KielKontrovers

Gesellschaftliches aus Kiel & Schleswig-Holstein seit 2009

Archive for the ‘Wohnen’ Category

Alles ist #Gentrifizierung?

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Seit einigen Jahren gewinnt die Gentrifizierungs-Debatte immer mehr Anhänger. Um es kurz anzureißen: In der Theorie wird kritisiert, dass vor allem in großen Städten gezielt Aufwertungen von Stadtvierteln stattfinden, die mit den Jahren in verschiedenen Wellen die ursprünglichen Bewohner*innen verdrängen. In Deutschland z.B. in Städten wie Berlin und Hamburg.

Mein Problem mit dieser verkürzten Kapitalismuskritik ist unter anderem:

  • Das im Kapitalismus am Mehrwert Geld verdient wird ist keine neue Erkenntnis. Hier nun den Wohnungsmarkt im Kapitalismus herauszugreifen und zu erwarten, dass das Wasser stromaufwärts fließt, ist im besten Falle naiv, wahrscheinlicher aber eher der Versuch Erwartungen zu wecken, die nicht erfüllbar sind – wie z.B. eine Art „Gutes Wohnen“ (ähnlich wie beim DGB der Begriff „Gute Arbeit“)
  • Es werden Gräben aufgemacht zwischen den Alteingesessenen Bewohner*innen und Zugezogenen. Das hat in Berlin u.a. zum Phänomen des „Schwabenhass“ geführt. Inklusive Auswüchsen wie Brandstiftung. Und es hat dann auch Ähnlichkeiten zu Mechanismen des Rassismus oder der Rückbesinnung auf angebliche „Biodeutsche
  • Und es wird immer wieder unterschiedslos alles kritisiert, was irgend wie nach Aufwertung riecht. Dabei kann man natürlich sowohl Wohnkonzerne kritisieren oder die Intentionen in der Politik. Leider wird das aber oft mit einem Rundumschlag auf Alle und Alles angewendet

Und hier komme ich zum Anlass meines kleinen Exkurses: Am 11. Mai fand zum zweiten mal in Gaarden die sogenannte „Kulturrotation 143“ statt, die in Anlehnung an „48h Wilhelmsburg“ entstand. Die Grundidee dabei ist, das an einem Tag in einem Viertel mehrere Konzerte an verschiedenen (auch mal ungewöhnlichen Orten wie einem Waschsalon) stattfinden. Ziel dabei eine Aktivierung des Stadtteils – zum einen das Bewohner*innen zusammenkommen, aber auch, dass es sich für Menschen aus anderen Stadtteilen mal lohnt besonders abgelegene oder gemeinhin als unattraktiv geltende Stadtteile zu besuchen und dabei mehrere Stunden zu verbringen.

In Gaarden entstand die Idee aus den Überresten der Gaardener Kulturtage, die bis 2017 stattfanden und mit denen viele Seiten unzufrieden waren und für die seitens des Büro Soziale Stadt ein Ersatz gefunden werden sollte, der mehr Leute ansprechen würde. Ich selbst war bei dem Konzept skeptisch, ob dies auch in Kiel funktionieren würde. Wer würde überhaupt kommen? Wäre das wirklich irgend wie besser als die Kulturtage oder eher schlechter oder gar ein Reinfall? Wie sich herausstellte war es im Mai 2018 kein Reinfall und viele nutzten die Gelegenheit nicht nur Musik in Gaarden zu konsumieren. Man kann vielleicht sogar zu Recht eher von einem Überraschungserfolg sprechen.

2019 fand dies nun also erst das zweite mal statt mit vermutlich wieder vielen tausenden Gaardener*innen und Besucher*innen aus dem Westen. In erster Linie also Kultur umsonst für Alle.

Im Vorfeld hatte ich bereits gehört, dass das Fest als Anlass dienen sollte für „Gegenveranstaltungen“ (darunter auch kostenlose Musik). Kritik war unter anderem die Beteiligung der Vonovia. Kleiner Schönheitsfehler dabei: Die Vonovia war und ist gar kein Sponsor der Veranstaltung. Auf dem Fest selbst wurde dann ein Flyer verteilt mit dem Titel „Kulturrotation die niemand braucht“:

Flyer aus Mai 2019

Auch hier wird zum einen eine Nähe der Vonovia zur Kulturrotation wider besseren Wissens suggeriert. Und zudem behauptet die Kulturrotation wäre Ergebnis des Konzeptes „Gaarden hoch 10„, dass der Oberbürgermeister im Februar 2018 erstmals vorstellte. Auch hier allerdings der Schönheitsfehler, dass die Vorbereitungen dazu bereits 2017 gestartet wurden und es nie Teil des sehr kritikwürdigen Konzeptes war, dass aus meiner Sicht tatsächlich mit heißer Nadel gestrickt wurde. Das war damals aus meiner Sicht auch Teil des Kommunalwahlkampfes 2018 und mir sind damals viele Sachen eingefallen, die man in Gaarden verbessern könnte, um das Leben angenehmer zu machen, die aber nicht im Konzept auftauchten. Generell ist es auch eher Gaardens Problem, dass die Stadt hier zu wenig tut für ein angenehmeres Leben als zu viel. Während auf dem Westufer mancher Radweg schon seine dritte Verbesserung erfährt, gibt es in Kern-Gaarden z.B. aktuell keinen einzigen benutzungspflichtigen Radweg. Das führt u.a. dazu, dass Radler*innen hier alle auf dem Fußweg fahren und es auch immer mal wieder zu schweren Unfällen kommt. Aber eine Verbesserung hier wäre aus Sicht von Gentrifizierungsgegnern schließlich auch eine Aufwertung.

In Gaarden wird auch zweierlei kritisiert:

  1. eine mangelhafte Durchmischung im Sinne von zu viele Arme und zu wenig Reiche und
  2. aber auch die Versuche eine solche Durchmischung zu ermöglichen

Beides gleichzeitig geht aber nicht: Wir können nicht einen Zustand beklagen und gleichzeitig die Veränderung um jeden Preis verhindern wollen. Dann muss man auch ehrlich sein und sagen: Gaarden soll ein armer, unattraktiver und vernachlässigter Stadtteil bleiben – wir wollen keine Durchmischung! Which one is it? Aber an dieser Stelle wird es dann halt kompliziert und es gibt keine einfachen Rezepte oder Formeln auf die man alles herunterbrechen könnte.

Foto der Band Lenz und Publikum vor dem BioGaarden
Kulturrotation 143 2019 vor BioGaarden

Für mich war die Kulturrotation 143 2019 der letzte Tag, an dem ich meinen Laden geöffnet hatte. Noch ein mal eine Chance etwas Geld zu verdienen, um mit möglichst wenig Verlust aus der Nummer heraus zu kommen. Es gab Getränke zu üblichen Preisen. Und Kaffee für 1 € – und von Legga Essn Arancini und Anderes gegen Spende. Reich geworden ist an diesem Tag niemand. Und mich ärgert der verbreitet Flyer doch sehr, weil er überheblich ist und alle Veranstaltungsorte, Musiker*innen und Besucher*innen zu willenlosen Erfüllungsgehilfen einer gescheiterten Stadtpolitik und Verwertungsinteressen von Wohnkonzernen degradiert. Und es ist in dem eigentlichen Sinne kontraproduktiv: Man kann Wohnkonzerne und Stadtpolitik auch kritisieren ohne Menschen zu beleidigen oder sich selbst als moralisch überlegen zu präsentieren. Ich schreibe etwas dazu, weil ich etwas dazu zu sagen habe. Und weil ich sechs Jahre lang einen Bioladen vor Ort betrieben habe, der unter anderem aus finanzielle Gründen aufgeben musste (und nicht etwas weil ich mir damit in Gaarden eine goldene Nase verdient habe oder weil die Miete erhöht worden wäre!)

Die Kritik passt einfach nicht zur Realität in Kiel oder Gaarden. Natürlich gibt es hier auch Käufe von Spekulanten, insbesondere Hamburger Immobilienbesitzer*innen, die in Hamburg keine Objekte mehr finden, die noch eine Wertsteigerung versprechen (allerdings heißen die auch nicht Vonovia). Und es werden auch Wohnungen und Häuser renoviert und die Mieten steigen. Allerdings ist das kein neues Phänomen und dazu bedürfte es auch keiner Kulturrotation. Insbesondere ist es vollkommen absurd jetzt eine Aufwertung des Stadtteils auf eine Veranstaltung zurückzuführen, die erst im zweiten Jahr stattfindet. Es wird immer dann bedenklich, wenn man anfängt die eigenen Lügen zu glauben. Wahrer wird es dadurch nicht und gegen die realen Probleme hilft es nicht, sich die Welt so zurechtzulegen, wie es einem passt. Man muss im Gegenteil die Wirklichkeit am besten ungefiltert und klar zu erkennen versuchen und die richtigen Schlüsse und Konsequenzen daraus ziehen. Ansonsten schadet man nur seinem eigenen Anliegen. An dem Tag haben mir gegenüber verschiedene Menschen das absolute Unverständnis gegenüber diesem Flyer geäußert und einige fühlten sich auch persönlich angegriffen. Konsequenter wäre es vielleicht gewesen, der Flyer wäre nicht auf der Kulturrotation verteilt worden, wenn man der Meinung gewesen ist, dass diese Veranstaltung nutzlos gewesen ist. Denn dann taugte sie bestimmt auch nicht zum Flyer verteilen ? Es erinnert mich ein wenig daran, wenn die AfD sich im Fernsehen beschweren kann, dass ihre Kritik nicht gesendet wird. Point Proven! Für mich war die Kulturrotation genau das: Ein Anlass um zusammen zu kommen, eine gute Zeit zu haben oder auch Gelegenheit Flyer an viele Menschen zu verteilen.

Gastbeitrag: Kieler Mieter beginnen zu rebellieren #Vonovia

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Vonovia Veranstaltung Mettenhof

Nachdem eine Mieterveranstaltung in Gaarden in der Räucherei so erfolgreich war, wurde eine ähnliche Veranstaltung in Mettenhof geplant, einem weiteren Schwerpunkt von Vonovia. Auch dieser Treff war mit knapp 80 Leuten gut besucht.

Interessant war, daß eine ganze Reihe Gaardener, die schon bei der Veranstaltung in der Räucherei waren, auch hier dabei waren. Sie wollen also mehr als die Lösung eines individuellen Problems. Sie wollen eine Vernetzung, sie hoffen auf mehr Erfolg in einem gemeinsamen Vorgehen.

Zuerst gab es die Faktensammlung im Schnelldurchlauf. Hintergründe über den Konzern Vonovia, desen Jahresgewinn gerade die Milliardenmarke geknackt hat. Dann Infos über die Situation in Kiel und speziell in Mettenhof. Es wurde auch von einem Block in Projensdorf berichtet, wo sich die Mieter eigenständig organisiert hatten, ohne daß irgendwelche Anschubhilfen von den bekannten Mieterinitiativen gegeben hätte. Als nächstes kamen die MieterInnen zu Wort. Es war fast wie Kabarett. Die Anekdoten von der Wohnsituation bei Vonovia und den Kommunikationsversuchen mit dem Spekulanten, erschienen wie erfunden. Unfähigkeit des von Vonovia gestellten Hausmeisterservices und Dreistigkeiten des Konzerns. Es wurde gejohlt und man stellte fest, daß sich die Geschichten noch steigern ließen. Es fand sich stets jemand, der noch krasseres erlebt hat.

Es war nicht unwichtig, daß sich bundesweit etwas in dem Bereich bewegt. Es wurden diverse Orte genannt, in denen die Mieter begonnen haben, sich zu organisieren. Und es war wieder Besuch aus Bremen da. Eine Aktivistin berichtete von den Aktivitäten zum Thema bei Solidarisch in Gröpelingen. Es sind nicht nur gemeinsame Aktionen, wie das gemeinsame Duracharbeiten der Nebenkostenaberechnungen, der kollektive Widerspruch und das Faxen aller Widersprüche über eine Faxnummer, der Plan, gemeinsam mit Medien und Forderungen zum Vonovia Büro zu gehen. [Diese Aktion hat gerade stattgefunden und wurde in diesem kleinen TV Beitrag dokumentiert: https://www.butenunbinnen.de/videos/demo-vonovia-100.html]
Der Redebeitrag der Bremerin bekam einen spontanen Applaus.

Am 27.4. soll in Mettenhof eine Mieterdemonstration stattfinden. Ich weiß nicht, ob in dem Stadtteil jemals demonstriert worden ist.

Der Redebeitrag der Bremerin bekam einen spontanen Applaus.

Am 27.4. soll in Mettenhof eine Mieterdemonstration stattfinden. Ich weiß nicht, ob in dem Stadtteil jemals demonstriert worden ist.

Weitere Mieteraktivitäten in Kiel

In Gaarden haben sich die Mieteraktivitäten bereits verfestigt, man trifft sich einmal im Monat in der Galerie Onspace (Iltisstrasse 10/Ecke Medusastr.), das nächste Mal am 7.5. und neuerdings gibt es einen wöchentlichen Beratungstermin (jeden Mittwoch zwischen 16:00 und18:00 Uhr in der Iltistraße 34, Libertärer Laden). Es ist keine Rechtsberatung, aber ein Austausch mit in solchen Dingen kundigen Mietern. Es gab eine ganze Reihe weiterer Flyeraktionen. Von Tür zu Tür der Vonoviagebäude. Und es gab weitere Straßenaktionen. Sich zeigen mit Transparenten und Flugblättern und offen zum Gespräch auf der Straße. Es ist enorm, auf welch fruchtbaren Boden das fällt. Vonovia ist verhaßt. Vonovia in ein Problem im Alltag vieler. Ein aktiver Mieter wollte den Mieterprotest in weitere Stadtteile tragen. Wir trafen uns zu fünft mit einem Karton voller Flyer, einen Kleistereimer und einigen selbstgemachten Mini-Plakaten. Es ging nach Schilksee, wo sich auch Vonovia im großen Stil eingekauft hat. Auf der Straße gab es viele Diskussionen mit Mietern, die von ihren Erfahrungen mit dem Wohnungsspekulanten erzählten, z.B. von einem Hochhaus, in dem 3 Monate der Fahrstuhl nicht funktionierte. Es gibt dort auch bereits erste Ansätze gemeinsamer Gegenwehr. Weiter gings in Friedrichsort. Dort hat sich der Konzern auch einen Großteil der Wohnungen gegriffen, oftmals ehemalige Werkswohnungen. In diesem Stadtteil ist wildes Plakatieren eher selten und so waren unsere Aktionen mit dem Kleistereimer von besonderer Wirkung. In unzählige Briefkästen ging eine Einladung zum nächsten Mietertreffen in Kiel Gaarden.

Bei dem Treffen in Gaarden war dann auch richtig was los. Fast jeder zweite kam aus Friedrichsort. Die Stimmung war gut. Man hat die Faxen dicke von dem, was man sich als Mieter*in inzwischen bieten lassen soll. Die falschen Nebenkostenabrechnungen, horrende Kosten für Hausmeisterarbeiten, die niemals geleistet worden sind und Ansprechpartner in Bochum, die keinerlei Ahnung von der Situation vor Ort haben, sind nicht länger hinnehmbar. Man diskutiert nun eine Infoveranstaltung in Friedrichsort und hofft eine eigene Struktur aktiver Mieter im Stadtteil aufbauen zu wollen.

Der sozialdemokratische Bürgermeister Ulf Kämpfer kündigte viele wohlklingenden Pläne für den sozial abgehängten Stadtteil Gaarden an. „Gaarden Hoch 10“ mag irgendwie lustig klingen, doch stecken handfeste Wirtschaftsinteressen dahinter. Man will eine wenig bauen und aufhübschen, aber am Ende will man Geld verdienen und will dafür eine zahlungskräftigeres Klientel. Man wird die ärmeren Bewohner verdrängen, rausschmeißen. Die können in die Pampa ziehen, wenn die Betuchteren diesen schönen Stadtteil für sich entdecken. Daß die explodierenden Mieten nach Renovierungen für einfache Leute immer weniger erschwinglich sind, interessiert bei einem Gaarden Hoch 10 Konzept scheinbar nicht. Das sehen die Mieter jedoch anders. Bei dem Stadtteilfest Kulturrotation am 11. Mai wollen sie ihre Stimme erheben und klarstellen, daß an den Plänen der Stadt vieles nicht im Sinne der Bewohner des Stadtteils ist.

Doch zuerst stehen die Vorbereitungen zur Demo in Mettenhof an. Am 27.4. um 14°° geht’s vom Famila Parkplatz los.

Gastbeitrag von Karsten Weber

Written by tlow

18. April 2019 at 07:38

Veröffentlicht in Gastbeitrag, Stadtentwicklung, Wohnen

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#Kiel2025 Quo Vadis OB?

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Am 27. Oktober 2019 findet in Kiel die nächste Oberbürgermeisterwahl statt. Die Amtszeit beträgt 6 Jahre und es geht dieses mal darum, ob der amtierende OB Kämpfer wieder gewählt werden wird.

Ulf Kämpfer 2013 klein.JPG
Ulf Kämpfer – Foto (c) Steffen Voß CC BY-SA 3.0 de
Quelle: Wikipedia

Man muss dazu auch sagen, dass der OB in Kiel eine starke Macht hat. Sechs Jahre bedeutet bis 2025. Das ist eine lange Zeit und vielleicht ist diese Wahl daher auch Anlass genug, sich über die kommenden Themen Gedanken zu machen. Naturgemäß ist meine Perspektive da etwas anders als die der Presse oder der meisten Stadtpolitiker*innen. Ich versuche die Themen mal hier zu umreißen, die nach meiner Gewichtung bis 2025 entscheidend sein werden.

Klima & Verkehrswende

Man muss kein Prophet sein, um vorauszusehen, dass dies eine der Kernaufgaben für Kiel werden wird. Es wird darum gehen auf allen Ebenen einen Wandel herbei zu führen, der darüber hinaus geht, nur die Birnen durch LEDs zu ersetzen. Es braucht klare, auch kurzfristige Zwischenziele. Auch macht es besonders viel Sinn das Ziel einer Verkehrs- bzw. Mobilitätswende (Reduzierung Platzverbrauch,Verkehrslärm, Stickoxide, Feinstäube) hierzu verknüpfen und zusammen zu denken. Stickoxide sind auch fast 300 mal so klimawirksam wie CO2 und trägt auch zum Abbau der Ozonschicht bei.

Die Stadt hat in ihrem Masterplan 100% Klimaschutz sechs Handlungsfelder definiert:

  1. Wohnen & Konsum
  2. Bildung
  3. Unternehmen
  4. Verwaltung
  5. Mobilität
  6. Energieversorgung

Der Bereich „Wohnen & Konsum“ wird dabei als größter und wichtigster Bereich (mit 37% Anteil) und das Einsparpotential als zweitgrößtes hinter der Mobilität) beschrieben. Dabei fehlt mir bei den möglichen Maßnahmen zu sehr die Erkenntnis, dass das kleine Eigenheim ein wesentlicher Faktor für ineffizientes Wohnen ist. Jedes Haus bekommt eine eigene Wärme- und Stromversorgung. Daher leben Menschen in Manhattan weltweit auch mit am ökologischsten und nicht die Leute mit dem Eigenheim in der freien Natur! Eine dichtere Bebauung verkürzt die Wege. Und das Vermeiden reiner Wohnquartiere und gute Durchmischung ebenfalls. Wohnen, Einkaufen, Arbeiten quasi am gleichen Ort möglich ist ein Optimum und die urbanste Wohnform. Das kleine grüne Idyll ist dagegen oft das Gegenteil von ökologisch. Klingt unlogisch, ist aber so! Die Wohnungsbauförderung auch bundesweit muss hier dringend umschwenken. Wohneigentum ist klimaschädlich! Ebenso wie das eigene Auto.

Richtig ist mit Sicherheit mehr Wohnen im Stadtkern zu ermöglichen. Allerdings ist dabei auch wichtig, dass es mehrheitlich Mietwohnungen sind, die gebaut werden und das Neubauen auf jeden Fall auch Ladenfläche haben in der Innenstadt. Warum? Weil eben die Mietpreise in den bisherigen Ladenzeilen mit 80-90 €/qm recht hoch sind und es an Alternativen fehlt. Eine Durchmischung von Wohnen und Einkaufen und Arbeiten ist essentiell. Und ein paar Eigentumswohnung, die ggf. gar nicht gewohnt sind, sondern reine Renditeobjekte sind eher kontraproduktiv. Auch braucht es noch stärkere Korrekturen bei den Parkräumen. Statt Immobilienfirmen dazu zu zwingen Tiefgaragen zu integrieren und damit das Bauen weiter zu verteuern, könnten mehr Stellplätze für Fahrräder gefördert werden

Dem Bereich Mobilität wird bereits das größte Einsparpotential attestiert. Bei den Maßnahmen sind aber kaum Ambitionen zu erkennen, dass die Stadt Kiel da einen großen Wurf plant. Die Stadt geht u.a. davon aus, dass sie die Treibhausgase an sich schon ohne Maßnahmen von alleine verbessern In Wirklichkeit haben in Kiel ja der Verkehr und die Abgase in den letzten Jahren wieder zugenommen. Die meisten Ziele beziehen sich dabei auf 2035 und 2050. Dabei wirkt die Stadt extrem phantasielos. Fast keine der Maßnahmen erscheint realisierbar oder besonders wirksam. Vielleicht liegt es auch daran, dass man sich scheut eine echte Verkehrswende mit Maßnahmen zu ergreifen, die irgend wem auch mal weh tun würden.

Aktuell droht der Abbruch des bereits teilweise umgesetzten Ausbaus des Hein Schönberg. Der Witz dabei: Ein großer Teil der Mittel wurde bereits ausgegeben, macht aber in der Form nur Sinn, wenn die Strecke auch fertig gebaut wird. Zudem kann man es auch als erste Ausbaustufe der angedachten Stadtbahn begreifen. Hier scheint es zu einem Konflikt zwischen Verkehrsministerium/Landesregierung auf der einen und Stadt Kiel/OB auf der anderen Seite zu kommen. Der Abbruch würde bedeuten, dass die Politik Geld zum Fenster raus wirft und sich nicht vorher überlegt hat, ob sie die Strecke haben will oder nicht. Man kann sich vorher überlegen, welche Prioritäten man setzt. Man hätte auch andere Strecken vorziehen können. Aber es macht gar keinen Sinn mittendrin die Schaufeln hinzuwerfen. Verkehrspolitik bedeutet, dass man auf 20-30 Jahre in die Zukunft schaut und dann genau das umsetzt, was man für erforderlich hält. Und da scheinen viele Autobahnprojekte viel zweifelhafter, denn der Autoverkehr müsste massiv zurückgedreht werden, wenn man es mit dem Klimaschutz ernst nimmt. Weder Elektroautos noch autonomes Fahren werden da eine Lösung bieten und die Landesregierung hatte KielKontrovers seit Monaten bisher auch eine Antwort verweigert auf die Frage welche Implikationen Autonomes Fahren in SH hat und wie sie dem begegnen wollen. Aber keine Antwort ist auch eine Antwort.

Kiel hat davon abgesehen bisher keine großen Perspektiven für eine Verkehrswende. Man hält Projekte wie die „Veloroute 10“ hoch. Nur das allein wird kaum einen Effekt haben, wenn man den Rest des Radverkehrs wie bisher vernachlässigt.

Nicht zu vernachlässigen ist auch die Tatsache, dass bei einem Rückgang der Fläche für das Auto (Parkplätze und Straßen) auch riesige neue Flächen in der Stadt entstehen, die bebaut werden können. Oder als Freifläche für neue Parks dienen. Auch bestehende Flächen können anders bebaut werden, als bisher praktiziert. Ein Stop von Einfamilien-Häusern innerhalb der Stad wäre durchaus sinnvoll

Bisher haben Parteien abseits der SPD keine Kandidat*innen aufgestellt, so weit ich sehen kann. Die Frage ist, ob eine Partei die keinen OB-Kandidaten stellen kann überhaupt im Dialog um die Zukunft von Kiel mitreden will oder kann. Insbesondere wenn Parteien an sich durchaus die Haltung vom aktuellen OB kritisieren.

 

Written by tlow

16. März 2019 at 16:53

Veröffentlicht in Rathaus, Umwelt, Verkehr, Wahlen, Wirtschaft, Wohnen

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Hotelprojekt in Gaarden: Zweifel sind angebracht #KoolKiel @MRDV @designboom

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Angeblich sind ja alle Kieler hochbegeistert von dem neuen Hotelprojekt in Gaarden. Dabei sind noch viele Fragen offen. So schreibt die KN heute,dass das Hotel „auf dem bestehenden Gebäuse des Kreativzentrums W8 errichtet werden soll“. Allerdings lässt der Artikel offen, wie das funktionieren soll. denn ein paar Erdgeschossbauten bauen verlangen eine ganz andere Grundlage als ein 17-stöckiges Hochhaus! Zudem ist der Untergrund an der Hörn besonders kritisch, wie man schon beim Bau des benachbarten Hörnbads erfahren konnte (KN vom 8.10.2014)

KoolKiel soll das Projekt heißen und wird von MRDV und designboom geplant. Ohne Zweifel bedarf die Ecke (Standort) von Kiel eines Neudesigns, da der Block bisher durch den Verkehr abgeschnitten ist. Teilweise müssen Fußgänger aus dem Gaardener Zentrum kommend fünf Ampeln überqueren, um dorthin zu kommen. Allerdings beinhaltet der Plan für das Hotel so weit bekannt keine Änderung der Verkehrsführung.

Design von designboom

Ebenfalls ein Problem ist die Bahnlinie, die bisher lediglich von der Gablenzbrücke überbrückt wird. Auch dafür keine Lösung. Klar ist aber: Weitere Grünflächen sollen überbaut werden. Und es ist heute schon absehbar, dass das Hotel eher ein Fremdkörper bleiben wird. Sowohl wegen der Lage, als auch wegen der Struktur.

Einziger Lichtblick ist, dass zumindest Ladenzeilen angedacht sind. Jedoch scheinen die ähnlich wie bei Kai-City das schon beschriebene Problem zu bekommen, dass die Gebäude eher vom Rest von Kiel abgeschnitten sind. Natürlich wäre das alles einfacher, wenn Kiel bereit wäre deutlichere Einschnitte beim Autoverkehr zu machen.

Bedenken gibt es auch seitens des Hotelgewerbes, wie viele neue Hotels Kiel noch vertragen wird (siehe SAT.1 Bericht). Kritik, die u.a. auch wieder ein mal Kiel Marketing betreffen, die in den letzten Jahren bereits vielfach in die Kritik geraten sind.

Die Werftbahnstraße und das Medienzentrum W8 lebt bisher auch eher von dem Eindruck „Klein aber fein“ und auch als gewachsene Struktur. Es ist kaum vorstellbar, dass diese bereits beim Bau oder danach ihren Charakter erhalten. Für viele Firmen war dies bislang eine günstige Möglichkeit als Startup anzufangen. Bislang stiegen die Mietpreise eh bereits, weitere Steigerungen sind dann zu erwarten, sodass es für kleine Startups unattraktiv wird. Es wird dann eher zum Exklusivstandort. Leider verstehen Städte meist nicht, welchen Wert eine gewisse Unordnung und günstige Mietpreise haben. Ob nun hier oder bei der Alten Mu ist man eher bemüht, die Mietpreise anzuziehen in dem man die Standorte aufwertet. Damit dann aber auch ihren eigentlichen Wert verkennt.

Ironie der Geschichte: Zur Zeit befindet sich der Wagenplatz Schlagloch auf eben diesem Gelände. Der damit abermals eine Bleibeperspektive verlieren wird. Bleibt abzuwarten, in wie weit die Stadt zeitgleich die Defizite im Kreuzungsbereich/Betriebshof Werftstraße in Angriff nehmen wird.

s.a. Artikel auf kielaktuell

Was tun gegen #Vonovia? @vonovia_sucks

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Das Wohnen und die Mieten sind zu einem zentralen Thema geworden, seit Wohnraum zur Profitmaschine großer Investoren geworden ist. Die Stadt Kiel hat diese Entwicklung erst ermöglicht durch den damaligen Verkauf der KWG (Kieler Wohnungsbaugesellschaft) und sonstigem städtischem Wohneigentum. Aber ähnliche Entwicklungen sind bundesweit zu beobachten. Der Markt sollte es richten, doch das gnadenlose Profitstreben auf dem Wohnungsmarkt erzeugt soziale Probleme ungeahnten Ausmaßes. Die BAG Wohnungslosenhilfe berichtet von einem Anstieg der Obdachlosgkeit in Deutschland von 2014-2016 um 150% und bis zum heutigen Zeitpunkt um weitere 40% auf geschätzte 1,2 Millionen Wohnungslose.

Eine besonders üble Rolle spielt hierbei die VONOVIA als das größte Wohnungsunternehmen und der größte private Vermieter Deutschlands mit einem Börsenwert von ca. 24 Mrd. US Dollar. Gegen den größten Vermieter im Land ist es in mehreren Städten bereits zu Protesten gekommen. Nun haben sich auch Mieter in Kiel Gaarden zusammengetan und sich überlegt, was man machen kann gegen steigende Mieten und oftmals fehlerhafte Nebenkostenabrechnungen. Man ging mit einem Transparent auf die Straße, verfaßte Flugblätter und traf sich im kleinen Kreis. Es wurden Informationen in Briefkästen geworfen und an Haustüren gehängt. Als Infoplakate auch verklebt wurden, wurde ein Vonovia Mitarbeiter übergriffig und versuchte den Plakatierer festzuhalten. Er forderte Hilfe von der Polizei an. Das war im völligen Gegensatz zur Vonoviastrategie, ein freundliches Interesse und ein Entgegenkommen zu heucheln und so eventuellen Protesten den Wind aus den Segeln zu nehmen.

In Kiel plant Vonovia für rund 300 Wohnungen auch noch eine Luxussanierung. Das kann sich niemand mit geringem Einkommen oder Sozialgeldbezug leisten. Bei dieser Entwicklung drohen Zwangsumzüge. Es gibt in Kiel auch seit einiger Zeit das Bündnis „Bezahlbar Wohnen“, das sich mit diesen Fragen beschäftigt.

Am Dienstag, den 15.1. findet um 18:30 in der Räucherei eine Veranstaltung von dem Bündnis „Bezahlbar Wohnen“ gemeinsam mit der Initiative der Gaardener Vonovia Mieter unter dem Motto „Was tun gegen Vonovia?“ statt.  

https://bezahlbar-wohnen.org/

von Karsten Weber



Written by tlow

13. Januar 2019 at 12:19

Veröffentlicht in Gaarden, Soziales, Stadtentwicklung, Wohnen

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Parken in der Stadt #parkraumbewirtschaftung

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Das Parken in der Stadt ist ein umstrittenes Thema. Siehe auch diesen Artikel: Falschparker anschwärzen? (kommunal.de) 

Foto Parkplatz am Parking Day

Eine Aktion am „Parking Day“ Quelle: https://flic.kr/p/qqFftG

Eigentliches Problem ist, dass der Ruhende Verkehr, das Parken in der Stadt nicht wirklich funktioniert. Oder auch anders betrachtet: Verkehr mit dem Auto (MIV) skaliert nicht. Es gibt eine gewisse Größe, einen gewissen Prozentsatz an Autobesitz pro 1000 Einwohner*innen, bis wohin das Auto als Verkehrsmittel funktioniert. Aber darüber hinaus steigen die Probleme. Problem ist dann aber auch: Wer hat das Privileg ein Auto benutzen zu dürfen und den entsprechenden Stadtraum zu okkupieren und wer nicht? Dazu kommt, dass da Stadtraum eh knapp ist, insbesondere auch in Konkurrenz zu Wohnraum, sich die Frage stellt, welcher Nutzung man welche Fläche zur Verfügung stellt.

Probleme gibt es auch bei Paketdiensten oder bei der Belieferung der Wirtschaft (mit 7,5-Tonnen & Co) Alle bestellen im Internet, aber es gibt gar nicht die entsprechenden legalen Stehplätze für Paketwagen. Dabei steigt über die Jahre auch der Gesamtfahrzeugbestand (Grafik).

Hier einige Ideen, um dem Problem zu begegnen:

  1. Wie wäre es mit einer Obergrenze für Autos sowohl bundesweit als auch kommunal? Hier macht sie vielleicht mal Sinn?
  2. Reservierte Kurzzeitparkplätze für Paketdienste, um eine legitime Belieferung zu ermöglichen. Wäre dann zu lasten von privaten Dauerparkplätzen. Für ein Ende des „Zweitereiheparkens“. Wenn sich die Bedarfe verändern, muss man darauf reagieren!
  3. Wenn in Stadtvierteln nur noch rund 1/4 oder weniger Einwohner*innen ein Auto besitzen, so sollte sich das auch im Stadtraum widerspiegeln. Es ist unsinnig dem Auto den größten Prozentsatz an Stadtraum zu reservieren und dominieren zu lassen, insbesondere was Parkplätze anbelangt, so könnten diese vielfach anderweitig genutzt werden. Und damit auch der tatsächlichen Nutzung der Menschen entsprechen.

In den Köpfen hat das Auto noch einen großen Platz. Aber in Zukunft wäre es so wichtig, dass es stattdessen einen angemesseneren Platz einnimmt. z.B. zur Reduzierung von CO2 – oder um eine der Haupttodesursachen zu bekämpfen. Das Zurückdrängen des Autos schafft in unseren neuen, dringend benötigten Platz. Es sollte nicht weiter hingenommen werden, dass der Platz z.b. für das Parken weiter auf Dauer freigehalten wird. Das Privilegium der Autofahrer*innen ist grundlos aber traditionell. Es wird Zeit daran etwas zu ändern!

 

 

 

 

 

 

Written by tlow

1. November 2018 at 14:55

#WagengruppeSchlagloch Interview mit Film

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Written by tlow

29. September 2018 at 19:11

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