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Occupy Kiel: Mehrere Seiten einer Besetzung

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Wenn man die Kommentare bei KN-Online länger verfolgt. Vor allem aber nicht nur beim Occupy Kiel Camp, so wird schnell deutlich, dass:

  1. Einige Kommentatoren besonders eifrig und besonders rechts sind.
  2. Die Staatsgläubigkeit doch sehr verbreitet ist. Zweifeln viele sehr schnell am Staat, wenn er beim zu schnellen Fahren „geblitzt“ wird, so denken in den Kommentarfunktionen doch viele, dass alles was Gesetz ist, nur so sein kann, wie es ist. Wenn man die Rechtsgeschichte in der BRD betrachtet, dann findet man aber auch viele Wendepunkte. Und die Demokratie heute wäre niemals entstanden, wenn immer alles so geblieben wäre, wie es war.

Also ob einige der Kommentatoren von rechten Organisationen dazu angehalten werden, dort ihren Müll abzulassen, wie ich gehört habe, kann man schlecht nachprüfen in der defakto Anonymität. Die strengere Registrierung hat nicht etwa die  Kommentare reduziert, sondern eher die Vielfalt. Ob unter den Umständen die Kommentarfunktion in der KN noch Sinn macht, bleibt fraglich. Einen Querschnitt der Leser stellt sie aber mit Sicherheit nicht dar, auch wenn es natürlich unter Lesern solche Meinungen gibt.

Zu dem, was diskutiert wird:

John Maynard Keynes

John Maynard Keynes

  • Ob nun Herr Todeskino, Herr Albig oder ein später gewählter OB den Räumungsbefehl gibt, ist nebensächlich. Herr Albig hat im Wahlkampf keine Fakten schaffen wollen. Er wollte sich damit nicht seine Chance zur Wahl verschlechtern. Der Bürgermeister Todeskino ist jetzt offiziell zuständig und hat die Möglichkeit dem neuen OB eine lästige Angelegenheit vom Hals zu schaffen, bevor der oder die antritt. Lästig insofern, als das auch nach Meinung vieler Camper es schon erstaunlich ist, wie lange nicht geräumt wurde und dieser Freiraum erhalten werden konnte. Mit der Räumung des Camps ins Amt zu starten wäre sicher kein toller Start für einen OB. Für die Förde Sparkasse ist es aber natürlich seit langer Zeit kein einladendes Bild mehr. Ich bin sicher, dass man hinter den Kullissen darum bittet, dass die Stadt Kiel da mal Fakten schafft, während man öffentlich das Bild einer „guten Bank“ versucht zu erhalten. Den auch Camper sind potentielle Kunden. Das Camp existiert heute wohl auch nur noch, weil es niemals in Fundamentalopposition gegangen ist. Es wurde immer zwischen guten und schlechten Banken unterschieden. Man glaubt, dass ein guter Kapitalismus aus Bedingungslosem Grundeinkommen plus Konsum und Stärkung des Mittelstands möglich und wünschenswert ist. Obgleich die Förde Sparkasse in Kiel, auch in der KiWi (Kieler Wirtschaftsförderung) aktiv ist und Wirtschaftspolitik mit gestaltet, hört man dazu keine Kritik aus dem Camp. Man ist da im Gegenteil schon lange darauf Stolz, dass man dort die Toiletten benutzen kann. Also: Jede andere Aktion oder Besetzung in Kiel in den letzten Jahren wurde schneller erledigt als dieses Camp. Das liegt vor allem daran, dass die Vorstellungen von Stadt Kiel, SPD, LINKEN und dem Camp oft übereinstimmen. Das wird auch aus einer Rede des SPD-Ratsherren Thomas Wehner deutlich. Folgende Punkte erscheinen ihm besonders erwähnenswert:
    • dass man mit Papieren viel Geld verdienen und verlieren kann, hinter denen keine Werte stehen,
    • dass Banken mit dem ihnen anvertrauten Geld Risiken eingegangen sind, die sonst kein ordentlicher Kaufmann eingehen würde. Da waren die Krise und ihre Auswirkungen übrigens ganz nah bei uns in Kiel, wenn wir im Rathaus aus dem Fenster blicken,
    • – dass Spekulation imstande ist, ganze Volkswirtschaften an den Rand des Abgrunds zu bringen und viele Menschen an den Rand ihrer Existenz.

    Im wesentlichen besagt diese Propaganda, dass es nur einigen Stellschrauben liegt, dass es zur Krise kam. Unberücksichtigt bleibt, dass ohne diese Spekulationsblasen, die aktuelle Wirtschaft, auch mit „ordentlichen Kaufmännern“, längst aus Geldmangel zusammengebrochen wäre. Wirtschaft braucht Geld zum Überleben.  Spekulationsblasen sind keine Fehlentwicklungen im Kapitalismus, sondern seine Voraussetzung. Denn sie generieren neues Kapital, mit dem dann wieder investiert wird. Die Antwort, die bei ATTAC, der Linken, der SPD und bei den Occupiern gut ankommt ist nun, dass man das Finanzsystem reformieren muss und dann hat man nur noch die guten, aber keine schlechten Wirkungen mehr. Damit allerdings arbeitet man an dem Grundmythos, dass Kapitalismus per se GUT ist und funktioniert. Mit der Bewegung der Indignados (der „Empörten“) wurde deutlich, dass diese Bewegung nicht unbedingt jede Wirkung des Kapitalismus kritisiert, sondern Empörung löst aus, dass Banken für Milliarden gerettet werden, während z.B. die Altersarmut steigt und es immer hieß, es wäre kein Geld vorhanden. Die Kritik bei Occupy Kiel geht also nicht ZU WEIT, sondern NICHT WEIT genug. Und dadurch stützten sie bestimmte Mythen und arbeiten daran, die Illusion eines funktionstüchtigen Wirtschaftssystem aufrecht zu erhalten. Aber dazu jetzt nicht mehr.

  • Von der Platzbesetzung als solches wird von den Rechten behauptet, sie wäre illegal. Doch hat die Förde Sparkasse wirklich mehr Rechte zur Gestaltung des Platzes? Wir werden alle in diese Welt hineingebohren als Kinder von Eltern, mit bestimmten Vermögen und Bildungsstand. Genau so erbte die Förde Sparkasse seit Jahrhunderten (seit 1796) ihre Bestände. Aber jedem/r Neubürger/in in dieser Welt steht erst einmal ohne Geld da. Es wird ihm/ihr  geliehen. Insofern basiert jedes Eigentum heute auf Leihgaben und dem Erben von Ansprüchen. Wo kein Vermögen ist, kann auch nichts verliehen oder darauf aufgebaut werden. Viele empfinden das als gerecht, aber mit Chancengleichheit hat das nichts zutun.  Die Eigentümer von Firmen beschäftigen Arbeitskräfte und können oft gut von dem ständigen Ertrag leben. Durch Nachfolge haben die Erben einer Firma oft einen besseren Start ins Leben als die Mehrzahl der BürgerInnen. Die Sparkasse und ihr Eigentum, ihr Reichtum, basiert auf den Leihgaben vieler KielerInnen der vergangenen Jahrhunderte. Damit konnten sie sich die Infrastruktur und somit auch diesen Vorplatz erkaufen, der ihr nun gehört – und nicht mehr den Kindern ihrer ehemaligen Kunden. Denn die Sparkassen haben das Geld nie angenommen um Zinsen zu verschenken, sondern weil sie wußten, dass sie es selbst noch viel besser und gewinnbringender verleihen können. Der kritische Punkt sind hier aber nicht die Zinsen, sondern die Vermögen und die Eigentumsrechte. Die zu hinterfragen haben wir verlernt. Worauf basiert der Reichtum des Einen und die Armut des Anderen? Es gibt Abhängigkeiten, die dazu führen, dass die meisten von uns dazu gezwungen sind fast ihr ganzes Leben lang ihre Arbeitskraft anzubieten. Viele streben nach oben, um  selbst in die Lage zu kommen Arbeiten zu lassen. Und so beuten sich die Leute gerne und immer wieder untereinander aus. Profitieren tun am meisten die, die das Spiel am besten beherrschen. Ergo: Der Sparkassen-Vorplatz gehört heute der Förde Sparkasse unter den Bedingungen, die ihr erlaubten entsprechende Vermögen zu vermehren, ermöglicht durch die kleinen Vermögen der kleinen Sparer, die sich allesamt auch kleine Gewinne erhofften.
  • Finanzkrise. Das klingt so singulär. Aber wenn man mal Wikipedia „aufschlägt“ unter „list of banking crises„, versteht man, dass die Finanzkrise weder singulär noch zufällig ist, sondern Bestandteil des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Es sind auch, mit kleinen Abweichungen, immer die gleichen Gründe, die zu den Krisen führen.
  • Da nun die Exportwirtschaft einbricht, ist zu erwarten, dass auch in Deutschland sich die Bedingungen massiv verändern werden. Das bisherige Erfolgsmodell beginnt zu trudeln. Das konnte jeder wissen, der sich ein wenig intensiver mit dem Wirtschaftssystem und den derzeitigen Wirkungen befasst hat. Wie schnell die Krise in Deutschland durchschlagen wird ist unklar. Zuletzt gab es ja noch positive Meldungen. Doch der Fall Deutschlands könnter tiefer werden, als der in anderen Staaten. Weil eben in vielen Staaten in der EU nun bereits Löhne massiv gesenkt wurden und weil Deutschland von einem relativ hohen Niveau kommt und die Abhängigkeit von der Exportwirtschaft besonders hoch ist.

Occupy Kiel Camp: Alternativen sehen anders aus

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Zuletzt hatte das OKC (Occupy Kiel Camp) Solidarität auch von ungewöhnlicher Seite erfahren. Zu recht? Leider setzen sich die bedenklichen Tendenzen dort fort:

  • Am 17.08. wurde wieder Ralph Boes eingeladen, der wieder vom Bedingungslosen Grundeinkommen faseln will. Zu seinem letzten Besuch in Kiel im Camp gibt es bereits ein Video, dass aber nur schwer erträglich ist aufgrund der Selbstverliebtheit des Referenten und der Länge (13 Teile): Am 20. April wurde zu Ralph Boes ein Artikel auf dem Reflexion Blog gepostet. Darin findet man viele Beispiele für ein bedenkliches Weltbild dieses Grundeinkommen-Messias, wie z.B. « Boes will näm­lich „Übun­gen”ken­nen, mit denen er „die gan­zen Geschich­ten, von denen unsere alten Ger­ma­nen gere­det haben” her­vor­brin­gen könne: „Die Heil­kräfte und die gan­zen Wesen, die dahin­ter­ste­hen und wie man das alles sehen kann”.» – und weiter: «Boes kon­stru­ierte nicht nur hier eine geheim­nis­volle und mäch­tige „Elite”, die sich an der Ver­schul­dung der „Völ­ker” berei­chern wür­den Er spricht von „einer Art von Grup­pie­rung, (…) die das Geld aus dem Nichts schöp­fen” würde. Auf die Frage, wer die angeb­li­che „Elite” sei, ant­wor­tet Boes: „Da gibt es viel, was gespro­chen wird, bis hin zu den Alt­be­kann­ten in Ame­rika”.» Entschlüsselt wird das später: «Im Unter­schied zu Boes nannte Feder kon­krete Namen und sprach bei­spiels­weise von den Roth­schilds. Boes ist geschickt genug, sich diese kon­krete Benen­nung zu erspa­ren. Er nutzt die Chif­fre von den „Alt­be­kann­ten in Ame­rika”, seine Anhänger_innen wer­den auch so begrei­fen, wer kon­kret gemeint ist.» Er wettert auch gegen eine „Hochfinanzdiktatur“ und beklagt „die Ver­mi­schung der Völ­ker, mit ihren gan­zen Schwie­rig­kei­ten”. Hier seine Sichtweise zu Hitler:

    „Welt­be­deu­tung hatte der auf jeden Fall (…). Hit­ler hat einen Impuls gege­ben, in unsere heu­tige Welt, der ist unglaub­lich. Ame­rika war vor­her eine Bau­ern­na­tion (…), das war keine hoch­tech­ni­sierte Super­macht, die ist durch Hit­ler dazu gewor­den. (…) Es hat noch Wir­kun­gen, die wer­den weit in die Zukunft gehen (…) weit, weit, weit, weit”.

    Alles zusammen ausreichend Fakten, um so einen Menschen nicht ein zweites mal einzuladen. Herr Boes hat selber auf diesen Artikel verwiesen bei seinem Besuch in Kiel. Das muss also den Kieler Occupisten bekannt sein – und es kann nur so sein, dass sie eben diese Sichtweisen auch teilen oder tolerieren. Wundern würde es mich nicht. Auch die letzte Aktion spricht dafür:

  • Viele Kreuze gegen die angebliche „Finanzdiktatur“ (leider kann ich nur auf die Fotos verlinken und nicht einbinden, da man mich seitens Urhebers  schon einmal bedroht hat urheberrechtlich zu verklagen).  Dort steht auch „Gegen die Opfer der Profitgier!!!“ Damit ist klar: Hier wird nicht der Kapitalismus kritisiert, sondern eine nicht benannte führende Kaste, die eine „Finanzdiktatur“ ausüben und „profitgierig“ sind. Sprich ohne diese Kaste und ohne deren Profitgier wäre unsere Welt besser. Das allerdings ist ein kaum verhohlener Antisemitismus – nicht einmal nur „strukturell“, sondern ganz im Sinne von Boes eine Vielzahl von Andeutungen machen und der Besucherin, dem Spaziergänger den Rest der Botschaft selber rausfinden lassen.

Im besten Falle ist das, was da passiert vollkommen unreflektiert aber daher nicht weniger bedenklich. Die Kritik an den Botschaften und am Tonfall gibt es seit es das Camp gibt.  Leider hat sich da wenig zum Besseren gewendet, wie man an der Einladung von Herrn Boes und der aktuellen Sprachwahl sieht.

 

Vom grünen Zerstörer zum Rächer der Entgrünten

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Unser lieber Bürgermeister Todeskino wirft sich in die Bresche für die hunderttausenden Kieler, die wöchentlich vergeblich die Wiese vor der Förde Sparkasse aufsuchen wollen und dabei an dem Occupy Kiel Camp scheitern.

Peter Todesgrün schlägt wieder zu

Peter Todesgrün schlägt wieder zu

Er hatte am Dienstag unangemeldet das Camp besucht. Die KN berichtet und zitiert Todeskino:

Fakt sei, dass das Camp kein soziales Sammellager sei und dass es sich rund um den Kleinen Kiel um einen Grüngürtel handle, in dem ein Lager störe: „Gebt uns das Gelände zurück“.

Die Camp-Bewohner waren zu recht über die Überrumpelungs-Aktion verärgert, vergaß der Bürgermeister und zur Zeit amtierende Oberbürgermeister es ja nicht die Presse vorher einzuladen, damit er schöne Bilder bekäme.

Eine Farce ist natürlich, dass Todeskino, den ich gerne auch als „Peter Todesgrün“ bezeichne, sich insbesondere durch seine feindliche Haltung zu städtischem Grün bundesweit einen Namen gemacht hat. Ohne mit der Wimper zu zucken wurde das zweitälteste Kleingartengebiet an de dubiosen Möbel Krieger-Konzern (Marken „Möbel Kraft“ und „Sconto“) verschachert, der sich in einen unerbittlichen Konkurrenzkampf mit IKEA auch in Kiel fortzusetzen.

Kapitalismus heißt Konkurrenzwirtschaft. Und die Expansion von Krieger zielt darauf ab, dass nur einer überleben wird: Krieger oder IKEA. Wird Krieger den kürzeren ziehen, so wir die Fläche leerstehen – und so schnell wird sich auch keine Alternative finden. Dann werden die 17 Hektar Fläche vollkommen umsonst plattgemacht sein, zudem viele Arbeitsplätze vernichtet. Das die Stadt Kiel sich hier bestechen ließ von Versprechungen eines Großkonzerns zeigt die Ausweg- und Alternativlosigkeit der Kieler Stadtpolitik. Im Rathaus wird nur noch nach simplen Kriterien entschieden. Stadtgrün oder Grüngürtel werden dabei nur noch in (un)passenden Momenten hervorgekramt. Die reale Politik sieht doch aber anders aus: Auf Grün wird keine Rücksicht genommen.

Dabei ist das Occupy Kiel Camp vermutlich eher nur einem  „sauberen“ Stadtbild oder dem Entrée der Förde Sparkasse im Weg.

Im übrigen haben die GRÜNEN in Kiel ein Imagevideo gedreht. Dabei setzt man ganz auf „innovativ und kreativ“:

Der Trick bei „innovativ und kreativ“ ist,  dass es als Label bereits ohne Inhalt das ist, was es sein soll.

Ob Todeskinos „Charme-Offensive“ für die Bewerbung als Oberbürgermeister ausreicht?

Written by tlow

1. August 2012 at 08:30

Occupy Kiel Camp wird geräumt

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Lange Zeit war es still ums Occupy-Camp. Man dachte schon, es würde zur Dauereinrichtung. Es schien soll, als würde es von der Politik akzeptiert – auch Ex-OB und Neu-Ministerpräsident Albig ließ es sich nicht nehmen dort aufzutauchen und Sympathien auszutauschen.

Nun wird es also geräumt. Aber auch die Kündigung der Fläche klingt versöhnlich und Bürgermeister Todeskino spart nicht mit Lob.

Zeit für ein kleines Fazit:

Über das Camp haben sich, wie auch global bei ähnlichen Bewegungen Leute kennengelernt. Das Camp sorgte aber auch insbesondere in der linken Szene in Kiel mehr für Spannungen denn für eine neue Solidarität. Die Geister spalteten sich. Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich sagen, dass der Weg der da gegangen wurde für mehr Auseinandersetzung mit Leuten geführt hat, als dazu an einem Strang zu ziehen. Heute kann man konstatieren, dass die Linke in Kiel nicht geschlossener dasteht als vor dem Camp. Eher gespaltener und weniger eins. Oder vielleicht sind nur manche Bruchlinien und Strategieunterschiede deutlicher geworden.

Klar, so was wie ein Naziaufmarsch wie am Montag ist leichter auf einen Kontra-Nenner zu bringen als die Frage nach dem Ausweg aus einer Krise. Sind es nun Reformen und Parteien, die uns aus der Krise holen, oder braucht es radikalere Schritte, um wieder eine Perspektive zu sehen?

Auf der anderen Seite steht das Camp im Spannungsfeld zur gesamten Öffentlichkeit. Repräsentativ ist es sicher nicht, was da online in der KN zu lesen ist. Aber ich denke die Mehrheit der Kieler hat die Anliegen des Camps nicht als ihre Anliegen begriffen.

Das heisst Sprache und Themen trafen nicht den Nerv der Zeit oder der KielerInnen. Das Camp hatte allerdings einen kleinen und treuen Supporter-Kreis und durchaus einige Sympathien. So falsch ist ja auch die Analyse nicht, das etwas falsch läuft und Dinge anders laufen müssen.

Aber es fängt eben da an, wo die Leute mit dem Bus am Camp vorbei zur Arbeit fahren – zu einem Job in dem sie unterbezahlt sind oder von Entlassung bedroht. Was spricht diese Leute an? Die denken doch zuerst daran, dass sie jetzt im Bus sitzen, während die Leute im Camp sich einen schönen Tag machen. Und sie denken daran, dass diese Fläche vom Steuerzahler, also ihnen bereitgestellt wird.

Natürlich ist das spießiges Denken. Aber diese Leute fühlten sich nicht vom Camp, dem Auftreten und der Propaganda angesprochen. Das Camp vermittelte vielen Leuten eher den Eindruck besserwisserisch zu sein – und gegenüber Kritik intolerant. So mancher hat es sich angeschaut und Gespräche geführt, sich dann aber abgewandt, weil festgestellt wurde, dass die dortige Thesen nicht die eigene Situation berühren oder abstrakter das die dortigen Thesen nicht den Kern der Probleme berühren und ganz allgemein zu wenige Leute ansprechen, als dass man hier einen gemeinsamen Ansatzpunkt über Kritik hinaus zu gemeinsamen Handeln erkennen konnte.

Das Camp war thematisch zwar grundsätzlich kritisch gegenüber den „Auswüchsen“, stellte das System als solches aber nicht grundsätzlich in frage. Die Lösungen waren reformistisch. Für viele Leute war daher absehbar, dass selbst eine Erfüllung aller ihrer Forderungen keine andere Welt und keine Verbesserungen bringen würde, sondern vielleicht ein wenig mehr Gerechtigkeit und etwas mehr Geld in den Staatskassen. Unter dem Strich also eher mehr Vorschläge dafür, wie man das gegenwärtige System etwas länger so am laufen halten kann, wie es läuft. Also eine Verlängerung des Elends und keine Beendigung. Dabei würde ich mich nicht einmal gegen alle Verbesserungen wehren wollen. Die Frage ist aber, ob ich dafür auf die Straße gehen würde. Die Erfahrung zeigt ja, dass am Ende von einer Forderung nur ein Teil umgesetzt wird. Also je geringer die Forderung, desto geringer das Ergebnis. So wurden aus Arbeiterräten Betriebsräte. Und wer was dagegen hatte, wurde erschossen.

Habe ich was gegen Betriebsräte? Ja, natürlich! Aber würde ich deswegen deren Möglichkeiten ersatzlos beschneiden wollen? Wahrscheinlich nicht!

Das Dilemma in der Moderne ist, das es meistens nicht so läuft, wie man will oder wie es ideal wäre. Die Frage ist aber, was passiert, wenn man die Erwartungen weiter runterschraubt und am Ende eben nur noch Reförmchen stehen. Wenn die Leute keine Utopien haben, die sie wirklich umsetzen wollen, sondern stattdessen romatische Vorstellung einer utopischen Lebensweise? Der Vorteil romantische Vorstellung ist, dass man sie nie umsetzen muss. Je realer die eigenen Vorstellungen sind, desto schärfer ist die Kritik an den herrschenden Verhältnissen und um so stärker der Druck zu echten Veränderungen.

Das Camp hat sich überdauert. Spätestens seitdem es selbst von der Politik geachtet und toleriert wurde.  Dann nämlich ist man in der Realpolitik angekommen. Dann geht es mehr darum, ob und wie man in der Öffentlichkeit ernst genommen wird als Gesprächspartner und weniger gefürchtet, weil man eine Bedrohung darstellt für die Art wie bei uns heutzutage Geschäfte gemacht werden. Das Camp war schon sehr früh harmlos und verwirrt. Es wurde da viel dazugelernt, keine Frage – und insofern aus Sicht der persönlich Aktiven sicher eine wichtige Erfahrung in ihrem Leben – vielleicht auch zum Teil wie es nicht geht. Aber es ist schön Sünde, wenn man die Kommentare auf ihrem Blog liest:

  • …Meine Bitte: Räumt den Platz zum 01.09., baut anständig ab und zeigt den leuten, dass ihr keine asozialen Spinner seid. Ihr habt tollen Protest gezeigt, habt Aufmerksamkeit geschaffen, habt trotz Kieler Wetter hoffentlich eine schöne Zeit gehabt und, was ich euch sehr wünsche, Freunde fürs Leben gefunden. …
  • …hallo, na, war ja auch ne schöne zeit und hat sicher viele menschen erreicht und neugierig gemacht. aber, man muss auch nach vorne sehen. Schön wenn diese Fläche auch wieder zum Verweilen und Entspannen wieder zur Verfügung steht. …

Dafür dann monatelang ausharren? Diese nett gemeinten Kommentare könnten vielsagender nicht sein. Genau das, was da rüberkommt wäre mein Hauptvorwurf des Ergebnisses: Am Ende bleibt mehr nur, dass die Leute vor Ort eine nette Zeit gehabt haben. In der gestrigen Pressemeldung des Camps heisst es:

Betreff: Räumungsaufforderung von Bürgermeister Todeskino

Heute, am 16.07.2012 um 13:00 hat das „Occupy Kiel Camp“ am Lorentzendamm die Räumungsaufforderung zum 01.09.2012 von Bürgermeister Todeskino erhalten. Als Begründung wurde unter anderem die Nutzung der Grünfläche als Erholungsfläche für die Kieler/innen, eine mögliche Brandgefahr, als auch die Nutzung der Platzes im Rahmen einer Abstellfläche der „Förde Sparkasse“ genannt.

Wir haben bereits beschlossen, dass wir uns der Räumung am 01.09.2012 friedlich widersetzen werden. „Occupy“ ist eine internationale Bewegung mit Forderungen, die weit über die Landesgrenzen hinausgehen.Unter anderem wollen wir eine Abschaffung aller Schuldenbremsen erreichen, weil sie nur Sozialabbau und mehr Ungleichheit bedeuten. Dies kann nur durch eine Besteuerung der enormen Vermögen in Deutschland erzielt werden. Unabhängig davon, sind viele von uns der Ansicht, dass der Kapitalismus insgesamt als gescheitert anzusehen ist. Die Liste der Forderungen im Rahmen dieser Bewegung ist lang.

Bezeichnend vielleicht auch, dass dies die erste Pressemitteilung ist, die ich vom Camp gelesen habe. Es mag da andere gegeben haben. Und es bleibt der bittere Nachgeschmack, als sich das Occupy Camp unnötiger weise von einem Obdachlosen distanzierte, der eine Torte auf Torten Albig warf. Und bis heute fehlt die Distanzierung von der Distanzierung.

Mein Fazit also unter dem Strich: Teilweise richtige Analysen, die Wut und Verzweiflung kann ich verstehen, den Durchhaltewillen bewundere ich. Aber ansonsten hat das Occupy Kiel Camp so ziemlich alles falsch gemacht, was man falsch machen kann. Und die große Frage ist, was bleibt, wenn es erst einmal geräumt  sein wird? Ich befürchte, dass da viele desillusioniert in den Alltag zurückkehren werden. Damit ist uns dann aber leider nicht viel geholfen.  Wir brauchen auch keine Gruppe, die sich dazu aufschwingt für uns zu sprechen. Wir brauchen mehr Leute, die für sich selbst sprechen. Was für die meisten aber bedeutet erst ein mal sich selber darüber bewusst zu werden, wo man steht oder  welche Probleme man hat. Vorgefertigte Parolen oder Welterklärungsmuster taugen da wenig. Da ist die eigene Befindlichkeit – und daraus lässt sich was ablesen, man kann merken: Man ist mit diesen Problemen nicht alleine. Und daraus lässt sich vieles ableiten. Was nicht funktioniert ist mit dem Holzhammer  angebliche Wahrheiten in die Köpfe der Leute kriegen zu wollen, sie zum Aufwachen bewegen. Die Leute tragen eigentlich ihre Lösungen schon in sich – die brauchen keine Indoktrinierungen.

 

Written by tlow

16. Juli 2012 at 23:42

Video: Snower im Occupy Kiel Camp

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Besetzen bis die Banker kommen… Occupy Kiel wird mobil!

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Das letzte Jahr brachte auch Occupy nach Kiel. Neben der öffentlichen Distanzierung gegenüber einem Obdachlosen, der Albig eine Torte schenkte, dem Nutzen der Toiletten der Förde Sparkasse und  dem Anschluss an den Atomstrom wird nun 2012 das nächste Kapitel aufgeschlagen:

Nach dem Fest steht der Umbau für die Immobilia an. Nach langen Verhandlungen mit der Sparkasse haben wir uns darauf geeinigt unsere Hauptzelte 5m richtung Straße zu verschieben und außerdem den Rest des Campes für die Dauer der Immobilia zu verrücken oder ganz abzubauen. Die Spakasse wird im Gegenzug die Kosten für den neuen Boden der Hauptzelte und die Instandsetzung des Platzes übernehmen. Auf der Immobilia stellen vor allem Handwerksbetriebe aus. (Quelle: Facebook Occupy Kiel)

So funktioniert unsere Demokratie – und so lassen sich Bewegungen kaufen: Harmonie statt Opposition. Warum ließ sich die Sparkasse überhaupt auf Verhandlungen ein? Weil sie kein Interesse daran haben, Bilder eines geräumten Camps zu produzieren. Und das Camp? Das eigene Überlebensinteresse ist inzwischen so hoch, das jeden Monat weitere Kompromisse gemacht werden. Inzwischen hat das Camp in Kiel ja jede Glaubwürdigkeit verloren für einen echten Widerstand gegen die herrschenden Bedingungen zu stehen. Wie auch sonst könnte der Pressesprecher der Stadt Kiel das Camp loben, statt des zu verfluchen?

Das Camp hat sich in eine Situation hineinmanövriert, in der es zu Zugeständnissen gezwungen ist, wenn es nicht bereit ist, die eigene Räumung in Kauf zu nehmen. Dabei scheint ein geräumte Camp oft sinnvoller, weil authentischer – als ein Camp das alles tut um den eigenen Bestand zu sichern. Und für was am Ende? Für ein paar Zelte und ein wenige Lagerfeuerromantik?

Die Immobilia der Förde Sparkasse ist eine Messe für HausbesitzerInnen und solche die es werden wollen. Hier mal Eindrücke von einer größeren  Messe aus Düsseldorf:

 

Written by tlow

21. März 2012 at 08:24

Sehr geehrte Studenten/ -innen

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Written by tlow

17. Februar 2012 at 00:58

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