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Posts Tagged ‘Kostenloses Parken

#Raum in der Stadt ist kostbar! #Windschutzscheibenperspektive #Parklet #VisionZero

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Wilhelmplatz, Kiel


Zur Zeit gibt es ja wieder eine Debatte in Kiel, auch in der KN wie mit dem Chaos rund ums Parken umgegangen werden soll. Der Raum in Städten ist knapp und muss effizient genutzt werden. Ursache ist die seit Jahren steigende Anzahl an zugelassenen PKW. Laut Statistikamt Nord waren es 2018 über 1,639 Mio. Fahrzeuge in unserem Bundesland. Der Raum in den Städten bleibt begrenzt und eine weitere Steigerung des Fahrzeugbestandes kommt schon aus klimapolitischen Gründen nicht in Betracht.

Die KN hatte eine Online-Umfrage veröffentlicht, die aber bereits als erste Frage klar machte, an wen sich die Umfrage richtet:

Finden Sie mit Ihrem Auto in Kiel leicht einen Parkplatz?

Zitat aus der Umfrage

Auch wenn theoretisch auch Menschen ohne Auto an dieser Umfrage teilnehmen können macht die Debatte deutlich, wo das Problem liegt: In der sogenannten „Windschutzscheibenperspektive“. Auch weiter hinten bei den Lösungen musste ich stutzen: Als Lösung gab es grundsätzlich entweder nur mehr Parkplätze/Tiefgaragen oder bestenfalls mehr Velorouten. Die Lösung in den meisten Städten, die das Problem angehen, wie z.B. Amsterdam lautet jedoch im Gegenteil: Parkplätze reduzieren! Auch in Berlin wird dies gefordert. Diese Option durfte man als Leser*in gar nicht auswählen.

Die Logik dahinter: Nicht jede/r braucht ein Auto: Es wird angeschafft und genutzt, weil es bequem ist. Parken vor der Haustür. Und überall gibt es kostenlose Abstellplätze. Für den Bus hingegen muss man immer zahlen. Die Entscheidung fällt (teilweise) rational: Das Auto bietet aus Sicht vieler mehr Vor- als Nachteile. Und das drückt sich dann auch in Aussprüchen wie „Ich kann nicht ohne Auto leben“ aus. Doch viele vielen, wenngleich nicht allen, ist das Auto gar nicht so alternativlos, wie viele es meinen rational erkannt zu haben.

Es wird so getan, als wenn alle Kieler*innen ein Auto besitzen würden und es ist eigentlich nur noch die Frage, wie wir deren Bedürfnissen („Parknot“) am besten nachkommen. Wenn wir aber Mobilität sichern wollen, dürfen wir nicht weiterhin Mobilität und Auto gleichsetzen!

Ist es nicht absurd, dass wir in unseren Städten steigende Mieten und Wohnungsknappheit haben und gleichzeitig den Autos weite Teile der Stadt kostenlos überlassen? Autos haben, mit der Fläche eines durchschnittlichen Kinderzimmers einen relativ hohen Platzbedarf, stehen aber die meiste Zeit des Tages ungenutzt herum.

Es fehlt der öffentlichen Debatte jeglicher schlüssige Ansatz, um das Problem echt anzugehen. Die Nutzung von Supermarktparkplätzen am Abend wird absehbar keine echte Entlastung bringen. Grundsätzlich ist mir das lieber als neue Tiefgaragen und Millionen in neue Parkplätze. Aber wir müssen das Grundproblem angehen. Und das ist: Wir haben nur begrenzt Platz in unseren Städten und Autos nehmen einfach viel Platz weg. Wir können entscheiden, welchem Zweck wir dem Raum zuordnen. Bisher ist es zum Beispiel so, dass eine Nutzung des Straßenrandes anders als als Parkplatz zur genehmigungsfähigen Sondernutzung wird. Man entzieht dem Raum dann aus Sicht der Behörden den Raum der gemeinschaftlichen Nutzbarkeit.

Ich bekomme das derzeit direkt mit: Ich wollte mein Parklet innerhalb der Medusatraße um ca. 10 Meter auf die anderen Straßenseite verschieben. Dies wurde nun auf Antrag mit eben dieser Begründung abgelehnt, denn das Parklet würde dann ja auch mitten auf der Fahrbahn stehen (zur Erläuterung: Beim bisherigen Standort ist an der Straßenecke ein etwas breiterer Verengung auf ganzer Fahrzeugbreite, die Straße ist allerdings dort enger, aber dafür Einbahnstraße).

Um es noch mal klar zu machen:

  • Ein Parkplatz, der nur von EINEM Menschen genutzt werden kann, ist angeblich für den „Gemeingebrauch“ offen
  • Ein Parklet hingegen, dass JEDER benutzen kann, auch Kinder usw. wird angeblich dem „Gemeingebrauch“ entzogen. Auch wenn ein Parklet jeden Tag häufiger von mehr Menschen genutzt wird.

Das ist auch „Windschutzscheibenperspektive“. Angeblich stellt mein Parklet dann ja auch eine Verkehrsgefährdung dar. Im Gegensatz dazu stehen nur fünf Meter weiter an der Kreuzung jeden Tag dutzende Autos im Parkverbot und blockieren den Übergang für Grundschüler*innen und andere Fußgänger*innen. Trotz Hinweis passiert NICHTS!

Ergo: Das Auto ist per se gut. Nur wer etwas anderes macht als Parken oder Autofahren ist irgend wie dubios und gehört reguliert. Solange wir diese Sichtweisen nicht in Frage stellen, die auch Verwaltungshandeln darstellen und in Gesetz gegossen sind, wird sich etwas nur wenig und nur sehr langsam ändern!

Beim Autoverkehr ist es ja auch nicht anders. Oslo hat 2019 lediglich einen Verkehrstoten gehabt. Vor allem durch Maßnahmen wie bessere Fahrradinfrastruktur und Tempolimits. Letztere werden in Schleswig-Holstein vielerorts wirksam durch den LBV blockiert. Das muss man sich mal vorstellen: Wir wissen, wie wir Verkehrstote verhindern, aber es wird blockiert, um die Flüssigkeit des Verkehrs nicht zu gefährden. Aber eine Maßnahme wie ein Parklet, dass nicht ein mal so breit ist wie ein Sprinter gilt als verkehrsgefährdend!?

Unsere Einstellung zum Auto ist nicht rational und bedarf dringend einer Neubewertung. Sie tötet und verletzt Menschen und benachteiligt Initiativen für mehr Lebensqualität. Das Leben eines Kindes ist weniger wert als die bequeme Parkplatzsuche. Wird ein Kind auf dem Schulweg verletzt oder getötet heißt es allenfalls, es hätte besser aufpassen sollen. Was für eine herzlose und wahnsinnige Gesellschaft!

Written by tlow

12. Januar 2020 at 08:17

#Wilhelmplatz Autofriedhof oder lebendiger Raum?

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Als ich diesen Vergleich las, hatte es bei mir wieder ein mal Klick gemacht:

 Ein Parkplatz zum Beispiel misst im Schnitt 12,5 Quadratmeter – das ist so groß wie ein Kinderzimmer.

Quelle: TAZ-Interview 8.3.19 „Parken ist kein Grundrecht“

Diesen Vergleich sollte eigentlich jeder im Kopf haben. Mit oder ohne Auto, wenn es in der Diskussion um das Parken geht!

Wir als Gesellschaft entscheiden darüber, welcher Nutzung wir Platz lassen. Z.B. ob die Stadt Kiel dem Zirkus Krone sogar so viel Platz einräumt, dass kein Platz mehr für einen Radweg (Kronshagener Weg) bleibt. Ist der Zirkus weg, kommen die Autos wieder.

Ungefähr 4 von 10 Kieler*innen verfügen über ein Auto. In Gaarden eher 2 von 10. Aber auf unseren Straßen geben wir eher 70% des Raumes dem Auto. Autos brauchen eben viel Platz. Und das sowohl wenn sie stehen, als auch wenn sie fahren.

Die Stadt möchte gerne Geld für das Parken auf dem Wilhelmplatz, bzw. nicht weiter hinnehmen, dass dort das Parken umsonst selbstverständlich ist. In der Debatte gibt es mehrere Fehlannahmen:

  1. „Ohne Auto kann man nicht einkaufen“: Zum einen gibt es viele Menschen, auch mit Familie, die seit Jahrzehnten entweder aus finanziellen Gründen oder aus Überzeugung auf ein eigenes Auto verzichten. Richtig eng wirds eigentlich erst bei Umzügen, Möbelkauf oder Elektrogroßgeräten. Dann aber besteht oft die Option der Lieferung und die Sachen passen oft eh gar nicht in die meisten Autos. Zum anderen bietet StattAuto oder eine Mietwagenagentur oder ein Taxi auch eine Möglichkeit. Dieses Jahr habe ich zum ersten mal jeden Tag auch massenweise Lastenräder mit und ohne Elektromotor auf der Straße gesehen. Es geht also.
  2. „Ohne Parkplätze geht der Einzelhandel zu grunde“: Zum einen hängen viele aktuelle Probleme heute eher mit dem Onlinehandel zusammen. Und zum anderen bauen viele große Discounter im Grunde lediglich Parkplätze mit einer Halle drauf. Wer geht da schon gerne einkaufen? In Einkaufsstraßen wie der Holtenauer kommen vermutlich auch die wenigsten Leute mit dem Auto. Die meisten halten dann illegal in der zweiten Reihe. Insgesamt sorgt der Durchgangs- und Parkverkehr nicht gerade für eine angenehme Atmosphäre. Und ein Wechsel der Straßenseite ist oft nur mit Ampeln zu empfehlen. Potentielle Käufer*innen werden so eher vom bequemen stöbern und Hin- und Herlaufen abgehalten. Und wer illegal parkt wird lieber schnell rausspringen, das kaufen was er auf dem Zettel hat und schnell wieder den Einkaufsbereich verlassen. Erfahrungen mit der Umwandlung von Parkstreifen oder Fahrbahnen zu Radwegen haben vielerorts gezeigt, dass der Umsatz in solchen Straßen sogar um 60% steigt. Weil Radfahrer*innen eben auch mal schnell anhalten ohne lange Parkplatzsuche. Und unterwegs mehr mitnehmen als eine Autofahrer*in. Die durchschnittliche Parkplatzsuche in Städten dauert 20 Minuten. In der Zeit hat man zu Fuß oder mit dem Rad schon bereits seinen Einkauf erledigt und befindet sich auf dem Rückweg.
  3. „Die Stadt ist verpflichtet den Autofahrer*innen Parkplätze anzubieten. Irgend wo müssen sie ja stehen“: Die Stadt hat viele Pflichten und Prioritäten. Aber jede Einzelne muss auch selber schauen, was sie sich anschafft und wo sie das abstellen kann. Radfahrer*innen und Lastenradbesitzer*innen kennen das auch verstärkt: Ein Rad kann man nicht ohne es anzuschließen stehen lassen. Aber den Kieler Bügel findet man nicht überall und die nächste Laterne ist schon besetzt. Bei Lastenrädern ist es so, dass sie oft so schwer sind, dass man sie weder in den Keller tragen kann, noch in den Hof. Auch Kinderwägen und andere Fahrzeuge sind oft ungeliebt im Hausflur.
  4. „Die Autofahrer zahlen schon am meisten“: Es ist eine Frage, welche Kosten ein Verkehrsmittel verursacht und wie viel Platz es beansprucht. Prozentual nehme Autos viel mehr Platz in Anspruch als z.B. der ÖPNV. Vor allem wenn man es mit der Transportleistung ins Verhältnis setzt. Ein Auto ist immer ein Verkehrsmittel Einzelner, nicht Vieler. Daher muss man Investitionen in die Straßeninfrastruktur viel kritischer beurteilen, weil sie nur wenigen nützen. Aber gerade die Infrastruktur wie Autobahnen sind teuer. Inklusive Autobahnauffahrten, Autobahnkreuze und auch Ampeln und Kreuzungen in der Stadt.

Plätze wurden ursprünglich nicht als Parkplätze geschaffen. Nun haben Autos oft seit Jahrzehnten ein Monopol auf ihre „Nutzung“. Dabei stehen die Autos die meiste Zeit dort nur herum und verhindern damit jede andere Nutzung. Das Auto stranguliert unsere Städte und es wird Zeit, dass es den Platz zugewiesen bekommt, den ex maximal verdient. Überall und umsonst parken ist nicht akzeptabel!

Written by tlow

10. August 2019 at 09:52

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