Strategieunterschiede deutlicher geworden.

Klar, so was wie ein Naziaufmarsch wie am Montag ist leichter auf einen Kontra-Nenner zu bringen als die Frage nach dem Ausweg aus einer Krise. Sind es nun Reformen und Parteien, die uns aus der Krise holen, oder braucht es radikalere Schritte, um wieder eine Perspektive zu sehen?

Auf der anderen Seite steht das Camp im Spannungsfeld zur gesamten Öffentlichkeit. Repräsentativ ist es sicher nicht, was da online in der KN zu lesen ist. Aber ich denke die Mehrheit der Kieler hat die Anliegen des Camps nicht als ihre Anliegen begriffen.

Das heisst Sprache und Themen trafen nicht den Nerv der Zeit oder der KielerInnen. Das Camp hatte allerdings einen kleinen und treuen Supporter-Kreis und durchaus einige Sympathien. So falsch ist ja auch die Analyse nicht, das etwas falsch läuft und Dinge anders laufen müssen.

Aber es fängt eben da an, wo die Leute mit dem Bus am Camp vorbei zur Arbeit fahren – zu einem Job in dem sie unterbezahlt sind oder von Entlassung bedroht. Was spricht diese Leute an? Die denken doch zuerst daran, dass sie jetzt im Bus sitzen, während die Leute im Camp sich einen schönen Tag machen. Und sie denken daran, dass diese Fläche vom Steuerzahler, also ihnen bereitgestellt wird.

Natürlich ist das spießiges Denken. Aber diese Leute fühlten sich nicht vom Camp, dem Auftreten und der Propaganda angesprochen. Das Camp vermittelte vielen Leuten eher den Eindruck besserwisserisch zu sein – und gegenüber Kritik intolerant. So mancher hat es sich angeschaut und Gespräche geführt, sich dann aber abgewandt, weil festgestellt wurde, dass die dortige Thesen nicht die eigene Situation berühren oder abstrakter das die dortigen Thesen nicht den Kern der Probleme berühren und ganz allgemein zu wenige Leute ansprechen, als dass man hier einen gemeinsamen Ansatzpunkt über Kritik hinaus zu gemeinsamen Handeln erkennen konnte.

Das Camp war thematisch zwar grundsätzlich kritisch gegenüber den „Auswüchsen“, stellte das System als solches aber nicht grundsätzlich in frage. Die Lösungen waren reformistisch. Für viele Leute war daher absehbar, dass selbst eine Erfüllung aller ihrer Forderungen keine andere Welt und keine Verbesserungen bringen würde, sondern vielleicht ein wenig mehr Gerechtigkeit und etwas mehr Geld in den Staatskassen. Unter dem Strich also eher mehr Vorschläge dafür, wie man das gegenwärtige System etwas länger so am laufen halten kann, wie es läuft. Also eine Verlängerung des Elends und keine Beendigung. Dabei würde ich mich nicht einmal gegen alle Verbesserungen wehren wollen. Die Frage ist aber, ob ich dafür auf die Straße gehen würde. Die Erfahrung zeigt ja, dass am Ende von einer Forderung nur ein Teil umgesetzt wird. Also je geringer die Forderung, desto geringer das Ergebnis. So wurden aus Arbeiterräten Betriebsräte. Und wer was dagegen hatte, wurde erschossen.

Habe ich was gegen Betriebsräte? Ja, natürlich! Aber würde ich deswegen deren Möglichkeiten ersatzlos beschneiden wollen? Wahrscheinlich nicht!

Das Dilemma in der Moderne ist, das es meistens nicht so läuft, wie man will oder wie es ideal wäre. Die Frage ist aber, was passiert, wenn man die Erwartungen weiter runterschraubt und am Ende eben nur noch Reförmchen stehen. Wenn die Leute keine Utopien haben, die sie wirklich umsetzen wollen, sondern stattdessen romatische Vorstellung einer utopischen Lebensweise? Der Vorteil romantische Vorstellung ist, dass man sie nie umsetzen muss. Je realer die eigenen Vorstellungen sind, desto schärfer ist die Kritik an den herrschenden Verhältnissen und um so stärker der Druck zu echten Veränderungen.

Das Camp hat sich überdauert. Spätestens seitdem es selbst von der Politik geachtet und toleriert wurde.  Dann nämlich ist man in der Realpolitik angekommen. Dann geht es mehr darum, ob und wie man in der Öffentlichkeit ernst genommen wird als Gesprächspartner und weniger gefürchtet, weil man eine Bedrohung darstellt für die Art wie bei uns heutzutage Geschäfte gemacht werden. Das Camp war schon sehr früh harmlos und verwirrt. Es wurde da viel dazugelernt, keine Frage – und insofern aus Sicht der persönlich Aktiven sicher eine wichtige Erfahrung in ihrem Leben – vielleicht auch zum Teil wie es nicht geht. Aber es ist schön Sünde, wenn man die Kommentare auf ihrem Blog liest:

  • …Meine Bitte: Räumt den Platz zum 01.09., baut anständig ab und zeigt den leuten, dass ihr keine asozialen Spinner seid. Ihr habt tollen Protest gezeigt, habt Aufmerksamkeit geschaffen, habt trotz Kieler Wetter hoffentlich eine schöne Zeit gehabt und, was ich euch sehr wünsche, Freunde fürs Leben gefunden. …
  • …hallo, na, war ja auch ne schöne zeit und hat sicher viele menschen erreicht und neugierig gemacht. aber, man muss auch nach vorne sehen. Schön wenn diese Fläche auch wieder zum Verweilen und Entspannen wieder zur Verfügung steht. …

Dafür dann monatelang ausharren? Diese nett gemeinten Kommentare könnten vielsagender nicht sein. Genau das, was da rüberkommt wäre mein Hauptvorwurf des Ergebnisses: Am Ende bleibt mehr nur, dass die Leute vor Ort eine nette Zeit gehabt haben. In der gestrigen Pressemeldung des Camps heisst es:

Betreff: Räumungsaufforderung von Bürgermeister Todeskino

Heute, am 16.07.2012 um 13:00 hat das „Occupy Kiel Camp“ am Lorentzendamm die Räumungsaufforderung zum 01.09.2012 von Bürgermeister Todeskino erhalten. Als Begründung wurde unter anderem die Nutzung der Grünfläche als Erholungsfläche für die Kieler/innen, eine mögliche Brandgefahr, als auch die Nutzung der Platzes im Rahmen einer Abstellfläche der „Förde Sparkasse“ genannt.

Wir haben bereits beschlossen, dass wir uns der Räumung am 01.09.2012 friedlich widersetzen werden. „Occupy“ ist eine internationale Bewegung mit Forderungen, die weit über die Landesgrenzen hinausgehen.Unter anderem wollen wir eine Abschaffung aller Schuldenbremsen erreichen, weil sie nur Sozialabbau und mehr Ungleichheit bedeuten. Dies kann nur durch eine Besteuerung der enormen Vermögen in Deutschland erzielt werden. Unabhängig davon, sind viele von uns der Ansicht, dass der Kapitalismus insgesamt als gescheitert anzusehen ist. Die Liste der Forderungen im Rahmen dieser Bewegung ist lang.

Bezeichnend vielleicht auch, dass dies die erste Pressemitteilung ist, die ich vom Camp gelesen habe. Es mag da andere gegeben haben. Und es bleibt der bittere Nachgeschmack, als sich das Occupy Camp unnötiger weise von einem Obdachlosen distanzierte, der eine Torte auf Torten Albig warf. Und bis heute fehlt die Distanzierung von der Distanzierung.

Mein Fazit also unter dem Strich: Teilweise richtige Analysen, die Wut und Verzweiflung kann ich verstehen, den Durchhaltewillen bewundere ich. Aber ansonsten hat das Occupy Kiel Camp so ziemlich alles falsch gemacht, was man falsch machen kann. Und die große Frage ist, was bleibt, wenn es erst einmal geräumt  sein wird? Ich befürchte, dass da viele desillusioniert in den Alltag zurückkehren werden. Damit ist uns dann aber leider nicht viel geholfen.  Wir brauchen auch keine Gruppe, die sich dazu aufschwingt für uns zu sprechen. Wir brauchen mehr Leute, die für sich selbst sprechen. Was für die meisten aber bedeutet erst ein mal sich selber darüber bewusst zu werden, wo man steht oder  welche Probleme man hat. Vorgefertigte Parolen oder Welterklärungsmuster taugen da wenig. Da ist die eigene Befindlichkeit – und daraus lässt sich was ablesen, man kann merken: Man ist mit diesen Problemen nicht alleine. Und daraus lässt sich vieles ableiten. Was nicht funktioniert ist mit dem Holzhammer  angebliche Wahrheiten in die Köpfe der Leute kriegen zu wollen, sie zum Aufwachen bewegen. Die Leute tragen eigentlich ihre Lösungen schon in sich – die brauchen keine Indoktrinierungen.

 

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Written by tlow

16. Juli 2012 um 23:42

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