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Wer verkürzt hier was? Gentrifizierung zwischen Kapitalismuskritik und Populärkultur

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Anfang Juni startet in Hamburg ein Kongress zu Recht auf Stadt „Right To The City“. Die Zeitschrift Analyse & Kritik hat in diesem Jahr zu „Recht auf Stadt“ und Gentrifizierung einige wichtige Artikel veröffentlicht, wie z.B. diesen:

Damit schildern beiden Autoren relativ klar das Selbstverständnis der Bewegung aus ihrer Sicht. Ich greife dabei mal einige aus meiner Sicht  recht wichtigen Absätze heraus. Sie schildern die Bewegung als vier Perspektiven:

  1. Ganzheitliche Perspektive
  2. Utopische Vision
  3. Reformpolitischer Forderungskatalog
  4. Organisationsansatz

Unter Ganzheitliche Perspektiven findet man u.a.

Das Städtische wird in dieser Perspektive aus seinem allzu engen Raumkorsett befreit und als zentraler Ausgangspunkt für die Produktion, Verteilung und Konsumption von Waren angesehen. Städte sind in diesem Verständnis nicht mehr nur die Arenen der politischen Macht oder Container der kapitalistischen Verwertungskreisläufe, sondern haben sich selbst zu Motoren und Gegenständen des neoliberalen Umbaus der Gesellschaft entwickelt. […] Das Recht auf die Stadt, so kann diese theoretische Perspektive zusammengefasst werden, beschränkt sich nicht auf die materiellen Veränderungen und Umverteilungen, sondern schließt Formen der symbolischen Repräsentation mit ein. 

Andrej Holm wiederum kritisierte in einem Blogbeitrag am 23.4.  diesen Artikel:

mit den Worten:

Ich habe mich spontan gefragt, welche Debatten da wohl gemeint sein mögen. Die der Arbeitslosen- und Sozialinitiativen, die feststellen, dass es für Hartz-IV-Haushalte in bestimmten Vierteln keine Wohnungen mehr gibt, die Mieterorganisationen, die regelmäßig darauf verweisen, dass die Anteile der Mietkosten an den verfügbaren Einkommen schon wieder gestiegen sind, die Graffities gegen Yuppies (young urban professionals) oder Proteste vor neu eröffneten Galerien… In der Praxis wird die Auseinandersetzung in den Stadtteilen fast immer mit Fragen ungleicher Einkommen, und neuen Arbeitsverhältnisse verbunden.

Dazu könnte man sagen, dass Holm und andere mit dem Gentrifizierungs-Diskurs ganz bewusst einen anderen Ansatz wählen, als wenn nicht etwa Theorien, die die Arbeitswelt in den Mittelpunkt wählen. Zitat Holm/Gebhardt: „Das Städtische wird […] als zentraler Ausgangspunkt für die Produktion, Verteilung und Konsumption von Waren angesehen.

Das wird dann noch ein wenig mit dem Marxisten Henri Lefebvre gewürzt: „Städte sind verdichtete Unterschiedlichkeiten“ – als eine der Kernthesen der Konferenz in Hamburg. Doch das ist in meinen Augen nur eine Proklamation, die als Orientierung dienen soll. Die Kritik an der Gentrifizierungskritik legt m.E. schon den Finger in die Wunde: Es geht bei der Gentrifizierungskritik um einen anderen Fokus der Kritik: Die Stadt wird als Schwerpunkt der Kritik gesehen, ähnlich wie die Globalisierung – und eben nicht die eigenen, konkreten Arbeits- und Lebensverhältnisse. Diese dienen nur abstrakt als Maske einer Kritik an den Symptomen, die wir wahrnehmen können. Oder anders gesagt werden hier m.E. Ursache und Wirkung verwechselt. Und v.a. wird überschätzt, wo man in Städten wirkungsvoll Widerstand gegen eine laufende Politik anbringen kann. Darüber hinaus ist  die Gentrifizierungs-Debatte ein genau so gefährlicher Hype wie die Antiglobalisierungs-Schiene der letzten Jahre: Man wechselt die Schlachtfelder und meint damit dem Kapitalismus ein Schnippchen zu schlagen. Dabei gibt man klassische Felder wie die Organisierung von Beschäftigten auf und beachtet sie nicht, bzw,. lediglich als Betroffene von Gentrifizierung. „Eure Situation interessiert uns nicht, nur eure Symptome“, könnte man den Ansatz provokant zusammenfassen. Mir fehlen da nachwievor Beispiele, wo ich sagen könnte, dass ein effektiver Widerstand organisiert wurde, der mehr erreichte als nur ein paar Häuser zu retten, oder einen Park.

26.01.11 Buchvorstellung und Diskussion – Streiks in China

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Mitte 2010 rollte eine Streikwelle durch die Fabriken Chinas. Die WanderarbeiterInnen erkämpften sich höhere Löhne und lösten eine weltweite Debatte über das Ende des Niedriglohnmodells aus, das hinter Chinas Aufstieg zur „Fabrik der Welt“ steht und auch Europa billige Konsumgüter beschert.

Im Oktober 2010 ist bei Assoziation A das Buch „Aufbruch der zweiten Generation – Wanderarbeit, Gender und Klassenzusammensetzung in China“ erschienen. Pun Ngai und andere AutorInnen aus China analysieren das Schicksal und die Kämpfe verschiedener MigrantInnengruppen – darunter Bau-, Fabrik- und SexarbeiterInnen – und beleuchten die Hintergründe der aktuellen Streiks und Klassenbildungsprozesse in China.

Foto-Lizenz: Creative Commons

Bei der Veranstaltung wird einer der Übersetzer, welcher bereits an dem Buch „dagongmei. Arbeiterinnen aus Chinas Weltmarktfabriken erzählen“ mitwirkte, das Buch vorstellen und die Streikwelle und ihre Hintergründe darstellen. In der Diskussion wird es auch um die Frage gehen, inwieweit sich heute in Zeiten der Krise und zunehmender sozialer Kämpfe in verschiedenen Teilen der Welt neue Formen der Bezugnahme, des Austauschs und der Unterstützung finden lassen.

Mittwoch, 26.01.2011
Alte Meierei, Hornheimer Weg 2, Kiel
VoKü ab 19 Uhr, Buchvorstellung ab 20 Uhr

Mehr Infos zu dem Buch und weiteres zu China findet ihr unter www.gongchao.org und auf den Seiten der Alten Meierei, Kiel.

Quelle: Seiten der Gewerkschaft FAU Kiel

Kiel Madsack / KN – Unsoziale Arbeitsbedingungen in Kiel – Teil II

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Mehr zu den Verhältnissen in der KN nach Teil I. Was wird im Kieler Druckzentrum in Moorsee gedruckt?

Der Stundenlohn der Tabel-Arbeiter lag/liegt bei 6,14 € brutto! Zu den Arbeitsbedingungen möchte ich eine Aussage eines Betriebsratsmitglieds zitieren:

„Bevor wir den Betriebsrat hatten, kam es häufiger vor das die Leute Schichten von 16 oder 18 Stunden machen sollten und aber nach 10 Stunden nach Hause wollten. Da hat man diese Stundenzettel einfach weggenommen, verschlossen, und so konnte keiner mehr seinen Zeitnachweis aufschreiben. Wenn er nach Hause gegangen wäre, hätte er für Lau gearbeitet. Das kann sich keiner bei uns leisten.“

Es gab in der Vergangenheit mehrere Versuche einen Betriebsrat zu gründen, dazu wieder ein Zitat. Ein Kollege versuchte es: :

„„Du darfst es nicht weitererzählen, aber ich glaube du kannst da mithelfen, wir haben was in Gange und wir wollen jetzt einen Betriebsrat gründen. Mit ver.di ist alles abgeklärt, wir sind da in der Rechtsberatung“. 14 Tage war diese Person noch da, dann war sie weg. Hatte zwei Diskussionen in der Geschäftsleitung hinter sich und hat gesagt, es wird alles nichts. Auf einmal war sie weg. […] Dann gab es noch zwei Kollegen vorher, die haben es auch versucht. Der eine hat dann auf einmal „eine Zeitung geklaut“, wurde fristlos gekündigt. Der andere wurde ausgehungert (Kalte Kündigung), bis er sagte, okay – ich klage jetzt nochmal, das hat er getan und wurde mit einer miesen Abfindung abgespeist. […] Zwischendurch gibt es da immer mal wieder einen, der den Märtyrer spielen möchte und sagt „ich rette euch alle!“ Der geht dann los, hat auch meistens was im Kopf gehabt, und gesagt er kämpft jetzt für die Leute. Er hat dann gesagt, er schmeißt zur Not auch seinen Job ins Feuer, dafür das wir vielleicht auch was bewegt bekommen. Im Endeffekt hat das dann immer dazu geführt, dass diese Leute dann abgesägt wurden.

Was war passiert, was passierte in der KN? Was passierte bei ver.di? Bei ver.di lief nicht alles sauber. Es gibt und gab einen Betriebsratsvorsitzenden Richard Ernst, der gleichzeitig Vorsitzender des Fachbereichs Medien bei ver.di in Kiel war. Und immer wenn jemand zu ver.di gegangen ist um die Gründung eines Betriebsrates bei Tabel anzuregen wurde das zunächst gutgeheißen. Irgendwann drang es dann zu Richard Ernst durch, und danach erfuhr es die Geschäftsleitung mit den Informationen über die Personen, die dahinter standen. Und dann waren diese Leute immer schnell weg aus dem Betrieb. Zufall? Wie viele Zufälle kann es geben? In den letzten Jahren scheiterte eine ganze Reihe an Betriebsratsgründungen. Bei ver.di wurde daher Richard Ernst nicht mehr in verantwortliche Position beim Medienbereich wiedergewählt (siehe ver.di-Bericht). Im Betriebsrat der KN konnte er sich erstaunlicherweise wieder wählen lassen, weil die Unterstützung für Alternativkandidaten von einem Tag auf den anderen wegbrach und mit dieser zur Unperson gestempelt wurde. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt!

Läuft da Bestechung? Ich denke nicht. Es ist eher eine Frage der Klasse. Es ist im Grunde genommen das Strickmuster von Agenda 2010: Es wird noch einmal unterteilt zwischen relativen Profiteuren einer Umgestaltung der Arbeitslandschaft und denen, die manche vor ein paar Jahren als „Die Überflüssigen“ bezeichneten.

Die großen Gewerkschaften kümmern sich um die Inhaber von Arbeitsplätzen, aber immer spezieller um diejenigen, die keine prekären Arbeitsbedingungen haben. Sie sind Interessenvertretung der übriggebliebenen Facharbeiter. Dabei sind sie sowohl bundesweit als auch lokal bis hin zur betrieblichen Ebene allzu oft bereit die Interessen der geringfügig Beschäftigten zu verkaufen. Und da passt dann auch eine gezielte Indiskretion ins Verhandlungskonzept. Eine Hand wäscht die andere. Dazu kommt sicher auch so etwas wie eine Kernkollegialität dazu zwischen alteingesessenen Arbeitern und der Bedrohung durch Billigarbeitskräfte. Ob das langfristig eine gute Strategie ist, sich zu entsolidarisieren und darauf zu hoffen, dass man als „Eigentümer“ eines relativ sicheren oder (noch) relativ gut bezahlten Arbeitsplatzes noch gut bei wegkommt, ist fraglich. Denn die Entsolidarisierung sorgt für eine Senkung des Lohnniveaus und der Arbeitsstandards. Dadurch werden für Unternehmen die Methoden des Lohndrückens, des Oursourcings und der Entlassung von Facharbeitern zugunsten von Ungelernten natürlich immer attraktiver.

Der Kern der Arbeiterbewegung und der gewerkschaftlichen Arbeit war die Solidarität über Grenzen hinweg – über Grenzen des Geschlechts, der Herkunft, der Einkommenskategorie oder des Bildungsniveaus. Seit vielen Jahren bewegen sic die etablierten Gewerkschaften mit Ausnahme der kleinen basisdemokratischen FAU oder der Wobblies auf dem Weg der Entsolidarisierung. Denen fällt ausser dem Schreien nach Mindestlohn nicht mehr viel ein. Und sie lassen damit ihre Leute im Stich. Wenn Gewerkschaften anfangen Betriebsratsbildungen zu sabotieren, so verraten sie ihre Aufgaben und werden so zu unternehmerfreundlichen Gelben Gewerkschaften. Niemand wird von DGB-Gewerkschaften Wunder erwarten können, aber dass sie ein Mindestmaß an Schutz bieten und sich für die Rechte ihrer Mitglieder einsetzen sollten eigentlich selbstverständlich sein.

Bedarf es da wirklich erst der Intervention von Parteien wie der Linken, wie in Kiel, wo Cornelia Möhring sich für die Unterstützung der Betriebsratsgründung stark gemacht hat? Muss eine Politikerin einer Gewerkschaft erzählen, was ihre Aufgabe ist? Das sollte nicht nötig sein. Arbeiterinnen haben eigene Organisationen gegründet, um von der Politik unabhängig ihre Interessen direkt zu vertreten. Man muss an dieser Stelle das Engagement der Linken loben sich hier für die Tabel-Leute einzusetzen, auch wenn der Betriebsrat jetzt nicht zu einer langfristigen Sicherung der Arbeitsplätze führte.

Und was den KN-Betriebsrat angeht, so würde es Zeit, dass sie sich solidarisch erklären. Denn sonst sind ihre Arbeitsplätze schneller umgewandelt als sie denken können. Oder es wird auch mal an den Journalisten gespart. Es hieß einmal die KN bezahlt ihre Journalisten besser als irgendeine Tageszeitung in Deutschland. Ist dem noch so – oder wird an der einen Stelle gespart, wo an der anderen Stelle Geld ausgegeben wird? Meine Erwartung als KN-Leser wäre, dass eine Tageszeitung ethisch verantwortlicher handelt als irgendein Wirtschaftsunternehmen. Doch ich musste im Falle von der KN in Kiel lernen, dass das Gegenteil wohl wahrer ist. Und das geht wohl nur deshalb so durch, weil die KN hier ein defakto Monopol hat.

Man sollte daher als Leser Druck machen bei der KN – drohen das Abonnement zu kündigen (aber es noch nicht tun).

Die Tabel-Leute sollten wieder reguläre KN-Mitarbeiter werden dürfen und einen angemessenen Lohn erhalten! Und der liegt mit Sicherheit über 12 Euro und nicht bei 7 Euro!

Madsack / KN – Unsoziale Arbeitsbedingungen in Kiel – Teil I

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Vor einigen Tagen habe ich zusammen mit ein paar Leuten ein Interview mit Beschäftigten der TB Personaldienste GmbH /Tabel (bei der KN= Kieler Nachrichten). Das Bild, dass sich daraus ergab war erschreckend. Arbeitsbedingungen wie man sie sich eher in Indien oder China vorstellt:

  • Defakto keine Pausen
  • Keine Getränke am Arbeitsplatz
  • Beseitigung aller Sitzmöbel und Stehhilfen
  • uvm.
KN-Logo

Weitere Details möchte ich in weiteren Artikel veröffentlichen. Nur soviel schon enmal vorab:

Herr Tabel hat einen Werkdienstleistingsvertrag mit der Kieler Nachrichten geschlossen. Daher sind die Mitarbeiter von TB formal ḱeine Leiharbeiter, eher schlimmer, denn sie können sich nicht auf einige gesetzliche Regulierungen berufen. Die Mitarbeiter sind mehr als bei Leiharbeitsfirmen Eigentum von Herrn Rüdiger Tabel.

Die Firma Mahnsen aus Kiel erledigt dabei schon heute die „Expedition“, d.h. die Logistik – auch hier herrschen unmögliche Arbeitsbedingungen. Es kam in den verschiedenen Bereichen bereits vielfach zu Arbeitsunfällen, da viele Sicherheits- und Arbeitsschutz-Standards nicht eingehalten werden.

Und der große Witz an der Sache ist:

  • Warum wird in der KN nicht drüber berichtet?
  • Dreimal dürft ihr raten – welche Zeitung schwärzt sich schon gerne selbst an – entweder zensieren sich die Journalisten selbst, oder die Chefredaktion sorgt für die Unterdrückung von Meinungen.

Wie zynisch, wenn Zeitungen, die zu den moralischen Instanzen mit Kontrollfunktion zählen sollten, selber zu Tätern werden im  Bereich der Mitarbeiterausbeutung!

Wer sich selber informieren will, trifft die Mitarbeiter der KN (defakto sind sie das, auch wenn die KN das gerne anders sehen will) am nächsten Samstag, de, 22. an ihrem Stand an Europaplatz, oder am selben Tag, 17:30 Uhr um Sub Rosa, Elisabethstraße 25, Kiel – Gaarden. [Einladung vom KrisenTreffen]

[Weiter Lesen in Teil II]

Update 27.5.: Ich hatte den Namen der Gruppe „Madsack“ leider falsch geschrieben und soeben korrigiert.

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