KielKontrovers

Gesellschaftliches aus Kiel und Schleswig-Holstein

Enttäuschende Debatte

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Uninspiriert und den Erwartungen entsprechend ohne Überraschungen verlief die Veranstaltung in der Halle 400 um das Amt des Oberbürgermeisters. Kein Kandidat konnte wirklich überzeugen. Herr Cravan hatte sich schon im Vorfeld verabschiedet. Bis zum Schluß wollte ich nicht aushalten, Am Eingang der Halle wurden Taschen kontrolliert, die BesucherInnen konnten Fragen auf Karten schreiben, aber so lange ich da war (bis ca.  22.20 Uhr) kamen nur Leute dran, die direkt an die beiden Mikrofone gingen. Die Halle war voll, das Interesse groß. Viele Leute waren aber auch in Abendgarderobe gekommen – betrachteten es offenbar eher als gesellschaftliches Ereignis – Sehen und Gesehen werden.

Bitter war es sicher für die Kandidaten, als ganze Ströme von ZuhörerInnen so ab 22 Uhr die Halle verließen, gerade auch bei einer längeren Ausführung von Gert Meyer.

Frau Gaschke kann gut und schnell reden. Das steht fest. Allerdings ist bei ihr de Anteil an heisser Luft auch am größten.

Ein älterer Herr beschrieb seine Frustration am Mikrofon, dass ihm sein Kleingarten genommen wird, den er seit 50 Jahren gepflegt hat. Frau Gaschke sagte zu ihm, dass ihr das persönlich für ihn ja sehr leid tut, aber das Kleingärten ja generell nur eine ZWISCHENNUTZUNG sein würden. Das bedeutet sie betrachtet Kleingärten lediglich als Steinbruch für eine andere, gewinnbringendere Nutzung. Ich denke selbst wenn man für eine Umnutzng von Kleingärten ist –  auch im Falle des Möbel Kraft-Geländes, ist es doch noch ein größerer Schritt Kleingärten einen Wert an sich vollkommen abzusprechen und zu propagieren alle Kleingärten bei Bedarf platt zu machen.

Frau Gaschke machte an diesem Abend jedenfalls deutlich, dass sie kaum die Kandidatin ist, die sich jemals für Kleingärten einsetzen würde.

Gert Meyer wurde auf dem falschen Fuß erwischt, als er Alternativen zur Stadtregionalbahn nennen sollte und ihm dazu lediglich Elektrobusse einfielen.

Ein Gast wies dann daraufhin, dass Elektrobusse eher im Niedergang oder experimentell wären. Ich habe dazu auch noch mal kurz recherchiert. ich denke man muß unterscheiden zwischen Oberleitungsbussen und deren Niedergang und moderneren Konzepten wie Busse mit Akkumulatoren oder Brennstoffzellen. Ich glaube auch nicht, dass das eine Alternative sein kann. An die Leistungsfähigkeit schienengebundener System reicht eben kein Bussystem heran. Deswegen hatte die letzte Straßenbahnlinie 4 in Kiel damals m.W. auch 60% des Gesamten ÖPNV-Verkehrs bewältigte.

Ich denke allerdings auch, dass die Stadtregionalbahn insgesamt zu ambitioniert ist und man lieber klein anfangen sollte. Kiel ist nicht Karlsruhe, insbesondere was die Wirtschaft und Bevölkerungsdichte angeht. Insbesondere das ÖPP-Modell bedeutet, dass die Infrastruktur ausgebaut wird, aber dann nicht die Stadt Kiel oder die KVG diese Infrastruktur besitzt. also wenns dumm kommt, muss der Betrieb bezahlt werden, ob es nun Gewinne abwirft oder nicht – aber man HAT auch nichts. Zudem zahlt man dann keine niedrigen Kommunalkredite, sondern die Zinsen auf dem freien Markt. Würde Kiel Zahlungsunfähig könnte ie Infrastruktur dann dauerhaft Privatbesitz werden und Kiel bleibt auf den Schulden sitzen. Geld weg und keine SRB.

Aufgefallen war mir außerdem, dass Jan Barg ausgerechnet zum Thema SRB laut dem Moderator nichts sagen durfte, weil er dazu angeblich eh schon seine Meinung kundgetan hatte!?

Subjektiv nahm das Thema SRB zu viel Platz ein. Jugendliche fragten, wie denn die Bewerber  Politik attraktiver machen könnte. Irgendwie kam man dann auf Cathy Kietzer und das Projekt „Jugend im Rat“. Sucht man bei Google kommt man hierhin. Auch in der internen Suchmaschine der Stadt Kiel ist nichts zu finden.  Was meinen die PolitikerInnen wohl, was die jungen Leute denken, wenn sie gleich ihr Smartphone gezückt haben und gleich das Angebot gesucht haben? Genau.

Das Konzept von „Jugend im Rat“ ist auch sicher gut gemeint, aber schlecht gemacht. In einem Artikel in der KN aus 2009 findet man:

So lernten die Jugendlichen die Abläufe der Selbstverwaltung kennen, könnten in die Rolle von Oberbürgermeister und Stadträte beziehungsweise von Mitgliedern verschiedener Fraktionen schlüpfen, um zum Beispiel über den Bau eines Freizeitbades zu entscheiden.

Das Problem dabei ist, dass die Selbstverwaltung sehr formalisiert ist. Es ist für Jugendliche kaum attraktiv zu lernen sich diesen formalisierten Gepflogenheiten zu unterwerfen. So toll ist das für die nicht, in diese Rollen zu schlüpfen. Jugendliche haben Ideen und wollen die umsetzen oder umgesetzt sehen. man tut Jugendlichen einen größeren Gefallen, wenn man ihnen ermöglicht tatsächlich mitzuentscheiden, als wenn sie so tun sollen als würde ihre Diskussion etwas verändern.

Es gab auch 2011 eine große Einwohnerversammlung der Stadt Kiel auf der Vorschläge von EinwohnerInnen gesammelt und beschlossen wurden. Diese sollten dann im Rat vorgelegt werden. Bisher sind diese Vorschläge aber nicht im Rat vorgelegt und beschlossen worden.

Für die BürgerInnen der Stadt wird dadurch deutlich, dass man nicht weiß mit Ihnen umzugehen und das sie am Ende doch als etwas betrachtet werden, die dem reibungslosen Ablauf im Wege stehen.

Ursache ist dabei m.E. eben das Prinzip der Repräsentation. Bürgerbeteiligung soll als Korrektiv geben, aber der/die OB und die Ratsversammlung sind die eigentlichen EntscheiderInnen. Dadurch entsteht aber ganz natürlicher weise ein Widerspruch, weil die Ratsversammlung oder der/die OB ja nie so entscheiden werden, wie es allen BürgerInnen recht ist – nicht einmal einer Mehrheit. Ich denke z.b. nicht, dass ein Abreissen von Katzheide in Kiel eine Mehrheit in der Bevölkerung finden würde. Frau Gaschke hat mir übrigens auf meine Frage „Was können Sie den GaardenerInnen konkret versprechen, was den Erhalt des Freibads angeht und wie wollen sie den Erhalt finanzieren?“ bei abgeordnetenwatch.de geantwortet:

so wie es gelungen ist, eine Lösung für den Weiterbetrieb des Eiderbads Hammer zu finden, befürworte ich, dass auch nach einer Erhaltslösung für Katzheide gesucht wird. „Versprochen“ habe ich nichts. Aber wir sollten es versuchen!

Also keine Versprechen, nicht einmal eine Auseinandersetzung mit den Details des Falles von Katzheide.  Darauf können wir also auch nicht setzen.

Die BürgerInnen machen immer wieder diese Erfahrung: Wenn man sich auf PolitikerInnen verläßt wird man fast immer betrogen. Wählen soll man sie, ja – aber mehr auch nicht.

Im übrigen hat Herr Tietze auf der Veranstaltung auch das böse Wort „Bürgerhaushalt“ zum ersten mal erwähnt. Zur Erläuterung: das bedeutet in der Praxis meist radikale Einsparungen, aber anstatt das ein OB die Entscheidung darüber trifft, welche KiTA geschlossen wird, treffen die BürgerInnen diese Entscheidungen „selbst“ nach Vorgaben durch die Verwaltung. Man fördert damit die Illusion, das die BürgerInnen mitentscheiden dürfen, aber im Grunde überläßt man es ihnen bzw. der Mehrheit die „Grausamkeiten“ selber vorzunehmen, ohne das sie wirklich auf Art und Umfang Einfluß hätten. Damit werden wir nicht mehr Demokratie bekommen.  man verschiebt dabei nur die Verantwortung auf  „das Volk“. Das ist ein ähnliches Prinzip wie sowieso oft bei der repräsentativen Demokratie üblich: Kritik an den gewählten VertreterInnen gilt als unschick. Man „hätte sie ja gewählt“. Ich war zur letzten Bundestagswahl so froh nicht bgewählt zu haben, weil ich am Abend hören mußte, dass wir Bürger ja alle die „FDP“ gewählt hätten. Da wußte ich: Nein, das waren nur, die, die gewählt hatten. Mit einer Wahl wählt man immer zwei mal: Zum einen für die Partei oder Kandidatin und zum anderen für das System. Wer SPD gewählt hat, legitimierte die FDP dazu die Steuern für Hoteliers zu senken. Klingt unlogisch, ist aber so. Mehrheiten spielen dabei immer weniger eine entscheidende Rolle. Die Köpfe ändern sich, die Politik bleibt unter dem Strich die gleiche. Und deshalb bleiben auch immer mehr WählerInnen am Wahlabend zu hause. Die wissen nämlich genau, wann es sich lohnt aktiv zu werden.

Das das nicht zum Aufruf zur Inaktivität gewertet wird: Ich bin sehr für aktive Menschen. Aber es heißt nicht umsonst „Stimme abgeben“. Das ist zu einfach. Das funktioniert nicht. Wer wirklich etwas ändern will, muss sich anders einbringen – nicht in Parteien und nicht nur alle 4 Jahre, sondern für Themen einstehen, Gleichgesinnte suchen, Öffentlichkeit schaffen, protestieren, demonstrieren,…

 

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2 Antworten

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  1. Kleingärten eine Zwischennutzung ?
    Frau Gaschke ist sicherlich noch nicht darüber informiert, dass Kleingärten durch ein Bundesgesetz geschützt sind. In Kiel sind alle Kleingärten „Dauerkleingärten“ gemäß Bundeskleingartengesetz. Diese als Zwischennutzung zu bezeichnen zeugt von totaler Unkenntnis und völlig falscher politischer Auffassug. Eine Kleingartenanlage, die schon seit 1830 besteht, kann wohl kaum eine Zwischnutzung sein.
    Von einer OB Kandidatin erwarte ich deutlich mehr für die ca. 10800 Kleingärtner in Kiel.
    Wenn alle 10800 Kleingärtner mit Partner und Verwandten diesen Ausspruch von Frau Gaschke kennen würden, hätten wir in Kiel endlich mal wieder Einigkeit in Bezug auf die Wahl zum OB. Nur nicht zum Vorteil von Frau Gaschke. Herr Meyer hätte wohl schon im ersten Wahlgang gewonnen und die SPD würde sich zukünftig mehr Gedanken über ihre Kandidaten machen.
    Wir warten ab was kommt !!!
    MfG Thomas Gadow

    Thomas Gadow

    9. November 2012 at 12:32


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