KielKontrovers

Gesellschaftliches aus Kiel & Schleswig-Holstein seit 2009

Posts Tagged ‘Recht auf Stadt

Ist die Stadt unsere Fabrik?

leave a comment »

Die „Recht auf Stadt“-Bewegung bezieht sich oft auf Negri/Hardt. Da gibt es wieder einen Artikel von einem der „Für-SprecherInnen“ der Bewegung Andrej Holm.

Kiel-Gaarden - Blick vom Werftpark auf die kaiserliche Werft

Kiel-Gaarden – Blick vom Werftpark auf die kaiserliche Werft

Ich muss dazu mal wieder einiges schreiben, aber zuerst ein paar Zitate aus dem Text in der Passage, die mich am meisten aufregt:

Die Stadt ist unsere Fabrik

Die Stadt war im 20. Jahrhundert der Ort und Gegenstand staatlicher Regulation – hier wurden die Rahmenbedingungen der industriellen Produktion gelegt.

[…]

Die Analyse des Städtischen verweist auf dessen fundamentalen Bedeutungswechsel für die Produktionsverhältnisse. „Die Metropole“, schreiben Michael Hardt und Toni Negri, sei „der Ort biopolitischer Produktion, weil sie der Raum des Gemeinsamen ist, der Raum von Menschen, die zusammen leben, Ressourcen teilen, kommunizieren und Waren und Ideen tauschen“. Stadt ist dabei nicht länger der reproduktive Rahmen und Container einer industriellen Produktion, sondern wird selbst zur Produktivkraft: „Was die Fabrik für die industrielle Arbeiterklasse war, ist die Metropole für die Multitude“, nämlich der Ort der Produktion, Begegnung und Organisation sowie des Widerspruchs und der Rebellion. Die Qualitäten des Städtischen werden nicht mehr als etwas den Produktionsverhältnissen Äußerliches angesehen, sondern als Quelle der Produktivität.

[…]

Mehr will ich erst einmal gar nicht aufgreifen. Aber hier handelt es sich um eine der Kernthesen. Hier tauchen zwei Wörter auf, die man erklären muss:

  • Biopolitik – ist ursprünglich ein von Michel Foucault verwendetes Erklärungsmodell. Bio-Macht als Machttechniken, die „nicht auf den Einzelnen, sondern auf die gesamte Bevölkerung zielen“
  • Multitude – ein m.E. eher unklarer Begriff aus dem Postoperaismus. Jedenfalls erschloss sich mir der Begriff nie wirklich.
Aber zurück zur Kritik: Die wesentliche Aussage ist die Überschrift: „Die Stadt ist unsere Fabrik. Es gibt halt diese Interpretation der jüngeren Geschichte, dass es gar keine Arbeiterklasse mehr gäbe und das diese „Multitude“ eine neue Avantgarde, einen neuen Bezugspunkt für soziale Kämpfe darstellen würde. Was sind „Soziale Kämpfe“? Das Deutsche ist eine recht aggressive Sprache. Kampf ist daher nicht unbedingt mit Gewalt gleichzusetzen. Im Englischen wird oft eher  „Struggle“ verwendet, dass auch die Konnotation „Anstrengung/Bemühen“ hat. Bei Sozialen Kämpfen geht es also darum, dass gesellschaftliche Gruppen widerstrebende Interessen haben – und diese in Form von „Kämpfen“ austragen.
Eine gesellschaftliche Frage, die man sich stellen kann ist, welche Änderungen es in den letzten Jahrhunderten gegeben hat und wie sich das auf unsere heutige Gesellschaft niederschlägt. Dabei wird klar, dass sich natürlich Arbeitsbedingungen geändert haben. Und auch, dass manche Berufe verschwanden und neue entstanden – und auch sich die Berufsbilder änderten aufgrund von neuen Technologien, wie z.B. im Druckbereich.

Haben sich dadurch aber wirklich die wesentlichen Bedingungen verändert unter denen Lohnarbeit entstanden ist dazu s.a. die Artikel „Sie wollen uns zu Maschinen machen!„(DA 207).

In der Frage der aktuellen Stadtforschung spielt daher auch die Frage eine Rolle, was unsere Städte heute prägt. Zu der Sichtweise, dass die Städte heute die entscheidenden Produktionsorte gehört bei den auf Gentrifizierung fokussierten Forschern auch die Annahme dazu, dass trotz dieser angenommen Bedeutung für die Erzeugung von Mehrwert die Stadt mit dem Wandel in erster Linie Arbeit im ursprünglichen Sinne abgebaut hat. Dass die Städte quasi deindustrialisiert wurden. Die Stadt als Fabrik meint daher nicht in erster Linie die vielseitigen Arbeiten, die Leute in einer Stadt verrichten, sondern das durch Mechanismen wie der Aufwertung von Stadtvierteln aus etwas relativ Wertlosem etwas Wertvolles gemacht und weiterverkauft wird. Vielen eher als Häuser-Spekulation bekannt (trifft es nicht ganz, widerspricht dem aber auch nicht und macht es deutlicher).

Darüber hinaus ist damit auch die Vermarktung von Städten gemeint. Sowas also wie „Kiel Sailing City“ – die exponentielle Zunahme von Straßen-, Stadtteil und Stadtfesten. Die stete Bemühung von Städten in Konkurrenz zu anderen Nachbarstädten oder bei Metropolen zu anderen Metropolen, besser da zu stehen. Nicht nur Konkurrenz, sondern auch Kooperation gibt es dann in Metropolregionen, in denen Umlandgemeinden oder kleiner Städte am Erfolg einer Metropole partizipieren wollen und Metropolen  das aus Eigennutz zulassen.

Kritisiert wird auch die Marginalisierung von Gruppen oder Bevölkerungsschichten, die die Angebote der neuen Städte nicht mehr wahrnehmen können. Sozialtickets sind eher selten, so dass Transport ein Privileg geworden wird. Die Möglichkeit von Menschen mit kleinerem Geldbeutel Stadt zu nutzen wurde in den letzten Jahrzehnten wieder geringer.

Soweit kann ich den Argumenten auch gut folgen und hier und da auch voll zustimmen. Allerdings folgt daraus eben die Wendung einer strategischen Ausrichtung von Protest und Widerstand. Und dieser hat sich bei den Postoperaisten gewandelt. In den 70ern haben die Operaisten die Fabrik und die ArbeiterInnen selbst als Avantgarde für einen Wandel der Industriegesellschaft begriffen. Sie haben sich bemüht zu verstehen, was in Industrien passierte und ihre Interpretation war, dass hier der Ansatzpunkt war die Verhältnisse grundsätzlich zu verändern.

Allerdings wandte man sich schon damals von den Methoden des klassischen Arbeiterwiderstands ab und als Postoperaisten ließen sie ihre Lieblings-Avantgarde dann ganz hinter sich. In der „Multitude“ fand man die neue Avantgarde und in DER STADT als solches ein neues Spielzeug  als Ersatz für DIE FABRIK. Im Wesentlichen verwarfen viele der Operaisten ihre damaligen Positionen, prägen aber die heutige Anti-Globalisierungsbewegung oder die „Recht auf  Stadt“-Proteste entscheidend mit „neuen“ Theorien und Denkansätzen.

Im Wesentlichen wird hier die   „Lösungsstrategie für die Verwertungskrisen der kapitalistischen Produktion“ kritisiert. Was dann Marx pur ist (s.a. Überproduktionskrise).

Der im Raum stehende Vorschlag ist der, sich also den Kapitalinteressen in den Städten in den Weg zu stellen. Als positives Beispiel wird dabei das Gängeviertel in Hamburg genannt. Doch ist dies nicht gerade Beispiel dafür, wie ein an sich erfolgreicher Protest von Gentrifizierungsgegnern selbst zur Gentrifizierung beitrug? Als kurze Geschichte: Das Gängeviertel sollte abgerissen werden und Raum für neue Investitionen bieten. Dies haben Initiativen aus KünstlerInnen und das „Recht auf Stadt“-Bündnbis erfolgreich verhindert und so Raum für KünstlerInnen geschaffen.

Nun haben sie einen Vertrag mit der Stadt abgeschlossen:

So wird das Gängeviertel saniert und in den nächsten Jahren, wenn alles so läuft die die Gängeviertler wollen selbst ein Baustein der Kulturmetropole Hamburg. Ein Pyrrhussieg in meinen Augen. Und zwar deshalb, weil es auf dem Gebiet keinen erfolgreichen Kampf geben kann. Es kann nur zum Teil erfolgreiche Kämpfe geben. Und zwar ausgesprochen dort, wo sich die Interessen von AnwohnerInnen/KünstlerInnen auf der einen – und der Stadt oder den Finanzinteressen auf der anderen Seite vereinen lassen. Und so erkämpft man sich mit viel Mühe ein Eigentor. Die Stadt gewinnt dabei immer. Ob jetzt Abriss und Neubau – oder kulturelles Kleinod. In Kiel bietet natürlich auch die Hansastraße 48 oder die Alte Meierei Kultur für alle an. Die Hansastraße war ehemalig besetzt und wurde gekauft – die Alte Meierei wird geduldet.  Diese Freiräume haben ihren Wert, aber sie stellen keinen Stolperstein für Kapitalinteressen dar.

Und was unsere Städte anbelangt, so gibt es da eine Vielzahl an Arbeitsplätzen, inklusive Freiwis, informeller Beschäftigung, … in denen wir uns tagtäglich ausbeuten lassen. Dies wegzuwischen als unbedeutend, hier nicht anzusetzen und sich nicht für die Rechte von Illegalisierten, Flüchtlingen auf gerechten Lohn für Arbeit einzusetzen und stattdessen darauf zu setzen, dem Kapital an der Hörn oder in Gaarden ein Bein zu stellen, halte ich für abwegig. Was nicht heisst, dass man nicht hier und da Widerstand gegen bestimmte Pläne leisten kann und soll. Insbesondere dann wenn es authentischen Widerstand der AnwohnerInnen gibt. Es geht hier m.E. um den Schwerpunkt von Organisierung. Nicht darum etwas ganz zu bleiben zu lassen. Die Stadt ist aus meiner Sicht keine Fabrik. Produktion findet an vielen Orten statt. Auch auf dem Lande. Eine strategische Ausrichtung auf bestimmte Orte führt nicht zu effektiverem Widerstand, sondern dazu, dass Menschen sich weniger dort organisieren, wo sie ihre ureigensten Interessen haben müssten und könnten. An die Stelle einer Bewusstmachung erfolgt eine Indoktrination mit Erklärungsmustern.

Ein erfolgreicher Widerstand gegen bestimmte Ansiedlungen oder Abrisse kann passieren, wenn die Leute ihre eigenen Interessen ernst nehmen und selber vertreten. Sie passiert nicht dadurch, dass eine politische Avantgarde  ihre Interessen für sie formuliert und sich dann darüberhinaus noch sich selbst als Vertretung oder Bewegung präsentiert. So ein Handeln führt lediglich zu einem weiteren Auseinanderdriften von Realitäten und dazu, dass Dinge gefordert werden, die nicht im Interesse der Betroffenen ist. Damit aber folgen solche Initiativen einem ähnlichen Muster wie die bisherige Fremdbestimmung durch Stadtregierungen. Da werden Freibäder dicht gemacht, weil die Stadt besser zu wissen meint, was für das Stadtteil gut ist. Die Formulierung einer übergeordneten Ideologie als Erklärungsmuster für das, was in einer Stadt passiert ist da nicht viel besser. Transparenz fängt von unten an und muss auch alle Bereiche einer Organisierung betreffen. Transparenz heisst dabei nicht einfach, dass alles aufgeschrieben und veröffentlicht wird. Sondern dass Argumente nachvollziehbar sind und sich auch von unten nach oben entwickeln.

Das witzige ist, dass die große Politik, die großen Unternehmen trotz vielfacher Hinterzimmerpolitik in ihrem Handeln und Argumentation unter dem Strich dennoch oft nachvollziehbarer für Außenstehenden und BürgerInnen sind, als manche Bewegung oder Organisati0n. Für die ist Transparenz ein Luxus, den sie sich bei Bedarf gerne leisten. Wie z.B. bei der Gläsernen Akte der Stadt Kiel zum Fall Möbel Kraft. Sie setzen Transparenz und Bürgerbeteiligung als Waffe gegen Kritik ein. Und nehmen damit KritikerInnen fast jeglichen Wind aus den Segeln. Zurück bleibt immer wieder Ohnmachtsgefühle der Betroffenen, die meistens von niemanden wirklich gefragt, aber oft benutzt werden. Geht es nun aber darum ernst gemeinter und ehrlicher Kritik Gehör zu verschaffen und effektiven Widerstand, z.B. gegen eine Möbel Kraft-Ansiedlung zu organisieren. Oder geht es darum, welche Seite das meiste Kapital aus einem auftretenden Konflikt zieht? Am Ende, so scheint es mir, gewinnt all zu oft die Seite der Großkonzerne. Und wie Holm selbst schreibt:

Denn ohne den klaren Bezug auf die soziale Frage droht das „Recht auf die Stadt“ als Lifestyle-Revolte von Mittelschichtsangehörigen zu versanden.

Deindustrialisierung II

leave a comment »

Beim FabLab St.Pauli fand ich eine Aussage:

The urban crisis is also a crisis of production. Many cities have become centers of the service and “creative” industries – immaterial production – while the material production of everyday things is increasingly moved to the maquiladoras of the global south. In New York City, for instance, in 1960 29 % of the workforce were employed in fabrication; in 2005 it was a mere 4 %. At the same time people are pushed to consume more and more.

Soso. Woher sie die 4 Prozent nehmen ist nicht klar. Der Bürgermeister New Yorks sprach in einem Bericht von 15 %. Und ob es Sinn macht die Unterhaltungsindustrie (Film- und Musik) als Arbeitgeber auszuklammern – und diese den Dienstleistungen zuzuschlagen ist auch fraglich.

Unter dem Strich bleibt, dass Städte nachwievor Orte der Produktion sind. Aber auch unabhängig davon ist es nicht so entscheidend wo produziert wird, oder was die prekären Jobs sind. Und ob jetzt die Beschäftigten zum Arbeiten in eine Stadt reinfahren oder aus der Stadt heraus. Oder ob Großunternehmen wie Apple sich riesige Kapazitäten in China schaffen.

Wenn wir das als entscheidenden Unterschied betrachten, dann entsolidarisieren wir uns doch mit den Entwicklungen dort. Wenn in Shenzhen nun durch die Industrialisierung neun Millionen Menschen leben, ist es absurd von einem globalen Trend der Deindustrialisierung von Städten zu reden. Das es in einer globalisierten Wirtschaft Unterschiede gibt zwischen Städten ist logisch.

Aber genau so wenig, wie es einen Unterschied macht, ob Prekarisierte nun am Fließband arbeiten oder als Bürgerarbeiter genau so wenig Unterschied sollte es machen, ob die Leute sich in New York oder Shenzhen in Fabriken kaputtarbeiten.

Die Perspektive macht nur aus einer regional oder national orientierten Standortlogik Sinn. Seltsam finde ich auch die Absicht kleine Billigproduktionskapazitäten wieder in die Städte mit FabLabs reinzutragen. Produktion, aber unter welchen Bedingungen? Aus der Fab Charter ergibt sich nicht wirklich der Aufbau gemeinnütziger Produktionsorte, siehe „Kommerzielle Aktivitäten können in Fab Labs gestartet werden, aber sie dürfen den offenen Zugang für andere nicht behindern“ – Das ist eine vom MIT entwickelte Charter. Wir sollen also kleine, kommerzielle Startups fördern? Warum sollte die Gemeinschaft das tun? Damit hinterher jemand Arbeitgeber wird und die Prekatisierten zu billigen Löhnen anstellt?

Guter Kapitalist, böser Kapitalist

with one comment

Wenn es darum geht, Entwicklungen zu kritisieren und den Blick zu schärfen für das, was passiert, wirft jede gerne ihre Sichtweise in den Ring. Es stellt sich aber die Frage, wie zutreffend eine Kritik ist, oder wie hilfreich als Werkzeug.

Rund um die ‚Gentrifizierungs‚-Debatte versuchen viele zu erklären, was da in unseren Städten passiert – und was bedenkenswert ist. Im neuesten Transmitter des Hamburger Freien Radios FSK liest man einige Texte zum heute beginnenden „Right To The City„-Kongress in Hamburg.

Den Rest des Beitrags lesen »

Wer verkürzt hier was? Gentrifizierung zwischen Kapitalismuskritik und Populärkultur

with 2 comments

Anfang Juni startet in Hamburg ein Kongress zu Recht auf Stadt „Right To The City“. Die Zeitschrift Analyse & Kritik hat in diesem Jahr zu „Recht auf Stadt“ und Gentrifizierung einige wichtige Artikel veröffentlicht, wie z.B. diesen:

Damit schildern beiden Autoren relativ klar das Selbstverständnis der Bewegung aus ihrer Sicht. Ich greife dabei mal einige aus meiner Sicht  recht wichtigen Absätze heraus. Sie schildern die Bewegung als vier Perspektiven:

  1. Ganzheitliche Perspektive
  2. Utopische Vision
  3. Reformpolitischer Forderungskatalog
  4. Organisationsansatz

Unter Ganzheitliche Perspektiven findet man u.a.

Das Städtische wird in dieser Perspektive aus seinem allzu engen Raumkorsett befreit und als zentraler Ausgangspunkt für die Produktion, Verteilung und Konsumption von Waren angesehen. Städte sind in diesem Verständnis nicht mehr nur die Arenen der politischen Macht oder Container der kapitalistischen Verwertungskreisläufe, sondern haben sich selbst zu Motoren und Gegenständen des neoliberalen Umbaus der Gesellschaft entwickelt. […] Das Recht auf die Stadt, so kann diese theoretische Perspektive zusammengefasst werden, beschränkt sich nicht auf die materiellen Veränderungen und Umverteilungen, sondern schließt Formen der symbolischen Repräsentation mit ein. 

Andrej Holm wiederum kritisierte in einem Blogbeitrag am 23.4.  diesen Artikel:

mit den Worten:

Ich habe mich spontan gefragt, welche Debatten da wohl gemeint sein mögen. Die der Arbeitslosen- und Sozialinitiativen, die feststellen, dass es für Hartz-IV-Haushalte in bestimmten Vierteln keine Wohnungen mehr gibt, die Mieterorganisationen, die regelmäßig darauf verweisen, dass die Anteile der Mietkosten an den verfügbaren Einkommen schon wieder gestiegen sind, die Graffities gegen Yuppies (young urban professionals) oder Proteste vor neu eröffneten Galerien… In der Praxis wird die Auseinandersetzung in den Stadtteilen fast immer mit Fragen ungleicher Einkommen, und neuen Arbeitsverhältnisse verbunden.

Dazu könnte man sagen, dass Holm und andere mit dem Gentrifizierungs-Diskurs ganz bewusst einen anderen Ansatz wählen, als wenn nicht etwa Theorien, die die Arbeitswelt in den Mittelpunkt wählen. Zitat Holm/Gebhardt: „Das Städtische wird […] als zentraler Ausgangspunkt für die Produktion, Verteilung und Konsumption von Waren angesehen.

Das wird dann noch ein wenig mit dem Marxisten Henri Lefebvre gewürzt: „Städte sind verdichtete Unterschiedlichkeiten“ – als eine der Kernthesen der Konferenz in Hamburg. Doch das ist in meinen Augen nur eine Proklamation, die als Orientierung dienen soll. Die Kritik an der Gentrifizierungskritik legt m.E. schon den Finger in die Wunde: Es geht bei der Gentrifizierungskritik um einen anderen Fokus der Kritik: Die Stadt wird als Schwerpunkt der Kritik gesehen, ähnlich wie die Globalisierung – und eben nicht die eigenen, konkreten Arbeits- und Lebensverhältnisse. Diese dienen nur abstrakt als Maske einer Kritik an den Symptomen, die wir wahrnehmen können. Oder anders gesagt werden hier m.E. Ursache und Wirkung verwechselt. Und v.a. wird überschätzt, wo man in Städten wirkungsvoll Widerstand gegen eine laufende Politik anbringen kann. Darüber hinaus ist  die Gentrifizierungs-Debatte ein genau so gefährlicher Hype wie die Antiglobalisierungs-Schiene der letzten Jahre: Man wechselt die Schlachtfelder und meint damit dem Kapitalismus ein Schnippchen zu schlagen. Dabei gibt man klassische Felder wie die Organisierung von Beschäftigten auf und beachtet sie nicht, bzw,. lediglich als Betroffene von Gentrifizierung. „Eure Situation interessiert uns nicht, nur eure Symptome“, könnte man den Ansatz provokant zusammenfassen. Mir fehlen da nachwievor Beispiele, wo ich sagen könnte, dass ein effektiver Widerstand organisiert wurde, der mehr erreichte als nur ein paar Häuser zu retten, oder einen Park.

Der Schwachsinn hat Konjunktur – Deutschland ist deindustrialisiert?

leave a comment »

Das liest man von den Protagonisten der Anti-Gentrifizierung (und Anhängern Toni Negris) immer wieder: Es gäbe keine Industrie mehr. Vor allem nicht in Deutschland oder den Städten. Wie jetzt gerade wieder Twickel in ak 561 in einem Interview:

In weitgehend deindustrialisierten Städten, in denen Reichtum heute eher auf dem Management einer globalisierten Produktion beruht, wird der Stadtraum selbst ökonomisch wichtiger – und auch umkämpfter.

Es stimmt zwar, dass viele Arbeitsplätze abgebaut wurden seit den 70er Jahren. Ja es gab einen Strukturwandel, mehr Automatisierung und auch die Globalisierung. Weil da von den 70ern die Rede ist: Bis 1991 stieg die Beschäftigtenzahl im verarbeitenden Gewerbe und dem Bergbau sogar auf fast 10 Millionen an. (Quelle Statistisches Bundesamt).

Seit 1991 stieg aber auch der Umsatz der Industrie in Deutschland um 41 % . Deindustrialisierung sieht anders aus. Es mag zwar sein, dass die Produktionsstätten selbst nicht mehr so wie früher direkt in der Stadt sind. Und dass es dadurch auch Industriebrachen gibt, die als Lücken genutzt werden. Aber man muss eher betonen, dass die Bedeutung der Industrie sich nicht verändert hat (vgl. auch Pressemeldung des Stat. Bundesamtes 2009).

Es ist wichtig zu verstehen, dass Gentrifizierung nur ein Symptom ist. Und das es Gentrifizierung schon immer gab, insbesondere im Kapitalismus. Es erscheint gefährlich Gentrifizierung als treibenden Faktor zu betrachten und zu versuchen dort anzusetzen, wo es eigentlich keine guten Ansatzpunkte gibt. Einkommen und Eigentumsverhältnisse sind ausschlaggebend für die Entwicklung.

Da Twickel selber in einem Vortrag in Kiel keine Rezepte für effektiven Widerstand parat hatte, frage ich mich immer mehr, was diese ganze Debatte uns bringt außer uns von den Ursachen abzulenken. Eine Bewusstwerdung von Prozessen im Kapitalismus ist sicher wichtig, aber ist der Diskurs wirklich produktiv und verdient er die Aufmerksamkeit, die er derzeit erfährt? Daher ist für mich der Diskurs eher deswegen interessant, weil ihn (sorry) jeder Idiot im Mund führt. Oder ist der Begriff Gentrifzierung (inzwischen) auch nichts weiter als ein Marketingbegriff, der Autoren hilft, ihre Bücher unter die Leute zu bringen ?

Bezeichnend auch dieses Zitat:

Es geht vielleicht tatsächlich einer Initiative aus dem Netzwerk erstmal nur darum, z.B. die zwölf alten Häuser im Gängeviertel zu retten und umzunutzen. Na und? Wenn es gelingt, darüber ein grundsätzliches Unbehagen an neoliberaler Stadtpolitik populär und greifbar zu machen und wenn dabei noch ein Exempel in Sachen Aneignung bei rumkommt: Besser geht’s doch nicht!

Verfassungsschutzbericht: Künstler angeblich linksextrem – taz.de

leave a comment »

Wie die taz berichtet wurde die Initiative „Recht auf Stadt“ im neuesten Hamburger Verfassungsschutzbericht als linksextremistisch eingestuft. Hier ist nur zu durchsichtig, dass eine effektive außerparlamentarische Opposition ins Abseits gestellt werden soll.

Aus diesem Anlaß möchte ich darauf hinweisen, dass der Extremismus-Begriff tatsächlich Unsinn ist, weil er viel zu unscharf ist und all zu oft der Delegitimierung von legitimen Interessen dient.

S.a.  den Offenen Brief gegen jeden Extremismusbegriff. Auf konkrete Vorwürfe kann man konkret antworten. Aber beim Label Extremismus ist meist keine Diskussion mehr möglich. Und das scheint auch der Hauptzweck dieser Begriffsbildung zu sein.

Written by tlow

10. Mai 2010 at 10:19

%d Bloggern gefällt das: