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#365Euroticket kommt in Kiel, aber wird keine Verbesserung bringen

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auch Ein-Euro-Ticket genannt. Am Donnerstag wurde es in der Ratsversammlung beschlossen Drucksache 377/2020 . Zahlreiche Untersuchungen belegen aber und das ist auch die Position des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen, dass es der falsche Weg ist, bevor es wesentliche Verbesserungen im ÖPNV gibt auf eine Senkung der Fahrpreise zu setzen. Zur Zeit ist sowieso die größte Sorge, ob mitten in der Pandemie bei seit gestern wieder steigenden Zahlen der Aktiven Fälle (nach Johns Hopkins Universität, laut RKI schon seit dem 11. Juni siehe Daten) nicht die Betriebe des Öffentlichen Nahverkehrs überhaupt überleben werden. Gerade jetzt ist der falsche Zeitpunkt die Finanzierungsmöglichkeitenzu verringern. Momentan ist eher die größte Sorge, dass die Leute aus Angst vor Ansteckungen nicht mehr in Busse steigen. Der Preis ist da überhaupt kein Faktor.

365-Euro-Ticket oder Ein-Euro-Ticket sind reine Marketingbegriffe. Aber hier hat nun sogar die CDU zugestimmt. Und die Linke nur dagegen, weil es ihr nicht weit genug geht.

Wie so oft in Kiel beschließt man wieder ein mal Maßnahmen, von denen man weiß, dass sie nicht wirken will, weil es gut klingt und auch viele Befürworter:innen haben wird. Es wird allerdings eher die Situation der KVG verschärfen.

Folgende sonstige Maßnahmen sind noch beschlossen worden:

  • Um eine ganzheitliche Attraktivierung des ÖPNV in Kiel zu bewirken, den Nahverkehr im Verbund zu stärken und das Image
  • Senkung des Tarifs für Einzelfahrscheine (Erwachsene innerhalb Kiel) auf 2 Euro
  • Einführung eines Sozialtickets mit 50 Prozent Ermäßigung
  • Erweiterung des Kurzstreckentickets um eine weitere Station
  • Weiterentwicklung des Einzelfahrscheins zu einem 120-Minuten-Ticket, mit dem Hin- und Rückfahrt möglich ist
  • Erhöhung der Frequenz der Buslinien und Einsatz von Minibussen in verkehrsschwachen Zeiten
  • Möglichkeiten für Kombi-Tickets mit Institutionen (Theater, Oper, Konzertveranstaltungen) als Bestandteil des ÖPNV-Tickets bzw. an das Ticket gekoppelt
  • Prüfung von Schnellbuslinien zu Gebieten mit einer hohen Arbeitsplatzdichte zu Verkehrsstoßzeiten (z.B. Wellsee)
  • bessere Abstimmung der Busfahrpläne zu den Bahntakten insbesondere am Hauptbahnhof aber auch an den kleineren Stationen (z.B. Suchsdorf, Hassee, Russee, Elmschenhagen, Ellerbek, Oppendorf)
  • Einführung digitaler Tickets mit intelligentem Abrechnungssystem und innovativen Lösungen auch für ältere Menschen. Der Datenschutz muss hierbei gewährleistet sein.
  • Inkludierte Tickets mit Share-Systems, welche z. B. die Benutzung der Sprottenflotte beim Kauf eines Tickets kostenlos ermöglicht.
  • Nahverkehrspaket für Neubürger*innen einschließlich gratis Monatskarte für den Kieler Nahverkehr
  • Infomonitore zu ÖPNV-Abfahrten in öffentlichen Einrichtungen
  • Erarbeitung von Maßnahmen zur Verbesserung der Pünktlichkeit auch bei schlechten Verkehrsbedingungen (Busspuren in der Innenstadt und auf Hauptachsen)
  • Die Möglichkeiten eines individuellen Ausstiegs entlang der Routen insbesondere in den Abendstunden.

Wichtig: ÖPNV grundsätzlich neu denken

Leider spricht aus dem beschlossenen Paket nicht sehr hohe Verkehrskompetenz. Das sind alles eher Stammtischvorschläge oder Sachen, die einem am ersten einfallen, um etwas zu verbessern. Die Debatte in Deutschland ist da leider noch nicht so weit. Ich habe ja schon in diesem Blog ab und zu auf die Arbeit vom Amerikaner Jarrett Walker aus Portland,Orgeon verwiesen, der als ÖPNV-Berater besonders darauf wert legt, dass man in bestimmten Zeiträumen mit dem ÖPNV möglichst weit kommt. Alles andere ist sekundär. Natürlich ist das ÖPNV-Angebot auch immer ein politischer Kompromiss. Aber die Richtung muss stimmen. In Kiel zB sind die Orte der Bushaltestellen und die Bedienung als Dienstleistung (via KVG) voneinander getrennt. Dabei kann und darf man das niemals getrennt betrachten. Letztendlich geht es ja um die Gesamterfahrung der Menschen bei ihrem Weg mit dem Öffentlichen Verkehr. Und natürlich vergleichen die Menschen den ÖPNV auch immer mit dem konkurrierenden Verkehr.

Was man natürlich NICHT will ist:

  • den ÖPNV als Konkurrenz zu anderen Verkehrsmitteln Umweltverbund/Mobilitätsverbund wie Fuß oder Rad

Was man dagegen vorantreiben muss ist:

  • Der Konkurrenz des Autos begegnen, dass oft in Geschwindigkeit wegen Beschleunigungsmaßnahmen wie Stadtautobahnen Vorteile hat. Oder das Vergünstigungen wie kostenlosem Parken oder Förderprogramme wie in Kiel „Parken Plus“ erhält.

Heute war auch wieder interessant, wie die Kieler Nachrichten berichteten zur Sperrung des Theodor Heiss-Rings wegen Bauarbeiten:

  1. Die Vollsperrung für den Fußverkehr seit Wochen, die einen Umweg für Fußgänger um den ganzen Block an der Hamburger Chaussee bedeutet, wird nicht erwähnt, obwohl es die Wegezeit verdreifacht. Weil es für die KN eben so ist, dass Fußgänger:innen oder Rafahrer:innen absolut keinen Wert besitzen als Menschen. Erst wenn ein Auto im Stau steht, ist es schlimm.
  2. Sie haben mehrere Menschen interviewt, aber dabei den Zweck der Fahrten nicht erfragt und damit auch nicht hinterfragt. Aber der Zweck ist ja der eigentliche Grund für eine Fahrt und damit auch die Rechtfertigung dafür mit dem Auto in die Stadt zu fahren. Und wenn die Leute „für drei Kilometer eine halbe Stunde“ brauchen stellt sich schon die Frage, warum nicht umgestiegen wird auf alternative Verkehrsmittel.

Wir sind also in Kiel noch weit entfernt von der richtigen Diskussion und den richtigen Fragen. Richtige Fragen sind auch weit aus wichtiger als die richtigen Antworten. Denn selbst wenn die fragen gleich bleiben, können sich die richtigen Antworten verändern je nach Stand der Technik und anderen Entwicklungen.

Written by tlow

13. Juni 2020 at 11:10

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