KielKontrovers

Ein Projekt vom 1Todo Institute

Archive for the ‘Stadtentwicklung’ Category

PM: Mobilitätsstationen radelnd kennenlernen (Stadt Kiel)

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Exemplarische Mobilitätsstation im Design KielRegion
Mobilitätsstationen Kiel

Die Entwicklung von innovativen, attraktiven und umweltfreundlichen Verkehrsangeboten ist ein wichtiges Ziel der Landeshauptstadt Kiel. Mobilitätsstationen helfen dabei, verschiedene Mobilitätsangebote zu vernetzen. Indem diese an einem Ort gebündelt werden, können Nutzer*innen leichter die Verkehrsmittel wechseln – umweltschonende Angebote sollen so attraktiver gestaltet werden.   Zwei Mobilitätsstationen wurden in diesem Jahr fertig gestellt – am Bahnhof Oppendorf und am Bahnhof Russee wurden vorhandene Mobilitätsangebote durch neue ergänzt. So gibt es dort neben der Bus- und Bahnanbindung einen „Park+Ride“-Parkplatz sowie attraktive Fahrradabstellanlagen. Hinzu kommen eine öffentliche Luftpumpe und kostenfreies SH-WLAN. In Oppendorf wurde außerdem eine Leihradstation der SprottenFlotte installiert, in Russee ist eine weitere Station geplant.   Um die Mobilitätsstationen vorzustellen und sich über das Thema auszutauschen, lädt das Tiefbauamt alle Interessierten zu zwei Radtouren ein.

– Am Dienstag, 22. September, startet um 16 Uhr eine Tour zu den „Mobilitätsstationen West“. Treffpunkt ist die StattAuto-Station Stephan-Heinzel-Straße (künftig Mobilitätsstation Wilhelmplatz). Von dort aus geht es gemeinsam zur neuen Mobilitätsstation am Bahnhof Russee und anschließend zu der im Bau befindlichen Mobilitätsstation am Rungholtplatz.  

– Am Dienstag, 29. September, folgt die Radtour zu den „Mobilitätsstationen Ost“. Los geht es um 16 Uhr am Tilsiter Platz (Havemeisterstraße/Ecke Schönberger Straße). Angefahren werden die Mobilitätsstation am Bahnhof Oppendorf sowie die geplanten Standorte am Anleger Dietrichsdorf, am Bahnhof Ellerbek und am Bahnhof Schulen am Langsee.   Beide Radtouren enden gegen 18.30 Uhr. Fragen zum Ablauf der Fahrten beantwortet Anja Kreißler unter der Kieler Telefonnummer 901-4572 oder per E-Mail unter mobilitaetsstationen@kiel.de. Unter dieser Mailadresse bittet das Tiefbauamt um Anmeldungen jeweils bis zum Vortag der Touren.  

Pressemitteilung der Stadt Kiel 16.9.2020

Written by Thilo

16. September 2020 at 08:25

Kiel, Stadt am Wasser? #RVKiel

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Kiel Hafen vom CAP Januar 2012.png

Kiel Hafen vom CAP Januar 2012 Von 36ophiuchi Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link

In Fortsetzung meines anderen Artikel zur Kieler Innenstadt von heute:

Was stimm eigentlich mit Kiel nicht? Viele Kieler:innen kennen das: Man bekommt Besuch, den man am Bahnhof abholt und die Leute wollen gleich „ans Wasser“. Sie sehen die Förde und auch große Schiffe und denken dann, am könne an der Förde spazieren gehen. Aber Pustekuchen. Alles verbaut.

Man hat sehr stark auf die Fähren und später auf den Kreuzfahrttourismus gesetzt. Es ist aber nicht davon auszugehen, dass der jemals wieder die vergangenen Höhen erreichen kann. Für Kiel bietet auch diese Krise eine Chance. Man könnte sehr harte Maßnahmen durchführen, wie:

  • Rückbau der Fähr- und Kreuzfahrtterminals, bessere Anbindung des Bahnhofs ans Wasser, zB Fördeschiffe, die in unmittelbarer Nähe auf dem Bahnhofsvorplatz (jetzige Kaistraße) anlegen
  • Das Wasser wieder echt via Bootshafen und Holstenfleet bis zum Kleinen Kiel hereinführen statt künstllicher Gewässer, inklusive möglichem Bootsverkehr
  • Bessere Gestaltung der Hörn zum Flanieren, eine extra Radverbindung und eine Art Park statt Hochhäuser und Beton.
  • Abriss von Sophienhof und Karstadt. Karstadt wird sowieso die nächsten 1-2 Jahren schließen und der Sophienhof wird auch immer mehr Probleme bekommen. Stattdessen dort wieder große Mehrfamilienhäuser mit Mischnutzung und Kleingewebe ansiedeln.
  • Das Sophienblatt wie schon angedacht autofrei, ebenso die Kaistraße
  • eine Promenade angefangen von der Kaistraße bis zum Anfang der Kiellinie (Seeburg)
  • auch einen Stadtstrand sollte man nicht so wie bisher vom Tisch wischen. Innenstädte sind heutzutage weniger industrielle Zentren, sondern vielseitiger. Es wären weitere Gewerbeansiedlungen und Wohnbebauungen möglich
  • Verlagerung des gesamten Hafen und Schiffsverkehrs außer Ausflugsfahrten, Fördeschiffahrt,… nördlich des Kanals zum MFG5 und mit dem Flughafen Holtenau verbinden
  • Abbau des Tirpitz-Hafens und Beendigung der Stationierung der Marine. Auch hier wäre sehr viel mehr möglich also nur Sperrgebiet.

Ok, alles das geht nicht auf ein mal, aber es geht hier um eine Richtung, bzw. Richtungsumkehr. Zwar wirbt Kiel immer mit der Meeresnähe, aber eigentlich sind es nur die Schiffspassagiere, die dem Wasser nahe kommen. Die Langeweile von Kiel hängt viel damit zusammen, das man voll auf diese Karte des Fähr- und Kreuzfahrttourismus gesetzt hat. Und das ist jetzt nur das Westufer. Auf dem Ostufer wäre auch einiges möglich. Die bisherige Hafenwirtschaft wird die kommenden Jahre einen weiteren Niedergang erfahren. Es geht vor allem darum diesem unbegrenzten Wachstum eine Idee einer Stadt entgegenzusetzen ohne Militär und Autos. Eine Stadt für Menschen. Die entstehenden Freiräume könnten viele Energien freisetzen.

Written by Thilo

21. August 2020 at 14:37

#Holstenfleet Der große Wurf? #RVkiel #Fußverkehr

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Die neue Holstenbrücke 2020

Der „Kleine Kiel Kanal“ ist fertig. Manche nennen ihn bereits Holstenfleet, aber der offizielle Name ist es noch nicht. Der NDR berichtet darüber in einem aktuellen Artikel. Unter anderem kritisiert die CDU, das der Kanal zu schattig ist. Die richtige Antwort darauf ist wohl, dass da wohl viel Licht, auch viel Schatten ist.

Die Grundüberlegungen

  • Leerstände und die Veränderung des Einzelhandels vor allem auch durch das Internet haben zu vielen Leerständen geführt. Und auch im Vergleich zu anderen Fußgängerzonen ist die Holstenstraße weiter zurückgefallen bei der Attraktivität.
  • Bürger:innen haben sich in etlichen Bürgerbeteiligungen immer wieder gewünscht, dass Kiel wieder näher ans Wasser rückt. 1982 hatte man die Verbindung zur Förde wegen des neuen Schwedenkais zugeschüttet. In einem ersten Schritt wurde der Bootshafen 2002 erneuert. Seit Jahren investiert Kiel Marketing viel Geld für Events wie den Bootshafensommer, um die Ecke künstlich zu beleben. Der Holstenfleet ist insofern eine Weiterentwicklung dieses Bereiches und wieder mehr Wasser erfahrbar zu machen.
  • Man hatte sich entschieden den Autoverkehr an dieser Stelle heraus zu nehmen, um mehr Platz zu schaffen für Menschen.

Was ist daraus geworden?

Generell: Autos teilweise zu verbannen war eine gute Idee und nützt der Aufenthaltsqualität. Wir haben allerdings noch immer das Problem, dass es eben auch nach wie vor viele Parkhäuser und Parkplätze im Kernbereich gibt. Von der Seite der Stadt Kiel:

Standorte von Parkhäusern in der Altstadt/Innenstadt

In dem Stadtteil „Altstadt“ leben zur Zeit 1131 Menschen. Vor dem Bau der Quartiere „Alte Feuerwache und „Schloßquartier“ waren es lediglich 600. So konnten zwei Bauprojekte, die Einwohner:innenzahl bereits nahezu verdoppeln.

Ich denke die klassische Innenstadt, wie man sich in den 60er Jahren gedacht hat ist als Idee gestorben. Es wird nie wieder so sein, dass Menschen in eine Innenstadt fahren müssen, um zu einem Fachgeschäft zu kommen, oder gar nur dort Mode kaufen können. Vieles liegt am Internet, aber auch an Outlet-Centern oder großen Malls am Stadtrand, wie der CITTI Park (2006). Aber auch bereits an Einkaufszentren wie dem Sophienhof. Innenstädte erleben genau so einen Niedergang wie klassische Kaufhäuser.

Generell stellt der Umbau schon gute Impulse zur Verfügung: Mehr Platz für Fußgänger:innen, leichte Verbesserung für das Rad als Fortbewegungsmittel und mehr Aufenthaltsqualität in der Altstadt. Allerdings hat man bei der Planung und Umsetzung des Hosltenfleetes zu viel Aufmerksamkeit den Wasserbecken und Sitzgelegenheiten gewidmet und zu wenig der Einbindung des Fleets vor allem hin zum Martensdamm und der Andreas-Gayck-Straße.

Die Kurve am Martensdamm, Einmündung zur Holstenbrücke

Da die Bushaltestellen auf der Holstenbrücke ersatzlos wegfallen, ist nun die Haltestelle Martensdamm am nächsten (genau so wie Opernhaus/Rathaus). Man hat aber leider vergessen, dass man auch zu den Haltestellen gelangen muss. Und dazu gibt es über den Martens damm keine Ampel und es ist nicht ausreichend barrierefrei (die Willestraße ist neu gepflastert und stellt eine Barriere für Rollaltoren usw. dar) Es bleibt unklar wie und wo man den Übergang schaffen soll. Ich habe da Eltern mit Kinderwagen hektisch und ängstlich die Straße überqueren sehen. an muss dazu zB. links und rechts rückwärts den Verkehr im Auge behalten. Gerade für ältere Menschen und Kinder ist das unmöglich.

Dann noch der Aspekt des Radverkehrs: Der soll in der Theorie auf der Busspur nebenbei laufen. Allerdings hat der auch Abbiegeproblem. Davor existieren lediglich Schutzstreifen. Die Radfahrenden müssen in der Kurve während der Fahrt rückwärts schaue und gleichzeitig seitlich/rückwärts den entgegengesetzten Verkehr im Auge behalten. Auf den Busspuren: Wir alle erleben täglich die Rücksichtslosigkeit der Busfahrer:innen – es funktioniert nicht! Es war genug Zeit, Geld und Fläche da, um auch Radfahrende zu berücksichtigen. Aktuell würde ich sagen. Fürs Rad würde es reichen, wenn es keine Busse geben würde! Wir haben ja auch sogar neu noch die Elektroroller, die uns die Stadt aufzwingt.

Auf der anderen Seite der Andreas-Gayck-Straße biegen die Busse rechts ab. Es gibt eine große Mittelinsel, die mit zahllosen Fahrradbügeln blockiert wird. Durch die breite Mittelinsel bleibt nur ein relativ schmaler Gehweg über und auch die Radspur wirkt an dieser Stelle nicht überzeugend. Auch hier wird nicht klar, was man sich dabei gedacht hat.

Die Gesamtlösung sieht so aus, als wenn man immer die Wasserlösung im Fokus gehabt hat. Die wurde breit angelegt, so dass kein Platz mehr für Radwege und Haltestellen blieb. Nun hat sich der Weg von den Haltestellen zur Holstenstraße vervielfacht und wurde gefährlicher. Einfach aussteigen und schon ist man in der Fußgängerzone: Das war ein mal.

Vernachlässigt wurden also:

  • Die Barrierefreiheit
  • Kinder, Ältere, Eltern mit Kinderwägen
  • Die Radfahrenden
  • Die Anbindung des Fleets in die Ost/West-Richtung

Am Anfang war also der Grundgedanke mit dem Wasser da und dem wurde alles untergeordnet. Da sind trotz allem auch gute und positive Sachen bei. Daher würde ich sagen: Der Umbau war richtig, aber ich denke es müssen noch weitere Millionen in die Hand genommen werden, um es zu reparieren. Es wirkt doch eher stümperhaft, wenn man den Fußverkehr ganz ausklammert oder bei 19 Mio meint, man könne das Rad mit ein paar Schutzstreifen und der Mitbenutzung des Busspur abspeisen. Fahrradbügel werden primär zur Parkverhinderung genutzt und nicht dort platziert, wo Fahrradfahrer:innen sie brauchen. Die Akzeptanz des Fahrrads und von Fahrradbügel sinken durch diese Verwendung als „Allzweckwaffe“. Das sage ich seit Jahren, aber die Stadt ist da nach wie vor total begeistert.

s.a. am Holstein-Stadion (weitere Fotos)

Ich denke, wenn man was absperrt muss es auf jeden Fall eine andere Form haben, die sich deutlich von Fahrradbügeln abgrenzt. Sonst denken die Leute: „Jaja, so viele Fahrräder gibts ja gar nicht – die ganze Fahrradsache ist Humbug!“ Es wirkt fast so, als wolle die Stadt Kiel den Widerstand der Autofraktion für Fahrradpolitik provozieren. Keine Radfahrer:in fordert diese Bügel. Im Gegenteil: Es fehlt eher an wettergeschützten Anlagen, die nicht lieblos irgend wo aufgestellt werden.

Innenstädte müssen sich verändern

Generell sind also insbesondere die Impulse richtig und wichtig: Zurückdrängen des Autos und Innenstädte wieder bewohnt zu machen. Die Kieler Altstadt könnte vielleicht 10.000 Menschen beherbergen. Menschen die ganz normale Bedürfnisse haben nach Lebensmitteln und Dingen des täglichen Bedarfs. Insofern müssen Innenstädte mehr werden, wie ganz normale Viertel. Ohne viele Anwohner:innen hätte die Holtenauer Straße zB gar nicht so eine Aufwind bekommen. Es sind nicht die Parkplätze. Davon gibt es in der Altstadt mehr als genug. Die Idee, das man in ein Stadtviertel im Zentrum einer Stadt fährt ist als Solches bereits pervers und unzeitgemäß. Die Lösung liegt nicht darin, das die Holstenstraße wieder voll vermietet wird. Die Lösung liegt darin aus Gewerberaum Wohnraum zu machen, Denn Wohnraum fehlt auch in ganz Kiel. Je mehr Wohnraum in der Innenstadt verfügbar ist, desto mehr sinken auch die Mietpreise und desto mehr Leute gehen in der Innenstadt einkaufen. Dort wo sie wohnen. Und zunehmend können dann auch Menschen zentral wohnen, die nicht so finanzkräftig sind. Bisher werden diese in Stadtteile wie Gaarden oder Mettenhof verdrängt und der Unterschied zwischen Arm und Reich verstärkt.

Auch müssen die Verbindungen zwischen Fußgängerzonen und Umfeld weiter verschwimmen. Ob Ziegelteich, Andreas-Gayck-Straße, Schloßstraße, Kaistraße, Sophienblatt – das ist auch alles Innenstadt und darf nicht die Stadt durchschneiden und die Innenstadt damit vom Umfeld separieren. Es muss schön und einfach sein in die Innenstadt reinzugehen und wieder heraus zu kommen. Aber zu Fuß. Je mehr wie das Auto fördern und Infrastruktur vorhalten, desto unattraktiver wird es für alle anderen. Mehr Meter mit dem Bus von der Haltestelle zum Geschäft kostet schon wieder Kundschaft. Und Aufenthaltsqualität. Und so kann die Innenstadt dann auch nicht in benachbarte Viertel ausstrahlen. So hat Kiel zB den Übergang in den Osten bereits seit Jahren überaus unattraktive gestaltet für Rad und Fuß. Und so wie es geplant ist, wird Kai City auch keinen Mehrwert bringen, sondern eher eine relative Einöde bleiben. Eine Strecke, die man schnell überwinden muss und die für Spaziergänger:innen nicht attraktiv ist.

Die klassische Innenstadt ist tot. Und wird auch nicht mehr wiederkommen, es sei denn eine Innenstadt für Anwohner:innen und Fußgänger:innen.

Written by Thilo

21. August 2020 at 11:25

#Gentrifizierung Immer die gleichen Argumente?

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Aus aktuellem Anlass, da offenbar immer noch die Geister der Gentrifizierung in Kiel und/oder Gaarden lebendig sind. Gentrifizierung ist vielleicht im besten Falle eine Definition einer Situation wie in Berlin oder München, wo Gebäudekomplexe aufgekauft werden und im großen Stile eine schnelle Aufwertung vollzogen wird und dabei der Charakter eines Stadtteils zerstört wird und die bisherigen Bewohner:innen sich die Miete nicht mehr leisten können.

In Gaarden als Stadtteil sehe ich eher eine andere Problemstellung, nämlich die von Rassismus und Klassismus. Gaarden ist ein Stadtteil der nicht etwa zu viel Aufwertung erfahren hat, sondern im Gegenteil: Es flossen zwar viele Transferleistungen nach Gaarden, aber es wurde kaum investiert. Man muss nur schauen, was in den letzten 10 Jahren im Westen investiert wurde.

Nur Fahrradprojekte:

  • Neugestaltung des Lorentzendamm. Fahrradfreundlich gepflastert
  • Neugestaltung Kirchhofallee als Fahrradstraße
  • Veloroute 10
  • Kreuzung Goethestraße/Gutenbergstraße
  • Fahrradfreundlicher Kronshagener Weg
  • neuer Radweg Hopfenstraße (kommt)
  • Neuer Radweg Theodor Heuss-Ring

Darüber hinaus:

  • Millionenschwerer Umbau der Holstenbrücke zum Holstenfleet
  • Neue Fahrbahndecke Theodor-Heuss-Ring und weitere Sanierungen dort

Und in Gaarden?

  • neue Fahrbahndecke Karlstal/Werftstraße

Daneben gibt es in Gaarden außer der Stadtteilbücherei und dem Freibad Katzheide keinerlei städtische Einrichtungen, so wie zB ein Museum oder Theater.

Dagegen nimmt die soziale Spaltung in Kiel eher zu. Das ist Ergebnis dieser rassitisch/klassistischen Politik von Kiel. Von Polizei bis Verwaltung lässt man die Leute in Gaarden eher im eigenen Saft schmoren. Es gab zwar Projekte wie „Gaarden hoch 10“. Diese bemühen sich aber eher so etwas wie das Sicherheitsempfinden dadurch zu verbessern, dass man Graffiti entfernt. Wenn das Grund zur Furcht wäre, dann müssten die zentralen Stadtteile Hamburgs und Berlins ja eine unbewohnte Hölle sein.

Nein, es fehlt an Infrastruktur und an Anreiz in Gaarden zu wohnen oder einzukaufen. Alle weiteren Probleme wie Müll oder geballte Armut ergeben sich daraus. Auch das Problem der hohen Fluktuation, weil viele lieber aus Gaarden weggehen wollen liegt daran, das man hier ab vom Schuss ist und es zu wenige kulturelle oder infrastrukturelle Angebote gibt.

Wenn nun also Veranstaltungen oder Cafés, Bioläden, Gallerien oder Einzelpersonen attackiert werden, weil sie hier angeblich Gentrifizierung betrieben, so finde ich das absurd. Der Vorwurf müsste im Gegenteil lauten, das die Stadt zu wenig tut, um Gaarden zu einem gleichwertigen Stadtteil zu machen und die Gaardener:innen nicht mehr als nur Bürger:innen zweiter Klasse zu behandeln. Wenn man dann auch gleich jedes Engagement Einzelner oder der Stadt als Gentrifizierung angegriffen wird, verhindert das vielleicht sogar effektiv Investitionen, aber es sorgt auch dafür, das manche dringenden Verbesserung nicht hier, sondern in einem anderen Stadtteil kommen, wo der Widerstand gegen neue Radwege geringer ist. Manche wollen aus Gaarden so etwas wie ein gallisches Dorf machen, in dem dann angeblich der Staat oder der Kapitalismus nichts zu sagen haben. Währenddessen kaufen Investoren gerne Häuser in Kiel-Gaarden und warten einfach ein paar Jahre. Das fördert nicht eine gesündere Eigentümer:innenstruktur und hilft den Mieter:innen höchstens ein paar Jahre im Mietpreis, sorgt aber ggf. eher für schlechter sanierte Wohnungen. Viele Wohnungen sind Altbaubestand und haben Schimmel. Das Wohnen ist darin oft nicht sehr gesund. Keine Sanierung spart am Geldbeutel, aber geht auf die Gesundheit.

Es gibt dafür keine einfachen Antworten, außer die, das man langfristig nur mit einem anderen System die Probleme lösen können wird. Solange Häuser Privatbesitz sind und vererbt werden, wird es die Trennung in Immobilienbesitzende, Mieter:innen und Wohnungslose geben. Außer vielleicht eine Mietpreisbremse gibt es kaum nachhaltig wirkende Maßnahmen, die den normalen Ablauf des Kapitalismus aufhalten würden. Das meiste ist Drohkulisse und endet damit, das man die Wohnverhältnisse eher verschlechtert oder nicht verbessert. Es gibt Ideen, wie genossenschaftlichen Wohnungsbesitz oder Mietshäusersyndikat. Das kann man machen, braucht aber Zeit und ist für die meisten Mieter:innen keine gangbare Alternative.

Die gängige Gentrifizierungsdebatte tut so, als wäre oder hätte sie eine Lösung, aber in Wirklichkeit verharrt sie im Anklagen und im Appelationsmodus.

Soziale Spaltung in Kiel bedeutet auch, dass Gaarden im Verhältnis vor allem für arme attraktiver bleibt als andere Stadtteile. Und für Menschen mit höherem Einkommen keine Alternative darstellt.

Wir können nicht gleichzeitig eine bessere Durchmischung wollen und keine Aufwertung des Stadtteils. Und einen Kapitalismus ohne schädliche Nebenwirkungen gibt es auch nicht. Wir können am Abschaffen des Kapitalismus arbeiten und uns gleichzeitig auch für bessere Lebensverhältnisse in ganz Kiel einsetzen.

Insofern finde ich die Gentrifizierungsdebatte immer noch als langweilig oder zielführend. Wenn es darum geht, Großinvestoren davon abzuhalten ganze Wohnblocks abzureissen oder überteuert zu sanieren, kann man sogar auf manche Unterstützung aus der Stadt zählen, denke ich. Es nutzt nichts sich die Feindbilder zu bauen, um sich die Probleme einfacher zu machen. Besser ist es mit gezielten Aktionen und Projekten die Entwicklung so zu steuern, wie wir sie als Einwohner:innen haben wollen. Kritik an der Stadt ist dabei jederzeit angebracht, damit müssen die leben, gehört zu ihrem Job. Leider ist unsere Demokratie noch nicht so weit, dass alle adäquat mitbestimmen und mitentscheiden können. Aber die Hände in die Tasche stecken und alles schlecht reden befördert meines Erachtens eher eine Politik, die Gaarden als Müllkippe betrachtet, wo man nur das Mindeste tut und es ansonsten eher so lässt, wie es ist. Letzteres ist aus meiner Sicht nicht erstrebenswert.

Written by Thilo

12. August 2020 at 15:41

Veröffentlicht in Deutschland, Soziales, Stadtentwicklung, Wohnen

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Warum passieren #Unfälle und sind sie vermeidbar? #AutoKorrektur

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In letzter Zeit begegne ich auf Twitter immer wieder der Überzeugung, das es bei Unfällen wichtig sei einen Täter oder Täterin zu benennen. Das ist eine eher philosophische Frage, zu der der Platz auf Twitter nicht so recht ausreicht, um es zu würdigen.

Soweit ich die Position verstehe, geht des da oft um Kritik an Polizeimeldungen oder Presseartikeln, die zum Beispiel schreiben, dass ein LKW beim Abbiegen eine Radfahrer:in übersehen hat. Das wird als unpersönlich kritisiert. Es solle darum gehen klar zu sagen, dass ein Mensch, ein LKW-Fahrer zB schuld hat. Im Gegenzug wird kritisiert, dass bei Fußgänger:innen und Radfahrer:innen oft deren persönliche Schuld benannt wird und nicht etwa „das Fahrrad“ oder „der Schuh“ …

Was die Ungleichbehandlung angeht kann ich das vom Prinzip her nachvollziehen. Allerdings führt es auf einen aus meiner Sicht vollkommen falschen Pfad, nämlich zu diesen Annahmen:

  1. Ursächlich war ein persönliches Versagen eines Fahrers
  2. Hätte der Fahrer anders gehandelt, wäre der Unfall nicht passiert
  3. Wäre jemand anderes gefahren, wäre der Unfall nicht passiert
  4. Wenn wir alle keine Fehler machen würden, gäbe es KEINE Unfälle mehr
  5. Es sei realistisch, dass alle Unfälle abgeschafft werden, einfach dadurch, dass nur noch Menschen fahren, die keine Fehler machen.
  6. Der LKW oder das Auto sind nicht entscheidend für den Unfall, die Verletzung oder den Tod
  7. Der Fahrer hätte auch als Fußgänger jemanden getötet?

An dieser Kette ist so vieles falsch! Es ist ein wenig vergleichbar mit dem Waffenbesitz – in den USA wird auch argumentiert: „Nicht Waffen töten, sondern Menschen töten!“ Und daraus folgt dann die NRA-Maxime, dass nur der Good Guy with a Gun einen Mord eines Bad Guy verhindern kann. Solche Einstellungen führen zu allen möglichen Fehlschlüssen.

Unter anderem nutzen auch Tempolimit-Gegner:innen diese Logik, in dem sie sagen: Nicht das Tempo ist das Problem, sondern die Fahrer:innen, die es nicht im Griff haben!

Aber so tickt unsere Welt nicht. Da wo es Lebenwesen gibt, passieren „Unfälle“ – also sogar bei Tieren. Der Dinosaurier rannte eine Ebene längs und stürzt in einen Abgrund – und starb. Jetzt können wir sagen: Der Dinosaurier ist selber schuld! Ein intelligenterer Dino hätte den Abgrund sehen können! Evolution ist eine Abfolge von Erfolgen und Fehlschlägen!

Der Faktor Mensch ist aber derjenige, den wir fast gar nicht beeinflussen können. ja wir können strengere Führerscheinprüfungen machen, wir könnten Autos bauen, die nur starten, wenn man vorher eine Promilleprüfung machen würde, aber bei all den Maßnahmen werden wir höchstens die Häufigkeit an Fehlern reduzieren können, sie aber nicht verhindern. Und selbst wenn wir das zu Ende denken: Wo liegt denn der Fehler? Im Fahrer selbst? Im Führerscheinprüfer? Im Fahrschullehrer? Im Polizist, der das Auto nicht herausgewunken hat? Beim Chef, der den Fahrer nervös gemacht hat? Der audringliche Fahrer hinter ihm? Da Unfälle nur ein Punkt in einer Abfolge von Geschehnissen sind, lässt sich auch aufgrund des Faktors Zufall nie vorher sagen, wann ein Unfall passieren, oder welche Folgen er haben wird. Wenn es um die konkrete Frage geht: Wie hätte man den Unfall verhindern können, kann man der Einfachheit halber natürlich alles am Fahrer fest machen.

Aber das ist so, als wenn man einer Radfahrer:in die Schwere ihrer Verletzungen nach dem Unfall alleine dem Fehlen eines Helmes und damit ihr selbst zuschreibt! War es nicht das Fehlen eines adäquaten Radweges? War es nicht Tempo 50 auf der Strecke? War es nicht die verfehlte Verkehrspolitik?

Wenn wir politisch denken und argumentieren, macht es nur Sinn das zu kritisieren, was auch änderbar ist. Wenn ich bei einem Unfall einen Fahrer kritisiere, dann hätte ich nur dann den Unfall verhindern können, wenn ich in der Lage bin den Fahrer vorher ausfindig zu machen, der einen Unfall begehen wird. Was die Fähigkeit voraussetzt Unfälle vorher sehen zu können. Nur dann macht es Sinn den Fahrer zu kritisieren. Das wohlgemerkt primär für den Fall, das der Fahrer nicht bewusst Regeln übertreten hat, wie zB Tempo 80 fahren in der Stadt oder nicht auf die Vorfahrt zu achten.

Aber die Fehlerhaftigkeit des Faktors Fahrer suggeriert eben die Möglichkeit einer Welt ohne Unfälle einfach dadurch, dass wir auf den Straßen nur noch perfekte Fahrer hätten. Und es suggeriert, dass weder die Verkehrspolitik, noch die Infrastruktur, noch fehlende Tempolimits einen großen Einfluß auf das Unfallgeschehen hätten. Und auch irgend wie, dass wir daran gar nicht so viel ändern können.

Ich sehe es aber genau anders herum: Kritik und Maßnahmen sind vor allem dort angebracht, wo es um vermeidbare Faktoren geht. Das heißt: Mehr Tempolimits, sicherere Straßen für Fußgänger:innen und Radfahrer:innen, eine grundsätzlich andere Verkehrspolitik, das Zurückdrängen von Autos würde massiv Leben retten und unsere Gesundheit schützen!

Ja, formal sind solche Pressemeldungen nicht gerecht und geben ein verzerrtes Bild wieder. Aber wenn wir in unserer Kritik von den Faktoren ablenken, die Auslöser waren und wir zudem beeinflussen können und stattdessen zufrieden damit sind immer nur EINEN Schuldigen zu finden, dann suchen wir damit doch nur ein Bauernopfer: Es ist nicht der 400 PS SUV, der Menschen verletzt hat, Schuld hat der Autofahrer in dem Moment – wäre doch nur jemand anderes gefahren. wäre nichts passiert. Und damit sagen wir quasi: Es ist NICHTS passiert, es gibts nichts zu sehen, fahren sie weiter. Wir sagen damit auch: DAS AUTO IST NICHT DAS PROBLEM! Wir wollen doch nur, das ALLE AUTOFAHRER keinen einzigen FEHLER mehr machen und schon haben wir unser Ziel erreicht.

Es gibt ähnlich strukturierte Problemstellungen, wo ein ähnliches Denken zu ähnlichen Resultaten führt:

  • „Schleichwege“ durch Rasen. Kritik ist: Die Leute sollen ordentliche Wege nehmen und nicht abkürzen, der Fußgänger macht den Fehler! Oder wir sagen: Die Stadtplaner:in oder die Architekt:in hat einen Fehler gemacht, weil sie den Fußgänger:innen zu lange Wege zumutet – es sollte korrigiert werden!
  • Oder in einer Rehaklinik habe ich damals als Zivildienstleistender folgendes Phänomen erlebt: Die Patient:innen haben für ihre Anwendungen Termine ausgedruckt bekommen und darunter stand irgend wo: „Bitte erscheinen sie 10 Minuten vor dem Termin!“ Das tat natürlich fast niemand und daher herrschte immer Stress bei den physikalischen Therapien! Ich machte dann den Vorschlag einfach als Uhrzeit die anzugeben, wann die Leute da sein sollten. Das wurde mit der Begründung abgelehnt: „Aber wenn alle rechtszeitig kommen würden, hätten wir das Problem nicht!“

Ja klar, Captain Obvious, so wäre das. In einer perfekten Welt wäre alles perfekt. Aber ich komme auch nicht mit einem Fingerschnippen in den Urlaub. Krasses Beispiel aber: Es gibt Bedingungen der Realität und dazu gehören nicht nur Regeln und Gesetze, sondern auch Fehlverhalten und Dummheiten. Davon auszugehen das alle Menschen Straßen exakt so benutzen, wie sie gedacht sind ist dumm.

An der Kreuzung an der ich wohne hat die Stadt Kiel neulich Pflasterzwischenräume verfüllt. Allerdings immer nur dort, wo es eine Verbindung gibt zwischen zwei gegenüberliegenden Seiten. Damit trifft man die Annahme, das wirklich niemand diagonal eine Kreuzung überquert oder zumindest vom vorgesehenen Pfad abweicht. Dabei ist gerade der Vorteil des Zufußgehens, das man in jeder Sekunde seine Richtung ändern kann, keine Parkplatzsuche und kein Fahrradabstellen!

Die Stadt denkt aber ganz nach dem Schema der Straßenverkehrsordnung: Wie hat man eine Kreuzung oder Straße zu überqueren? Hier könnte man auch sagen: Ein kleines Kind, das unachtsam an einer unübersichtlichen Stelle die Straße überquert ist Schuld, denn es hat einen Fehler gemacht. Ja, verdammt, Kinder mache Fehler. Kind und Fehler sind Synonyme! 🙂 Ich möchte Straßen, an denen wir alle Fehler machen können, ohne das immer sofort einer stirbt, insbesondere keine kleinen Kinder! Und daher trete ich ein für geringere Geschwindigkeiten und drastisch weniger Autos und viel bessere Radwege und weniger Konfliktpotential zwischen den Modi. Ich denke das beste Ziel ist die kindergerechte Straße, die ist dann auch immer barrierefrei, altengerecht und vieles mehr! Unfälle wir es dann, leider leider, immer noch geben. Aber hoffentlich sehr sehr viel weniger als heute!

Written by Thilo

3. August 2020 at 18:58

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