KielKontrovers

Gesellschaftliches aus Kiel und Schleswig-Holstein

Religionskriege #tegida #pegida #kigida #kielweltoffen

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Die Geschehnissen rund um den Fundamentalismus in Deutschland und Europa werden jede Woche surrealer. Es geht um Überzeugungen und um gesellschaftliche Werte. Der Anfang der Phase war für mich einerseits der Wahlerfolg der rechtsra<ikalen AfD das überraschende Auftreten von HOGESA. Vielleicht wurde diese aktuelle Entwicklung auch wegbereitet durch Thilo Sarrazin und sein Buch. Anstatt den Mann als Spinner abzutun und zu meiden, wurde er vielerorts eingeladen und bekam nur selten das zu hören, was er verdient hätte:

Bisher fokussierte sich unter PEGIDA vor allem in Dresden ein dumpfer antiislamischer Reflex von Teilen der Bevölkerung. Vielleicht hat es eben zu sehr daran gefehlt, dass öffentlich die Thesen auseinandergenommen wurde, mit wenigen Ausnahmen wie z.B. von Jakob Augstein. Oder aber: Er und seine Thesen wurden ZU ERNST genommen.

In Kiel hat sich mittlerweile auch ein vom DGB initiiertes Bündnis gegen derartige Bestrebungen auch in Schleswig-Holstein „Das ist unsere Stadt – die Kiel Region ist weltoffen!“ mit einer angekündigten Demonstration am 27. Januar um 18 Uhr auf dem Wilhelmplatz [facebook seite].

Die Wurzeln der Konflikte liegen m.E. darin, dass die Sichtweise aufeinander doch eher von Rassismen und der Betrachtung als Kulturkampf gesehen wird. Und zwar von vielen Seiten. Angefangen damit, dass George W. Bush seinen Irakkrieg als „Kreuzzug gegen Terroristen“ bezeichnete. Christentum und Islam haben in der Vergangenheit viele Konflikte weltweit ausgetragen. Es kommt in vielen Ländern auch zu einer Gleichsetzung zwischen Christentum, Kapitalismus, „dem Westen“ und den Kriegen und Bürgerkriegen, die in vielen Ländern stattfinden (z.B. Libyen,Irak,Syrien, Afghanistan). Allerdings gehen islamisch-fundamentalistische Bewegungen viel weiter und stellen vielerorts primär eine Bedrohung derjenige dar, die einen anderen Islam leben wollen.

In einer zutiefst verunsicherten Welt mit vermehrten Hungerkrisen, steigenden Lebensmittelpreisen, steigender Arbeitslosigkeit und zunehmender Verteilungsungleichheit werden sowohl in Deutschland als auch anderswo in der Welt einfache Lösungen und Erklärungen gesucht. Insofern ähnelt PEGIDA z.B. sehr den in Deutschland aktiven Salafisten. Es gibt bei diesen Ansätzen die prinzipiell gegenüber Fakten und anderen Sichtweisen verschlossen sind aber kaum eine Lösung und Diskussion. Es wäre auch falsch zu versuchen mit den Extremen zu feilschen. Egal um welches Extrem es sich handelt.

Im Grunde wäre ein Ausweg für viele Konflikte die Besinnung auf die gesellschaftlichen Werte, die Religion explizit ausklammern. Was jemand glaubt oder nicht, soll doch seine Sache sein. Weder gehört ein Gottesbekenntnis in die Verfassung noch die Regeln der Scharia. Der Versuch eine bestimmte Kultur oder Religion als massgebend für unsere Gesellschaft oder unser Zusammenleben durchzusetzen oder zu fördern wird immer auf Widerstände und das Betonen der Gegensätze führen.

Die Anschläge auf Charlie Hebdo in Paris sind nicht erklärbar ohne einen Blick auf die Kolonialgeschichte von Frankreich, z.B. die in Algerien (Algerienkrieg 1943-1962) oder aktuelle Kriege. Als Begründung für die Motivation von den Attentätern greift man denke ich zu kurz, wenn man es ausschließlich auf Karrikaturen von Mohammed zurückzuführen versucht. So wurde von einem Mitglied der Gruppe laut Wikipedia auch ausgesagt, dass Frankreich als Ziel „wegen seiner Rolle im Krieg gegen den Islam und unterdrückte Nationen“ ausgewählt wurde. Insofern lenkt die Reaktion „Je suis Charlie“ auch vom großen Ganzen ab. Insofern hat der Anschlag zumindest im Westen sein Ziel verfehlt, denn hier wurde es mehr als Attacke auf harmlose Karikaturisten verstanden, nicht als Reaktion auf das Handeln des französischen Staates.

Wenn man Motivationen verstehen will, dann reicht es nicht aus, von sich selbst auszugehen. Ebensowenig wie davon auszugehen, dass es ein einfaches Gut und Böse gibt, oder einer Überlegenheit eines Denkens oder eines Gesellschaftsentwurfes. Gerade von Deutschland aus ist olitisch bereits im späten 19. Jahrhundert aggressive Expansionspolitik betrieben worden. Also alles andere als Toleranz. Und die jüngste Geschichte mit der quasi-Abschaffung des Aslyrechtes, den Überfällen auf Migrant*innen in den 90ern und die vertuschten NSU-Morde sprechen eine andere Sprache, als die einer weltoffenen Gesellschaft.

Insofern ist es zwar begrüßenswert, dass die derzeitige Kieler Initiative an positive gesellschaftliche Ideale wie „Weltoffenheit“ appelliert. Doch wäre es noch schöner, wenn diese Ideale auch gelebt würden. Z.B. dadurch das DGB und IG Metall auch konsequenter weise auch Waffenproduktion und Waffenexporte (in und aus Kiel heraus) ablehnen würde.

Friedfertigkeit und Toleranz sind an sich hohe Ideale in unserer Gesellschaft, werden aber ständig negiert. Und genau dies führt zur Radikalisierung von jungen Menschen in betroffenen Kriegsregionen und auch von hier lebenden Migrant*innen. Hier gibt es also einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung. Diese Debatte findet leider kaum statt. Natürlich kann es keine Rechtfertigung für Mord geben, sei es nun die Ermordung von Geiseln, die Todesstrafe oder Todesopfer als „Kollateralschäden„. Immer dient die Gegenseite als Rechtfertigung der eigenen Reaktion und dadurch ein Aufschaukeln von Gewalt. Genau das haben wir und erleben wir im Ukraine-Konflikt. Keine der Seiten ist hier unschuldig und insbesondere Deutschland hat viel zur Radikalisierung des Konfliktes beigetragen.

Solange sich deutsche Politik in der Gedankenwelt der Islamkonferenzen abspielt, wo zum Teil besonders radikale Gruppierungen mehr Einfluss haben, als diejenigen, die sich gar keiner Religion zugehörig fühlen, wird sie die Ursachen der Konflikte nicht überwinden.

Ich denke nicht, dass in Kiel ein besonders fruchtbarer Boden für Bewegungen wie PEGIDA vorhanden ist. Aber ich finde es auch gut,  dass Bündnisse gegen solches Denken und Bestrebungen gegründet werden. Ein Zipfel Wahrheit ist schon dran, an der ganzen Debatte: Zu lange wurden Thesen ala Sarrazin, Schäuble, Schily, NPD, AfD einfach geschluckt und unwidersprochen weiterverbreitet. Und nach wie vor ist die Dialogbereitschaft mit PEGIDA bedauerlicherweise viel höher als mit den gesellschaftlichen Kräften, die sich für ein friedliches Zusammenleben einsetzen. Aber diese Zeit beinhaltet auch die Chance tatsächlich mit manchen Mythen und Verschwörungstheorien aufzuräumen, die doch auch Leute an die Wahlurnen treiben und auch die deutsche Politik im In- und Ausland mitbestimmen.

Written by tlow

21. Januar 2015 um 14:54

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