Einheitsallerlei @dlfkultur #Wiedervereinigung

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Straßenbahn in Rom – Auto: giokai421 licensed under the Creative Commons Attribution 2.0 Generic license.

Den Tropfen zum Überlaufen brachte eben die Sendung Zusammenwachsen und Zusammengehören von Von Uwe Birnstein, München, Evangelische Kirche auf Deutschlandfunk Kultur in der die Einheit ziemlich religiös verbrämt wird und insbesondere der Willi Brandt-Satz „Es wächst zusammen, was zusammengehört“.

Doch bereits seit einer Woche wurde man von Sendungen geweckt in der man uns wieder und wieder erklärte, wie wir das mit der Einheit zu verstehen haben. Angefangen mit Wolf Biermann.

Eigentlich kein Thema, mit dem ich mich gerne länger aufhalte. Aber nun ist heute ein mal „Tag der Deutschen Einheit“ und es kam dann eben der letzte Tropfen. Ich verstehe auch bis heute nicht, was überhaupt Sendungen von Kirchen im Radio zu suchen haben. Wenn sie ihre Botschaft verbreiten wollen,dann doch bitte mit eigenen Sendern?

Aber warum ein Foto einer Straßenbahn oben in diesem Artikel? Weil es dazu eben eine kleine Geschichte gibt, die mein Verhältnis zur Wiedervereinigung beschreibt. Für mich war die Zeit 89/90 auch die, in der ich die letzten Jahre in der Schule war und damit auch auf einer Klassenfahrt in Rom 1989. Das erste mal, dass ich von Demonstrationen in der DDR erfuhr war eben in einer römischen Straßenbahn vom Straßenbahnfahrer, der uns auf Deutsch davon erzählte. Er war selber ein paar Jahrzehnte in Deutschland aus beruflichen Gründen.

Ich fand die Zeit des „Umbruchs“ (wie ich sie nennen würde) durchaus spannend. Für mich wirkte die DDR eher als etwas, das nicht von heute auf morgen zusammenbricht. Wenige Jahre zuvor hatten wir eine Klassenfahrt nach Berlin gemacht mit einem Ausflug in den Osten Berlins, der auf uns alle glaube ich sehr befremdlich wirkte.

Die Geschichte aus Rom kann man eben auch anders interpretieren: Es war eben nicht nur eine Geschichte von 2 Deutschlands, die zusammenkommen. Für die ältere Generation war es teilweise ein Zustand der Trennung, der revidiert werden musste. Für meine Generation, aber zumindest für mich war es doch eher etwas mit dem wir leben konnten, der eher selbstverständlich war. Und für mich war es eben ein Zustand wie vieler auf der Welt, den an ändern könnte. Und eigentlich betrachte ich das heute noch genau so!

Ich finde es menschenverachtend und befremdlich wenn bis heute zwar die Toten an der Grenze beklagt werden, aber die täglichen Toten an den Außengrenzen der EU und in vielen anderen Staaten nur mit einem Schulterzucken hingenommen werden. Zunächst ein mal sollte ja jeder Mensch gleich sein, oder? Wenn das Denken aber ist: „Deutsche sind gleicher als andere“, dann führt das doch in eine sehr bedenkliche Richtung. Das ist zutiefst rassistisch und führt zu falscher Politik und falschen Ergebnissen. So ist die deutsche Wiedervereinigung für mich vor allem ein Sinnbild für Ungleichheit und der Negierung von fundamentalen Menschenrechten. Die Welt war hinterher nicht per se besser. Ich begrüße jeden, der nicht mehr inhaftiert, oder erschossen wurde. Insofern war die Demokratisierung der DDR natürlich richtig. Aber warum müssen Menschen zB aus Syrien oder dem Suda weiterhin sterben und wir kehren unsere Argumentation um?

Wo warum war es damals richtig gegen alle Widerstände und trotz aller erwartbaren Kosten die Millionen DDR-Bürger:innen aufzunehmen, aber heute meint man, das man lieber menschen ertrinken oder verdursten lässt, weil die reiche EU zu arm wäre zu helfen?

Diese beiden Themen lassen sich nicht sinnvoll getrennt diskutieren, außer eben wenn man meint das ein deutscher Mensch mehr wert wäre als jemand aus einem anderen Land? Dann sind wir aber eben auf Augenhöhe bei AfD und Nazis. Oder eben bei einem Sarrazin oder anderen Spinnern, wie es sie zu hauf auch in anderen etablierten Parteien gibt.

DIESE Debatte wird bisher gar nicht geführt. Da wird schon eher für Tierrechte eingetreten. Es gibt eine zunehmende Minderheit, die das nicht mehr hinnehmen will, aber gesellschaftlich sind wir aktuell noch in dem Modus, wo Merkels „Wir schaffen das!“ kritisiert wird. Angeblich war die Zeit, als man in Deutschland mehr Menschen aufnahm ja schlimm und furchtbar. Und wir bilden uns ein, wenn die Menschen in der Türkei verrotten wäre alles gut.

Was hier nicht stimmt ist primär die Wahrnehmung und Blickwinkel auf Menschen. Das, wie Menschen beurteilt und gewichtet werden.

Während man heute feuer, wie sich 89/90 die Grenzen öffneten, so beklagt man wie sich 2015 die Grenzen öffneten. Der Unterschied lässt sich nur rassistisch begründen. Und genau hier liegt der blinde Fleck der deutschen Gesellschaft. Und auch die Kirchen wollen da nicht mahnen, sondern werden in die Einheitsfeierlichkeiten passend eingebunden. Die Augen vor dem Rest der Welt verschliessen.

Das ist auch naiv und kann nicht gut gehen, denn man gibt sich einer Illusion hin. Und es ist geprägt von Ignoranz gegenüber der Realität.

Wir sollten eigentlich schon viel weiter sein in unserem Denken, in einer globalisierten Gesellschaft. Doch immer noch ist Deutschland geprägt von kleinkariertem und kleinstaaterischen Denken und offenbar noch immer im Glücksstrudel der Wiedervereinigung, nach der man sich nichts Größeres oder Besseres vorstellen kann. Aber genau dieses Denken hat die Probleme mit erschaffen, vor denen wir heute stehen.

Wir schaffen unsere eigenen Probleme und weigern uns sie vernünftig zu lösen und verstärken sie somit immer weiter.

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