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Kommentar: #Moria und was soll jetzt passieren?

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Bilder von der Demo zu #Moria am 11.9.2020 in Kiel, von Thilo Pfennig (C), 2020, gemeinfrei

Das Gelüchtetenlager Moria wurde 2013 eingerichtet, also noch bevor 2015 ein Anstieg der Geflüchtetenzahlen in der EU zu verzeichnen war.

Das frühere Areal des griechischen Militärs ist von der Europäischen Union (EU) als Registrierungs- und Aufnahmezentrum („Hotspot“) zur Erstregistrierung von Geflüchteten und zur Durchführung der Asylverfahren vorgesehen.

Quelle: Wikipedia unter eine CC-BY-SA -Lizenz

Es ist schon erstaunlich, was man von manchen Politiker:innen oder Medien hört. Sie greifen die Brandstiftung auf, die nun in Moria passierte und von deren Motivation oder Täter:innen man bisher nichts weiß und argumentieren von hier aus, dass dieser Brand eine Erpressung der gutmeinenden EU ist. Eine EU, die seit sieben Jahren dieses Lager betreibt und ebenso seit Jahren eine Überfüllung bewusst in Kauf nimmt. Zeitweise waren dort 20.000 Menschen untergebracht, obwohl es lediglich für 2.800 Menschen ausgelegt war.

Ich kenne niemanden, der nicht schon seit Jahren geahnt oder gedacht hat, das die Situation dort irgend wann zu einer Katastrophe führt. Deutschland hat dieses Lager immer unterstützt und mitgebaut. Der Brand ist ein Ergebnis der Zustände. Nun denen die Schuld zu geben, die dort wortwörtlich ausweglos aushalten müssen ist an Zynismus nicht mehr zu überbieten!

Seehofer sagte gestern noch einmal, dass wir uns ja angeblich einig sind, dass sich „2015 nicht mehr wiederholen solle“. Er meint damit wohl, dass keine Geflüchteten mehr lebend Deutschland erreichen? Denn wer die letzten sieben Jahre nichts tut, um die bestehenden Fluchtprobleme zu ändern, sondern dubiose Deals mit der Türkei abschließt, der kann dies nur tun, wenn er den Tod von Menschen wissentlich in Kauf nimmt.

Die andere Seite der Medaille sind wir alle, die noch viel zu bequem sind, für die Moria immer noch zu weit weg ist. Wir haben das Privileg es uns leisten zu können, dass uns die Schicksale egal sind. Und ich glaube die Ursache liegt weder in der Flucht, noch an Lesbos, Griechenland, Moria oder dem Mittelmeer. Fundamental liegt es daran, dass wir die Geflüchteten nicht als Weiß, Europäer:innen oder Deutsche erkennen. Und damit nicht als Nachbar:innen oder gleichwertige Menschen. Wir erkennen ihnen ihre fundamentalen Menschenrecht ab. und Politik und Medien helfen uns dabei, ein gutes Gefühl zu behalten. Keiner der Geflüchteten wollte in einem Massenlager untergebracht werden für viele Jahre. Es sind Menschen, die einen Ausweg aus ihrem alten Leben suchten. Und das sollten wir alle als einen legitimen Wunsch anerkennen. Menschen haben schon immer neue Wege gesehen und erst durch diesen Impuls wurde überhaupt die Erde besiedelt und nur deshalb gibt es Menschen nicht nur auf dem afrikanischen Kontinent, sondern auch weit entfernt davon.

Und auch nicht nur in der Urzeit, sondern immer wieder gab es Auswanderungsbewegungen. Auch eine auswander:in hat das Recht als Mensch behandelt zu werden, nicht nur Touristen! Mit was für einer Anspruchshaltung fordern Deutsche während COVDI19 wieder in afrikanische Länder reisen zu dürfen, während Sudanes:innen auf Lesbos festgehalten werden. Erstklassige Touristenbungalos für Deutsche, Notunterkünfte für Geflüchtete?

Ich möchte den Einwand „Aber wir können doch nicht alle aufnehmen!“ ansprechen. Dieser ist eine Zuspitzung, dem ich entgegnen, dass es hier primär nicht um eine Aufnahmen geht, sondern darum, wie es eben NICHT geht. Wenn die EU-Ländern die Leute nicht aufnehmen wollen, müssen sie eben eine bessere und menschenwürdige Lösung finden. Sie haben es sich bisher zu einfach gemacht.

Politiker:innen wie Seehofer haben die letzten Jahre keine Alternativen entworfen, sondern nur proklamiert, was sie nicht wollen. Sie hatten nicht den Mut klar zu machen, dass es vielleicht zu dem Status eines echten EU-Mitgliedes gehören muss, nicht den Kopf in den Sand zu stecken. Wieso gibt es zB keine legale und sichere Lösung für Menschen und insbesondere mit Familien mit Kindern in die EU einzuwandern, es zumindest zu beantragen? Warum fordert man eine gefährliche Flucht, die dann zu den Problemen führte, die wir erleben.

Man meint, wenn man sichere und legale Lösungen anbietet, das dann noch mehr Anträge kommen? Zum einen ist das nicht gesagt. Nur die Anträge der Toten in Sahara und dem Mittelmeer spart ihr euch. Mit der Politik könnt ihr aber gleich den Schießbefehl geben, das ist nur wenig anders. Und es passt zu Phänomenen rund um die NSU oder Anschläge um Mölln. Wer Rassismus beklagt, der sollte bei der EU-Fluchtpolitik nicht wegschauen und auch auf Änderung pochen.

Statt Lösungen auszuarbeiten, von denen vielleicht ALLE profitieren (außer die Schlepper), gibt es ein politisches Geschacher und Stammtischparolen, mit denen niemand geholfen wird!

Die Brände haben uns Moria näher gebracht und verdeutlicht, das es so auf gar gar gar keinen Fall weiter geht! Und das war schon 2013 falsch und bleibt es. Und es war sogar vor Moria falsch. Wenn wir die DDR zu Recht für ihre Mauerschützen verurteilen, müssen wir doch mit dem selben Maß schauen, wie wir mit Flüchtenden umgehen.

Fluchtursachen bekämpfen ist auch ein schöner Begriff. Ich fürchte nur, die Ergebnisse sieht man manchmal erst nach 10 Jahren. Meine Lösung wäre, EU-Länder zu zwingen entweder Menschen aufzunehmen oder entweder aus der EU zu werfen, oder dazu zu zwingen sich mit Milliarden von der Verpflichtung freizukaufen. Die Einheit der EU ist schon lange eine Pharce, wie auch der Brexit zeigt. Rechtsradikale besstimmen den Diskurs.

Und auch ganz wichtig: Es sollte dir als Leser:in nicht egal sein, was da passiert! Geht in euch und erforscht, wenn es euch das nicht nahe geht und ihr nicht bereit seid euren Medien und Politiker:innen Druck zu machen. Sind euch Steuersenkungen oder der nächste Urlaub wichtiger?

Es geht uns auch an. Ich habe da meine romantische Vorstellung, dass jeder Mensch, der geboren wird einen Pass bekommt von der UNO unabhängig von dem Land in dem er/sie lebt. Und damit als Weltbewohner:in überall Rechte hat, die einklagbar sind. Die Menschen sollten nicht nach Herkunftsland behandelt werden. Und wir sollten uns nicht nur über die PISA-Erfolge deutscher Schüler:innen Gedanken machen, sondern über die Bildungschancen von Kleinkindern in Moria und weltweit!

Es kommt mir so vor, als wäre die Politik nicht ein mal ansatzweise bereit die Verantwortung zu tragen, die sie sich angeeignet hat. Ein Seehofer hat sich den Posten als Innenminister erkämpft, nur um vor der Kamera die Schultern zu zucken und „mir san mir“ zu flüstern. Solche Leute gehören nach Hause und in den Ruhestand und ersetzt durch Leute, die sich kümmern. Und wir müssen so lange Druck machen, bis sich da etwas ändern. Das wichtigste Ziel ist dabei den Rassismus im eigenen Land zu bekämpfen, denn der ist die Ursache dieser Ignoranz! Fangen wir bei uns und unseren Nachbar:innen an!

Written by Thilo

12. September 2020 at 12:16

Veröffentlicht in Deutschland, Europa, Flucht, Rassismus

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