KielKontrovers

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#Gentrifizierung Immer die gleichen Argumente?

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Aus aktuellem Anlass, da offenbar immer noch die Geister der Gentrifizierung in Kiel und/oder Gaarden lebendig sind. Gentrifizierung ist vielleicht im besten Falle eine Definition einer Situation wie in Berlin oder München, wo Gebäudekomplexe aufgekauft werden und im großen Stile eine schnelle Aufwertung vollzogen wird und dabei der Charakter eines Stadtteils zerstört wird und die bisherigen Bewohner:innen sich die Miete nicht mehr leisten können.

In Gaarden als Stadtteil sehe ich eher eine andere Problemstellung, nämlich die von Rassismus und Klassismus. Gaarden ist ein Stadtteil der nicht etwa zu viel Aufwertung erfahren hat, sondern im Gegenteil: Es flossen zwar viele Transferleistungen nach Gaarden, aber es wurde kaum investiert. Man muss nur schauen, was in den letzten 10 Jahren im Westen investiert wurde.

Nur Fahrradprojekte:

  • Neugestaltung des Lorentzendamm. Fahrradfreundlich gepflastert
  • Neugestaltung Kirchhofallee als Fahrradstraße
  • Veloroute 10
  • Kreuzung Goethestraße/Gutenbergstraße
  • Fahrradfreundlicher Kronshagener Weg
  • neuer Radweg Hopfenstraße (kommt)
  • Neuer Radweg Theodor Heuss-Ring

Darüber hinaus:

  • Millionenschwerer Umbau der Holstenbrücke zum Holstenfleet
  • Neue Fahrbahndecke Theodor-Heuss-Ring und weitere Sanierungen dort

Und in Gaarden?

  • neue Fahrbahndecke Karlstal/Werftstraße

Daneben gibt es in Gaarden außer der Stadtteilbücherei und dem Freibad Katzheide keinerlei städtische Einrichtungen, so wie zB ein Museum oder Theater.

Dagegen nimmt die soziale Spaltung in Kiel eher zu. Das ist Ergebnis dieser rassitisch/klassistischen Politik von Kiel. Von Polizei bis Verwaltung lässt man die Leute in Gaarden eher im eigenen Saft schmoren. Es gab zwar Projekte wie „Gaarden hoch 10“. Diese bemühen sich aber eher so etwas wie das Sicherheitsempfinden dadurch zu verbessern, dass man Graffiti entfernt. Wenn das Grund zur Furcht wäre, dann müssten die zentralen Stadtteile Hamburgs und Berlins ja eine unbewohnte Hölle sein.

Nein, es fehlt an Infrastruktur und an Anreiz in Gaarden zu wohnen oder einzukaufen. Alle weiteren Probleme wie Müll oder geballte Armut ergeben sich daraus. Auch das Problem der hohen Fluktuation, weil viele lieber aus Gaarden weggehen wollen liegt daran, das man hier ab vom Schuss ist und es zu wenige kulturelle oder infrastrukturelle Angebote gibt.

Wenn nun also Veranstaltungen oder Cafés, Bioläden, Gallerien oder Einzelpersonen attackiert werden, weil sie hier angeblich Gentrifizierung betrieben, so finde ich das absurd. Der Vorwurf müsste im Gegenteil lauten, das die Stadt zu wenig tut, um Gaarden zu einem gleichwertigen Stadtteil zu machen und die Gaardener:innen nicht mehr als nur Bürger:innen zweiter Klasse zu behandeln. Wenn man dann auch gleich jedes Engagement Einzelner oder der Stadt als Gentrifizierung angegriffen wird, verhindert das vielleicht sogar effektiv Investitionen, aber es sorgt auch dafür, das manche dringenden Verbesserung nicht hier, sondern in einem anderen Stadtteil kommen, wo der Widerstand gegen neue Radwege geringer ist. Manche wollen aus Gaarden so etwas wie ein gallisches Dorf machen, in dem dann angeblich der Staat oder der Kapitalismus nichts zu sagen haben. Währenddessen kaufen Investoren gerne Häuser in Kiel-Gaarden und warten einfach ein paar Jahre. Das fördert nicht eine gesündere Eigentümer:innenstruktur und hilft den Mieter:innen höchstens ein paar Jahre im Mietpreis, sorgt aber ggf. eher für schlechter sanierte Wohnungen. Viele Wohnungen sind Altbaubestand und haben Schimmel. Das Wohnen ist darin oft nicht sehr gesund. Keine Sanierung spart am Geldbeutel, aber geht auf die Gesundheit.

Es gibt dafür keine einfachen Antworten, außer die, das man langfristig nur mit einem anderen System die Probleme lösen können wird. Solange Häuser Privatbesitz sind und vererbt werden, wird es die Trennung in Immobilienbesitzende, Mieter:innen und Wohnungslose geben. Außer vielleicht eine Mietpreisbremse gibt es kaum nachhaltig wirkende Maßnahmen, die den normalen Ablauf des Kapitalismus aufhalten würden. Das meiste ist Drohkulisse und endet damit, das man die Wohnverhältnisse eher verschlechtert oder nicht verbessert. Es gibt Ideen, wie genossenschaftlichen Wohnungsbesitz oder Mietshäusersyndikat. Das kann man machen, braucht aber Zeit und ist für die meisten Mieter:innen keine gangbare Alternative.

Die gängige Gentrifizierungsdebatte tut so, als wäre oder hätte sie eine Lösung, aber in Wirklichkeit verharrt sie im Anklagen und im Appelationsmodus.

Soziale Spaltung in Kiel bedeutet auch, dass Gaarden im Verhältnis vor allem für arme attraktiver bleibt als andere Stadtteile. Und für Menschen mit höherem Einkommen keine Alternative darstellt.

Wir können nicht gleichzeitig eine bessere Durchmischung wollen und keine Aufwertung des Stadtteils. Und einen Kapitalismus ohne schädliche Nebenwirkungen gibt es auch nicht. Wir können am Abschaffen des Kapitalismus arbeiten und uns gleichzeitig auch für bessere Lebensverhältnisse in ganz Kiel einsetzen.

Insofern finde ich die Gentrifizierungsdebatte immer noch als langweilig oder zielführend. Wenn es darum geht, Großinvestoren davon abzuhalten ganze Wohnblocks abzureissen oder überteuert zu sanieren, kann man sogar auf manche Unterstützung aus der Stadt zählen, denke ich. Es nutzt nichts sich die Feindbilder zu bauen, um sich die Probleme einfacher zu machen. Besser ist es mit gezielten Aktionen und Projekten die Entwicklung so zu steuern, wie wir sie als Einwohner:innen haben wollen. Kritik an der Stadt ist dabei jederzeit angebracht, damit müssen die leben, gehört zu ihrem Job. Leider ist unsere Demokratie noch nicht so weit, dass alle adäquat mitbestimmen und mitentscheiden können. Aber die Hände in die Tasche stecken und alles schlecht reden befördert meines Erachtens eher eine Politik, die Gaarden als Müllkippe betrachtet, wo man nur das Mindeste tut und es ansonsten eher so lässt, wie es ist. Letzteres ist aus meiner Sicht nicht erstrebenswert.

Written by Thilo

12. August 2020 at 15:41

Veröffentlicht in Deutschland, Soziales, Stadtentwicklung, Wohnen

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