KielKontrovers

Ein Projekt vom 1Todo Institute

Interview mit Leonid Kharlamov #Quarantäne und Kunst in Zeiten von #COVID19de

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Thilo von KielKontrovers: Hallo Leo, Du bist Teil des Künstlerkollektivs Quarantäne (Blog, Facebook),dass es glaube ich seit 2012 gibt? Kannst Du sagen, was ihr die letzten Jahre so gemacht habt und was habt ihr euch bei dem Namen gedacht habt?

Leo: Ja, Quarantäne gibt es schon seit acht Jahren. Zu Anfang war das ein Ausstellungsprojekt , welches sich dann in ein Künstlerkollektiv transformiert hat. Die Mitglieder sind Elena Kaludova, Detlef Schlagheck, Marc Pospich und ich. Der Grundprinzip von „Quarantäne“ ist eine gemeinsame Handlung. In unserem Fall sind das die Vorbereitungen von Ausstellungen. Wir glauben daran, dass es notwendig ist, kollektiv zu arbeiten. Ohne Vorgaben treffen wir uns mit anderen von uns eingeladenen Künstlern und setzen ein gemeinsamen Ziel, zu einem festgelegten Datum eine Ausstellung fertigzustellen. Das haben wir die ganze Zeit gemacht. Jährlich stellen wir eine Gruppe von Künstlern zusammen und begeben uns in eine freiwillige Quarantäne. Wir kooperieren auch mit kulturellen Institutionen, solchen wie HBK Saar, NCCA Jekaterinburg, NKI Marzahn und Dupini art group aus Bulgarien. Die Erfahrungen, die wir gesammelt haben, prägen uns künstlerisch sehr. Wichtig für unsere Entwicklung ist die Kommunikation mit den anderen Gleichgesinnten. Dafür machen wir die „Quarantäne“. Der Name widerspiegelt einen Zustand der gemeinsamen Selbstisolation. Sie ist enorm wichtig für ein kreativen Prozess in einer Gemeinschaft, denn sie ermöglicht uns eine vollständige Konzentration.

KielKontrovers: Du wohnst in Hamburg? Was hast Du VOR der Coronakrise gemacht?


Leo: Vor der Krise habe ich meine Kunst gemacht und gearbeitet. Ich arbeite als Betreuer in einem Atelier von Künstlern mit geistigen und psychischen Behinderungen und bin Dozent an der „Lichtwarkschule“, einer Institution in Hamburg, die Kunstkurse an der Grundschulen organisiert.
Kunst kann ich auch jetzt weiter machen. Ich hoffe, dass ich nach der Coronakrise zu allen meinen Tätigkeiten zurückkehren kann.

KielKontrovers: Was sind Deine Eindrücke der Coronakrise? Wie hast Du es erlebt?

Leo: Ich bin erschrocken. Wir erleben momentan eine sehr schwierige Phase wo alles, was wir für wertvoll halten, auf eine Prüfung gestellt wird. Davon welche Entscheidungen jetzt fallen, hängt die Zukunft ab. Ich persönlich finde die Politik heute zu unvorsichtig und nicht weitsichtig genug. Es gibt in der Gesellschaft keine Diskussionskultur. Es gibt eine bestimmte Einstellung, welche jede Abweichung nicht akzeptieren möchte. Und das ist ein sehr schlechtes Zeichen.

KielKontrovers: Im Internet verbreitest Du Videos zu Deiner eigenen Quarantäne. Corona?

Leo: Wir sind jetzt gerade alle in Quarantäne. Ich denke es gibt Niemanden in Deutschland, der von der Maßnahmen nicht betroffen ist. Viele Menschen sitzen zu Hause. Meine Kunst ist sehr oft kontextbezogen. Meine Videos sind meine Reaktion auf die Situation. Ich mache sie sehr minimalistisch, mit den Mitteln die ich zur Zeit zur Verfügung habe.
Meine Videos entstehen gerade außerhalb der Gruppe Quarantäne. Es ist mein persönliches künstlerisches Tagebuch. Jeden Tag drehe ich ein kleines Musikvideo. Es ist sehr interessant zu beobachten, was alles ungeplant passieren kann in einem begrenzten Raum. Heute filmte ich aus dem Fenster: Zuerst joggte ein Mann vorbei, dann fuhr ein Polizeiauto ihm hinterher. Man könnte denken, der Mann war auf der Flucht. Der Film war fertig. Ein glücklicher Zufall! Die Quarantäne Gruppe bereitet gerade auch ein Projekt vor. Bald wird es im Netz zu sehen sein. Es ist immer eine interessante Frage, was man alles braucht um Kunst zu machen? Ich stelle immer wieder fest, dass man eigentlich nicht viel braucht. Man kann es fast immer tun. Diese Erkenntnis ist echt gut! Die Gruppe muss in diesen Zeiten die gewohnten Strategien umdenken. Damit sind wir gerade beschäftigt.

KielKontrovers: Was denkst Du über die Simulationshypothese ?

Leo: Es ist eine Hypothese, also noch nicht bewiesen, wie ich es verstehe. Ich finde solche Überlegungen sehr interessant und inspirativ. Viele Künstler stellen sich immer wieder die philosophische Frage, ob die Welt, die wir kennen, real ist. Es liegt wahrscheinlich daran, dass sie tagtäglich mit selbst erstellten Welten zu tun haben. Irgendwann denkt man: Wenn ich einr Welt kreieren kann, könnte es sein, dass ich auch ein Teil von einem künstlichen Universum bin? In Twin Peaks wird gesagt: Wir leben in einem Traum, nur wer sieht ihn sich an? Es gibt so viele Theorien und ich finde es wahnsinnig interessant! Ich sehe die Simulationshypothese als eine Vermutung, dass es Zivilisationen gibt, welche ihre Vergangenheit simulieren, verstanden. Also könnte es sein, dass wir nur eine Simulation sind von der Vergangenheit eines höheren Intellekts. Was ich nicht herausfinden könnte, ob wir nach diese Hypothese selbständig sind. Gibt es für uns einen freien Willen, oder werden unsere Handlungen vorbestimmt?

KielKontrovers:“Simulation“ ist ja auch mehrdeutig. Es wird ja auch in der Wissenschaft verwendet. Wenn ich über Quarantäne nachdenke, so geht es dabei ja auch oft um den Schutz vor etwas Unsichtbaren. Und es ist ein Unterschied zwischen freiwillig und erzwungen. Wenn Künstler eine freiwillige Quarantäne eingehen, ist es doch eine andere Qualität, als wenn man nicht rausgehen „darf“? Die Zeiten ändern sich. Als ihr „Quarantäne“ gegründet hat, war der Begriff auch nicht so aufgeladen wie heute.

Leo: In der Wissenschaft wird ja ständig simuliert, um notwendige Umstände für ein Experiment zu kreieren.Ausgangssperre ist etwas anderes als Quarantäne. Ausgangssperre ist eine politische Entscheidung. Es ist die Einschränkung auf eines Grundrechts. Jede politische Entscheidung darf und muss hinterfragt werden. Es ist zu beobachten, dass Angst momentan die Lebensweise der Menschen bestimmt und sie stumm macht. Es wird kaum dagegen protestiert. Mit Angst wird argumentiert und aus Angst werden Entscheidungen getroffen. Das haben wir, nach meinem Verständnis dem Christentum zu verdanken. Obwohl wir im 21. Jahrhundert leben, handeln wir ähnlich wie im Mittelalter. Wenn eine Plage kommt, versuchen wir es durch Askese zu überwältigen, denn eine Plage gleicht einer Strafe. Diese Auffassung wird als alternativlos gesehen. Ob das die richtige politische Strategie ist, bezweifle ich. Den Begriff Quarantäne verwenden wir als Künstlergruppe in einem anderen Zusammenhang. Natürlich ist es eine freiwillige Isolation. Im Endeffekt erstellen wir auch eine Simulation, um ein künstlerisches Experiment durchführen zu können.

KielKontrovers: Apropos Simulation: Welche Rolle spielt bei Deiner Kunst die eigene Vorstellungskraft oder auch Träume?

Leo: Eine sehr wichtige. Ohne Vorstellungskraft kommt man nicht weit. Es ist ein notwendige Instrument. Träume sind aber etwas Anderes. Die passieren einfach. Es ist ein unbewusster Prozess. Eine perfekte Angelegenheit in die Tiefen des menschlichen Natur zu forschen.


KielKontrovers: Willst Du schon irgend was erzählen oder neugierig machen auf das, was ihr als Künstlerkollektiv als nächstes macht?

Leo: Ich kann noch nichts wirklich Konkretes sagen. Nicht, weil es ein Geheimnis ist, sondern weil wir noch selbst nicht alle Entscheidungen getroffen haben. Wir beeilen uns aber. Momentan kann ich erzählen, das es ein Projekt ist, das in einem virtuellen Raum stattfindet und die Kooperation vieler internationale Künstler beinhaltet.

Written by Thilo

30. März 2020 um 13:56

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