KielKontrovers

Ein Projekt vom 1Todo Institute

Archive for the ‘Rechtsradikalismus’ Category

#Panoramagate oder auch: Ist schon wieder #Sommerloch?

with 12 comments

Das Logo von Rainer Meyer alias „Don Alphonso“

Ich sehe also den Hashtag #Panoramagate trenden und klicke drauf, normalerweise deckt Panorama ja eher „Gates“ auf und wird daher von vielen Betroffenen nicht so geliebt und finde:

Und dann diesen Artikel und plötzlich gehts auch im Kiel und die Antifa Kiel. na sowas, mitten durch meinen Vorgarten (Kiel) ist er gestapft, der Mann, der zu konservativ für die FAZ war (muss man erst mal schaffen!).

Der Artikel ist recht wirr und durchmischt verschiedene Fakten, aber ich glaube es wird deutlich: Don Alphonso ist eher kein Linksradikaler? Der wesentliche Absatz in dem Artikel ist dieser :

Die ARD hat lange, bevor sie Bohnert fragte, eine bei linksextremen Gruppierungen auftretende und agierende Aktivistin als Expertin angefragt, um ein Urteil zu fällen – ein Urteil, das auf die ARD zurückfällt, weil sie sich selbst mit dieser Aktivistin und deren Umfeld vernetzt hat.

Und schon am Anfang:

Das Outing des Opfers im Netz, und eine angebliche „Expertin“, die mehrfach bei vom Verfassungsschutz überwachten, linksextremen Gruppen auftrat: Bei der Sendung „Panorama“ haben offensichtlich die Sicherungen versagt.

Das steht im Kontext zu den Enthüllungen der Sendung Panorama über einen Bundeswehr-Major, der Kontakte zu Identitäteren Bewegung und Rechtsradikalen pflegte.

Betrachten wir den Artikel in der Welt von Herrn Meyer mal mit Fragen aus seiner Perspektive:

Wer ist bei dieser Geschichte DAS OPFER?

Das Opfer ist laut Welt, der Major, dessen Name öffentlich wurde.

Wer ist bei dieser Geschichte DIE TÄTERIN?

Als Täterin bezeichnet die Welt Natascha Strobl. Meyer bezeichnet sie durchgehend als „Aktivistin“. Aus dem Wikipedia-Artikel zu ihr, lässt sich das aber nicht herauslesen. In seinem Artikel geht der Autor auf die allgemeine Sichtweise von Frau Strobl so ein:

„Erstaunlicherweise gibt es in Deutschland Kreise, die Frau Strobl als Politikwissenschaftlerin und Rechtsextremismusexpertin bezeichnen, aber hier erscheint sie ganz klar bei einer autonomen, verfassungsfeindlichen und leicht erkennbar gewaltbefürwortenden Gruppierung, die zudem klar erkennbaren Hass gegen Polizei und Militär ins Netz trägt.“

Also ist die Frau keine Wissenschaftlerin? Man findet hier ihre Diplomarbeit Sozialwissenschaft. Außerdem ist sie Buchautorin und schreibt Artikel für deutschsprachige Zeitungen. Man kann also sagen, das man sie u.a. objektiv als Politikwissenschaftlerin bezeichnen muss, auch wenn Herr Meyer inhaltlich nicht mit ihr übereinstimmt. Was hat sie ihm denn getan?

  1. Sie hielt Vorträge auch an Orten und vor Organisationen, die Herr Meyer aus Prinzip ablehnt, zB weil sie in irgend einem Verfassungsschutzbericht auftauchen
  2. Sie sagte dem NDR wörtlich „Gerade der Leiter der Social-Media-Abteilung der Bundeswehr darf natürlich überhaupt keinen Kontakt haben zu den Identitären. Das ist absolut ein Skandal für die Bundeswehr.“
  3. dabei ging es ja im Falle Bohnert (laut Meyer) lediglich darum, dass „dieser drei Likes zu Thesen bei einem seiner flüchtigen Bekannten hinterließ“.
  4. Nur die Thesen von Frau Strobl lassen Bohnert in „einem schlchten Licht dastehen“, ansonsten ist seine Weste also sauber?
  5. Er wirft Frau Strobl vor, dass eine NDR-Mitarbeiterin auf Twitter ihr gegenüber vor einer Stellungnahme Bohnerts erwähnt, dass Panorama sie gerne sprechen würde. Seine Theorie: Der NDR hat

Interessante Erkenntnis meinerseits: Bohnert war der Major, der einen Angriff nach psychologischer Kriegsführung auf die Re:Publica 18-Konferenz fuhr – also einem Einsatz der Bundeswehr gegen Kritiker:innen der Bundeswehr im Inneren. Verfassungsrechtlich im roten Bereich! Leider unterblieb damals der Aufschrei und eine entsprechende Reaktion der Medien, die ja alle mit gemeint waren!

Es geht dann im weiteren Artikel noch mehr um: Wer hat wann was geschrieben und wie sehr hat sich der NDR bemüht den Namen des Mannes geheim zu halten? Ich muss sagen: Vielleicht hat man das nicht ausreichend getan, aber wenn man jemanden in so klarer Position bestimmte Dinge vorwirft, dann kann man eigentlich nur NIE berichten, wenn das nicht herauskommen soll. Genau so wie wenn jemand über eine Bundeskanzlerin eines deutschen Landes berichtet „(Angela M.)“, die dann und dann da und da war. Wir wissen dann auch alle, wer gemeint war. Diese ganzen Zeitfragen sind also nicht wesentlich.

Zu einem „Was war wann?“ gehört aber auch, was sonst noch heute über Marcel Bohnert bekannt ist. Und da dürfen wir davon ausgehen, dass Herrn Meyer die Erkenntnisse aus der Tagesschau vom 24,07, heute schon bekannt waren:

  • 2015 einen Vortrag vor der rechten Burschenschaft „Cimbria München“
  • Er sagte, dass eine Armee die kämpfen kann, könne nicht „in der Mitte stehen“ (meint: muss sich am rechten Rand befinden)
  • Vortrag in der christliche-konservativen Denkfabrik „Studienzentrum Weikersheim

Also: Zu den Vorwürfen, die Herr Bohnert gegenüber der Welt ja sogar zugibt findet man in diesem Artikel gar nichts außer Verharmlosungen und dem Weglassen neuester Erkenntnisse. Stattdessen wird Herr Bohnert zu einem Opfer stilisiert. Stattdessen wirft er befragten Expertinnen genau diese Schuldigkeit durch Kontext zu, die er bei Herrn Bohnert aus Prinzip verneint. Strobl hat allerdings sowieso lediglich eine Einschätzung von vielen geliefert, insbesondere zu Weikersheim.

Was bleibt unter dem Strich? Es gibt kein Panoramagate. Herr Meyer versäumt es total auf die von Panorama erhobenen Vorwürfe einzugehen. Die rechte Gesinnung des Majors scheint aufgrund zahlreicher Indizien klar zu sein. Und sowohl das Ministerium als auch der Major selbst haben daraus Konsequenzen gezogen bzw. Fehler eingestanden. Eigentlich gibt es nur Herrn Meyer der meint, das alles was geschehen war ok war und der lieber auf Kritiker:innen mit dem Finger zeigt. Warum?

Es geht Meyer darum rechtsradikales Gedankengut zu verharmlosen und sobald da etwas nachweisbar ist zu versuchen jemanden im Fadenkreuz der Kritik als armes Opfer darzustellen. Das ist so, weil Herr Meyer selber ein Rechtsradikaler ist, der mit Demokratie nicht viel anfangen kann. Erbringt dabei unzählige Fakten ins Spiel, die weder was mit dem beschuldigten noch mit Panorama und den Vorwürfen zu tun haben. Alle Vorwürfe sind wahr, belegt und bestätigt. Das „Gate“ besteht also nur im Kopf von Don Alfredo!

Written by tlow

29. Juli 2020 at 15:58

Kiel White #KritischesWeißsein #KritischesAlmansein

leave a comment »

Angeregt mal wieder durch Twitter versuche ich mich (als Blogger) an einen Post mit etwas anderer Perspektive:

Meine Posts sind sowie meisten etwas wurschtiger geschrieben, insofern passte das „Ihr werdet Fehler machen, aber try!“ im Thread ganz gut zu meinem Stil oder Einstellung. Aber wo fängt man an? Am besten wohl chronologisch, also mit Eltern und Kindheit. Entschuldigt bitte, dass das noch unsortierter ist als sonst, aber ich hätte sonst noch mehr Arbeit reinstecken müssen und löschen. Und dann wäre der artikel sehr viel später veröffentlicht worden.

Vergangenheit

Ich wohne in Kiel und bin auch dort aufgewachsen. Mein Vater stammt aus Bayern/Unterfranken, war evangelisch und ist 2011 gestorben, war erst Schlosser bei der Firma Sachs in Schweinfurt, ging dann freiwillig zur Bundeswehr und zur Marine. Sein Vater war auch bei der Marine im 1. Weltkrieg und in britischer Kriegsgefangenschaft (wie ich erst letztes Jahr erfuhr). Während seiner Zeit bei der Marine lernte mein Vater meine Mutter (katholisch) kennen, deren Familie Vertriebene aus dem heute tschechischen Böhmen (Plan bei Marienbad) nach dem Zweiten Weltkrieg waren.

Hierzu ganz interessant: Je nach Definition habe ich damit nach deutscher, allgemeingültiger Definition KEINEN Migrationshintergrund. Siehe dazu auch die Wikipedia:

In Deutschland ist Migrationshintergrund ein Ordnungskriterium der amtlichen Statistik zur Beschreibung einer Bevölkerungsgruppe, die aus seit 1949 eingewanderten Personen und deren Nachkommen besteht.

Meine Mutter ist nach 1949 ausgesiedelt. Hatte ihre Familie zuvor (als „deutsche“ Minderheit) einen Pass der Tschechoslowakischen Republik, dann durch die widerrechtliche Annexion Nazideutschlands zu Reichsdeutschen. Und nach dem Krieg offiziell „Staatenlos“, bis zur Einbürgerung.

Meine Kindheit hindurch habe ich mir denn auch immer Geschichten ihrer alten Heimat anhören müssen. und auch von den Erfahrungen mit den „Reichsdeutschen“ in Bayern auf dem Dorf nach dem Krieg. Der Hausbesitzer, wo die Familie zwangseinquartiert wurde kündigte am Anfang an er würde jetzt die Axt holen, um die Familie zu erschlagen. Für die Deutschen in Bayern waren die Neuankömmlinge schmutzige Eindringlinge aus dem Osten. Dazu kam vielleicht noch, dass die Katholiken hussitisch geprägt waren und damit dem römisch-katholischen etwas entfremdet. Die Kultur des Fremdenhasses und der Ausgrenzung traf eben auf Viele zu damals. Allerdings schaffte es diese Volksgruppe aufgrund weniger sprachlicher Hürden und entsprechender staatlicher Förderung schneller als manche anderen Gruppen später. Aber in gewisser Weise fühlte ich mich durch diese Prägung auch nie 100% hier heimisch.

Meine Mutter arbeitete zeitweise auch in einer amerikanischen Base in Schweinfurt. Ihr Vater war Steinmetz, ihre Mutter Schneiderin. Meine Eltern heirateten in Schweinfurt protestantisch und zogen zunächst dienstbedingt nach Heiligenhafen, dann Eckernförde.

Meine waren zum einen waren inr ihren Einstellung schon sehr konservativ und teilweise auch fremdenfeindlich oder gegen Gleichberechtigung und Feminismus gerichtet. Aber dann oft dennoch gegenteilig oder sogar links.

Ich selbst bin 1971 in Eckernförde geboren und habe eine ältere Schwester. Meine ersten Erfahrungen im Zusammenhang mit Weißsein war vermutlich im evangelischen Kindergarten. Ich erinnere mich, dass wir da ja auch Lieder oder Spiele beigebracht bekommen hatten. Dazu zählten – und ich verlinke das mal einfach ohne es anzusprechen in der Hoffnung da niemanden zu triggern:

Ich denke jeder, der in Kindergärten zu der Zeit gehen musste, hatte diese frühe kulturelle Prägung, die natürlich, wie auch immer da die Interpretation oder Absicht war, Grundlagen für rassistisches Denken liefert. Soweit ich mich erinnern kann, waren alle Kinder weiß und hatten keinen Migrationshintergrund. Aber vielleicht trübt mich da auch meine Erinnerung?

Zur Grundschule habe ich hauptsächlich Erinnerungen an erste Gewalterfahrungen durch andere Kinder. Da gab es einige wirklich aggressive und so war mein täglicher Schulweg und die Pausen in der Schule immer von Angst geprägt. Irgend wie wurde es mit der Zeit aber besser.

Es gab einen Heimatkundeunterricht, der teilweise interessant war, weil man auch was dazu lernte, wie Kiel früher aussah, wie zB die Persianischen Häuser. Wobei jetzt wo ich mich daran erinnere, das gehörte dann ja auch zu einem kolonialen Erbe und Kiel hat sicher profitiert. Nicht zuletzt lese ich gerade bei Kiel Postkolonial), war der Nord-Ostsee-Kanal(NOK) insbesondere zur Förderung der Kolonisationspolitik Deutschlands gedacht. Handel war mir ja klar, aber so prägnant war mir der Kontext zwischen Kolonialismus und dem NOK nicht.

Ich erinnere mich auch, dass mich, wie offenbar die meisten Kinder, Dinosaurier brennend interessierten, und man mir in der Grundschule sagte, das würde später in der Schule kommen. Nun, ich habe nie etwas über Dinosaurier in der Schule gelernt. Evolution ja und als Teil dessen auch Dinosaurier, aber nicht explizit. Fühle mich da heute noch ein wenig betrogen. Am Ende der Grundschulzeit wird man leistungsmäßig eingeschätzt und eine Empfehlung für die weiterbildenden Schulen gegeben. Bei mir kam am Ende Realschule heraus. Blöd nur, dass Freunde aufs Gymnasium gingen, also landete ich auch auf der Kieler Humboldt-Schule (humanistisch). Das war dort schon recht streng. Wenn der Unterricht morgens begann sollten immer alle Schreibsachen schon auf dem Tisch liegen und die Hände flach auf der Tischplatte. Und dann zur Begrüßung aufstehen und „Guten Morgen“ sagen. Wenn ich das Leuten erzähle die gleichaltrig sind sagen sie, dass sie so was schon nicht mehr in der Schule erlebt haben. Diese Schule war also vielleicht ein paar Jahrzehnte hinterher und ich habe so noch ein wenig 50er Jahre mitbekommen. In Grundschule und Gymnasium gab es vereinzelte Schüler:innen mit Migrationshintergrund. So ca. 1-2 pro Klasse. Eine Mitschüler:in im Gymnasium mit Eltern aus Nordafrika hatte sehr unter Hänseleien zu leiden und offenbar auch mit dem Elternhaus, was dann auch zu einem Drama führte, dass ich hier nicht näher ausführen werde. Auf jeden Fall war die Klasse von dem Ereignis tief betroffen und hinterher gab es so etwas nicht mehr.

Den Geschichtsunterricht hatte ich so in Erinnerung, dass er zu 90% aus dem alten Griechenland und Römischen Reich bestand. Also da wo Alexander der Große erobert hatte, so weit reichte unser Wissen Richtung Osten. Afrika existierte (mit Ausnahme vom alten Ägypten und Karthago) eigentlich nur ab dem Zeitpunkt der Unabhängigkeit. Da gabs dann solche Art Karten:

British Decolonisation in Africa.png
By The Red Hat of Pat Ferrickt (log) – Transferred from en.wikipedia; transfer was stated to be made by User:Hejsa. Blank map from File:BlankMap-World3.svg . Original text: Brown, Judith (1998) The Oxford History of the British Empire: Volume IV: The Twentieth Century (Oxford History of the British Empire), Oxford University Press, pp. p. 348, Public Domain, Link

Dadurch, dass ich auch mal eine Klasse wiederholte und auf verschiedenen Schulen war (am Ende auf einem Wirtschaftsgymnasium), habe ich vielleicht auch mehr doppelt mitbekommen. Ich fand das separierte Schulsystem auf jeden Fall einfach nur dämlich, weil es mich viel Zeit gekostet hatte und am Ende war ich doch schulmüde und habe lieber den Zivildienst (Ersatzdienst für Wehrpflichtige damals) angefangen, als noch ein mal zu wiederholen und das Abitur zu machen. Das sind halt so Entscheidungen im Leben.

Ansonsten gab es natürlich viel deutsche Geschichte, irgendwelche Schlachten und Kriege, aber alles megaeurozentristisch. Ich erinnere mich zB daran im Wirtschaftsgymnasium gabs einen alten, konservativen Geschichtslehrer mit einer speckigen Kladde, die so aussah, als wenn er seit 30 Jahren das gleiche erzählte. Bei ihm ging es weniger darum Geschichte zu verstehen oder zu hinterfragen, sondern 150 Seiten zu lesen und Sachen auswendig zu lernen. Eines Tages hatten wir ein Kapitel durch und ich hatte neugieriger weise gelesen, was das nächste Kapitel wäre. und da ging es um Sultane und Osmanisches Reich usw.. Darüber hatte ich nie was gehört. Aber dann befahl er uns dieses Kapitel zu überspringen. Und ich meldete mich und fragte: „Warum überspringen wir das?“ Antwort war: „Weil uns das nicht interessiert!“ Aha, pluralis majestatis. Mich hätte es interessiert.

Ich erinnere mich an einen Mitschüler mit asiatischen Wurzeln, der mal zu mir auf dem Schulhof vom Fachgymnasium sagte, dass er glaube, dass er nur deswegen schlechte Noten bekommen würde, weil die Lehrer alle rassistisch wären. Ich habe das damals nicht geglaubt.

In der Realschule hatten wir auch mal einen Fall, wo eine Mitschülerin von heute auf morgen nicht mehr zur Schule kam, weil sie von ihren Eltern zum Heiraten in die Türkei zurück „entführt“ wurde. Wir waren als Klasse damals alle ziemlich geschockt darüber.

Ich erinnere mich in der Realschule an einen Fall, in dem ein schwarzer ehemaliger Mitschüler (aus dem Gymnasium) uns auf dem Schulhof in der Pause besuchte. Er war dort so ziemlich der beste Fußballer, im Gegensatz zu mir. Aber ich stand ihm bei Fußballspielen oft im Weg wenn er aufs Tor schießen wollte, also wählte er mich auch ein mal in sein Team, damit ich ihm nicht mehr im Weg stehe beim nächsten Torschuß 😉 . Jedenfalls wollte er uns besuchen und wir freuten uns. Aber dann kam ein Lehrer und verwies ihn in sehr groben Ton von unserem Schulhof. Ich weiß nicht, was der Lehrer damals dachte, aber ich vermute mal er unterstellte ihm vermutlich, dass er Drogen verkaufen wollte oder so was. Ich erinnere mich daran heute auch noch wie gestern, weil ich es als so ungerecht empfand und die verbale Attacken so krass waren.

Ich erinnere mich auch an eine ältere Religionslehrerin an der Realschule die uns per Dias einen Einblick gab, wie toll das damals war beim Bund Deutscher Mädel. Sie übte zwar generell eine Kritik am Nazireich, aber irgend wie war ihre Message. Das war so nett mit den Freizeiten, dass sie deshalb gerne da mitgemacht hat. Meine Mutter hatte mir da ein anderes Bild vermittelt. Ihr Vater war in der SPD. Er war zu Anfangs hinter die Ostfront versetzt worden. Also da wo die ganzen Verbrechen passierten Angeblich hat Nazideutschland da eher Leute aus den Randgebieten des Reiches hingeschickt, damit die Infos was wirklich passiert nicht nach Kerndeutschland durchsickert.

Nach der Schulzeit habe ich versucht mein Wissensdefizit zu decken und habe ein mal komplett die Geschichte Afrikas von Joseph Ki-Zerbo durchgelesen. Im ZDF gab es einige interessante Filme aus und über Afrika. Darunter der burkinisch-mauretanische Film Sarraounia von 1986 (auf Youtube).

2001, nach den Anschlägen des 11. September ging es mir zum ersten mal so, dass ich im Bus fuhr und auf ein mal Menschen mit arabischem Aussehen anders ansah und auch so was wie Angst entstand. Allerdings viel mir das auch sofort auf und ich konnte damit umgehen und Wochen später spielte das für mich keine Rolle mehr. Aber ich denke viele denken über das, was sie sehen und empfinden gar nicht nach, sondern meinen zu wissen, dass alles was sie denken der Wahrheit entspringt.

Heute

Wie oft ich von linken Leuten in Kiel das N-Wort in den vergangenen Jahren gehört habe, ist unfassbar. Nicht als Beleidigung gemeint, sondern verwendet, weil man meint über dem Rassismus zu stehen und das Recht oder das Privileg zu habe, gerade als Weisser Linker, jedes Wort aus Spaß zu verwenden, wenn es dazu dient den eigenen Punkt zu untermauern.

Ich nehme da auch einen Bruch war: Es gibt hier in Kiel viele Organisationen, die sich um Geflüchtete kümmern, oder einen Runden Tisch gegen Rassismus. Aber bisher war der eigene, ich sage immer „kleine Rassismus“ selten Thema. Man engagiert sich gegen das Sterben im Mittelmeer, aber man macht Rassismus halt daran fest, dass irgendwo Menschen angegriffen oder sterben gelassen werden: Von Europa, von Nazis, vom Staat. Konsens besteht unter Linken, dass Abschiebung unmenschlich ist. Aber sehr selten bis gar nicht hinterfragen die Leute ihre eigene Einstellung und was sie täglich reproduzieren.

In dem Stadtteil Kiel-Gaarden, in dem ich lebe, gibt es viele Menschen mit Migrationshintergrund. Als ich vor 20 Jahren hergezogen bin gab es hier eher Migrant:innen mit polnischen und türkisch/kurdischem Hintergrund, seit 2015 mehr Araber:innen und Afrikaner:innen. Es gibt hier offenbar mehrere Communities und Ebenen, die sich offenbar wenig begegnen. Es ist hier relativ friedlich. Leben und Leben lassen. ich habe damals 2015 hier auch ein Willkommensfest organisiert, als so viele Geflüchtete kamen, weil gleichzeitig auch die AfD stark wurde. Und ich dachte man muss die Leute mehr zusammen bringen. Das Fest war nicht nur für Geflüchtete Es gab Musik, Informationen und Essen und Trinken umsonst. Und alle standen gemeinsam an und aßen gemeinsam auf dem Vinetaplatz. Leider entwickelte es sich nicht so weiter, wie ich es geplant hatte, das nämlich eigentlich die ursprüngliche Truppe aus wenigen weissen Deutschen sich langsam rauszieht und es auch mehr und mehr den Migrant:innen überlassen würde, das Fest zu organisieren. Ich empfand es in den kommenden Jahren als eher befremdlich, wenn weisse Deutsche etwas für Geflüchtete organisieren. Und ich empfand es auch als komisch, als ich realisierte durch die Zusammenarbeit mit der örtlichen türkischen Gemeinde, dass das Verhältnis bzw. die Inklusion der seit Jahrzehnten hier lebenden Menschen mit Migrationshintergrund noch genau so im argen liegt, wie die der Neuankömmlinge.

2020 gab es auch den ersten Black History Month in Kiel, den ich sehr spannend fand. Und das Interesse vieler Kieler:innen war auch groß, was wohl auch die Veranstalterinnen überraschte. Aber man hat schon auch gemerkt, dass man zu lange nur nebeneinander her lebt und der Austausch schwer fällt.Weil die Erfahrungen so unterschiedlich sind. Weil es Missverständnisse gibt und seitens der Weissen Unsensibilitäten und Unachtsamkeiten. Und weil man sich auch nicht von heute auf morgen komplett wandeln kann

Den Umgang mit Rassismus sehe ich weniger als etwas, bei dem man anfangen kann, alles richtig zu machen, sondern als einen Weg in eine Richtung. Es ist sehr vergleichbar mit Sexismus. Wir können unsere Prägung nicht so schnell loswerden, aber wir können uns ihrer bewusst machen und „irgend wie“ damit umgehen. Man kann sich ja auch mal entschuldigen.

Mir fällt dazu ein Buch ein über Erziehung, wo der Autor Eltern empfahl, sich jedes mal selbst zu loben, wenn man einen Fehler an sich erkannt hat, damit man nicht in eine Negativspirale rein kommt, in der man sich schämt und dann leugnet. Nein, Fehler erkennen ist gut! Oder bei der Meditation wenn man gedanklich abschweift und merkt, dass man nicht mehr bei der Sache ist: Nicht zu sehr ärgern und wieder zurück zum Thema kommen. Es geht darum zu Lernen!

Ich finde es wenig hilfreich, wenn in der Öffentlichkeit fertige Konzepte verbreitet werden und zu viele Erwartungshaltungen. So richtig tief geht es eher, wenn es keine Tabus gibt für das Infragestellen. Vieles in Deutschland ist ritualisierter Distanzierung nach dem Motto „Rassismus hat in unserer Gesellschaft keinen Platz!“ . Nein, wahrer ist, dass wir eine durch und durch rassistische Gesellschaft sind. Es ist bequemer zu sagen: Der Nazi ist schuld, oder die Tat ist schlimm. Aber dann sein eigenes rassistisches Verhalten nicht in Frage stellen. Weil wir ja auf der richtigen Seite sind? Klar geht es auch darum, gegen echte Nazis Stellung zu beziehen. Aber es geht eben weiter. Und da taugen einzelne Schuldige eher als Sündenböcke, die quasi die Schuld für alle anderen übernehmen. Anders lässt sich auch der NSU-Komplex nicht erklären. Und da hat sich nicht wirklich etwas bewegt in Deutschland.

Soweit erst mal bis hierher. Chaotischer und unstrukturierter als sonst. Zu viel auf ein mal versucht, aber mal ein Anfang. 😉

Written by tlow

10. Juni 2020 at 18:37

#Antisemitismus und #Fremdenhass geht uns alle an #hal0910 #Antifa

with 2 comments

Es sollte keinen Unterschied machen, wen es trifft, wenn Anschläge wie gestern in Halle passieren. Aber in diesem Fall kommt man schon nicht daran vorbei das Ziel zur Kenntnis zu nehmen: Es bestand die Gefahr, dass ein Nazi bis zu 80 Juden in einer Synagoge erschossen worden wären.

Dann höre ich heute morgen vom angeblichen Terror-Experten Rolf Clement auf PHOENIX, dass die Tatsache, dass der („Einzel“)Täter vor verschlossener Tür stand abgeleitet werden konnte, dass die Hallenser Polizei sicher sein konnte, dass wegen der sicheren Tür nichts passieren konnte. Insofern war dann die Nicht-Bewachung auch verschmerzbar. Sind ja nur zwei Menschen gestorben?

Und auch die frühzeitige Festlegung auf die Einzeltäterthese: Hier machen wir uns alle mit schuldig: In dem wir so etwas sagen, in dem unsere Radio- und Fernsehsender solche Journalisten einladen (immerhin wies die Moderatorin und Nicht-explizite Sicherheitsexpertin darauf hin, dass das mit dem Einzeltäter keinesfalls erwiesen sei). Und in dem man zur Tagesordnung übergeht. Oder damit, dass man gar nicht beachtet, dass der Täter dann ja auch irgend wen anders umgebracht hat, vermutlich zumindest eine Person, von der er ausging, dass sie nicht deutsch war. Zumindest der Sprecher des Zentralrats der Juden wies darauf hin.

Dies ist vielleicht der erschreckendste Anschlag der letzten Jahrzehnte. Aber es scheint in den Medien eher als Randnotiz gewertet zu werden. Nur weil nicht viele Menschen starben? Es geht nicht eigentlich um die Anzahl der Opfer. Das ist oft reiner Zufall. Was wäre gewesen, wenn der Täter mit einem ankommenden Gemeindemitglied gemeinsam in die Synagoge hätte eindringen können? Jede Tür ist irgend wann geöffnet. Und keine Synagoge bietet ewigen Schutz, denn die Leute müssen ja auch ein normales Leben zu Hause führen!

Und ein Sprecher der Polizeigewerkschaft verteidigte auch das Nicht-Bewachen der Hallenser Synagoge damit, dass er nicht wisse, ob die Gemeinde denn die Polizei über den Feiertag informiert hatte. Und ob die Polizei überhaupt etwas über Gefahrenlagen wusste! Und das sonst die Polizei ja auch alle Moscheen und Kirchen das ganze Jahr bewachen müsse.

Bitte? Jom Kippur muss nicht angekündigt werden! Es geht darum ausgewählte Orte wie z.B. Synagogen an bestimmten Tage zu schützen, die in der Vergangenheit schon für Anschläge genutzt wurden. Diese Verallgemeinerung auf jeden Tag, alles, überall dient lediglich der Verharmlosung, so als wenn man Kirchen jeden Tag bewachen müsste! Daraus spricht bereits ein Antisemitismus und Fremdenhass oder zumindest Ignoranz gegenüber spezifischen Gefahren für alle, die anders sind als die Mainstream-Deutschen. Ich sage bewusst nicht Nicht-Deutsche, weil das weder früher noch heute ein Kriterium für Nazis war: Entscheidend für die ist lediglich, wen sie selber für Nicht-Zugehörig halten. Da nützt es niemandem bei einem Anschlag seinen Pass hochzuhalten!

Ich glaube es ist machbar. Es gib rund 100 Synagogen in Deutschland und rund 250.000 Polizist*innen. Da muss es ZUMINDEST möglich sein, dass wir 100 Polizisten an jeweils einer Synagoge an Jom Kippur sehen können. Wer am Tag der Deutschen Einheit den größten Polizeieinsatz in der deutsche Geschichte in Kiel miterlebt hat kratzt sich den Kopf über diese Prioritäten! Hauptsache Herr Steinmeier fühlte sich sicher?

Dieser Anschlag ist kein Zufall, auch nicht, dass er in Sachsen-Anhalt stattfand. Sicher gibt es diese Gefahren auch in anderen Bundesländern, aber wir haben vor Monaten noch eine massive Verharmlosung bei Angriffe wie in Chemnitz von Verfassungsschutz und anderen Staatsorganen gesehen.

Der Staat züchtet sich Rechtsradikale. Durch Ignoranz, die von eigenen Vorurteilen geprägt ist, vom eigenen kleinen oder großen Rassismen. Und das fängt am Küchentisch an und hört bei der Berichterstattung in der Tagesschau auf.

Letztlich ist es sogar eine ähnliche Ignoranz wie gegenüber Gefahren wie dem Klimawandel: Die Politik vollzieht die Ignoranz großer Teile der Bevölkerung nach. Statt klar einzuschreiten und Grenzen zu ziehen wird debattiert, was denn überhaupt schon Rassismus ist oder ob es für Juden denn wirklich so unerträglich in Deutschland ist. Selbst so ein Anschlag gibt kein Aufwachen? Sind wirklich alle so verblendet? Muss die Bombe erst unter dem eigenen Hintern los gehen, bevor man sich Sorgen macht?

Ich finde es ganz wichtig sich jetzt vor allem aber nicht nur mit den Juden und den Synagogen zu solidarisieren. Nicht im Sinne eines Affektes, sondern aus der Erkenntnis, dass wir nun ein neues Maß an Gefahr erreicht haben und das nun endlich Schluss damit sein muss, Strömungen wie AfD, Verfassungsschutz oder Priorisierung einer Verfolgung von Extinction Rebellion weiter zu dulden. Nein, die Politik soll dort einschreiten, wo Leute rumlaufen und andere Menschen umbringen oder verletzen wollen. Das sollte das Mindestmaß sein. Ich will da keine Entschuldigung oder „Ja, aber“ hören. Seit Jahrzehnten erleben wir Repressionen linker Projekte, Umweltgruppen, Vorratsdatenspeicherung, Fingerabdrücke auf Personalausweisen und Kameraüberwachung. Aber dann weigert sich der Staat die unmittelbar gefährdeten zu schützen und fragt: Muss das wirklich sein? Das wird doch so teuer!? Bitte? Ich fass es nicht. Erzählt mir nichts mehr von Sicherheit. Solange keine Nazis Amok laufen fühle ich mich sicher auf den Straßen. Bitte ladet auch keine AfD mehr in Talk-Shows ein. Das brauchen wir nicht. Das macht Deutschland nicht sicherer. Der Krautreporter hatte das zu einen guten Artikel.

Natürlich sind das nicht die ersten Anschläge dieser Art. Es ist einfach erneut eine Gelegenheit zu sagen: Es reicht!

Written by tlow

10. Oktober 2019 at 09:48

Veröffentlicht in Deutschland, Rechtsradikalismus, Religion

Tagged with , , , ,

#Brandanschlag auf Infoladen in Kiel-Gaarden #LieberAnders #RoteHilfe

leave a comment »

Am Tag danach – verbrannte Eingangstür vom Li(e)ber Anders

Laut antifa-kiel.org fand in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch ein Brandanschlag auf den Infoladen Li(e)ber Anders in der Iltisstraße statt. Von einem rechtsradikalen Hintergrund ist auszugehen.

Am heutigen Donnerstag findet daher ein FEST DER ANTIFASCHISTISCHEN SOLIDARITÄT statt:
Donnerstag, 20.12.2018:
17 Uhr | Li(e)ber Anders (Iltisstr. 34) | Kiel-Gaarden

Written by tlow

20. Dezember 2018 at 12:35

#Chemnitz ist nicht überall

with 3 comments

Ein Deutsch-Kubaner starb in Chemnitz durch ein Messer. Die Hintergründe sind nach wie vor unbekannt. Und die scheinen auch die meisten Politiker und Kommentatoren nicht zu interessieren.

Nazis vereinnahmen nun dieses Opfer, dass offenbar durchaus gegen Pegida aktiv war. Gleichzeitig gibt es Jagdszenen in Chemnitz, die vermutlich durchaus Menschen betreffen, die wie das Opfer aussehen. Es ist absurd.

Gleichzeitig eine Mischung aus Nazis, Pegida-Anhängern und Wutbürgern auf den Straßen. Der Hitlergruß wird dabei auf Demonstrationen durchaus hingenommen von den anderen Teilnehmern und er Polizei.

Dann wird zwar zum einen nach „Meinungsfreiheit“ von rechts gefordert oder nach „Einigkeit und Recht und Freiheit“. Aber am Ende wird die Pressefreiheit der Journalisten eingeschränkt. Es wird gespalten, das Recht missachtet und die Freiheit unterdrückt.

Manche versuchen in der Ursachenforschung herauszustellen, dass das Kernproblem wäre, dass Probleme der Bürger*innen in Ostdeutschland zu wenig ernst genommen wurden und Kritik und Verallgemeinerung von Links die Leute der AfD und den Rechten zugetrieben hätten.

Da sind doch viele Fehlschlüsse enthalten. Es wird damit auch offene Gewalt gegen Menschen gerechtfertigt. Aus Befindlichkeiten werden zunächst berechtigte Kritik und daraus dann Verständnis für Proteste und einen rechten Mob, der eben kein Problem mit rechtsextremen Ansichten hat, eher mit demokratischen Prinzipien.

Es ist eher das Gegenteil: Zu wenig wurde auch von Ostdeutschen in den vergangenen Jahren ein Bekenntnis zu Menschenrechten erwartet. Stattdessen wurde eben versucht Befindlichkeiten zu ergründen. Verständnis für Xenophobie geäußert. Dabei dann aber die Perspektive der Asylbewerber oder Migrant*innen ausgeblendet. Wie dann auch jetzt wieder im Bürgerdialog. Während Ministerpräsident Kretschmer die Bürgerdialog suchte, mussten Menschen mit dunklerer Hautfarbe zuhause bleiben aus Angst vor Übergriffen. Also wer wird seitens des Staates und Pegida als Teil der Bevölkerung anerkannt? Ganz selbstverständlich wird zwischen „Wir“ und „Die“ getrennt. Einer der Gründe, warum die NSU sich in Deutschland so gut unbeeinträchtigt morden konnte.

Darstellungen wie: Es wäre ein bundesweites Problem oder  nicht alle Chemnitzer sind rechtsradikal helfen da nicht weiter. Natürlich ist dem so. Aber im Gegenzug schafft man es kaum zu erklären, dass nicht jeder Asylbewerber für diejenigen mithaftet, die Straftaten begehen.

Ich glaube also das im Gegenteil die Medien, vor allem in Ostdeutschland, kritischer über Meinungen in der Bevölkerung berichten müssen. Befindlichkeiten gegenüber den Fremden dürfen nicht ungefiltert durchgewunken werden, Da wird zu oft nach dem Mund berichtet. Und viel zu wenig problematisiert!

Written by tlow

1. September 2018 at 01:45

Veröffentlicht in Deutschland, Medien, Rechtsradikalismus

Tagged with ,

%d Bloggern gefällt das: