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Archive for the ‘Rassismus’ Category

Kommentar: #Moria und was soll jetzt passieren?

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Bilder von der Demo zu #Moria am 11.9.2020 in Kiel, von Thilo Pfennig (C), 2020, gemeinfrei

Das Gelüchtetenlager Moria wurde 2013 eingerichtet, also noch bevor 2015 ein Anstieg der Geflüchtetenzahlen in der EU zu verzeichnen war.

Das frühere Areal des griechischen Militärs ist von der Europäischen Union (EU) als Registrierungs- und Aufnahmezentrum („Hotspot“) zur Erstregistrierung von Geflüchteten und zur Durchführung der Asylverfahren vorgesehen.

Quelle: Wikipedia unter eine CC-BY-SA -Lizenz

Es ist schon erstaunlich, was man von manchen Politiker:innen oder Medien hört. Sie greifen die Brandstiftung auf, die nun in Moria passierte und von deren Motivation oder Täter:innen man bisher nichts weiß und argumentieren von hier aus, dass dieser Brand eine Erpressung der gutmeinenden EU ist. Eine EU, die seit sieben Jahren dieses Lager betreibt und ebenso seit Jahren eine Überfüllung bewusst in Kauf nimmt. Zeitweise waren dort 20.000 Menschen untergebracht, obwohl es lediglich für 2.800 Menschen ausgelegt war.

Ich kenne niemanden, der nicht schon seit Jahren geahnt oder gedacht hat, das die Situation dort irgend wann zu einer Katastrophe führt. Deutschland hat dieses Lager immer unterstützt und mitgebaut. Der Brand ist ein Ergebnis der Zustände. Nun denen die Schuld zu geben, die dort wortwörtlich ausweglos aushalten müssen ist an Zynismus nicht mehr zu überbieten!

Seehofer sagte gestern noch einmal, dass wir uns ja angeblich einig sind, dass sich „2015 nicht mehr wiederholen solle“. Er meint damit wohl, dass keine Geflüchteten mehr lebend Deutschland erreichen? Denn wer die letzten sieben Jahre nichts tut, um die bestehenden Fluchtprobleme zu ändern, sondern dubiose Deals mit der Türkei abschließt, der kann dies nur tun, wenn er den Tod von Menschen wissentlich in Kauf nimmt.

Die andere Seite der Medaille sind wir alle, die noch viel zu bequem sind, für die Moria immer noch zu weit weg ist. Wir haben das Privileg es uns leisten zu können, dass uns die Schicksale egal sind. Und ich glaube die Ursache liegt weder in der Flucht, noch an Lesbos, Griechenland, Moria oder dem Mittelmeer. Fundamental liegt es daran, dass wir die Geflüchteten nicht als Weiß, Europäer:innen oder Deutsche erkennen. Und damit nicht als Nachbar:innen oder gleichwertige Menschen. Wir erkennen ihnen ihre fundamentalen Menschenrecht ab. und Politik und Medien helfen uns dabei, ein gutes Gefühl zu behalten. Keiner der Geflüchteten wollte in einem Massenlager untergebracht werden für viele Jahre. Es sind Menschen, die einen Ausweg aus ihrem alten Leben suchten. Und das sollten wir alle als einen legitimen Wunsch anerkennen. Menschen haben schon immer neue Wege gesehen und erst durch diesen Impuls wurde überhaupt die Erde besiedelt und nur deshalb gibt es Menschen nicht nur auf dem afrikanischen Kontinent, sondern auch weit entfernt davon.

Und auch nicht nur in der Urzeit, sondern immer wieder gab es Auswanderungsbewegungen. Auch eine auswander:in hat das Recht als Mensch behandelt zu werden, nicht nur Touristen! Mit was für einer Anspruchshaltung fordern Deutsche während COVDI19 wieder in afrikanische Länder reisen zu dürfen, während Sudanes:innen auf Lesbos festgehalten werden. Erstklassige Touristenbungalos für Deutsche, Notunterkünfte für Geflüchtete?

Ich möchte den Einwand „Aber wir können doch nicht alle aufnehmen!“ ansprechen. Dieser ist eine Zuspitzung, dem ich entgegnen, dass es hier primär nicht um eine Aufnahmen geht, sondern darum, wie es eben NICHT geht. Wenn die EU-Ländern die Leute nicht aufnehmen wollen, müssen sie eben eine bessere und menschenwürdige Lösung finden. Sie haben es sich bisher zu einfach gemacht.

Politiker:innen wie Seehofer haben die letzten Jahre keine Alternativen entworfen, sondern nur proklamiert, was sie nicht wollen. Sie hatten nicht den Mut klar zu machen, dass es vielleicht zu dem Status eines echten EU-Mitgliedes gehören muss, nicht den Kopf in den Sand zu stecken. Wieso gibt es zB keine legale und sichere Lösung für Menschen und insbesondere mit Familien mit Kindern in die EU einzuwandern, es zumindest zu beantragen? Warum fordert man eine gefährliche Flucht, die dann zu den Problemen führte, die wir erleben.

Man meint, wenn man sichere und legale Lösungen anbietet, das dann noch mehr Anträge kommen? Zum einen ist das nicht gesagt. Nur die Anträge der Toten in Sahara und dem Mittelmeer spart ihr euch. Mit der Politik könnt ihr aber gleich den Schießbefehl geben, das ist nur wenig anders. Und es passt zu Phänomenen rund um die NSU oder Anschläge um Mölln. Wer Rassismus beklagt, der sollte bei der EU-Fluchtpolitik nicht wegschauen und auch auf Änderung pochen.

Statt Lösungen auszuarbeiten, von denen vielleicht ALLE profitieren (außer die Schlepper), gibt es ein politisches Geschacher und Stammtischparolen, mit denen niemand geholfen wird!

Die Brände haben uns Moria näher gebracht und verdeutlicht, das es so auf gar gar gar keinen Fall weiter geht! Und das war schon 2013 falsch und bleibt es. Und es war sogar vor Moria falsch. Wenn wir die DDR zu Recht für ihre Mauerschützen verurteilen, müssen wir doch mit dem selben Maß schauen, wie wir mit Flüchtenden umgehen.

Fluchtursachen bekämpfen ist auch ein schöner Begriff. Ich fürchte nur, die Ergebnisse sieht man manchmal erst nach 10 Jahren. Meine Lösung wäre, EU-Länder zu zwingen entweder Menschen aufzunehmen oder entweder aus der EU zu werfen, oder dazu zu zwingen sich mit Milliarden von der Verpflichtung freizukaufen. Die Einheit der EU ist schon lange eine Pharce, wie auch der Brexit zeigt. Rechtsradikale besstimmen den Diskurs.

Und auch ganz wichtig: Es sollte dir als Leser:in nicht egal sein, was da passiert! Geht in euch und erforscht, wenn es euch das nicht nahe geht und ihr nicht bereit seid euren Medien und Politiker:innen Druck zu machen. Sind euch Steuersenkungen oder der nächste Urlaub wichtiger?

Es geht uns auch an. Ich habe da meine romantische Vorstellung, dass jeder Mensch, der geboren wird einen Pass bekommt von der UNO unabhängig von dem Land in dem er/sie lebt. Und damit als Weltbewohner:in überall Rechte hat, die einklagbar sind. Die Menschen sollten nicht nach Herkunftsland behandelt werden. Und wir sollten uns nicht nur über die PISA-Erfolge deutscher Schüler:innen Gedanken machen, sondern über die Bildungschancen von Kleinkindern in Moria und weltweit!

Es kommt mir so vor, als wäre die Politik nicht ein mal ansatzweise bereit die Verantwortung zu tragen, die sie sich angeeignet hat. Ein Seehofer hat sich den Posten als Innenminister erkämpft, nur um vor der Kamera die Schultern zu zucken und „mir san mir“ zu flüstern. Solche Leute gehören nach Hause und in den Ruhestand und ersetzt durch Leute, die sich kümmern. Und wir müssen so lange Druck machen, bis sich da etwas ändern. Das wichtigste Ziel ist dabei den Rassismus im eigenen Land zu bekämpfen, denn der ist die Ursache dieser Ignoranz! Fangen wir bei uns und unseren Nachbar:innen an!

Written by Thilo

12. September 2020 at 12:16

Veröffentlicht in Deutschland, Europa, Flucht, Rassismus

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PM: 11.9. 15 Uhr Demo in Kiel für Sichere Häfen für Geflüchtete #Moria

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Moria Camp.jpg

Outskirts of Moria camp, Lesbos, on January 15th 2017. By Cathsign Own work, CC BY-SA 4.0, Link

TKKG (die Turbo-Klima-Kampf-Gruppe) und die Initiative gegen
Kreuzfahrt ändern ihre Pläne und rufen aufgrund des Brandes 
im Geflüchtetenlager Moria auf der griechischen Insel Lesbos
 zu einer Demonstration für sichere Häfen und die Aufnahme 
der geflüchteten Menschen in Deutschland auf.

Der Aufruf wird von mehreren Gruppen unterstützt (aktuell: 
Seebrücke Kiel, EmBIPoC, NARA, Runder Tisch gegen Faschismus und Rassismus, LaDIYfest).

Wie schon zuvor geplant soll die Demo an Land um 15 Uhr am 
Ostseekai starten und entlang der Kiellinie verlaufen. 
Parallel dazu versammeln sich die Teilnehmer:innen in Booten
auf dem Wasser. Weil es am Ostseekai keine Möglichkeit gibt,
 kleine Boote ins Wasser zu lassen, bricht eine Gruppe in
Paddelbooten schon um 14 Uhr an der Fördespitze auf.


"Die Meldung von den Feuern im Lager Moria in dieser Nacht 
hat uns schockiert, traurig gemacht und mitgenommen. Zu 
einem solchen Zeitpunkt fühlt es sich unangemessen an, den 
Fokus auf Protest gegen Kreuzfahrtschiffe zu legen, auch 
wenn diese den europäischen Rassismus und die brutale 
Ungerechtigkeit gut verkörpern. Wir müssen jetzt alles tun,
 was möglich ist, um den Geflüchteten beizustehen." erklärt 
Aktivistin Lana die Entscheidung.

Mittwoch Nacht fing das Geflüchtetenlager Moria Feuer. 
Inzwischen ist es nahezu vollständig zerstört. Das Lager 
steht schon seit längerer Zeit wegen den dort herrschenden 
Bedingungen, welche kaum Hygiene oder Privatsphäre zulassen,
in Kritik. Das Camp ist für unter 3000 Menschen ausgelegt.
Zuletzt waren ca. 13000 Menschen dort untergebracht, 
isoliert und damit faktisch gefangen. Nach dem Brand sind 
die Menschen obdachlos. 

Die Bundesregierung hat bisher jede Initiative verweigert 
und stattdessen auf eine europäische Lösung gepocht, bei der
auch Staaten wie Ungarn oder Polen, welche keine (weiteren)
 geflüchteten Menschen aufnehmen wollen, miteinbezogen 
werden sollen - also von vornerhein klar ist, dass das ewig 
dauert oder nichts wird. Anträge im Bundestag zur kommunalen 
Aufnahme von besonders schutzbedürftigen Menschen wurden 
Anfang des Jahres durch CDU, SPD, FDP und AfD nahezu 
geschlossen abgelehnt. "Selbst die Aufnahme von 27 
Geretteten, die seit vier Wochen auf dem Tanker Maersk 
Etienne warten, scheint für unsere Politiker:innen ein
unlösbares Problem zu sein. Viele äußern sich offen 
rassistisch. Andere verstecken sich hinter leeren Worten und
machen Menschenleben zu einem Spielball im Hin- und 
Herschieben von Verantwortung und jahrelanger Untätigkeit."
 verurteilt Aktivist Ben die Politik der Bundesregierung.

Preessemitteilung TurboKampfKlimaGruppe

Written by Thilo

11. September 2020 at 09:34

Kieler Nachrichten befördert #Rassismus durch Berichterstattung über Zum M-Kopf #MWort

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Photo by Vlada Karpovich on Pexels.com

Ein schwarzer Koch , Herr Onuegbu und Kieler Restaurantbesitzer, das „M-Wort wäre gar nicht rassistisch. Dass das nicht stimmt, das sehen sowohl viele Schwarze so, als auch Expert:innen auf dem Gebiet der Rassismusforschung (empfehle als Zusammenfassung zB Artikel der Augsburger Allgemeine. Aber auch in dem Artikel wird der Begriff genannt. Ich vermeide den ganz bewusst. Unter dem Strich: Niemand kann ernsthaft die rassistische Bedeutung des Wortes negieren.

Aber die Kieler Nachrichten macht es als großer Aufmacher, dass es diesen einen Schwarzen in Kiel gibt, der es anders sieht. Das ist so der Mechanismus wie bei Klimaleugner:innen, Evolutionsleugner:innen, Flatearthern oder Coronaleugner:innen: Die Fakten sind eindeutig, aber man berichtet einfach genau so sehr über irgend welche Spinner, die wissenschaftlicher Erkenntnisse nicht anerkennen.

Es ist für Medien nicht akzeptabel diese Vorurteile und diesen Rassismus auf diese Weise zu stärken. Es geht nicht um Einzelmeinungen, Rassismus ist nicht verhandelbar oder eine reine Sache des Gefühls!

Written by Thilo

29. August 2020 at 19:26

Veröffentlicht in Medien, Rassismus

Kiel White #KritischesWeißsein #KritischesAlmansein

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Angeregt mal wieder durch Twitter versuche ich mich (als Blogger) an einen Post mit etwas anderer Perspektive:

Meine Posts sind sowie meisten etwas wurschtiger geschrieben, insofern passte das „Ihr werdet Fehler machen, aber try!“ im Thread ganz gut zu meinem Stil oder Einstellung. Aber wo fängt man an? Am besten wohl chronologisch, also mit Eltern und Kindheit. Entschuldigt bitte, dass das noch unsortierter ist als sonst, aber ich hätte sonst noch mehr Arbeit reinstecken müssen und löschen. Und dann wäre der artikel sehr viel später veröffentlicht worden.

Vergangenheit

Ich wohne in Kiel und bin auch dort aufgewachsen. Mein Vater stammt aus Bayern/Unterfranken, war evangelisch und ist 2011 gestorben, war erst Schlosser bei der Firma Sachs in Schweinfurt, ging dann freiwillig zur Bundeswehr und zur Marine. Sein Vater war auch bei der Marine im 1. Weltkrieg und in britischer Kriegsgefangenschaft (wie ich erst letztes Jahr erfuhr). Während seiner Zeit bei der Marine lernte mein Vater meine Mutter (katholisch) kennen, deren Familie Vertriebene aus dem heute tschechischen Böhmen (Plan bei Marienbad) nach dem Zweiten Weltkrieg waren.

Hierzu ganz interessant: Je nach Definition habe ich damit nach deutscher, allgemeingültiger Definition KEINEN Migrationshintergrund. Siehe dazu auch die Wikipedia:

In Deutschland ist Migrationshintergrund ein Ordnungskriterium der amtlichen Statistik zur Beschreibung einer Bevölkerungsgruppe, die aus seit 1949 eingewanderten Personen und deren Nachkommen besteht.

Meine Mutter ist nach 1949 ausgesiedelt. Hatte ihre Familie zuvor (als „deutsche“ Minderheit) einen Pass der Tschechoslowakischen Republik, dann durch die widerrechtliche Annexion Nazideutschlands zu Reichsdeutschen. Und nach dem Krieg offiziell „Staatenlos“, bis zur Einbürgerung.

Meine Kindheit hindurch habe ich mir denn auch immer Geschichten ihrer alten Heimat anhören müssen. und auch von den Erfahrungen mit den „Reichsdeutschen“ in Bayern auf dem Dorf nach dem Krieg. Der Hausbesitzer, wo die Familie zwangseinquartiert wurde kündigte am Anfang an er würde jetzt die Axt holen, um die Familie zu erschlagen. Für die Deutschen in Bayern waren die Neuankömmlinge schmutzige Eindringlinge aus dem Osten. Dazu kam vielleicht noch, dass die Katholiken hussitisch geprägt waren und damit dem römisch-katholischen etwas entfremdet. Die Kultur des Fremdenhasses und der Ausgrenzung traf eben auf Viele zu damals. Allerdings schaffte es diese Volksgruppe aufgrund weniger sprachlicher Hürden und entsprechender staatlicher Förderung schneller als manche anderen Gruppen später. Aber in gewisser Weise fühlte ich mich durch diese Prägung auch nie 100% hier heimisch.

Meine Mutter arbeitete zeitweise auch in einer amerikanischen Base in Schweinfurt. Ihr Vater war Steinmetz, ihre Mutter Schneiderin. Meine Eltern heirateten in Schweinfurt protestantisch und zogen zunächst dienstbedingt nach Heiligenhafen, dann Eckernförde.

Meine waren zum einen waren inr ihren Einstellung schon sehr konservativ und teilweise auch fremdenfeindlich oder gegen Gleichberechtigung und Feminismus gerichtet. Aber dann oft dennoch gegenteilig oder sogar links.

Ich selbst bin 1971 in Eckernförde geboren und habe eine ältere Schwester. Meine ersten Erfahrungen im Zusammenhang mit Weißsein war vermutlich im evangelischen Kindergarten. Ich erinnere mich, dass wir da ja auch Lieder oder Spiele beigebracht bekommen hatten. Dazu zählten – und ich verlinke das mal einfach ohne es anzusprechen in der Hoffnung da niemanden zu triggern:

Ich denke jeder, der in Kindergärten zu der Zeit gehen musste, hatte diese frühe kulturelle Prägung, die natürlich, wie auch immer da die Interpretation oder Absicht war, Grundlagen für rassistisches Denken liefert. Soweit ich mich erinnern kann, waren alle Kinder weiß und hatten keinen Migrationshintergrund. Aber vielleicht trübt mich da auch meine Erinnerung?

Zur Grundschule habe ich hauptsächlich Erinnerungen an erste Gewalterfahrungen durch andere Kinder. Da gab es einige wirklich aggressive und so war mein täglicher Schulweg und die Pausen in der Schule immer von Angst geprägt. Irgend wie wurde es mit der Zeit aber besser.

Es gab einen Heimatkundeunterricht, der teilweise interessant war, weil man auch was dazu lernte, wie Kiel früher aussah, wie zB die Persianischen Häuser. Wobei jetzt wo ich mich daran erinnere, das gehörte dann ja auch zu einem kolonialen Erbe und Kiel hat sicher profitiert. Nicht zuletzt lese ich gerade bei Kiel Postkolonial), war der Nord-Ostsee-Kanal(NOK) insbesondere zur Förderung der Kolonisationspolitik Deutschlands gedacht. Handel war mir ja klar, aber so prägnant war mir der Kontext zwischen Kolonialismus und dem NOK nicht.

Ich erinnere mich auch, dass mich, wie offenbar die meisten Kinder, Dinosaurier brennend interessierten, und man mir in der Grundschule sagte, das würde später in der Schule kommen. Nun, ich habe nie etwas über Dinosaurier in der Schule gelernt. Evolution ja und als Teil dessen auch Dinosaurier, aber nicht explizit. Fühle mich da heute noch ein wenig betrogen. Am Ende der Grundschulzeit wird man leistungsmäßig eingeschätzt und eine Empfehlung für die weiterbildenden Schulen gegeben. Bei mir kam am Ende Realschule heraus. Blöd nur, dass Freunde aufs Gymnasium gingen, also landete ich auch auf der Kieler Humboldt-Schule (humanistisch). Das war dort schon recht streng. Wenn der Unterricht morgens begann sollten immer alle Schreibsachen schon auf dem Tisch liegen und die Hände flach auf der Tischplatte. Und dann zur Begrüßung aufstehen und „Guten Morgen“ sagen. Wenn ich das Leuten erzähle die gleichaltrig sind sagen sie, dass sie so was schon nicht mehr in der Schule erlebt haben. Diese Schule war also vielleicht ein paar Jahrzehnte hinterher und ich habe so noch ein wenig 50er Jahre mitbekommen. In Grundschule und Gymnasium gab es vereinzelte Schüler:innen mit Migrationshintergrund. So ca. 1-2 pro Klasse. Eine Mitschüler:in im Gymnasium mit Eltern aus Nordafrika hatte sehr unter Hänseleien zu leiden und offenbar auch mit dem Elternhaus, was dann auch zu einem Drama führte, dass ich hier nicht näher ausführen werde. Auf jeden Fall war die Klasse von dem Ereignis tief betroffen und hinterher gab es so etwas nicht mehr.

Den Geschichtsunterricht hatte ich so in Erinnerung, dass er zu 90% aus dem alten Griechenland und Römischen Reich bestand. Also da wo Alexander der Große erobert hatte, so weit reichte unser Wissen Richtung Osten. Afrika existierte (mit Ausnahme vom alten Ägypten und Karthago) eigentlich nur ab dem Zeitpunkt der Unabhängigkeit. Da gabs dann solche Art Karten:

British Decolonisation in Africa.png
By The Red Hat of Pat Ferrickt (log) – Transferred from en.wikipedia; transfer was stated to be made by User:Hejsa. Blank map from File:BlankMap-World3.svg . Original text: Brown, Judith (1998) The Oxford History of the British Empire: Volume IV: The Twentieth Century (Oxford History of the British Empire), Oxford University Press, pp. p. 348, Public Domain, Link

Dadurch, dass ich auch mal eine Klasse wiederholte und auf verschiedenen Schulen war (am Ende auf einem Wirtschaftsgymnasium), habe ich vielleicht auch mehr doppelt mitbekommen. Ich fand das separierte Schulsystem auf jeden Fall einfach nur dämlich, weil es mich viel Zeit gekostet hatte und am Ende war ich doch schulmüde und habe lieber den Zivildienst (Ersatzdienst für Wehrpflichtige damals) angefangen, als noch ein mal zu wiederholen und das Abitur zu machen. Das sind halt so Entscheidungen im Leben.

Ansonsten gab es natürlich viel deutsche Geschichte, irgendwelche Schlachten und Kriege, aber alles megaeurozentristisch. Ich erinnere mich zB daran im Wirtschaftsgymnasium gabs einen alten, konservativen Geschichtslehrer mit einer speckigen Kladde, die so aussah, als wenn er seit 30 Jahren das gleiche erzählte. Bei ihm ging es weniger darum Geschichte zu verstehen oder zu hinterfragen, sondern 150 Seiten zu lesen und Sachen auswendig zu lernen. Eines Tages hatten wir ein Kapitel durch und ich hatte neugieriger weise gelesen, was das nächste Kapitel wäre. und da ging es um Sultane und Osmanisches Reich usw.. Darüber hatte ich nie was gehört. Aber dann befahl er uns dieses Kapitel zu überspringen. Und ich meldete mich und fragte: „Warum überspringen wir das?“ Antwort war: „Weil uns das nicht interessiert!“ Aha, pluralis majestatis. Mich hätte es interessiert.

Ich erinnere mich an einen Mitschüler mit asiatischen Wurzeln, der mal zu mir auf dem Schulhof vom Fachgymnasium sagte, dass er glaube, dass er nur deswegen schlechte Noten bekommen würde, weil die Lehrer alle rassistisch wären. Ich habe das damals nicht geglaubt.

In der Realschule hatten wir auch mal einen Fall, wo eine Mitschülerin von heute auf morgen nicht mehr zur Schule kam, weil sie von ihren Eltern zum Heiraten in die Türkei zurück „entführt“ wurde. Wir waren als Klasse damals alle ziemlich geschockt darüber.

Ich erinnere mich in der Realschule an einen Fall, in dem ein schwarzer ehemaliger Mitschüler (aus dem Gymnasium) uns auf dem Schulhof in der Pause besuchte. Er war dort so ziemlich der beste Fußballer, im Gegensatz zu mir. Aber ich stand ihm bei Fußballspielen oft im Weg wenn er aufs Tor schießen wollte, also wählte er mich auch ein mal in sein Team, damit ich ihm nicht mehr im Weg stehe beim nächsten Torschuß 😉 . Jedenfalls wollte er uns besuchen und wir freuten uns. Aber dann kam ein Lehrer und verwies ihn in sehr groben Ton von unserem Schulhof. Ich weiß nicht, was der Lehrer damals dachte, aber ich vermute mal er unterstellte ihm vermutlich, dass er Drogen verkaufen wollte oder so was. Ich erinnere mich daran heute auch noch wie gestern, weil ich es als so ungerecht empfand und die verbale Attacken so krass waren.

Ich erinnere mich auch an eine ältere Religionslehrerin an der Realschule die uns per Dias einen Einblick gab, wie toll das damals war beim Bund Deutscher Mädel. Sie übte zwar generell eine Kritik am Nazireich, aber irgend wie war ihre Message. Das war so nett mit den Freizeiten, dass sie deshalb gerne da mitgemacht hat. Meine Mutter hatte mir da ein anderes Bild vermittelt. Ihr Vater war in der SPD. Er war zu Anfangs hinter die Ostfront versetzt worden. Also da wo die ganzen Verbrechen passierten Angeblich hat Nazideutschland da eher Leute aus den Randgebieten des Reiches hingeschickt, damit die Infos was wirklich passiert nicht nach Kerndeutschland durchsickert.

Nach der Schulzeit habe ich versucht mein Wissensdefizit zu decken und habe ein mal komplett die Geschichte Afrikas von Joseph Ki-Zerbo durchgelesen. Im ZDF gab es einige interessante Filme aus und über Afrika. Darunter der burkinisch-mauretanische Film Sarraounia von 1986 (auf Youtube).

2001, nach den Anschlägen des 11. September ging es mir zum ersten mal so, dass ich im Bus fuhr und auf ein mal Menschen mit arabischem Aussehen anders ansah und auch so was wie Angst entstand. Allerdings viel mir das auch sofort auf und ich konnte damit umgehen und Wochen später spielte das für mich keine Rolle mehr. Aber ich denke viele denken über das, was sie sehen und empfinden gar nicht nach, sondern meinen zu wissen, dass alles was sie denken der Wahrheit entspringt.

Heute

Wie oft ich von linken Leuten in Kiel das N-Wort in den vergangenen Jahren gehört habe, ist unfassbar. Nicht als Beleidigung gemeint, sondern verwendet, weil man meint über dem Rassismus zu stehen und das Recht oder das Privileg zu habe, gerade als Weisser Linker, jedes Wort aus Spaß zu verwenden, wenn es dazu dient den eigenen Punkt zu untermauern.

Ich nehme da auch einen Bruch war: Es gibt hier in Kiel viele Organisationen, die sich um Geflüchtete kümmern, oder einen Runden Tisch gegen Rassismus. Aber bisher war der eigene, ich sage immer „kleine Rassismus“ selten Thema. Man engagiert sich gegen das Sterben im Mittelmeer, aber man macht Rassismus halt daran fest, dass irgendwo Menschen angegriffen oder sterben gelassen werden: Von Europa, von Nazis, vom Staat. Konsens besteht unter Linken, dass Abschiebung unmenschlich ist. Aber sehr selten bis gar nicht hinterfragen die Leute ihre eigene Einstellung und was sie täglich reproduzieren.

In dem Stadtteil Kiel-Gaarden, in dem ich lebe, gibt es viele Menschen mit Migrationshintergrund. Als ich vor 20 Jahren hergezogen bin gab es hier eher Migrant:innen mit polnischen und türkisch/kurdischem Hintergrund, seit 2015 mehr Araber:innen und Afrikaner:innen. Es gibt hier offenbar mehrere Communities und Ebenen, die sich offenbar wenig begegnen. Es ist hier relativ friedlich. Leben und Leben lassen. ich habe damals 2015 hier auch ein Willkommensfest organisiert, als so viele Geflüchtete kamen, weil gleichzeitig auch die AfD stark wurde. Und ich dachte man muss die Leute mehr zusammen bringen. Das Fest war nicht nur für Geflüchtete Es gab Musik, Informationen und Essen und Trinken umsonst. Und alle standen gemeinsam an und aßen gemeinsam auf dem Vinetaplatz. Leider entwickelte es sich nicht so weiter, wie ich es geplant hatte, das nämlich eigentlich die ursprüngliche Truppe aus wenigen weissen Deutschen sich langsam rauszieht und es auch mehr und mehr den Migrant:innen überlassen würde, das Fest zu organisieren. Ich empfand es in den kommenden Jahren als eher befremdlich, wenn weisse Deutsche etwas für Geflüchtete organisieren. Und ich empfand es auch als komisch, als ich realisierte durch die Zusammenarbeit mit der örtlichen türkischen Gemeinde, dass das Verhältnis bzw. die Inklusion der seit Jahrzehnten hier lebenden Menschen mit Migrationshintergrund noch genau so im argen liegt, wie die der Neuankömmlinge.

2020 gab es auch den ersten Black History Month in Kiel, den ich sehr spannend fand. Und das Interesse vieler Kieler:innen war auch groß, was wohl auch die Veranstalterinnen überraschte. Aber man hat schon auch gemerkt, dass man zu lange nur nebeneinander her lebt und der Austausch schwer fällt.Weil die Erfahrungen so unterschiedlich sind. Weil es Missverständnisse gibt und seitens der Weissen Unsensibilitäten und Unachtsamkeiten. Und weil man sich auch nicht von heute auf morgen komplett wandeln kann

Den Umgang mit Rassismus sehe ich weniger als etwas, bei dem man anfangen kann, alles richtig zu machen, sondern als einen Weg in eine Richtung. Es ist sehr vergleichbar mit Sexismus. Wir können unsere Prägung nicht so schnell loswerden, aber wir können uns ihrer bewusst machen und „irgend wie“ damit umgehen. Man kann sich ja auch mal entschuldigen.

Mir fällt dazu ein Buch ein über Erziehung, wo der Autor Eltern empfahl, sich jedes mal selbst zu loben, wenn man einen Fehler an sich erkannt hat, damit man nicht in eine Negativspirale rein kommt, in der man sich schämt und dann leugnet. Nein, Fehler erkennen ist gut! Oder bei der Meditation wenn man gedanklich abschweift und merkt, dass man nicht mehr bei der Sache ist: Nicht zu sehr ärgern und wieder zurück zum Thema kommen. Es geht darum zu Lernen!

Ich finde es wenig hilfreich, wenn in der Öffentlichkeit fertige Konzepte verbreitet werden und zu viele Erwartungshaltungen. So richtig tief geht es eher, wenn es keine Tabus gibt für das Infragestellen. Vieles in Deutschland ist ritualisierter Distanzierung nach dem Motto „Rassismus hat in unserer Gesellschaft keinen Platz!“ . Nein, wahrer ist, dass wir eine durch und durch rassistische Gesellschaft sind. Es ist bequemer zu sagen: Der Nazi ist schuld, oder die Tat ist schlimm. Aber dann sein eigenes rassistisches Verhalten nicht in Frage stellen. Weil wir ja auf der richtigen Seite sind? Klar geht es auch darum, gegen echte Nazis Stellung zu beziehen. Aber es geht eben weiter. Und da taugen einzelne Schuldige eher als Sündenböcke, die quasi die Schuld für alle anderen übernehmen. Anders lässt sich auch der NSU-Komplex nicht erklären. Und da hat sich nicht wirklich etwas bewegt in Deutschland.

Soweit erst mal bis hierher. Chaotischer und unstrukturierter als sonst. Zu viel auf ein mal versucht, aber mal ein Anfang. 😉

Written by Thilo

10. Juni 2020 at 18:37

Rassistischer Ausflug der SPD Kiel

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Written by Thilo

10. Dezember 2009 at 00:59

Veröffentlicht in Großraum Kiel, Organisationen, Rassismus

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