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Autofähre über die Förde

Ferry Fontainebleau (aka)

Man muss schon am Verstand so mancher Kieler*innen zweifeln:

KN-Redakteur Frank Behling kommentiert zu den Vorschlägen:

„Eine Autofähre zwischen Dietrichsdorf und Düsternbrook ist der einzige Ausweg.“

Auch Ratsherr Homeyer von der CDU-Fraktion hegt Sympathien:

„Kann die Feinstaubbelastung am Theodor-Heuß-Ring damit gesenkt werden? Was wird teurer, die Verwirklichung dieses Projektes oder andere Maßnahmen zur Luftverbesserung an stark befahrenen Straßen?“

Also den Theodor-Heuß-Ring passieren pro Tag ca. 100.000 Fahrzeuge (Quelle). Eine nennenswerte Entlastung läge vielleicht bei 15% des Verkehrs. Das wären dann also ca. 15.000 Fahrzeuge. Ohne jetzt bereits Details zu wissen, gehe ich davon aus, dass es sich bei den Fährschiffen um Modelle handelt, die ähnliche Kapazität haben, wie DIESE in Konstanz. Also rd. 54 Autos.

Die Entfernung in Konstanz ist ungefähr doppelt so weit (4km), wie die angedachte Strecke zwischen Dietrichsdorf und Düsternbrook. Also wird die Überfahrt in Kiel rd. 8 Minuten dauern. Ich schätze, dass das vollständige Be- und Endladen ca. 10 Minuten braucht. Im Schnitt vielleicht also für ein Auto 5 Minuten. Also für beide Vorgämge insgeamt 10 Minuten. Das würde eine Gesamaufwand von 18 Minuten ergeben.

Gehen wir mal von einem 10-Minuten-Takt zwischen 6 und 20 Uhr aus. Das wären in der Zeit also rund 84 Fahrten. In den restlichen Zeiten würde die Fähre deutlich seltener Fahren. Runden wir einfach mal auf 110 Fahrten auf. Und dann verdoppeln wir sie um die Rckfahrten mit einzubeziehen. Wären dann also 110 Fahrten und bei einer vollen Auslastung 5940 Autos. Also sagen wir rund 6000 Autos maximal. Das wären gerade einmal 6 Prozent des Verkehrs vom Theodor-Heuß-Ring. Mit dem Auto üm die Förder herum zu fahren wäre dabei der gleiche zeitliche Aufwand (ca. 18 Minuten)

Zu Bedenken wäre dabei dann: Zum einen fraglich, wie viele Autofahrer bereit wären die Fähre zu nutzen, wenn es zeitlich keinen Vorteil bringt. Und das auch noch mit Kosten pro Person! Darüber hinaus: Wer schon auf der B76 ist, kann ggf. viel schneller sein weitergehendes Ziel erreichen. Denn weder in Dietrichsdorf noch in Düsternbrook gibt es bislang Straßen, die die Leute schnell zu anderen Orten in Kiel bringen. Und ob es dann überhaupt so viele Autos sind, die die Fähren nutzen würden, ist auch fraglich. So manche Nutzer*innen des Theordor-Heuß-Rings wollen vielleicht auch zur A7.

Unter dem Strich: Selbst unter optimalsten Annahmen ist es zweifelhaft, ob diese Verbindung irgend einen Nutzen bringt. Vielleicht reden wir auch nur von einer Entlastung um 1-2 Prozent. Es ist schon erstaunlich was gerade die CDU sich generell vorstellen kann an Träumerein während sie und die FDP sich jahrzehntelang gegen schienengebundene Lösungen für Massenverkehre in Kiel mit Händen und Füßen gewehrt haben.

Nichts gegen eine Querung der Förde. Zweifelhaft aber der Versuch, eine Lösung zu schaffen, die es Leuten ermöglicht vorher und nachher weiterhin das Auto zu nutzen, anstatt dass man Angebote schafft, die einen Umstieg auf andere Verkehrsmittel bewirken würden. Es kann ja nicht nur darum gehen die Wege für Autofahrer*inne zu verkürzen. Denn dann werden bestenfalls die Leute noch wieder mehr Wege mit dem Auto zurücklegen. Und dann gibt es wieder mehr Schadsdtoffemissionen als weniger.

Das heißt man kann sich an zwei Fingern abzählen, dass diese Vorschläge sowohl keine Lösung darstellen, als auch das Problem verschärfen. Und man würde für viel Geld wiederum die Chance vertun eine langfristige Lösung der Verkehrsprobleme anzugehen. Und die liegt sicher nicht in „mehr Autos“, noch in „mehr Straßen“.

Eine Prüfung der Vorschläge kann man sich sparen. Die Zeit haben wir nicht in Kiel!

Written by tlow

19. Oktober 2017 at 01:03

#MVV lässt Kiel im Regen stehen

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Nun sind alle Pläne für den Neubau eines Gasmotorenkraftwerks in Kiel geplatzt. Die MVV Energie (s.a. Pressemitteilung) möchte oder kann nicht bauen, bzw. die volle Investition übernehmen. Neben der Kieler Wohnungsbaugesellschaft KWG hatte Ex-OB Norbert Gansel damals auch die Stadtwerke verscheuert. Damals hielt man sowas für eine geniale Idee. Im übrigen ist das genau die Politik, die nun für Staaten mit Schulden als goldener Weg empfohlen wird: Schulden abbauen durch den verkauf des Tafelsilbers. Insofern trägt Herr Gansel natürlich nur eine Teilschuld, einen weiteren Teil die Ratsversammlung und noch ein weiterer Teil der Zeitgeist.

Etwas verwunderlich das Erstaunen aller Fraktionen, dass die MVV aus dem gemeinsamen Projekt aussteigt. Jörn Genoux von der KN weist dabei auf ein wichtiges Faktum hin: Die Rücklagen sind aufgebraucht, weil MVV und Stadt Kiel über Jahren, auch in schlechten Jahren die Dividenden in voller Höhe eingestrichen haben, anstatt für einen Kraftwerksneubau zu sparen.

Es sieht so aus, als wenn die MVV die Beteiligung über Jahre genutzt hat, um die Dividende einzustreichen ohne ein echtes Interesse an Investionen. Nur dass das Zögern schon seit Jahren zu beobachten war. Der Verkauf der Stadtwerke war nun auch eine bewußte Entscheidung. Und wieder ist die Rede davon, dass ein neuer Investor gesucht wird, der für die Stadt die Kohlen aus dem Feuer holen soll. Die Naivität der Ratsleute schein dabei grenzenlos zu sein: Unternehmen, deren primäres Interesse der eigene Profit sein sollte, sollen 300 Millionen für ein Gaskraftwerk in Kiel investieren, damit die Stadt Kiel eine sichere Energieverorgung hat. Wenn aber die Stadt Kiel selbst nicht einmal bereit ist ihre eigenen Stadtwerke zu verkaufen, wer könnte da ein höheres Interesse haben und entsprechend handeln? Eine Alternative zu einem hunderprozentigen Rückkauf gibt es wohl nicht. Alles andere würde wohl lediglich bedeuten die Odyssee der Stadtwerke fortzusetzen und wieder mehr Geld aus Kiel abzuziehen. Letztlich hat die Beteiligung der MVV ha eben das bedeutet: Kiel musste sich die Dividende mit der MVV teilen und gleichzeitig wurden keine Rücklagen gebildet.  Aber von nix wird nix. Soviel Verstand sollte man als Kommunalpolitiker*in schon haben. Das dann ausgerechnet die Befürworter von Marktwirtschaft und freiem Wettbewerb nun auf die Tränendrüse drücken, wenn Konzerne ihren wirtschaftlichen Interessen folgen, wirkt schon etwas lächerlich.

Die Stadtwerke haben eben Einnahmen und Ausgaben. Und sie haben ihren Preis. Jeder Käufer oder Investor schaut sich den Betrieb an und wenn hier Geld ausgegeben wird für einen Anteil von 49 oder 51 Prozent, dann will man auch davon profitieren. Profitieren bedeutet aber, dass von den Einnahmen ein größerer Teil abgegeben werden muss.. Der Wunsch der Kommunalpolitik ist, dass nun Wirtschaftsunternehmen die Stadtwerke Kiel als langfristige Investition sehen – und mal eben ein neues Kraftwerk bauen. Aber wann rentieren sich derartige Investitionen. Und bei den Unsicherheiten am derzeitigen Energiemarkt, wer wird das schon risikieren aufs falsche Pferd zu setzen, Lieber lässt man da doch die Stadt Kiel im Regen stehen, als das  man selber dort steht.

Letztlich sind ja so überhaupt im Kapitalismus kommunale Kraftwerke entstanden: Weil es eben privatwirtschaftlich nicht sinnvoll erschien langfristige Investitionen in eine kommunale Infrastruktur zu stecken. Gerade in Zeiten des Neoliberalismus weckten diese entstandenen Strukturen aber Begehrlichkeiten. Und bei den Kommunen wirkte es verlockend etwas zu verkaufen, was tatsächlich mal jemand haben wollte. Von wegen schlanker Staat, Beschränkung auf wesentliche Aufgaben.

Aber ob nun die Abfallwirtschaft, die Wohnungswirtschaft, der Verkehr oder die Energieversorgung. Es blieb immer die Erwartung, dass sich privatwirtschaftliche Unternehmen trotz kurzfristiger Gewinnbestrebungen genau so am langfristigen Gemeinwohl der Kommune orientieren wie zu Zeiten des kommunalen Betriebes. Das aber war von Anfang an unrealistisch. Aber die Erkenntnis ist immer noch nicht durchgesickert. Man möchte vielleicht auch oftmals gerne zurückkaufen, muss dafür aber nun oft tiefer in die Tasche greifen. Gleichzeitig will man auch auf träumerische Leuchtturmprojekte wie den Bau eines Zentralbades nicht verzichten. Die Kommunen sind noch lange nicht in der Wirklichkeit angekommen. Man strikt sich die Welt, wie man sie gerne hätte und ist beleidigt, wenn sich die Welt nicht wie in der eigenen Wunschwirklichkeit verhält.

Dabei ist es völlig unerheblich welches Verhalten oder Signale ein Konzern abgibt. Und zudem  muss man sich auch mal selber an die eigene Nase fassen, wenn man sich weigert Rücklagen für einen Kraftwerksbau  zu bilden. Dann ist eben am Ende kein Geld da. Wie auch?

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