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Ist ‚Post Privacy‘ sooo Achtziger?

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Auf einer Diskussionsveranstaltung der Grünen Landtagsfraktion Schleswig-Holstein, mit freundlicher Unterstützung der Grünen Jugend, der Grünen Landesarbeitsgemeinschaft Medien & Netzpolitik sowie des Offenen Kanals Schleswig-Holsteins soll am 6. Januar unter dem Titel „Post Privacy – ist Datenschutz „echt Achtziger“?“  (Vorsicht: Facebook-Link)  soll diskutiert werden:

„Post Privacy: Prima leben ohne Privatsphäre“ mit diesem Buch hat der Autor Christian Heller für Aufsehen gesorgt. Als Vertreter der „datenschutzkritischen Spackeria“ sagt Heller: „Datenschutz ist bestenfalls Hinauszögern des Unausweichlichen, schlimmstenfalls ein Kampf gegen Windmühlen. Wichtiger ist die Frage, wie wir unser Leben ohne die Sicherheiten der Privatsphäre lebenswert machen können.“Über diese steile These möchten wir gern diskutieren und der Frage nachgehen, wie ein modernes Datenschutzrecht, das mit aktuellen technischen Entwicklungen harmoniert, aussehen muss.

Im Studio des Offenen Kanals Kiel diskutieren:

-> Christian Heller alias @plomlompom
-> Thilo Weichert, Leiter des Unabhängigen Datenschutzzentrums Schleswig-Holstein
-> Konstantin von Notz, MdB, netz- und innenpolitischer Sprecher der Grünen Bundestagsfraktion

Moderation: Thorsten Fürter, MdL, netz- und innenpolitischer Sprecher der Grünen Landtagsfraktion SH

Weitere Gäste werden per Skype hinzugeschaltet.

Die Veranstaltung wird live im Stream übertragen: http://okkiel.de/ki/sehen/livestream_kiel_tv/stream.html
sowie im Kieler Kabelnetz.

Die Zuschauer_innen haben die Möglichkeit, sich über Facebook, Twitter und per E-Mail an der Diskussion zu beteiligen.

Facebook: http://gruenlink.de/5e5
Twitter-Hashtag: #postprivacy

Zu der Debatte möchte ich folgenden Beitrag leisten:

  1. Die Debatte ist nicht neu. Wobei „post privacy“ ein rein deutscher Begriff ist, genau so wie „public viewing“. Die Debatte insgesamt ist sehr deutsch. Was bei einem internationalen Thema schon etwas verwundert. Das liegt daran, dass der deutsche Datenschutz traditionell einen sehr vielweitergehenden Ansatz verfolgt als z.B. vergleichweise in den USA. Man muss begrifflich auch aufpassen. Denn „Privacy“ kann man auch mit „Privatheit“ übersetzen. „Datenschutz“ ist aber eher gemeint in Deutschland. Das es in der USA keinen Datenschutz gäbe, ist aber ein falsche Vermutung. 1999 meinte SUN-Chef McNealy das „Privcacy“ dead sei. Inzwischen ist SUN tot.
  2. Das Bundesverfassungsgericht hat das Recht auf informationelle Selbstbestimmung in den Rang eines Grundrechts erhoben. Ebenso wie später das Recht auf Gewährleistung der Vertraulichkeit und Integrität informationstechnischer Systeme. Diese beiden Grundrechte sind moderne Rechte und Errungenschaften von BürgerrechtlerInnen. Hier wurde dem Datensammeln und dem Verletzten der digitalen Intimsphäre etwas entgegengesetzt. Grundrechte aber werden nicht mal ebenso ausgedacht und sind von jedem zu respektieren.  Es sind fundamentale Rechte, die nur in absoluten Ausnahmefällen gebrochen oder eingeschränkt werden dürfen! Wer sie negiert, sollte sie gut verstanden haben und auch gut begründen können, warum er Grundrechte aushebeln möchte.
  3. Die Datenschutz-Gegner argumentieren viel aus der Praxis, wo Leute entweder gewollt oder ungewollt viel von sich preisgeben. Aber damit gehen sie oft am Thema vorbei. Bei Datenschutz geht es nicht darum, jemand zu verbieten Privates preiszugeben. Auch kann es nicht darum gehen, Leute davor zu schützen versehentlich zu viel von sich preiszugeben. Allenfalls der Schutz vor Techniken und Speicherungen die nicht transparent sind, ist hier ontopic.
  4. In welcher Welt wollen wir leben? Die Abschaffung von Datenschutz würde bedeuten, dass Imperien unser Privatsphäre besäßen und damit machen können, was sie wollen. Sie hätten dann darauf auch bald die Urheberrechte. Spionage wie zuletzt in Großbritannien im Abhörskandal der „News of the World“ wäre nicht die große Ausnahme, sondern Alltag. Mit all den Konsequenzen (Psychosen, Selbstmorde, Morde, zerbrochene Freundschaften, Ehen, Kriege,…). Eine Welt in der Informationen jedem zur Verfügung stehen und jeder damit machen kann, was er will, würde zu einer noch weitergehenden und endlosen Erosion der Menschenwürde führen.

zur Zeit mag es ja ganz nett sein, hier und da mal Details zu erfahren aus dem Privatleben von Prominenten. Wenn es aber keine Privatsphäre mehr gibt, weil jeder alles wissen kann, hätten wir eine Welt erschaffen, die nicht mehr lebenswert ist. Denn ein gesetzlicher Schutz ist viel besser realisierbar als ein lückenloser technischer Schutz.

Von der anderen Seite: Facebook in Schleswig-Holstein

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Ein weiteres mal ist für mich das Landesblog und Wen Wacker Aufhänger eines Artikels (leider gibts ja so wenig Blogs mit Inhalt in diesem Bundesland):

Für einen Kommentar würde dies zu lang. Ich hänge mich mal an folgendem Absatz auf:

Wir müssen bestimmte gesellschaftliche Regeln für den Umgang mit social media lernen. Am Beispiel der Zwiebel Facebook: Zuerst erschlägt uns die Fülle des Angebots. Dann erkennen wir fast intuitiv die Einfachheit des Angebotes. Um dann schließlich die Schale zu sehen, die uns die Details der Verästelungen der Facebook-Feinheiten präsentiert. Ist eine private Seite „besser“ als eine Fan-Seite? Muss eigentlich jede Institution als private Seite daherkommen oder ist eine Fan-Seite oder eine Gruppe nicht auch was Gutes?

Ich stelle da einfach mal ehrlich meine Erfahrung mit Facebook gegen: Ich selbst bin ja seit vielen Jahren online, also noch vor der Zeit, als das Internet in Deutschland für Privatpersonen zugänglich war. Und ich habe auch viele Trends kommen und gehen gesehen. Von den sozialen Netzwerken habe ich als damals Selbständiger zuerst XING und LinkedIn genutzt. Ganz einfach, weil das eine weitere Möglichkeit war auf die eigene Dienstleistung hinzuweisen und sich mit anderen zu vernetzen. Dabei setzen beide Netzwerke primär auf ein beruflich-professionelles Umfeld. Die Profile sind dort eher nüchtern und zeugen nur eine Seite der eigenen Person. Damals hat man da auch keine Updates von sich gegeben, was man gerade tut oder denkt. Es stellt quasi ein weiteres Profil dar, wie die eigene Homepage.

Bei Facebook wird das ganze noch weiter getrieben. Meine Erfahrung damit war eher so:

  1. Mal registrieren und anmelden, was man so machen kann.
  2. In die Datenschutz-Einstellungen und soviel wie möglich deaktivieren, besonders das, was man nicht versteht.
  3. Versuchen Facebook zu nutzen und feststellen, dass alles nur geht, wenn man die ganzen Datenschutz-Einstellungen bis zum geht nicht mehr lockert.
  4. Ende: Facebook erscheint mir als Privatperson im Gegensatz zu den anderen Netzwerken, insbesondere aufgrund seiner privaten Ausrichtung als fast nicht nutzbar ohne weite Teile seiner Privatsphäre, inklusive seines Freundeskreises öffentlich zu machen.

Die „Kontakte“ bei XING z.B. sind nicht meine „Freunde“. Genau das aber propagiert Facebook. Ein Traum für jeden Stalker oder den Überwachungsstaat oder jedes Werbeunternehmen.

Ein weiteres Licht fällt auch die Funktion „Gefällt mir!“ – Das habe ich nie verstanden. Was gefällt mir schon? Wacker dazu:

Wie die meisten Leute, die bei Facebook sind, weiß ich, dass man das mit dem „Gefällt mir“ nicht wörtlich nehmen darf und beklicke ständig aus Informationsinteresse Quellen, die mir bestenfalls „egal“ sind.

Aha. Und wozu klicke auch auf irgendwas, was mir egal ist? Gehts da nur drum in irgendeinem Zusammenhang aufzutauchen, damit Leute auf das eigene Profil geleitet werden?

Bis ich bei Boetticher auf „Gefällt mir“ klicke, da müsste sich schon die Erde anders herum drehen.

Die Behauptung: „Die Schwachstelle ist also nicht Facebook, sondern unser Umgang damit.“ …sehe ich genau umgekehrt: Man kann mit Facebook nicht vernünftig umgehen! Die gesamte Ausrichtung bietet, zumindest bei Privatpersonen, fatale Fallstricke. Facebook sieht nur so aus, als könne man es gefahrlos benutzen. Wenn man aber auf Datenschutz achtet, so wird es schnell unbenutzbar. So gehts es jedenfalls mir.

Ich denke Facebook kann man nur dann benutzen, wenn man die Augen schließt vor den Gefahren und einfach macht. Insofern hat es viele Parallelen zu Windows. Auch Windows kann man m.E. nicht sicher benutzen (zumindest mein Wissensstand vor Windows 7). Soziale Netzwerke als solches können aber nützlich sein. Ohne identi.ca /und im geringeren Maße Twitter) z.B. könnte ich es mir kaum vorstellen – und das ganze ist auch relativ unverfänglich, solange man nicht auf die Idee kommt jeden privaten Pups via Microblogging von sich zu veröffentlichen.

Nicht zuletzt halte ich es für bedenklich die gesamte öffentliche Kommunikation einem privaten Konzern wie Facebook zu übertragen. Facebook offen zu nutzen halte ich in den meisten Fällen für eine eher unreflektierte, impulsgesteuerte Vorgehensweise. Wenn man von Leuten von ihrer Aktivität bei „Face…“ hört – und die aber ansonsten offenbar keinen Schimmer von Internet und Computern haben, dann blinken bei mir alle Warnlichter. Dann sind da Horden in Netzwerken unterwegs von denen sie keine Ahnung haben, was sie anrichten, oder welchen Risiken sie sich aussetzen. Wegschauen und verharmlosen halte ich da für keine adäquate Antwort. Facebook steht auf eine Art für das Ende von Privatheit.

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