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Kieler-Krisen-Kompass – Den gordischen Knoten durchschlagen?

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Gemälde Gordischer Knoten

Gemälde Gordischer Knoten

Leider habe ich nicht die Zeit mich eingehend  mit den Vorschlagen des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) zu beschäftigen. Dieses ist am 14.01.2013 an die Öffentlichkeit getreten, um uns einen möglichen Weg aus der „Krise im Euroraum“ aufzuzeigen.

Ich begnüge mich daher notgedrungen mit einer oberflächlichen Analyse der genannten Vorschläge. Details kann man aber in einem PDF (Kiel Policy Brief 58) nachlesen.

Untertitelt ist das Ganze mit „Ein Gesamtpaket zur Überwindung der Krise im Euroraum“. Aus der Zusammenfassung kann man lesen, das es primär darum geht, das Vertrauen der Finanzmärkte zurückzugewinnen.

Die Eurokrise

Die Eurokrise ist ein komplexes Thema, bei dem es oft schwerfällt die Übersicht zu behalten. Vergessen wird oft, was die Ursachen der Finanzmarktkrise sind. Z.B. wird oft gesagt, dass es die hohe Verschuldung von einigen EU-Staaten sei. Also z.B. Griechenland. Nach offizieller Lesart begann die Krise in Griechenland 2009. Dort sollte das Staatsdefizit 12,7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) betragen (2010 Staatsverschuldung 24 Mrd. Euro). Griechenland hat rund 11 Millionen Einwohner*innen. Pro Kopf Verschuldung also rd. 2.000  Euro.

Im Vergleich dazu die USA:

  •  rd. 314 Millionen Einwohner*innen
  • Staatsverschuldung 2010:  ca. 10 Billionen Euro
  • Quote bei  94,3 % des BIP.
  • pro Kopf Verschuldung rd. 32.000 Euro

Daran kann man erkennen, dass die USA die 16fache Pro-Kopf-Verschuldung als Griechenland hat. Wie kommt es dann, dass der US-Präsident Europa und Griechenland Anweisungen zur Schuldenreduzierung gibt. Und wie kann eine so kleine Ökonomie wie Griechenland eine so große Bedeutung im Euroraum und weltweit einnehmen?

In der EU beträgt das BIP 2011 rund 13 Billionen Euro. Das griechische BIP rund 228 Mrd. Euro. Also rund 1/57 des EU-BIP.

Als Zusammenfassung kann man sagen, dass weder die Gesamthöhe der Verschuldung noch die Pro-Kopf-Verschuldung in einem Land ein Problem darstellen kann. Sonst müsste die USA als viel kritischer angesehen werden.

Außerdem war der entscheidende Auslöser der weltweiten Finanzkrise und auch der Eurokrise das Platzen der amerikanischen Immobilienblase und nicht, die zu hohen Renten der Griechen.

Welche Vorschläge macht das IfW?

Nationale Strukturpolitiken: Das langfristige Ziel ist es, das Wachstum des Produktionspotentials in den Krisenländern nachhaltig zu stärken. Hierzu ist es unumgänglich, dass die Krisenländer ihre Arbeitsmärkte flexibilisieren, den Wettbewerb im Inland fördern, bürokra­tische Hemmnisse abbauen und staatliche Unternehmen privatisieren. Sind die Verwal­tungen in einzelnen Ländern mit der Umsetzung dieser Strukturreformen überfordert, so soll­ten sie bei ihren Reformvorhaben auf eigenen Wunsch hin durch internationale Organisationen beratend unterstützt werden.

Das sind aus dem ganzen Programm m.E. die wesentlichen Vorschläge. Sprich im wesentliche Deregulierung. Deregulierung aber ist der wesentliche  Auslöser der amerikanischen Immobilienkrise.

Dahinter steht die Ideologie, dass nur der befreite Unternehmergeist und die „Unsichtbare Hand“ alles wieder richten wird. Warum ausgerechnet die Politik, die uns in die Krise geführt hat uns aus der Krise holen soll bleibt unbeantwortet. Privatisierung von Staatsunternehmen? Und wer hat diese Unternehmen gerettet, als es bergab ging? Helfen ja – also Geld reinstecken darf die Steuerzahler*in, aber mitreden nicht?. Weil es Banken ja immer besser wissen?

Flexibilisierung des Arbeitsmarktes?

Ein flexibler Arbeitsmarkt, auf dem sich die benötigten Fachkräfte finden lassen, ist unverzichtbar für den notwendigen Umbau in der Produktion der Krisenländer. Die Flexibilitäta m Arbeitsmarkt kann durch Lockerung des Kündigungsschutzes, die Kürzung von Mindestlöhnen, wo sie sich als Einstellungshindernis erweisen, und eine stärkere Dezentralisierung von Lohnverhandlungen erhöht werden. Differenzierte Lohnabschlüsse auf betrieblicher und regionaler Ebene, welche Produktivitätsunterschiede angemessen berücksichtigen, wären beschäftigungsfördernd. Die Arbeitsmarktpolitik sollte stärker aktivierend wirken und qualifizierende Maßnahmen ausweiten, um den Ausbildungsstand insbesondere von Problemgruppen wie Jugendlichen und Langzeitarbeitslosen zu heben

(aus dem PDF, Seite 14)

  • Lockerung des Kündigungsschutzes bedeutet nichts anderes als das Beschneiden von Arbeitnehmerrechten. Die Leute stehen schneller auf der Straße. Das belastet die öffentlichen Haushalte natürlich stärker. Warum das Schulden sparen soll? Weil die Ideologie ist, dass das Abstoßen von Ballast die Wirtschaft ankurbelt und dann Unternehmen schneller wieder in der Gewinnzone sind und dann theoretisch wieder Leute einstellen.
  • Kürzung des Mindestlohnes belastet ebenfalls die Haushalte, weil dann natürlich mehr aufgestockt werden muss. Auch hier der gleiche Ansatz: Vergesellschaftung von Schulden soll der Wirtschaft helfen und irgendwann wieder durch höhere Steuereinnahmen reinfließen.
  • Bei der Dezentralisierung von Lohnverhandlungen geht es um die Schwächung der Verhandlungsposition von Gewerkschaften. Die Verpackungsindustrie soll dann z.B. in Hamburg und München getrennt verhandeln. Das Ergebnis wäre eine stärkere Konkurrenz der Regionen. Unternehmen würden mit Abwanderung drohen, bzw. diese innerhalb Deutschlands auch einfacher umsetzen können. Das Ergebnis wären vermehrte Entlassungen oder geringere Lohnabschlüsse.
  • Die Aktivierende Arbeitsmarktpolitik soll Arbeitslose vermehrt für den Arbeitsmarkt gefügig machen. Damit wird nicht unbedingt den Arbeitslosen eine langfristige Perspektive geboten, sondern eher im Gegenteil: Das Schicksal ist dann im besten Fall das Arbeiten in einer Leihsarbeitsklitsche mit kurzfristigen Arbeitsverträgen und jede Woche einem anderen Arbeitsort.

Insgesamt ist das Programm des IfW also: Deregulierung und eine vermehrte Umverteilung der Einkommen von Unten nach Oben. Und durch den Tricke-Down-Effekt vermehrter Investments kommts dann irgendwann auch wieder ganz unten an. Wobei das IfW klarstellt:

Ziel ist ein krisenfestes System durch verbesserte, glaubwürdige Regeln insbesondere zur Gewährleistung von Finanzmarktstabilität und für verantwortungsvolle nationale Finanzpolitiken

Jedes Ziel wird aber erkauft. In dem Fall Griechenland opfert man einige Menschenleben, um die griechische Ökonomie zu stabilisieren. Dieses Rezept empfiehlt man jetzt auch ganz Europa.

Das Programm des IfW verfolgt im wesentliche zwei Kernziele:

  1. Die Vermarktung des eigenen Instituts als Problemlöser
  2. Ein besseres Marketing für die EU beim Kunden (den Finanzmärkten). Schon länger hören wir ja in den Nachrichten vermehrt von unseren Politiker*innen, dass die Finanzmärkte zufrieden  gestellt werden müssen, den die drohen stets mit „Liebesentzug“, wenn einzelne Länder, Unternehmen oder auch eine Staatenunion wie die EU sich nicht wie gewollt verhalten.

Innerhalb des kapitalistischen Denksystems ist dieses Vorgehen auch tatsächlich ernüchternd alternativlos. Den Vorschlägen des IfW fehlen auffällig jede nur annähernd kreative Komponenten und auch jegliches Mitgefühl, für die kommenden Opfer dieser propagierten Politik.

Seit Jahrzehnten hören wir die gleichen Vorschläge. Auch bereits vor der Krise. Verhindert haben sie diese nicht. Bein, angeblich liegt es dann daran, dass man diesen Neoliberalismus nicht stark genug umgesetzt hat. Noch niedrigere Löhne, weitere Privatisierungen,…

Rund um diese Vorschläge bildet sich eine Szene aus Instituten und Experten, die diese Vorschläge wie Beschwörungsformen stets in neuere Verpackung rezitieren. Wie z.B.das Institut Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM).

Die Krise scheint die ideale Gelegenheit die etwas abgestandenen Speisen mit etwas Gewürzen und neuer Verpackung wieder an die Öffentlichkeit zu bringen. Vielleicht merkt ja keiner, dass es nur alter Wein in neuen Schläuchen ist. Und insbesondere nicht, dass diese Lösungen gleichbedeutend mit der Ursache der Krise sind. Erklären kann dieser neoliberale Ansatz nämlich eines gar nicht: Warum braucht es den Staat, der Billionen in die Wirtschaft pumpen muss, wenn  das Senken der Staatsquote und Privatisierung das Allheilmittel sind? Ohne die Staaten wäre der Kapitalismus nämlich bereits jetzt am Ende. Der Kapitalismus braucht regelmäßig während Krisen den Staat,um wieder auf die Beine zu kommen und behauptet dann stets, der Staat könne alleine ja nie laufen.

Ich bin weit davon entfernt einen Staatskapitalismus zu propagieren. Aber Wirtschaft müsste gänzlich anders organisiert werden, damit es nicht alle paar Meter zum Crash kommt. Aber dazu ist ein IfW nicht in der Lage, weil es lediglich ein Marketing-Tool unter vielen ist.

Written by tlow

16. Januar 2013 at 01:11

Video: Snower im Occupy Kiel Camp

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Snowers PR-Stunt geglückt

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Bevor Occupy Kiel Camp (OKC) das verabredete Treffen mit Herrn Snower vom IfW (Institut für Weltwirtschaft) hatte, witzelte ich in meinem Bekanntenkreis, in dem ich aus dem  KN-Artikel, der noch nicht geschrieben war zitierte. Sinngemäß „man begegnete sich auf Augenhöhe“. Und dass das Ende natürlich versöhnlich sein würde, ganz im üblichen KN-Stil.

OKC hat getan, worauf sich andere Kieler KapitalismuskritikerInnen nicht einlassen wollten: Eine Photo Op für das IfW und ihren Chef zu bieten. Wer die KN kennt, weiß, wie sie ausgerichtet sind. Kein Wunder, denn als Teil des Madsack-Konzerns haben sie spätestens bei der Massenentlassung der Tabel-Beschäftigten bewiesen, dass sie ganz klar auf Seite der Arbeitgeber sind. OKC hat sie jetzt als neutrale Moderatoren akzeptiert und wurde von Kopf bis Fuß eingeseift. Und der Artikel ist inhaltlich genau das, was ich vorausgesehen hatte – was übrigens keine große Kunst ist für jeden mit ein wenig Resthirn:

  • Überschrift „Rededuell auf Augenhöhe“ und
  • Subtitel „Dennis Snower trifft Occupy“

Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte, als ich das las. Wie bereits bei der Begegnung mit Albig vergisst OKC etwas ganz wesentliches: Wenn man sich als 99% bezeichnet, dann gibt es keine Instanzen an die man sich wendet. Schon gar nicht darf man den Fehler begegnen sich als PR-Gag missbrauchen zu lassen. D.h. Begegnungen mit Persönlichkeiten, die eigentlich auf der Gegenseite stehen nur auf der Ebene der Begegnung auf ECHTER Augenhöhe, dass heißt kein roter Teppich, keine Journalisten und Fotografen und keine Pressemitteilungen im Anschluß! Und da hätte Herr Snower ja wie jede Normalbürgerin ohne besonderen Empfang und großen Bahnhof jeden Tag vorbeikommen können. Aber OKC  hat akzeptiert, dass ein Herr Snower ja was Besonderes ist und haben sogar Journalisten als Moderatorin zugelassen.

Damit verkauft Occupy Kiel Camp ein weiteres mal die ursprünglich Occupy-Idee, die etwas mit Straßenbesetzungen und Systemumstürzen in Nordafrika zutun hat. Schlimmer als ein geräumtes Camp aber ist, wenn eine Bewegung Teil des Systems ist, dass sie kritisiert. Das Ergebnis sind dann Parteien wie der „Arbeiterpartei“ SPD.

OKC zeigt auch ein weiteres mal seine totale Orientierungslosigkeit, die so weit geht bei verschiedenen Gelegenheiten gegen die Ziele von Occupy vorzugehen. Wobei sie immer stets darauf bedacht sind ihren Alleinvertretungsanspruch der Occupy-Ideen für Kiel zu bewahren.

Wahr ist, dass es in Kiel ein breites Spektrum an Gruppen gibt, die kapitalismuskritisch sind und das OKC da nur einen kleinen Ausschnitt darstellt, der nicht mehr KielerInnen auf die Straße mobilisieren kann als andere Gruppen. Keine der Gruppen in Kiel kann dabei einen allgemeinen Anspruch der Vertretung für sich in Anspruch nehmen. Aus meiner Sicht versucht Occupy Kiel Camp als Gruppe von Individuen lediglich die eigene Meinung stärker in den Vordergrund zu drängen, als andere Gruppen das tun. Dabei passierte das, was in vielen kleinen Gruppen passiert: Nur bestimmte Menschen akzeptieren das Camp und kommen regelmäßig. Es bildet sich eine Wohlfühlgruppe, die sich gegenseitig in der Richtigkeit bestätigt. Ja es gibt sicher auch Meinungsverschiedenheiten und Streits – aber alles andere als eine breite Diskussion oder Abstimmungen von vielen KielerInnen. Und die wären ja nötig, um überhaupt eine kritische Masse zu haben, um irgendeinen Anspruch abzuleiten.

Interessant dabei, dass OKC offenbar weniger Probleme mit den VertreterInnen des Systems hat, als mit KritikerInnen oder Unterprivilegierten TortenwerferInnen.

Nun ist das Treffen mit Snower wie voraussehbar PR-mäßig total nach hinten losgegangen. Dennis konnte sich als legerer, toleranter Typ inszenieren, der sogar mit den Spinnern vom Camp redet. Und das Camp gab die Statisten und baute die Kulisse auf, ganz unentgeltlich.

Ja eine Bewegung ist prozesshaft. Leider geht der Prozess bei OKC in die falsche Richtung, Richtung Anpassung und systemstützend. So jedenfalls meine Meinung.

Wie seht ihr das? Bitte um zahlreiche Kommentare (werde alle freischalten!)

Written by tlow

2. April 2012 at 09:52

GES in Kiel vom 4.-6. Oktober 2011

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Das Global Economic Symposium (abgekürzt GES) ist eine jährliche Konferenz, die vom Institut für Weltwirtschaft (IfW) und der Bertelsmann Stiftung in Kooperation mit der Deutschen Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften (ZBW) – Leibniz Informationszentrum Wirtschaft – organisiert wird. Das Symposium befasst sich mit den globalen Problemen unserer Zeit und versucht sozial wünschenswerte Lösungen zu entwickeln. Im Wesentlichen wird sich auf Probleme konzentriert, die einzelne Staaten oder Organisationen nicht allein lösen können. Deswegen ist eine globale Kooperation zwischen den politischen Entscheidungsträgern, der Wirtschaft, der Wissenschaft und den Repräsentanten der Zivilgesellschaft notwendig. José Manuel Barroso, der Präsident der Europäischen Kommission, ist der Schirmherr des GES. Die Konferenz wird jedes Jahr von mehr als 400 Personen aus der ganzen Welt besucht. Unter diesen sind Nobelpreis-Träger, Minister, EU-Kommissare, Vorstandsvorsitzende aus der Wirtschaft und Wissenschaftler. (Quelle: Wikipedia)

Soviel oder so wenig also die Wikipedia.  Ein Snower-Zitat von der aktuellen Homepage (die in englisch gehalten ist):

„The GES is about creating a neutral open space in which we can understand that we are a global community; in which we are prepared to take on global responsibilities and understand that as the world has become interconnected and globalized, we have become interconnected in various important ways. (…) The GES grew out of the realization that we must come together as a global community – that we are increasingly a global economy, but not a global society.“

Zu diesem Jahr findet man außerdem in der Introduction:

The overarching theme of the GES 2011 is “New Forces of Global Governance”. The current global
problems—ranging from sovereign debt crises to climate change to energy insecurity to food and water
shortages to poverty to education deficits to global security threats—show clearly that national politics and national economic policy are not suficient for dealing with problems that flow freely across national boundaries. What is required, according to a growing number of commentators, is a new force in global governance that gives people intrinsic motivation to work across national, cultural, social and religious
divides. The GES will consider new approaches in global problem solving and examine strategies of achieving sustainable economic policies, sustainable business models, sustainable institutions of transnational governance, and sustainable civic initiatives.

Gegen das GES haben sich zwei Initiativen gebildet:

  1. Der Kongress „Eine andere Welt ist nötig“ am 30.9. und 1.10 mit 13 Kooperationspartnern (von attac über avanti bsi ver.di)
  2. und das Anti-GES-Bündnis, das mehrere Veranstaltungen im Vorfeld organisierte ebenso wie eine Demonstration am 4. Oktober am Bahnhofsvorpatz
1. Der Kongress leitet wie folgt ein:

Vom 4. bis 6. Oktober 2011 findet zum dritten Mal in Schleswig-Holstein das Global Economic Symposium des Kieler Instituts für Weltwirtschaft statt, dieses Jahr in Kiel. Dabei tagen „Top-Entscheider“ aus der internationalen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik hinter verschlossenen Türen, um Lösungen für „Herausforderungen der globalisierten Welt“ zu suchen. Es wird um weltweite ökologische, soziale und wirtschaftliche Krisen gehen. Dabei spielt Wirtschaftswachstum eine wichtige Rolle, sieht doch eine Mehrheit von Politikerinnen und Politikern ein ständig wachsendes Bruttoinlandsprodukt als Voraussetzung für Wohlstand und daher geeignet, Krisen abzuwenden.  Daran zweifeln inzwischen immer mehr Menschen. So auch Attac-Kiel und andere Organisationen. Diese laden unmittelbar vor dem Global Economic Symposium zu einem Kongress „Eine andere Welt ist nötig! – Wie wollen wir leben?“ ein. Im Mittelpunkt steht dabei die Suche nach Alternativen zu einer Globalisierung, die von Profitstreben getrieben wird, und die in der herrschenden Politik und Wirtschaftswissenschaft als alternativlos gilt.

2. Das Anti-GES-Bündnis schreibt in ihrem Kurzaufruf:

Beim GES han­delt es sich um ein seit vier Jah­ren auf In­itia­ti­ve des in Kiel sess­haf­ten Think Tanks ka­pi­ta­lis­ti­scher Ideo­lo­gie „In­sti­tut für Welt­wirt­schaft“ (IfW) und der Ber­tels­mann-​Stif­tung jähr­lich statt­fin­den­des Tref­fen von Wis­sen­schaft­ler_in­nen, Po­li­ti­ker_in­nen und Ver­tre­ter_in­nen von Wirt­schafts­un­ter­neh­men, NGOs und Me­di­en. Es ver­steht sich selbst als „hoch­ran­gi­ges Lö­sungs­fo­rum“, auf dem sich „welt­weit füh­ren­de Köpfe aus Wirt­schaft, Po­li­tik, Wis­sen­schaft und Ge­sell­schaft“ tref­fen. Diese haben den selbst for­mu­lier­ten An­spruch, kon­kre­te Lö­sungs­vor­schlä­ge für man­nig­fal­ti­ge glo­ba­le Pro­ble­me der Sphä­ren „Glo­ba­le Wirt­schaft“, „Glo­ba­le Ge­sell­schaft“, „Glo­ba­le Po­li­tik“ und „Glo­ba­le Um­welt“ er­ar­bei­ten zu wol­len, die Ein­gang und Ein­fluss fin­den sol­len in po­li­ti­sche Ent­schei­dungs­pro­zes­se, z.B. beim In­ter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds (IWF), den trans­na­tio­na­len Po­li­zei­be­hör­den Eu­ro­pol und In­ter­pol oder der Welt­bank.

Doch das GES ist Teil des Pro­blems, nicht Teil der Lö­sung. Es gibt kei­ner­lei Grün­de, ir­gend­wel­che Hoff­nun­gen auf vom GES aus­ge­hen­den Im­pul­se für men­schen­wür­di­ge­re Ver­än­de­run­gen der Ver­hält­nis­se auf die­sem Pla­ne­ten zu ver­schwen­den. Denn ob sich des­sen Teil­neh­mer_in­nen nun tat­säch­lich für Welt­ver­bes­se­rer hal­ten, sich nur so in­sze­nie­ren oder kon­se­quen­ter­wei­se gleich auf sol­cher­lei An­sprü­che ver­zich­ten: Sie blei­ben bei ihrer an­geb­li­chen Suche nach Lö­sun­gen für die Pro­ble­me die­ser Welt in den Denk- und Han­dels­schran­ken ka­pi­ta­lis­ti­scher Ideo­lo­gie und Sach­zwän­ge ge­fan­gen. Es geht ihnen näm­lich nicht um eine Ana­ly­se und Kri­tik des Ka­pi­ta­lis­mus und sei­ner Un­ge­rech­tig­kei­ten und Men­schen­feind­lich­keit, son­dern im Ge­gen­teil um seine Auf­recht­er­hal­tung.

Es gibt eine Organisation, die auf zwei Hochzeiten tanzt: Die Heinrich-Böllstiftung ist sowohl auf dem Gegenkongress als Kooperationspartner als auch auf dem GES selbst vertreten. Kann man gleichzeitig für und gegen das GES sein?
Im wesentlichen haben wir bei den drei Gruppen drei verschiedene Ansätze:
  1. Das GES selbst hinterfragt weder den Kapitalismus als solches noch meint es grundsätzliche Strategien ändern zu wollen. Aber angesichts von Krise und Umweltzerstörung möchte man Ideen sammeln, um dem Kapitalismus das langfristige Überleben zu sichern. Dazu ist man offen für alle Vorschläge – und geht dazu selbst an Kieler Schulen. Auch ist das GES nicht zuletzt auch eine Werbeveranstaltung für ‚business as usual‘.
  2. Der Kongress „Eine andere Welt ist nötig“ hat eine Vielzahl an Kritiken an den Auswüchsen des aktuellen Kapitalismus und möchte über Alternativen auf verschiedenen Gebieten suchen. Über eine allgemeine Systemkritik möchte man dabei nicht hinausgehen.
  3. Das Anti-GES-Bündnis lehnt Kapitalismus als Systemform gänzlich ab und verweigert sich daher auch dem Dialog mit dem GES selbst, hat allerdings thematische  Überschneidungen mit dem Alternativkongress.
Letztlich hängt sich sowohl an dem GES selbst als auch an den Themen viele grundsätzliche Fragen auf. Oder auch wer bietet Lösungen? Handelt es sich  bei den aktuellen Problemen auf der Welt um Probleme, die mit Korrekturen am System einfach zu lösen sind oder sind die Probleme selbst Funktionen des Systems?
Wenn wir den Kapitalismus selbst als eine Art Maschine begreifen und wenn wir sehen, dass sie zerstörerisch arbeitet, so kann man m.E. zu keinem anderen Schluss kommen, dass die Funktionalität der Maschine das Problem ist und sie eben nicht einfach nur fehlerhaft arbeitet.
Dies wiederum ist natürlich eine sehr mechanistische Deutungsweise. Systeme und Gesellschaften sind keine Maschinen und funktionieren nur in begrenztem Maße berechenbar. Aber genau darum geht es ja auch beim GES: Um den Glauben und Vertrauen an die Steuerbarkeit des Systems Kapitalismus – oder an den Glauben des Guten im System.
Um einen unpassenden Vergleich zu wählen: Man kann irgendwie auch mit einem Panzer sein Feld umpflügen. Doch im Endeffekt muss man sich dann nicht wundern, wenn man hinterher nur noch verbrannte Erde hat. Auf dem Werkzeug trotz seiner Untauglichkeit zu bestehen ist naiv. Das bedeutet nicht, dass „Verbesserungen“ im System nicht auch kurzfristige Erleichterungen bringen, wie bessere Umweltstandards, Schuldenerlasse,… . Es gibt selten ein Ding auf der Welt was nur gute oder nur schlechte Wirkungen hat. Auch ist es unerheblich welche Intention verfolgt wird. Selbst wenn es Leute am GES mit einem ehrlichen Willen teilnehmen sollten, Dinge zum Guten zu wenden, so kann ihre Aktivität dann doch im weitesten, systemerhaltenden Sinne das Gegenteil bewirken.
Von Atomenergie bis Zentralbad (Kiel) lassen sich unzählige Beispiele finde, bei denen die falsche Ökonomie zu falschen Ergebnissen geführt hat.
Es wird spannend bleiben, welche Bilanzen die verschiedenen Gruppen nach Abschluss aller Veranstaltungen ziehen werden.
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