KielKontrovers

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Weichenstellungen für den Stadtverkehr 2030

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Was ist eigentlich Mobilitätswende? Wozu Mobilitätswende? Es gibt viele Gründe, um von der „Autogesellschaft“ weg zu kommen. Oder auch, um die Antriebstechnologie zu wechseln. Welche Probleme bringt das Auto in der Stadt mit sich?

  1. An erster Stelle heute ist sicher die CO2-Produktion. Die ist zwar in der Stadt selbst kein Problem, da es kaum gesundheitliche Wirkungen hat. Aber zB sorgt das CO2 dafür, das Kiel in spätestens 100 Jahren unter Wasser stehen wird, wenn wir weltweit nicht radikal weg gehen von fossilen Energieträgern.
  2. An zweiter Stelle würde ich die diversen Luftschadstoffe benennen. Ob nun Stickstoffdioxid oder Feinstäube. Dabei sind die aktuellen Grenzwerte ja nur ein Anhaltspunkt. Luftschadstoffe führen zu Schädigungen der Lunge, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
  3. Verletzungen und Tote als direkte Folge des Autoverkehrs. Am tragischsten vielleicht ein kleines Kind, was zwischen zwei parkenden Autos hindurchhuscht und angefahren wird. Ausgang ungewiss. Habe ich selbst mit ansehen müssen.
  4. Flächenverbrauch durch Straßen und parkende Autos. Die Infrastruktur verschlingt unheimlich viel Platz. Dazu kommen noch Tiefgaragen, die gebaut werden müssen und das Bauen verteuern (und damit die Mietpreise). Breite Straßen stehen dort, wo weitere Mietshäuser gebaut werden könnten. Auch das verknappt Wohnraum. Die meisten Parkplätze in der Stadt sind für Autos umsonst. Das Wohnen aber nicht. Es könnte auch Erholungsfläche sein, neue Geh- und Radwege. Da in Zukunft mehr Menschen in der Stadt wohnen werden, stranguliert das Auto das Wachstum der Städte, v.a. zu lasten von ärmeren Menschen. Es muss dann mehr Fläche bebaut werden, die bisher unbebaut war. Eine Nachverdichtung könnte also auch Verkehrsfläche umwidmen.
  5. Dominanz des Stadtlebens und Lärm. Dort wo das Auto präsent ist, fehlt die Sicherheit zu Spielen, oder wird Aufenthaltsqualität zerstört. Die Straßen können sich nicht weiterentwickeln. Cafés dürfen keine Stühle vor die Tür stellen, weil die 2,50 Meter Platz fehlen. Dabei sind mal alle Fußwege so breit, wie Platz bleiben müsste. Gesichert ist lediglich die Parkfläche für das Auto, alles andere ist unsicher.

Folgende Eigenschaften des Autos sind also negativ bei einem Auto: Der Platzverbrauch eines Autos, der Motor(Elektro/Benzin), die Geschwindigkeit, die Vielzahl an Autos, die Abgase und neben den Fahrzeugen selbst die Infrastruktur rund um das Fahrzeug. Das sozusagen im Soll betriebswirtschaftlich betrachtet.

Im Haben wiederum erfüllt das Auto wichtige Transportfunktionen. Diese können zwar teilweise ersetzt werden, aber zum einen NICHT IMMER und auch teilweise Funktionen, die man nicht ersetzen möchte. Dann gibt es durchaus einen wirtschaftlichen Faktor durch Zubehörhandel, Autohändler und alle möglichen Produkte, die von Autofahrer:innen gekauft werden, Tankstellen, ….

Mögliche Ziele und Strategien

Wenn wir das Problem Auto angehen wollen, sind verschiedene Strategien entscheidend:

  1. Die Anzahl der Autos in der Stadt senken
  2. Die Geschwindigkeit der Autos senken
  3. Den Fußabdruck der Autos senken (Antriebstechnik, Größe, Lärm)
  4. Den Radius und die Zugänglichkeit der Autos in den Städten einschränken wie zB mehr autofreie Straßen
  5. Die Kosten für die Nutzung der Stadt erhöhen zB durch City-Maut

Unter dem Strich: Die Attraktivität des Autos massiv senken. Weniger Autos, weniger Fahrten und sanftere Autos! Technisch ermöglicht die Elektromobilität zunehmend mehr und mehr Mobile, die in Größe und Eigenschaften irgend wo zwischen Auto und klassischem Auto angesiedelt sind. ZB. die Fahrzeuge von Arcimoto:

Dann gibt es Elektromotorräder, Elektro-Vespas, Ebikes, Elektrolastenräder in verschiedenen Größen – und es hat jetzt erst angefangen mit den Alternativen. Kleinere Fahrzeuge würden weniger Platz brauchen.

Noch gibt es den Trend zu immer größeren SUVs.

Bisher gibt es aber wenige Anreize mit Kleinfahrzeugen oder Elektrofahrzeugen in die Stadt zu fahren. Es gibt für diese nicht wirklich mehr Mobilitätsvorteile. Ein dickes SUV oder ein Wohnmobil zahlen das Gleiche für Parkplätze oder die Einfahrt.

Tempo 30

Im Juni hatten wir mal wieder einen Fahrradtoten in Kiel. Ein Unfall, bei dem man sicher sagen kann, das das Unfallopfer entweder nicht sofort tot gewesen wäre, oder der Unfall evt. ganz hätte vermieden werden können, wenn an der Stelle Tempo 30 durchgesetzt worden wäre. Viele haben nach dem Unfall Zweifel an dieser Schlußfolgerung. Denn der Radfahrer hatte das Auto übersehen und offenbar nicht gehalten. Ich sage aber: Wenn Tempo 30 gelten würde, wären solche Fehler oft nicht tödlich oder fatal.

Seit Corona verfolgte die Politik teilweise eine Strategie alle möglichen Leben zu schützen. Etwas, was wir seit Jahrzehnten auf der Straße vermissen. Eine allgemeine Geschwindigkeitsbrenzung in der Stadt bei 30 würde nicht nur mehr Sicherheit bieten: Es würde die Kapazität der Straße erhöhen, da weniger oft die Spur gewechselt würde und die Abstände zwischen den Autos kleiner sein können. Es gäbe weniger Abgsase, das Autofahren wäre weniger schnell im Vergleich zum ÖPNV, der Lärm würde sinken. Es wäre ruhiger in der Stadt, das Überqueren der Straße wäre einfacher und damit würde sich das Tempo der Fußgänger und Radfahrer erhöhen, denn es bliebe mehr Raum zwischen Autos durchzukommen. Das Tempo der Einen geht immer auf das Tempo der Anderen.

Die Anzahl der Autos senken

Ich sehe hier eine starke Überschneidung zu den Interessen der Autofahrer:innen: Die sind auch der Meinung, dass sie zu wenig Platz haben. Sie meinen wir brauchen eher MEHR Parkplätze als WENIGER. EIN Teil der Analyse ist schon mal gleich: Zu wenig Platz! Nun geht es nur noch darum, was die richtige Lösung ist! Ich sage, das Problem ist, das zu viele Menschen die es nicht müssten zu oft ein Auto besitzen und es benutzen. Um die Anzahl an Autos in der Stadt zu senken muss man:

  • Die Wege verkürzen, so dass Autos weniger lange unterwegs sind
  • Die Anzahl der Wege reduzieren. D.h. entweder, dass mit einem Weg bereits vieles zu erledigen ist, oder das unnötige Wege eingespart werden. Es braucht Anreize, das Menschen weniger oft fahren
  • Und natürlich den Autobesitz reduzieren. D.h. mehr Car-Sharing, mehr Alternativen fördern. Und dabei auch zu Fuß oder Rollstühle nicht vergessen. Der Führerschein, eine Lizenz zum Fahren oder der Autobesitz muss unattraktiver werden. Es gibt zwar schon erhebliche Kosten, aber die sind pauschal pro Jahr und tragen eher dazu bei, dass Autofahrer:innen meinen, das Auto mehr fahren zu müssen, weil Steuern und Versicherungen ja eh bezahlt wurden. Vielleicht eine Rückvergütung für Nicht-gefahrene Kilometer oder abgemeldete Autos?

Wir erleben immer neue Rekorde beim Autobesitz, aber der Raum in der Stadt wird immer knapper. Das Auto beansprucht bereits mehr Flächenanteile, als gerecht wäre. Daher muss man diesen Autofahr:innen widersprechen, die noch mehr Grün für Parkplätze und Fahrspuren umgewidmet haben möchten. Stattdessen sollte man das Autofahren auf die Leute zuschneiden, die es wirklich brauchen. Ein ehrgeiziges Ziel aus heutiger Sicht wäre: 90% weniger Autos, also nur jedes zehnte behalten. Damit hätten wir dann die Menge an Autos wie in den Jahren 1960-1965.

Ich weiß, das klingt erst mal ein wenig krass, aber wenn man zurückblickt, gab es bereits damals Staus und viel Verkehr. Beispiel:

Die Fernsehsendung Der 7. Sinn für Autofahrer:innen gab es nicht ohne Grund schon ab 1966. Alleine in meiner Lebenszeit hat sich die Menge der Autos verdreifacht. Die Bevölkerung wuchs allerdings nur um ca. 12 %.

Oder schaut euch mal die Filme Weekend (1967) von Jean-Luc Godard an, oder Trafic (1971) von Jacques Tati, die bereits ein Spiegel der Omnipräsenz des Autos waren.

Wenn wir also zu diesem Zeitpunkt zurückgehen würden, dann hätten wir trotzdem fast schon zu viel Verkehr. Aber dennoch nur 1/10 der Herausforderungen.

Warum fahren manche Menschen mit dem Auto? Und warum verzichten manche darauf? Es liegt teilweise nicht an der Arbeits- und Familiensituation. Menschen gehen unterschiedlich mit Mobilitätsanforderungen um. Die eine ärgert sich, dass sie so lange nach einem Parkplatz suchen muss (20 Minuten) und dann einen weiten Weg nach Hause hat (noch mal 20 Minuten), hält das Auto aber für unverzichtbar. Und sieht die Lösung darin, dass mehr Parkplätze geschaffen werden. Andere haben kein Auto und ärgern sich über unzureichende ÖPNV-Verbindungen oder schlechte Radwege.

Warum haben wir denn immer mehr Autos? Viele Leute haben sicher heute ein höheres Einkommen. Aber das Auto selbst schafft auch neue Anforderungen. Denn wenn zB Waren von A nach B ausgefahren werden in einer Stadt, geht man von bestimmten Transportbedingungen aus. Und die haben sich auch mit dem Auto verändert. Ohne Auto ginge es halt nicht so oft, so schnell oder nicht so weit. Es ist ein Fehler auf 2020 zu schauen und zu fordern, dass es aber keinerlei Einschränkungen geben darf, wenn Menschen auf das Auto verzichten. Das wäre so, als wenn man zwar abnehmen möchte, aber das Gleiche wie vorher essen. Autokorrektur oder Autodiät bedeutet auch Änderung an der Wirtschaft oder der Freizeitverhalten. Verzicht kommt heute nicht gut an. Dabei bietet Verzicht an einer Stelle oft mehr Freiheiten an einer anderen Stelle: Weniger Platz fürs Auto bedeutet mehr Platz fürs Rad. Das gilt um so mehr, als das der Platz in der Stadt begrenzt ist. Auch bei einem Koffer kann man nicht beliebig viele Kleidungsstücke packen. Und es ist eine gute Strategie auf Das am ehesten zu verzichten, was den meisten Platz einnimmt, wenn es geht!

Alternativen erst an zweiter Stelle fördern

Unter der Prämisse, dass wir wissen, das wir zu viele Autos haben und zu oft damit fahren wird klar, dass die Alternativen nicht wirklich an vorderster Stelle stehen. Der Ausbau des ÖPNV oder der Radwege ist natürlich auch wichtig, aber sie lösen das größte Problem nicht: Die Masse an Autos und die Masse an Autoverkehr!

Die Städte müssen auch zuerst Verkehrspolitik machen für ihre eigenen Einwohner:innen und die Anwohner:innen einer Straße oder Viertels. Und weniger die Stadt so autogerecht gestalten, das Menschen von außen jederzeit mit dem Auto überall schnell hin kommen. Weil Letzteres ein garantiertes Rezept ist für Stau und noch mehr Abgase. Der Theodor-Heuss-Ring in Kiel ist das beste Beispiel: Die Stadt versucht es primär mit auf Zeit spielen und einer symptomatischen Behandlung. Der Rad- und Fußverkehr wird an der Straße seit Jahre benachteiligt. und man wundert sich, warum der Verkehr dort immer noch zu nimmt. In den 90ern wurde die B76 dahinter dann noch als Stadtautobahn mit bis zu Tempo 100 ausgebaut. Damit hat man die Zunahme des Verkehrs und die Verkehrsprobleme in der Stadt eher verschärft, als entzerrt. Zwar fuhren dann viele Autos nicht mehr DURCH die Stadt. Es war aber attraktiver nach Kiel reinzufahren als vorher. Und die meisten Autos fahren dann halt auch irgend wann in Kiel ab und nicht durch Kiel durch. In einem begrenzten System, kann man eben nicht einfach durch Kapazitätserhöhung an einer Stelle, die Gesamtproblematik lösen. Und eine Stadtbahn wird auch das Problem THR nicht lösen. Denn auch die darf nicht mit 100 durch die Stadt sausen. Richtiger wäre solche großen Tangenten, die die Städte strangulieren zurück zu bauen und damit eine klare Ansage zu machen. So wie uns das Paris vorgemacht hat.

In vielen Städte, wie auch Kiel werden dagegen Fahrrad und ÖPNV an erster Stelle der Verkehrswende genannt, weil man das Ganze zu linear betrachtet. Man will niemandem etwas wegnehmen und man will langsam Alternativen aufbauen. Das ging sogar so weit, dass man eine Erhöhung des Taktes des Zuges von Preetz nach Kiel zur Reduzierung des Stickstoffdioxide nannte. Ich hatte das in einem anderen Artikel bereits kritisiert. In vielen Städten fehlt es aber an einem deutlichen Signal, dass alternative Fortbewegungen als gleichwertig anerkannt werden. Wenn man in Kiel zB einfach Fußwege sperrt und nicht mal kommuniziert, wie man trotzdem zum Ziel kommt, anders als bei Autos, dann sagt man klar und deutlich: „Bitte fahrt lieber Autos, Fußgänger:innen nerven!“ Oder wenn man plant ausgerechnet auf dem Radweg eine Absauganlage aufzustellen, es aber ablehnt den Autoverkehr einzuschränken: Man sagt damit: Wichtig ist nur das Auto, Radfahren ist Hobby und dient dort lediglich dazu nun Radwege mit Titandioxid zur Senkung der Stickoxide zu verbauen. Eine nebenbei bemerkt nicht bewiesene Methode.

Die Aufgaben der Städte

Die Städte haben einiges verstanden:

  • CO2 ist ein Problem
  • so wie bisher gehts nicht weiter
  • Fahrrad ist eine gute Idee
  • mehr ÖPNV ist gut

Was fehlt ist eben oft noch die kritische Haltung gegenüber dem Auto, die unbedingt nötig wäre. Man hat noch nicht erkannt, das man keinen Schritt vorankommt, wenn man lediglich alternative Verkehrsmittel des Umweltverbundes fördert. Im Grunde wird es mit dieser Haltung nur schwieriger und enger in der Stadt und es entstehen keine Freiräume, die man nutzen kann. Nur zaghaft werden mal Straße gesperrt als Verkehrsexperiment. Die sind dann oft eher symbolisch gemeint und nicht Teil einer Strategie. Letztere fehlt. Man hat nur einen Beutel voller Maßnahmen, dann noch die StVO und anderen Gesetze und man macht mal hier dies und dort das, um etwas zu tun. Es fahren dann auch mehr Leute mit dem Rad, aber einerseits gibt es dann vielmehr Unfälle und zum anderen werden die Flaschenhälse nicht angegangen. Man verschieb Probleme, man geht drei Schritte nach vorne und zwei zurück. Und dann klopft man sich auf die Schultern.

Es ist nicht so, als wenn man nichts tut oder nichts erreicht. Aber es ist alles noch halbherzig und das Infrastruktur-Defizit ist gewaltig. Das Wichtigste ist eben die Anzahl und den Flächenverbrauch von Autos massiv zu senken. Es darf keine Anreize mehr geben, sie ein Auto anzuschaffen und damit jeden Tag mehrfach durch die Stadt zu fahren. Es reicht bei weitem nicht nur ein paar schöne Velorouten zu haben. Das wird fast nichts ändern und kostet teilweise sehr viel, wenn gelöst wie in Kiel bei der Veloroute 10.

Written by tlow

20. Juli 2020 at 13:03

#KielAutofrei Now?

with one comment

Autofreie Innenstädte sind in aller Munde, wie z.B. aktuell in einem Artikel im SWR. In Deutschland ist derzeit Hamburg Vorreiter beim Ausprobieren. Dort wünschen sich im Rathausquartier 90% der Befragten eine Wiederholung (Quelle: TU Hamburg) des kurzfristigen Versuchs. In Ottensen ist nicht alles so positiv. Es gab wohl Kommunikationsfehler am Projektbeginn und nicht alle Geschäfte haben vom Versuch profitiert. Es gibt eben reale Probleme, die gelöst werden müssen, wenn keine Autos mehr rein fahren können. Z.B. braucht es Lösungen für Belieferungen, wenn eine Apotheke 12 mal am Tag Ware bekommt.

Solche Versuche sind sehr wertvoll. In einer derart autoaffinen Gesellschaft wie unsere ist aber klar, dass es nicht immer einfach ist. Weil die Lösungen bisher alle auf das Vorhandensein des Autos als Transportcontainer ausgelegt sind. Statt den Autoverkehr auf wenige Straßen zu beschränken haben wir z.B. in Kiel Velorouten oder Fußwegeachsen. D.h. obwohl JEDE/R zu Fuß geht, möchte man die Fußgänger*innen gerne über bestimmte Achsen leiten. Das Auto hingegen kann über all fahren, mit wenigen Ausnahmen von Fußgänger*innenzonen. Schlimmer ist es noch bei den Fahrrädern.

Velorouten in Kiel

Velorouten sind auf wenige Routen beschränkt. Für die Veloroute 10 ließ sich die Stadt auch groß feiern und erhielt dafür auch viel Applaus seitens vieler Aktivist*innen. Aber die Lehren aus Kopenhagen und Amsterdam sind auch: der Radverkehrsanteil steigt nur dann, wenn Radwege dort entstehen, wo bisher Autos fuhren. Dort sagt man: Radwege dort bauen, wo man Autos nichts wegnimmt ist einfach! Aber genau das hat Kiel mit seinem „Leuchtturmprojekt“ Veloroute 10 gemacht. Man hat den Konflikt mit den Autofahrer*innen gescheut. Und man wird so den Radverkehrsanteil nicht erhöhen.

Besser war der Ansatz zur Holstenbrücke, auf der auch in Zukunft die Durchfahrt für Autos gesperrt sein wird. Leider hat man hier aber etwas Wichtiges vergessen: Radfahrer*innen werden gezwungen auf der Busspur zu fahren. Und das funktioniert nirgendwo in Kiel richtig. Ich persönlich wurde schon viele male fast von Busfahrer*innen umgefahren. Wie kann man 2019 einen großen Wurf machen wollen und dabei das Fahrrad (wieder ein mal) vergessen? Bereits in den 80er (?) Jahren, als die Holstenbrücke gebaut wurde vergaß man die Räder. Dabei gab es in Deutschland schon 1907 den erste Radweg und in den 80ern war das Anlegen bereits üblich. Kiel hat hier eine große Chance verpasst und man wird das wohl oder übel alles noch ein mal aufrollen müssen, denn eine derartige Einschränkung kann man im Kern einer Innenstadt nicht hinnehmen. Nicht 2019.

Natürlich ist es für manche eine Einschränkung, wenn sie entweder nicht mehr von ihrer Haustür losfahren können. Aber bei dem heutigen Parkplatzmangel ist das sowieso oft gar nicht mehr möglich. In den Innenstädten wohnen, insbesondere in Kiel gar nicht viele Menschen. Aber 60% des PKW-Verkehrs ist eh Wirtschaftsverkehr. Man muss die Verkehre z.B. für die Altstadt einfach herunter brechen auf Notwendigkeiten und dann eben auch mit Handelsketten und dem Einzelhandel reden. Auch das überall die 25-Tonner hinfahren können, kann nicht mehr die Norm sein.

Es brauchte neue Zulieferkonzepte. Z.B. auch gemeinsame Belieferungen durch Micro-Hubs. Die Verkehre wie Parksuchverkehre, Belieferungen durch Zulieferer, Paketdienste, Kund*innen, etc. funktioniert in unseren schon lange nicht mehr reibungslos. Und daher bedarf es da neuer Regeln und Ansätze, sogar im Interesse aller. Denn mancher Laden kann heute nicht mehr aufgrund der Enge beliefert werden. Es ist also nicht so, dass die aktuelle Regellosigkeit vieles ermöglicht: Im Gegenteil! Zudem sind viele Nutzungen unter einer Autolast gar nicht möglich. Außer Autowerkstätten ist außerdem fast jede Nutzung auch ohne Autos möglich. Selbst Möbel kann man ja einkaufen und hinterher bringen lassen. Dazu bedarf es keines eigenen Autos, gan abgesehen davon, dass nicht jedes Möbelstück in jedes Auto passt.

Innenstädte und innerstädtische Quartiere können eh nicht auf der Ebene vieler kostenloser Parkplätze mit Malls am Stadtrand konkurrieren. Sie müssen mit anderen Vorteilen punkten, z.B. einer angenehmen Erreichbarkeit auch OHNE Auto.

Die Stadt Kiel tut derzeit allerdings alles, dass der CITTI Markt möglichst viele Vorteile hat und sowohl per Rad als auch per Autobahn bequem erreichbar ist. Damit schneidet sie sich ins eigene Fleisch und macht die Innenstadt unattraktiver. Und erhöht gleichzeitig die Abgase, Lärm und Verkehr am belasteten Theodor-Heuß-Ring.

Die Kieler Innenstadt bräuchte flächendeckend:

  • Tempo 30 und zum Teil weniger
  • für den Autoverkehr gesperrte Straßen, z.B. Rathausstraße nur noch für Bus-, Rad- und Fußverkehr
  • breitere und sicherere Fußwege
  • mehr Fahrspuren für das Rad
  • Lücken schließen, z.b. am Exer natürlich auch einen Fußgängerüberweg auf beiden Seiten zur Rathausstraße (bisher werden Fußgänger*innen durch Metallgitter und ohne Ampel daran gehindert hier zu queren und müssen lange Umwege gehen!) und eine Lösung für das Rad auch schnell und diagonal Anschluß an den Knooper Weg/Schrevenpark und weiter zur Uni zu finden. Gerade das Quartier am Exer erscheint mir sehr schlecht entwickelt. Und nun durch zusätzliche Abbiegespuren für den Autoverkehr zum Schützenwall geht es eher in die genau falsche Richtung!
  • die Distanz zwischen Fußgängerampeln und daher die Straße müssen geringer werden. Das dient der verbesserten Barrierefreiheit, denn alte und langsame Menschen schaffen es so seltener die Ampel ganz zu überqueren und müssen auf Mittelinseln „verhungern“. Bei mehreren Ampeln summieren sich die Wartezeit, insbesondere wenn es nur kurze Grün- aber sehr lange Rotzeiten gibt!
  • Es bedarf der konsequenten Abkehr von der Ausrichtung auf die Flüssigkeit des Verkehrs hin zum Fokus: Mehr Sicherheit, weniger Abgase, weniger Lärm und mehr Lebensqualität!

Langfristig sollten wir an den Punkt kommen, dass es eher die Autos sind, die bestimmte Routen zugewiesen bekommen, wo sie noch toleriert werden. Denn zwar ist jede Autofahrer*in immer auch eine Fußgänger*in oder Rollstuhlfahrer*in, umgekehrt aber nicht. Irgend wann muss jedes Auto abgestellt werden und die letzten Meter können damit nicht zurückgelegt werden. Daher muss jeder Meter Stadt barrierefrei gedacht werden, aber nicht jeder Meter autogerecht sein. Bisher ist es umgekehrt. Und das Auto ist nicht in den Griff zu bekommen. Siehe Parkvergehen, überhöhte Geschwindigkeit, Alkohol und Handy am Steuer, unzählige Verletzte, Schwerverletzte und Verkehrstote. Stattdessen aber nimmt sich der neue kommunale Ordnungsdienst lieber die Radler*innen vor und kontrolliert deren Beleuchtung, während jeden Tag Menschen auf unseren Straßen sterben oder für den Rest des Lebens schwerste Behinderungen davon tragen. Vision Zero in Kiel ist derzeit noch nicht in Sicht und auch keine Akteure, die das angehen. Das ist mehr als nur schade, sondern unverzeihlich!

Demo für ein Autofreies Kiel #autofrei #THRKiel

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Für Autofahrer*innen ist es das selbstverständlichste der Welt: Man kann überall uneingeschränkt hinfahren und auch parken. Die maximale Einschränkung sind Einbahnstraßen und weniger als eine Hand voll Fußgängerzonen in einer Großstadt wie Kiel. Die Norm ist die Vorfahrt für den Autoverkehr. Es gibt einige Themen, die uns schon seit Jahrzehnten begleiten:

Früher ging es mal um den Sauren Regen. auch damals wurden Maßnahmen wie Tempolimits diskutiert. Oder Verkehrslärm in Städten, der Flächenverbrauch des Autoverkehrs. Und dann in den letzten 20-30 Jahren immer mehr das Thema des Klimaschutzes und CO² in der Atmosphäre sowie Feinstaub und Stickoxide.

Klar: Die Welt ist bisher nicht untergegangen. Nicht zuletzt aber, weil die Politik dann doch hier und da reagiert hat:

30er-Zonen in Städten, Katalysatorpflicht in Autos, Umweltzonen in Städten. So ist dann irgendwann unter der CDU auch das erste Bundesumweltministerium in Deutschland entstanden. Nicht weil Herr Kohl so ein Ökofreund war, sondern weil es ordentlichen Druck von der Straße gab und er damit den Grünen etwas Wind aus den Segeln nehmen wollte. Es ist immer wieder so, dass die Politik lieber dann handelt, wenn es gar nicht anders geht.

Und bis heute wird nicht richtig zur Kenntnis genommen, dass das Auto Ursache für die meisten Umweltprobleme ist. Der Flächenverbrauch ist enorm, es lärmt und pustet Schadstoffe und Kohlendioxid in die Luft.

Für den Freitag, den 26.4. ist eine Demo in Kiel angesetzt, die sich um 14 Uhr am Bahnhofsvorplatz sammelt und dann irgendwann über den Theodor-Heuss-Ring zieht. Eine der am meisten belasteten Straßen in Deutschland. Viele Organisationen (wie auch ADFC,BUND, VCD, AStA) haben einen Aufruf von TKKG mit unterzeichnet für ein Autofreies Kiel!

Kritik gab es an dieser Route – man könne ja auch woanders demonstrieren, wo man vielleicht mehr Fußgänger*innen behindert und weniger Autofahrer*innen. Da muss man schon mal fragen, welchen Sinn das machen würde? Das ist die gleiche Logik der Stadt, die eine Vollsperrung des Radverkehrs auf dem Theodor-Heuss-Ring für unproblematisch hält, aber gleichzeitig das Wegnehmen einer Autospur für die Luftfilter als unverhältnismäßig ablehnte. Gleichzeitig liest man jetzt, dass eben eine ganze Spur über Monate wegen Reparaturen weg fällt. Daraus lernen wir: Ist es FÜR das Auto ist alles machbar, ist es gegen RAD und FUSSGÄNGER*INNEN ist auch alles denkbar. Aber ist es GEGEN AUTOS, so ist das inakzeptabel und unverhältnismäßig.

Weil eben aus Sicht von Politik und Verwaltung immer noch Verkehr mit Autoverkehr gleichgesetzt wird. ÖPNV ist für die drei „A“s: Arme, Alte, Arbeitslose und Fahrräder für Hippies oder Kampfradler. Und zu Fuß geht man ja nur zum nächsten Parkplatz. Einkaufen ohne Auto? Geht nicht!

Es ist zwar nicht so, dass man gar nichts für andere Verkehrsträger tun würde, aber das wird dennoch mehr unter „nice to have“ abgehakt – sprich: Wenn wir dann am Ende noch Geld über haben, gibts auch mal ne Veloroute für die Ökospinner. Und dann klopfen wir uns als Stadt aber auch gleich mächtig auf die Schultern. Sucht man in Kiel nach „Veloroute“ so findet man eigentlich nur die „Veloroute 10“ – Kiels ganzer Stolz, Kiels Feigenblatt für eine verfehlte Verkehrspolitik: Die Fahrradfahrer*innen sollen mal nicht meckern: Wer von hasse nach Projensdorf will hat ja immerhin EINE Fahrradstrecke. Mehr kann man schließlich nicht verlangen, oder? Fahrradstraße am Vinetaplatz? Moment mal, dass ist keine ausgewiesene Veloroute, was haben Räder da zu suchen?

Verkehrspolitik ist eher für Besserverdienende, die aus Kiel wegziehen nach Schönberg , um dort in einem neu gebauten Einfamilienhaus zu wohnen, weit weg von den Abgasen und der Hektik der Großstadt. es gibt ja den Theodor-Heuss-Ring und da kommt man auch ganz fix in die Wik oder nach Holtenau. Ach da wohnen noch Menschen? Ja die Häuser können wir ja abreißen und sie können auch aufs Land ziehen! Schließlich ist die Stadt ja nicht für Menschen gemacht, sondern für den Verkehr, also fürs Auto?

Aber wir haben 2019 und wir sollten uns nicht mehr runter handeln lassen auf ein paar neu asphaltierte Radwege. Uns steht eine Klimakatastrophe bevor. jedes Jahr werden unzählige Menschen durch das Auto getötet. Lärm und Abgase machen uns krank. Und wenn wir in der Logik des Ausbaus der Autoinfrastruktur bleiben, so nimmt uns das Auto in der Stadt vor allem immer mehr Lebensraum weg. Es kann nur zwei Wege geben: Mehr Autos oder weniger Autos. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir sofort in die Richtung: Weniger Platz fürs Auto und mehr für die Menschen gehen müssen. Das heißt dann aber: Mehr Tempolimits, weniger Parkplätze, weniger Autostraßen, schmalere Autostraßen, breitere Gehwege (acht Meter ist eine gute Breite!) und Radwege- Jede Straße sollte mit Rädern befahrbar sein und nicht nur eine Hand voll gut ausgebauter Velorouten (die heute viel zu oft als Argument gegen einen fahrradfreundlichen Ausbau einer Straße ins Feld geführt werden).

Forschungsergebnisse zeigen, dass die Verdrängung des Autos zu einer Belebung von Straßen führt. Aus Autoraum wird Lebensraum. Aber leider hat sich das bundesweit und auch in Kiel in den letzten Jahren zu wenig bewegt. Und der Impuls wird nicht von den Autofahrer*innen kommen! Manche sagen: Erst mal muss der ÖPNV ausgebaut werden! Das sind aber die Gleichen, die seit Jahrzehnten den Ausbau einer Stadtregionalbahn oder Stadtbahn behindert haben. Oder gar eine grundsätzliche Optimierung des Busverkehrs. Die KVG wickelt heute den Verkehr vom Prinzip noch genau so ab, wie vor 40 Jahren. Nur das die Fahrgastzahlen gestiegen sind, aber der ÖPNV-Anteil dennoch nicht ausreichend. Eine Fokussierung auf kürzere Fahrzeiten von A nach B ist z.B. bei den Zielen nicht erkennbar. Man verliert sich im Kleinklein und hält an ein paar Prinzipien fest, die man nicht mehr hinterfragt. Von modernen Nahverkehr ist man in Kiel daher genau so weit weg wie von modernem Radverkehr.

Mit Harmonie ist das Ganze nicht lösbar. Zwar will fast jede Partei die Verkehrswende. Aber offenbar meist ohne, dass sich etwas ändert. wie das gehen soll sagt keiner. Man will niemandem weh tun. Man will auch keine großen Einschnitte. Fehlen nur noch die Drive-In-Wahlkabinen.

So bleibt Kiel Verkehrspolitik uninspiriert und unambitioniert. Ja, natürlich geht es noch schlechter in anderen Städten. Aber was soll das für ein Argument sein? Wir müssen uns doch Ziele setzen, an denen wir uns orientieren und auch mal ein dickes Brett bohren. Selbst wenn es nicht immer gelingt etwas zu bewegen. Und daher finde ich diese Demo gut – und denke auch, dass sie keine Ausnahme bleiben darf, sondern das wir so etwas häufiger brauchen als Aufschrei gegen eine menschenverachtende Verkehrspolitik!

Die Reaktionen zeigen, wie tabuisiert die Diskussion über Verkehr ist. Und für wie unangreifbar viele die Rolle des Autos halten. Aber wer den Wandel will darf keine Tabus akzeptiere und muss auf jeden Fall die Rolle des Autos an jeder Stelle hinterfragen. Nur so kommen wir weiter. Und am THR ist das Stickoxid-Problem immer noch nicht gelöst: Im Gegenteil: Die Kieler Politik sorgt dafür, dass Abgase nun auch an weiteren Stellen die Grenzwerte überschreiten könnten. Und zwar dort, wo noch mehr Menschen sich im freien bewegen, wie z.B. am Ziegelteich/Holstenstraße.

KielKontrovers unterstützt diese Demo und ruft auch dazu auf daran teilzunehmen!

Written by tlow

25. April 2019 at 07:15

Vorfahrt für Räder? #velorouten #premiumrouten

with 7 comments

Anlass für diesen Beitrag ist ein Artikel in der KN zum Ärger um die Veloroute 10.

Man fragt sich: Wenn man eine Veloroute in Kiel plant bzw. in diesem Fall eine Fahrradstraße, wie kann man da entweder:

  • zwar Fußverkehr zulassen, aber dann keinen Platz dafür lassen?
  • Oder wenn ausschließlich Radfahrer dort fahren sollen vergessen mit Schildern klar zu machen, dass Fußgänger nicht dort laufen dürfen

Radfahrer*innen werden ja das ganze Jahr stark kontrolliert, dass sie ja nicht zu Unrecht Fußgängerwege wie z.B. in Parks benutzen. Insofern versprach dieser Teil der Veloroute 10 den Radlern durchaus auch ein mal fahren zu können, ohne auch auf den Fußverkehr achten zu müssen. Genau genommen macht diese Baumaßnahme nur dann Sinn, wenn es hier ein mal anders gelaufen wäre.

Aber was jetzt deutlich wird, wirft auch ein Licht auf die Tatsache, wie man in Kiel Fahrradpolitik betreibt und auch auf die Sinnhaftigkeit expliziter Velorouten.

Der Sinn von Velorouten soll sein, dem Radverkehr das navigieren durch eine Stadt zu erleichtern. Ich denke allerdings, dass diese Idee leider einen grundsätzlichen Fehler im Ansatz hat: Wie Radler*innen unterwegs sind, kann durchaus sehr verschieden sein. Es geht nicht immer darum möglichst schnell und barrierefrei durch die Stadt zu rauschen. Im Gegenteil: Einer der Vorteile von Fahrrädern ist gerade, dass Zwischenhalte problemlos möglich sind. Und es ist auch ein Vorteil, wenn man mit seinem Rad flexibel ist und überall fahren kann.

Die Veloroute beinhaltet hingegen den Gedanken, das Fahrrad idealer weise vom üblichen Verkehr abzutrennen. Somit das Fahrrad als Hindernis zu entfernen und gleichzeitig der Radlerin Hindernisse aus dem Weg zu räumen (Kreuzungsfrei usw.). Es gibt hier auch die Abwegung, dass Velorouten auch bedeuten, dass es bestimmte Straßen gibt, die für den Radverkehr geeignet sind, mehr als andere. Insofern wird dann auch ein Ausbau von Velorouten betrieben. Ein Euro für eine Veloroute bedeutet immer auch ein Euro weniger für die fahrradfreundliche Umgestaltung anderer Straßen.

Insofern möchte ich dafür plädieren das Konzept der Velorouten stark zu überdenken. Denn ich denke es ist den Radlerinnen viel mehr geholfen, wenn sie überall fahren können, als lediglich auf Velorouten. Und wie wir bei der viel (auch von Umweltverbänden) gehypten Veloroute 10 sehen wird oftmals das Ziel einer vollständigen und für Radfahrer besten Route oft gar nicht erreicht.

Auch in anderen Städten wie London geht der Ausbau entsprechender Fahrradhighways nicht voran. Und wo dann der Fortschritt fehlt,

Written by tlow

26. Dezember 2018 at 14:03

Veröffentlicht in Rathaus, Verkehr

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