KielKontrovers

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Archive for the ‘Kultur’ Category

Unsere Welt (Kiel) ist hässlich #StreetArt

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Unsere Welt besteht aus Zeichen und Bedeutungen. Manche sind gesprochen und manche sind bildhaft. Man muss sich nur mal dort umsehen, wo man sich befindet:

Ihr sitzt jetzt vielleicht vor einem Computer oder Smartphone – oder ihr gehört zu denen, die sich Seiten ausdrucken?

Bei einem PC: Der Monitor hat einen Namen, die Bedienknöpfe Symbole und Lampen die unterschiedlich leuchten um einen Zustand zu kommunizieren. Dann die Tastatur und die Maus, die es uns auch erlauben Zeichen und Symbole und Gesten an den Computer zu übermitteln.

Oder das Smartphone: Früher mochten es Leute nicht, wenn man mit dem Finger Flecken auf den Monitor macht und heute muss man das machen, um das Phone zu bedienen. Der Drucker enthält auch Symbole zum Anschalten oder Fehler anzuzeigen.

Und dann, oh Gott: Ein Supermarkt oder ein Baumarkt: Alles Produkte, die mit bunten Bildchen voll sind und dazu noch viele Tags und Kleingedrucktes. Tagein tagaus konsumieren wir Zeichen und müssen diese Lesen und interpretieren können. Oder jemand lächelt uns von einer Plakatwand siegessicher an, weil eine Werbeexpertin sich sicher war: Die Leute kaufen dann die Zigarette. oder es wird nur ein dummes Auto abgebildet mit Felgen im Sonnenlicht auf menschenleeren Straßen (und natürlich kein Stau!?) – klar muss man das Kaufen, wer will schon im Stau stehen?

Dann Verkehrszeichen, Ampeln, Fernsehen, gesprochene Zeichen im Radio, noch mehr Werbung. Und die Regeln sind: Wer Geld hat, hat mehr Platz zu kommunizieren. Wo Geld fließt ist es gut. Was Geld gekostet hat ist Kunst.

Wer entscheidet über die Bedeutung eines Platzes oder Denkmals? Ist nicht eigentlich das Meiste in unserer modernen Welt hässlich?

(Fotos aus: Die verordnete Gemütlichkeit – Abgesang auf Spielstraße, Verkehrsberuhigung und Stadtbildpflege- Der gemordeten Stadt Teil II Angress/Niggemeier)

Früher waren zB industriell gefertigte Stuckelemente populär an Gebäuden. Ein heftiger Gegner davon war u.a. der Namensgeber der Muthesius Kunsthochschule Hermann Muthesius. Zur Zeit des Nationalsozialismus wurden nicht nur Menschen ermordet, sondern fand auch kulturell eine „Bereinigung“ statt, wie zB die „Entstuckung„. Und auch nach dem Krieg ging es weiter bis in die 60er Jahre hinein (vgl. dazu auch SPIEGEL Artikel aus 1964).

Was betrachten wir als schützens- und erhaltenswert und was ist hässlich oder eine „Verschandelung“? Ist das Wort „Verschandelung“ nicht eher im Nationalsozialismus groß geworden.

Heute werden Graffitis oder Tags häufig als Schmierereien bezeichnet, selbst von Linken. Das ist aber auch Nazisprache, dazu zur Entfernung von Wandmalereien von Charles Grodell durch die Nazis:

Es wird alles geschehen, um im Bereiche der Provinzialverwaltung die häßlichen Spuren zu tilgen, die hier und da die jüdisch irre geleitete sogenannte moderne Kunstrichtung hinterlassen hat. Mit Empörung habe ich in dem altehrwürdigen Goethetheater in Lauchstädt feststellen müssen, daß dieser durch unsern großen deutschen Dichter geheiligte Raum in abscheulicher Weise durch Schmierereien verschandelt worden ist, die mit Kunst nichts zu tun haben. Ich habe angeordnet, daß die Kulturschande sofort ausgelöscht wird. Die Arbeiten sind bereits im Gange. Die Bühnenumrahmung des Goethetheaters wird in der Form wiederhergestellt werden, die ihr Goethe gegeben hat. Erblicken Sie in diesem Akt der Wiederherstellung des ursprünglichen Zustandes dieses geheiligten Raumes das Sinnbild dafür, daß der Nationalsozialismus alles Artfremde und Schlechte aus den Kulturstätten des deutschen Volkes restlos austilgt

Hier die Wandmalereien des Malers:

von www.gratis-in-berlin.de

Die Begriffe sind die gleichen und auch die Handlungsweisen sind ähnlich. Zitat aus einer Ausschreibung der Stadt Kiel zu Interventionistischer Kunst:

Die Landeshauptstadt Kiel lädt Kulturschaffende aus dem Stadtteil Kiel-Gaarden zur Teilnahme an einem Wettbewerb zur Projektentwicklung und –umsetzung interventionistischer Kunst im öffentlichen Raum in
Kiel-Gaarden ein.

Es ist schon erstaunlich, dass dieser Begriff noch immer verwendet wird. Im obigen Fall ging es sogar um Arbeiten zum Gedenken von Opfern rechter Gewalt. Auto Matthias Heine dazu in einem Interview der Deutschen Welle:

Wie kommt ein so modern klingender Begriff wie „Kulturschaffende“ auf Ihre Vokabelliste der NS-Sprachverdächtigen?

Er kommt dahin, weil das eindeutig ein Wort ist, das von den Nazis geprägt wurde: 1933, als die Reichskulturkammer gegründet wurde, kam im Zusammenhang mit der Berichterstattung und mit öffentlichen Appellen plötzlich das Wort „Kulturschaffende“ auf. Es wurde von Leuten, die der Schaffung der Reichskulturkammer positiv gegenüberstanden, und von Künstlern und „Kulturschaffenden“, die ihre nationalsozialistische Gesinnung bekunden wollten, geprägt und benutzt – vorher ist es nicht nachweisbar.

Es hat eine ironische Komponente, dass sich das Wort in die DDR gerettet und sich auch lange im linken westdeutschen Wortschatz – wahrscheinlich auf dem Umweg über die DDR – gehalten hat. Und wenn im letzten Jahr Künstler gegen vermeintlich rassistische Bestrebungen von Horst Seehofer protestiert haben und dieser Aufruf dann als Aufruf von so und soviel hundert Kulturschaffenden bezeichnet wurde, dann entbehrt das nicht einer gewissen Ironie, dass man unter einer Bezeichnung, die aus dem NS-Sprachgebrauch stammt, gegen das Aufkommen eines neuen Rassismus protestiert.

Schönheit unterliegt einem großen Wandel der Zeit. Man sollte sich aber auch dessen Bewusstsein, dass darüber mehr transportiert wird als nur eine Ästhetik. Gerade Beispiele in denen kostenlosen Graffitis durch Auftragsarbeiten ersetzt werden merkt man schnell, dass es sogar oft gar nicht um den Stil oder die Formen ankommt, sondern um den Kontext der Entstehung. Alles was einem offiziellen Programm entstammt wird gepflegt und geschützt. Auch wenn es ein Denkmal eines Kriegstreibers wie Bismarck ist. Auch Bismarck hätte die Sprayer verfolgen und einsperren lassen, genau so wie er das mit Sozialdemokraten gemacht hat.

Jemand der heute Stuck von einem Haus abhauen würde, würde man heute vermutlich festnehmen und anzeigen. Vor wenigen Jahrzehnten war das aber offizielle Politik und in Kiel sogar eine Kunsthochschule nach einem Stuck-Gegner benannt.

Etwas zu erschaffen bedeutet auch immer, etwas zu zerstören. Das ist im Grunde sogar in der Natur so. Wir kommen nicht daran vorbei. Allerdings ist es auf der menschlichen Ebene eben auch ein bewusster Prozess. Kein Wunder also, dass in Chikago der Hay Market (1.Mai) alle Spuren des Platzes beseitigt wurden. Dafür wurde ein Denkmal für einen Polizisten aufgestellt, dass auch mehrmals zerstört wurde. In Kiel verdrängte zunächst die Namensgebung der Nazis „Hindenburgufer“ die „Kiellinie„. Nun wurde es rückabgewickelt.

Oder die Vielzahl an Autos, die kostenlos in der Stadt ein Zeichen setzen können. Wir können ihnen nicht ausweichen. Sie dominieren das Straßenbild. Aber wenn jemand anderes etwas auf einem Parkplatz stellen will ist das eine „Sondernutzung“ . Was ist „normal“ und was ist „nicht-normal“? Was ist ohne Genehmigung legal und was ist ohne Antrag oder Anmeldung illegal? „Genehmigt“ ist eben „genehm“ oder von Wenigen „gewollt“. Parken ist oft genehm, aber Bauwägen zum Wohnen auf Parkplätzen ist nicht genehm.

Daraus ergibt: Sich das Unangehme oder Unangepasste gehört zu einer demokratischen und offenen Gesellschaft. Der Müll zB ist die Kehrseite einer Gesellschaft, die ohne Grenzen konsumiert und dabei Müll produziert. Die Obdachlosen sind ein Ergebnis der Verknappung von sozialem Wohnraum. Manches will man sehen, manches nicht. man steht zwar zur Politik, aber nicht zu ihren Folgen.

Graffiti ist auch eine Reaktion auf den allumfassenden Zeichensalat und auf kalte Architektur und auf das Mitteilungsbedürfnis der Menschen. Alles was wir nicht verstehen und uns nicht zu eigen machen können, empfinden wir schnell als hässlich oder störend. Das IDealbild einiger Menschen ist eine Dorfidylle, wie sie im Katalog von „Unser Dorf soll schöner werden“ passt.

Written by Thilo

27. August 2020 at 10:25

Veröffentlicht in Bürgerbeteiligung, Kultur

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Schnelle Entwicklung bei Organisationen?

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Photo by SpaceX on Pexels.com

Das, was man gerade sieht bei SpaceX, das sie große Fortschritte machen, auf verschiedenen Ebenen und das sie hemmungslos testen und ausprobieren hat mich angeregt ein wenig darüber zu philosophieren, in wie weit Organisationen, gerade im Bereich Umweltschutz und soziale Entwicklung nicht auch immer noch zu konservativ sind in ihrem Verhalten. Das Beste was sie tun sind ist ihre Ziele zu definieren und zu entscheiden, welche Aktionen effektiv sind und welche Wirkung sie erzielen. Ich denke GUTE ZIELE sind dabei durchaus unverzichtbar. Eine Firma wie SpaceX hat klare und gute Ziele. Allerdings bedeutet das nicht, das alles was sie tun wohlüberlegt ist. Stichwort Wirkung.

Ich habe das jetzt seit einigen Wochen etwas intensiver verfolgt, was da in den USA passiert, aber für die, die dem nicht so folgen:

SpaceX entwickelt zB ein Gefährt, was zB auf den Mond fliegen soll und/oder auch auf den Mars. Dazu hat man zunächst etwas entwickelt, was sie den „Starhopper“ nannte und es flog

Aber das verwarf man wieder und konzentrierte sich auf das Starship. Und sort gibt es Seriennummer 1,2,3,4,5 . Die Nummer 4 explodierte:

Aber SN5 machte alles richtig diese Woche:

Ich möchte vorschlagen dieses Beispiel mit den Raketen auf andere Bereiche zu übertragen. Bei der Software gab es Vorläufer von Methoden wie u.a.

Die grundsätzliche Idee ist es, Dinge in der Entwicklung auszuprobieren und danach auszuwerten oder zu testen, ob sie sich bewährt haben!

Für SpaceX würde ich sagen, dass sie dadurch durchaus schnell und günstig voran kommen. Ich glaube, dass das durchaus auch für Organisationen möglich ist.

Damit meine ich, dass man zwar als Organisation seine Ziele klar haben sollte. Aber man sollte eventuell nicht immer unbedingt lange überlegen, wie man ein Ziel erreicht, sondern so etwas eine Testrakete oder Testballon starten und versuchen auszuwerten, was die Wirkung war.

In Kiel sehe ich da durchaus Ansätze mit den Popup-Bikelanes 2019. Um es zu erläutern: Die Idee, die umgesetzt wird ist, das auf einer bestehenden Straße eine Autospur gesperrt wird und den Radler:innen zur Verfügung gestellt wird. Man macht das einfach mal und schaut was passiert. Gab es Staus? Gab es andere Probleme? Was sagten die Radler:innen und die Autofahrer:innen und Anwohner:innen? Ausprobieren und Auswerten! Es gibt diverse Aktionsideeen. Gerade bei Ehrenamtlichen gehts auch darum, wie die Aktivist:innen die Idee aufnahmen: Hat es Spaß gemacht? Es geht nicht nur darum, ob es einen tollen Presseartikel gab. Wie war der Aufwand? Gibt es Finanzen und Zeit und Lust es noch ein mal durchzuführen?

Und bei manchen Ideen gibt es auch die Möglichkeit verschiedene Varianten in kurzer Zeit durchzuführen und ggf. schnell aus Fehlern zu lernen. Infostände müssen nicht immer gleich aussehen. Man kann Module zusammensetzen und schauen, wie sie funktionieren. Am Ende auswerten? Wie hat es funktioniert? Was hat gefehlt? Was hat genervt?

Das ist dann also eine Mischung aus klaren Zielen und herumexperimentieren! Bei den Experimenten ist die Wirkung nicht sicher – und evt. auch keine gute Vorbereitung! Dazu muss man sich von Traditionen verabschieden. zB liebgewonnene Verhaltensweisen oder Materialien! Lasst sie mal zu hause! Oder mal andere Formen ausprobieren der Agitation. Etwas weglassen oder hinzufügen und schauen wie es funktioniert!

Mittlerweile mache ich Infostände seit ca. 10 Jahren und habe schon Vieles ausprobiert.Generell ist meine Erfahrung. man kann so vieles tun und es ist auch nicht schwer. Die meisten Leute haben zu viel Respekt vor Aktionen. Und es wird zu wenig und zu schlecht kommuniziert. Manchmal jage ich mehrere Monate oder mehrere Jahre hinter einer simplen Information hinterher. Und das führt natürlich zu Verzögerungen und Fehlentscheidungen. Aus Respekt gebe ich hier keine Beispiele. Aber es ist schon frustrierend. Aus meiner Sicht hätte man schon mit 1-2 Organisation schon längst Berge versetzen können, wenn man sich nicht primär selber im Wege stehen würde und zu viel Angst hätte einfach mal zu handeln. Es ist oft gar nicht der Staat, der etwas verbietet oder blockiert, sondern die Mistreiter die sagen:

  • Das können wir nicht tun
  • Das haben wir noch nie so gemacht
  • Das wird nie genehmigt
  • Da kommt sowieso keiner
  • Das können wir immer noch mal machen
  • Das kann nicht funktionieren
  • Was passiert, wenn wir das machen?
  • Das ist doch nur Arbeit!

Das Progressivste ist dann meist etwas in der eigenen Stadt zu tun, was in zig anderen Städten schon funktioniert hat. Das ist schon ganz gut, aber es wäre doch sehr, sehr viel mehr möglich!

Man muss einfach mal den Mut haben, etwas auszuprobieren! Warum macht man das Ganze sonst? Ich empfinde den Widerstand gegen Neues oft als viel anstrengender als die Aktionen selbst.

Written by Thilo

7. August 2020 at 21:57

Interview mit Leonid Kharlamov #Quarantäne und Kunst in Zeiten von #COVID19de

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Thilo von KielKontrovers: Hallo Leo, Du bist Teil des Künstlerkollektivs Quarantäne (Blog, Facebook),dass es glaube ich seit 2012 gibt? Kannst Du sagen, was ihr die letzten Jahre so gemacht habt und was habt ihr euch bei dem Namen gedacht habt?

Leo: Ja, Quarantäne gibt es schon seit acht Jahren. Zu Anfang war das ein Ausstellungsprojekt , welches sich dann in ein Künstlerkollektiv transformiert hat. Die Mitglieder sind Elena Kaludova, Detlef Schlagheck, Marc Pospich und ich. Der Grundprinzip von „Quarantäne“ ist eine gemeinsame Handlung. In unserem Fall sind das die Vorbereitungen von Ausstellungen. Wir glauben daran, dass es notwendig ist, kollektiv zu arbeiten. Ohne Vorgaben treffen wir uns mit anderen von uns eingeladenen Künstlern und setzen ein gemeinsamen Ziel, zu einem festgelegten Datum eine Ausstellung fertigzustellen. Das haben wir die ganze Zeit gemacht. Jährlich stellen wir eine Gruppe von Künstlern zusammen und begeben uns in eine freiwillige Quarantäne. Wir kooperieren auch mit kulturellen Institutionen, solchen wie HBK Saar, NCCA Jekaterinburg, NKI Marzahn und Dupini art group aus Bulgarien. Die Erfahrungen, die wir gesammelt haben, prägen uns künstlerisch sehr. Wichtig für unsere Entwicklung ist die Kommunikation mit den anderen Gleichgesinnten. Dafür machen wir die „Quarantäne“. Der Name widerspiegelt einen Zustand der gemeinsamen Selbstisolation. Sie ist enorm wichtig für ein kreativen Prozess in einer Gemeinschaft, denn sie ermöglicht uns eine vollständige Konzentration.

KielKontrovers: Du wohnst in Hamburg? Was hast Du VOR der Coronakrise gemacht?


Leo: Vor der Krise habe ich meine Kunst gemacht und gearbeitet. Ich arbeite als Betreuer in einem Atelier von Künstlern mit geistigen und psychischen Behinderungen und bin Dozent an der „Lichtwarkschule“, einer Institution in Hamburg, die Kunstkurse an der Grundschulen organisiert.
Kunst kann ich auch jetzt weiter machen. Ich hoffe, dass ich nach der Coronakrise zu allen meinen Tätigkeiten zurückkehren kann.

KielKontrovers: Was sind Deine Eindrücke der Coronakrise? Wie hast Du es erlebt?

Leo: Ich bin erschrocken. Wir erleben momentan eine sehr schwierige Phase wo alles, was wir für wertvoll halten, auf eine Prüfung gestellt wird. Davon welche Entscheidungen jetzt fallen, hängt die Zukunft ab. Ich persönlich finde die Politik heute zu unvorsichtig und nicht weitsichtig genug. Es gibt in der Gesellschaft keine Diskussionskultur. Es gibt eine bestimmte Einstellung, welche jede Abweichung nicht akzeptieren möchte. Und das ist ein sehr schlechtes Zeichen.

KielKontrovers: Im Internet verbreitest Du Videos zu Deiner eigenen Quarantäne. Corona?

Leo: Wir sind jetzt gerade alle in Quarantäne. Ich denke es gibt Niemanden in Deutschland, der von der Maßnahmen nicht betroffen ist. Viele Menschen sitzen zu Hause. Meine Kunst ist sehr oft kontextbezogen. Meine Videos sind meine Reaktion auf die Situation. Ich mache sie sehr minimalistisch, mit den Mitteln die ich zur Zeit zur Verfügung habe.
Meine Videos entstehen gerade außerhalb der Gruppe Quarantäne. Es ist mein persönliches künstlerisches Tagebuch. Jeden Tag drehe ich ein kleines Musikvideo. Es ist sehr interessant zu beobachten, was alles ungeplant passieren kann in einem begrenzten Raum. Heute filmte ich aus dem Fenster: Zuerst joggte ein Mann vorbei, dann fuhr ein Polizeiauto ihm hinterher. Man könnte denken, der Mann war auf der Flucht. Der Film war fertig. Ein glücklicher Zufall! Die Quarantäne Gruppe bereitet gerade auch ein Projekt vor. Bald wird es im Netz zu sehen sein. Es ist immer eine interessante Frage, was man alles braucht um Kunst zu machen? Ich stelle immer wieder fest, dass man eigentlich nicht viel braucht. Man kann es fast immer tun. Diese Erkenntnis ist echt gut! Die Gruppe muss in diesen Zeiten die gewohnten Strategien umdenken. Damit sind wir gerade beschäftigt.

KielKontrovers: Was denkst Du über die Simulationshypothese ?

Leo: Es ist eine Hypothese, also noch nicht bewiesen, wie ich es verstehe. Ich finde solche Überlegungen sehr interessant und inspirativ. Viele Künstler stellen sich immer wieder die philosophische Frage, ob die Welt, die wir kennen, real ist. Es liegt wahrscheinlich daran, dass sie tagtäglich mit selbst erstellten Welten zu tun haben. Irgendwann denkt man: Wenn ich einr Welt kreieren kann, könnte es sein, dass ich auch ein Teil von einem künstlichen Universum bin? In Twin Peaks wird gesagt: Wir leben in einem Traum, nur wer sieht ihn sich an? Es gibt so viele Theorien und ich finde es wahnsinnig interessant! Ich sehe die Simulationshypothese als eine Vermutung, dass es Zivilisationen gibt, welche ihre Vergangenheit simulieren, verstanden. Also könnte es sein, dass wir nur eine Simulation sind von der Vergangenheit eines höheren Intellekts. Was ich nicht herausfinden könnte, ob wir nach diese Hypothese selbständig sind. Gibt es für uns einen freien Willen, oder werden unsere Handlungen vorbestimmt?

KielKontrovers:“Simulation“ ist ja auch mehrdeutig. Es wird ja auch in der Wissenschaft verwendet. Wenn ich über Quarantäne nachdenke, so geht es dabei ja auch oft um den Schutz vor etwas Unsichtbaren. Und es ist ein Unterschied zwischen freiwillig und erzwungen. Wenn Künstler eine freiwillige Quarantäne eingehen, ist es doch eine andere Qualität, als wenn man nicht rausgehen „darf“? Die Zeiten ändern sich. Als ihr „Quarantäne“ gegründet hat, war der Begriff auch nicht so aufgeladen wie heute.

Leo: In der Wissenschaft wird ja ständig simuliert, um notwendige Umstände für ein Experiment zu kreieren.Ausgangssperre ist etwas anderes als Quarantäne. Ausgangssperre ist eine politische Entscheidung. Es ist die Einschränkung auf eines Grundrechts. Jede politische Entscheidung darf und muss hinterfragt werden. Es ist zu beobachten, dass Angst momentan die Lebensweise der Menschen bestimmt und sie stumm macht. Es wird kaum dagegen protestiert. Mit Angst wird argumentiert und aus Angst werden Entscheidungen getroffen. Das haben wir, nach meinem Verständnis dem Christentum zu verdanken. Obwohl wir im 21. Jahrhundert leben, handeln wir ähnlich wie im Mittelalter. Wenn eine Plage kommt, versuchen wir es durch Askese zu überwältigen, denn eine Plage gleicht einer Strafe. Diese Auffassung wird als alternativlos gesehen. Ob das die richtige politische Strategie ist, bezweifle ich. Den Begriff Quarantäne verwenden wir als Künstlergruppe in einem anderen Zusammenhang. Natürlich ist es eine freiwillige Isolation. Im Endeffekt erstellen wir auch eine Simulation, um ein künstlerisches Experiment durchführen zu können.

KielKontrovers: Apropos Simulation: Welche Rolle spielt bei Deiner Kunst die eigene Vorstellungskraft oder auch Träume?

Leo: Eine sehr wichtige. Ohne Vorstellungskraft kommt man nicht weit. Es ist ein notwendige Instrument. Träume sind aber etwas Anderes. Die passieren einfach. Es ist ein unbewusster Prozess. Eine perfekte Angelegenheit in die Tiefen des menschlichen Natur zu forschen.


KielKontrovers: Willst Du schon irgend was erzählen oder neugierig machen auf das, was ihr als Künstlerkollektiv als nächstes macht?

Leo: Ich kann noch nichts wirklich Konkretes sagen. Nicht, weil es ein Geheimnis ist, sondern weil wir noch selbst nicht alle Entscheidungen getroffen haben. Wir beeilen uns aber. Momentan kann ich erzählen, das es ein Projekt ist, das in einem virtuellen Raum stattfindet und die Kooperation vieler internationale Künstler beinhaltet.

Written by Thilo

30. März 2020 at 13:56

#CoronArtKiel Aktion für Kieler Künstler*innen #CoronaKiel #CovidSolidarity

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Photo by cottonbro on Pexels.com

Ich habe mir überlegt, was ich in dieser Zeit machen könnte. Momentan sind Galerien geschlossen. Ich kenne aber relativ viel Künstler*innen. Ich setze mein Angebot von Gastbeiträgen in meinem Blog https://www.kielkontrovers.com fort. Mein Angebot ist an alle Kieler Künstler*innen in meinem Blog einen Beitrag für ihre Galerie und/oder sich selbst zu schreiben mit einigen Fotos/Videos. Es soll auch gerne eine Möglichkeit gegeben werden ein Werk zu erwerben (oder Geld für etwas Anderes). Ich behalte mir lediglich vor zu selektieren. Welche Art Kunst ist egal. Vielleicht gibts dadurch ein wenig Ausgleich für die aktuell erduldeten Nachteile dieser Zeit. Die Aktion geht so lange, wie das Problem gefühlt existiert. Bevor ihr viel Arbeit reinsteckt, schickt vielleicht einen kleinen Link zuschicken. Ich bin mal gespannt, ob sich jemand meldet. Gerne weiterleiten!

Written by Thilo

19. März 2020 at 19:21

Veröffentlicht in Gesundheit, Kultur

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#LandeskulturverbandSH ruft Nothilfefond für #Kulturwirtschaft ins Leben

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Sehr geehrte Damen und Herren,

in Zeiten von Corona ist Solidarität geboten. „Die Absage aller öffentlichen Veranstaltungen und Bildungsangebote […] trifft insbesondere Freischaffende unmittelbar“ so Guido Froese. Aus diesem Grund hat der Landeskulturverband einen Nothilfefond für Künstler*innen und Freischaffende der Kulturwirtschaft ins Leben gerufen.
Neben staatliche Hilfen setzen wir auf Solidarität aller für diejenigen aus unserer Gesellschaft, die von der Kultur leben. Am Samstag haben wir die Aktion unter dem Hashtag #KulturhilfeSH über Soziale Netzwerke geteilt. Die ersten Spenden sind schon eingetroffen.

Wir bitten um Spenden, z.B. in Höhe von Eintrittspreisen zu Konzerten oder Lesungen. Die Schirmherrschaft für den Fond hat Kulturministerin Karin Prien übernommen (siehe auch heutiger Bericht in der SHZ).

Die Hilfe soll noch in dieser Woche schnell und unbürokratisch verteilt werden. Das genaue Verfahren geben wir in den kommenden Tagen auf unserer Homepage bekannt.

Spenden sind möglich mit dem Betreff „Kulturhilfe“ auf das Konto des Landeskulturverbandes bei der Sparkasse Mittelholstein:
IBAN: DE51 2145 0000 0105 0396 71
BIC: NOLADE21RDB
oder via Paypal unter www.paypal.me/kulturhilfeSH

Betroffene können unter der extra eingerichteten E-Mailadresse kulturhilfe AT landeskulturverband-sh.de ihr Interesse bekunden.

Bitte teilen Sie diesen Aufruf!

Mitteilung des Landeskulturverband SH

Written by Thilo

17. März 2020 at 16:22

Veröffentlicht in Gesundheit, Kultur, Land

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