KielKontrovers

Gesellschaftliches aus Kiel und Schleswig-Holstein

Das Kreuz mit der #Kreativität #kulturwirtschaft

with 3 comments

Früher nannte man es „Kultur“, heute wird „Kreativitär“ als universeller Konkurrenzfaktor zwischen Städten und Regionen betrachtet. Ein Licht wirft darauf der aktuelle Artikel in der SHZ „Attraktive Stadt: Werbung für den kreativen Archipel„. Der ideologische Hintergrund ist die Ideologie, dass der Einzelne der Motor für die Gesellschaft ist. Im Kern die Ideologie des „Objektivismus“ von  Ayn Rand.

Alles was mit bestehenden realen Ressourcen zum Anfassen arbeitet, ist stärker im Wachstum begrenzt. So war z.B. zu Präsident Clintons Zeiten die New Economy besonders beliebt und gefördert. Das Internet versprach als eigene Welt, als New World ein unbegrenztes Wachstum. Man war der Meinung, dass das Wachstum hier keine weitere Wirtschaftsblase sein könne. In den 2000er Jahren stellte sich dann doch heraus, dass auch hier die Bäume nicht in den Himmel wachsen.

Genau so stellt auch die Kulturwirtschaft, die im Blairschen Großbritannien als Begriff an Populariät gewann eine Projektionsfläche für Politikerphantasien dar.

In dem SHZ-Artikel spricht bezeichnender weise der Geschäftsführer der Kieler Wirtschaftsförderung:

Von Musik bis zu Literatur, von Architektur über Werbung zur Darstellenden Kunst – Kiel kann vom „Output“ seiner drei Universitäten zehren. Insbesondere von Design und Software-Entwicklung verspricht sich Kässens starke Impulse für die Marke Kiel.

„Marke“ – darauf wird alles reduziert. Das ist kein Begriff aus der Kultur. Es ist eine Verengung auf die wirtschaftlich Ausbeutbarkeit kreativer Tätigkeiten. Bezeichnender weise hat Kiel vor einiger Zeit den letzten  Platz der 30 größten Städte Deutschlands bei der Kultur eingenommen.

Bei der Kulturwirtschaft wird gerne der Begriff der „Künstlerischen Intervention“ genannt. Hier wird versucht Probleme mit einem künstlerischen Ansatz „von außen“ zu lösen. Bei Social Entrepreneurship wird wiederum versucht soziale Probleme mit marktwirtschaftlichen Ansätzen zu lösen.

Und wenn wir mal konkret werden, so gab es zwei Projekte, in der Sie Stadt ein wenig Freiraum gegeben hat für „Kreative“. Das eine war die Lessinghalle und das andere war/ist die Alte Muthesiusschule („Alte Mu“).

Man hat sogar einige hübsche Werbevideos gemacht:

Aus Kiel:

Aus der Region:

Dabei erscheint diese Bewegung im hohen Maße selbstreferenziell. Man erdenkt einen neuen Begriff wie Kultur- und Kreaktivwirtschaft, macht Veranstaltungen dazu und stellt selber die Videos her, um den Prozess zu dokumentieren und zu bewerben. Nutzt dabei aber die Möglichkeiten der Werbung, um in den Videos stilistisch eine investigative Note einzubringen, die in ihrer Stupidität aber eher offenbarend ist.

Gemein ist diesen Ansätzen, dass sie nicht etwa die Kassen öffnen für Kultur und Kunst. Es geht mehr darum Künstler und Kunst zu benutzen für Firmen oder für Marken wie „Kiel“, „FH“, „Uni Kiel“. Die Aktiven und Propagandisten haben dabei auch brav ihre Lektion gelernt. Der Witz dabei ist: Nichts könnte tödlicher sein für so etwas wie Kreativität als eine Verengung auf dern Nutzen, ihren Marktwert. Aber es geht im Grunde um nichts anderes. Man schafft Freiräume und Möglichkeiten, aber nur um dann auch den Ertrag abzuschöpfen. Daher sind Projekte wie die „Alte Mu“ oder die Lessinghalle auch immer nur auf Zeit als Zwischennutzung angelegt. Zumeist junge Leute werden aus meiner Sicht benutzt, um neue Projekte zu starten, dass sich eine Szene bildet. Dann werden die Schwachen und unkommerziellen Projekte aussortiert, z.B. auch dadurch, dass man diese Freiräume wieder schließt und abreisst – und wer überlebt kommt eine Runde weiter. Eine enge Beziehung zwischen Stadt, Wirtschaftsförderung und Wirtschaft auf der einen Seite und den dominierenden Kräften der „Kreativen Klasse“ auf der anderen Seite ist dabei wichtig. Vor allem als Rechtfertigung für den Staat, diese Politik so zu machen, wie er es eben tut. Wichtig also auch dabei die „Kreativen“ zu spalten, was am besten dadurch geht, dass man Einzelpersonen heraushebt oder Strukturen schafft, die dann Ansprechpartner werden. Demokratie ist dabei oft nur im Weg – da könnte dann ja jeder mitreden.

Wenn wir uns noch mal die Substanz des SHZ-Artikel anschauen. Was kommt dabei für die Kultur rüber? Nichts mehr als eine weitere Broschüre für die Papiertonne! Und dieses Zitat ist auch göttlich:

Volle Kraft voraus für den „kreativen Archipel“. Wie es heißt, heimsen in Kiel viele kluge Köpfe renommierte Preise ein, nur weiß es kaum jemand. Dieses Understatement aber, diese Bescheidenheit, empfinden alle Beteiligten als „geschäftsschädigend“.

So viele Worte. Offenbar ist „Kreativer Archipel“ jetzt auch so ein Modewort geworden. Ich muss da ja eher an den „Der Archipel Gulag“ denken. Eine wirklich wunderbare Assoziation, die man da unbeabsichtigt mit eingeschleust hat. Wenn also die Gesellschaft die Preise, die man sich selbst verleiht, nicht mit Applaus und Begeisterung würdigt, so handelt die Gesellschaft also „geschäftsschädigend“. Eine Wahrnehmung wie die eines Kindes, das einen Sandkuchen „gebacken“ hat und enttäuscht ist, dass die Eltern nicht jedes mal in Begeisterung ausbrechen.

Eine eine Ideologie, die aus Sand gebaut ist. Eine weitere Blase, eine weitere Illusion, die als einziges Ziel hat für den existierenden Kapitalismus lebensverlängernd zu wirken. Kreativität nutzen, um die eigene Ideenlosigkeit zu kaschieren. Schon alleine die Idee der Kreativitätsförderung ist absurd. Deren Ausbeutung als wirtschaftlicher Rohstoff aber ist pervers!

3 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. Lessingbad? Kultur? Kunst? Kreativität? Die haben allein von der Substanz einer coolen Location gelebt. Und das im Sinne des Wortes: Das Gebäude verfiel für jeden erkennbar. Nicht mal die Holzfensterrahmen haben die Damen und Herren „Künstler“ gestrichen, dafür aber die Kleiderspinde wahnsinnig „kreativ“ zu Geländern usw. zusammengeschraubt. Wäre die Stadt nicht kurz vor 12 eingeschritten, wir würden heute über den Abriss des Gebäudes bangen müssen. Gehen Sie mir weg mit diesen Party-Möchtegernkünstlern.

    Der Heidemörder

    20. Dezember 2015 at 11:00

  2. Hmmm. „Der Heidemörder“ versucht zu glänzen mit Insiderwissen. Er hat etwas mitgekriegt im Lessingbad. Und schon werden die brotlosen Künstler in ihren prekären Lebensbedingungen von ihm verdonnert, städtischen Raum in unbezahlter Eigenarbeit zu sanieren. Wollten sie wohl nicht. Wirklich undankbar, diese „Damen und Herren Künstler”.

    Wenn diese Künstler in ihrer ökonomischen Not sich nun der Wirtschaft an den Hals schmeißen, ist das nur ein Hinweis auf das ganze Elend. Aber was soll dabei herauskommen? Sowas wie diese Werbevideos? Die sind zum Weglaufen.

    Kuddel

    20. Dezember 2015 at 18:37

    • „Städtischen Raum in unbezahlter Eigenarbeit zu sanieren“? Aber nutzen wollen die armen, armen Damen und Herren „Künstler“ ihn gern kostenlos. Ist ja auch echt ein Skandal, ein Gebäude zu pflegen, das man kostenlos benutzen darf. Na, gut, dass die Episode ein Ende hat.

      Der Heidemörder

      14. Januar 2016 at 19:16


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: