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Gastbeitrag: Ein Land im Ausnahmezustand… #CoronaKiel

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Nicole Aulich

Ein Gastbeitrag von Nicole Aulich, Inhaberin der Werft-Apotheke in Kiel-Gaarden:

Seit gestern ist nun auch Kiel zur Geisterstadt mutiert, kein Friseur, keine Spielhalle, keine Kneipen, keine Restaurants, keine Behörden, keine Schwimmhalle, kein Klopapier… doch es scheint vor allem an einem zu mangeln: gesundem Menschenverstand! Manchmal hat man zur Zeit das Gefühl, es gibt nichts mehr zwischen totalem Leichtsinn und riesiger Panikmache.

Auch bei uns in der Apotheke zeichnet sich schon seit Wochen ab, was da auf uns zurollt. Im Januar waren es zunächst vor allem die asiatischen Mitbürger, die sich vermehrt für Atemschutzmasken und Desinfektionsmittel interessierten, 4 Wochen später griffen die diesbezüglichen Hamsterkäufe auch auf die restliche Bevölkerung über. Seit einiger Zeit verbringen auch wir nun unseren Berufsalltag damit, den Menschen zu erklären, dass es weder das eine noch das andere in absehbarer Zeit in ausreichender Menge zu kaufen gibt, dass der wichtigste Schutz vor Infektionen (und nicht nur vor Corona!) darin besteht, sich die Hände zu waschen und den empfohlenen Abstand zueinander zu halten. Aber die Menschen scheinen bevorzugt, in Panik geraten zu wollen und Hamsterkäufe auf Klopapier und Nudeln zu machen, anstatt sich an sinnvolle Vorgaben vom RKI und ähnlichen Institutionen zu halten.

Aber es ist auch schwer in der heutigen Zeit, wo einem durch die sozialen Medien innerhalb kürzester Zeit immer wieder neue (fake) news um die Ohren flattern. Wie soll man als Laie die Richtigkeit diverser Meldungen einschätzen? Zu oft haben auch wir hier vor Ort in den letzten Tagen Gerüchte gehört wie „die Busse fahren ab morgen nicht mehr“, „Rewe macht ab Montag nur noch 2 Stunden am Tag auf“ usw. Das ist eines der Hauptprobleme in der heutigen Zeit, die meisten Leute schaffen es einfach nicht reflektiert darüber nachzudenken, was sie hören, alles wird so schnell weiterverbreitet und geglaubt, dass man kaum hinterher kommt. Ja, an vielem ist vielleicht auch ein Fünkchen Wahrheit dran, aber vieles schürt auch einfach noch mehr Panik. Daher: bitte, liebe Mitbürger, denkt nach, überlegt und informiert euch über geeignete (!) Quellen ob das, was ihr hört und lest, der Wahrheit entspricht oder überhaupt Sinn macht. Wozu sollte es denn bitte sinnvoll sein, Öffnungszeiten von Lebensmittelgeschäften einzuschränken – dann würden sich doch wieder noch mehr Menschen auf engem Raum begegnen. Die offiziellen Meldungen der letzten Tage bestätigen dies nun: Ganz im Gegenteil also, die Öffnungszeiten der Lebensmittelgeschäfte und Apotheken werden eher ausgeweitet, selbst das Sonntagsöffnungsverbot entfällt.

Ich als Arbeitgeberin mache mir natürlich zusätzlich auch Gedanken um meine Mitarbeiter, die hier jeden Tag 10 Stunden sozusagen an der Front stehen und hustenden und schniefenden Menschen erklären müssen, doch bitte Abstand zu halten, sich bei Fieber nicht in die nächste Arztpraxis zu begeben und Ihnen klar zu machen, dass auch bei Paracetamol keine Hamsterkäufe notwendig sind. Wir versuchen zu erklären, wann man besonders gefährdet ist, welche Symptome typisch sind, was im Verdachtsfall zu tun ist. Aber wir versuchen auch, den Leuten klar zu machen, dass dieser Virus nicht der einzig gefährliche ist, mit dem wir in den letzten Jahren zu tu hatten und haben. Auch die Grippewelle ist noch längt nicht vorbei und hier sind z.B. in der Saison 2017/2018 25000 Menschen gestorben. Und da hätte es die heute viel herbeigesehnte Impfung gegeben – und wer nutzt sie? Nicht mal 20% der Bevölkerung! Auch wir sind verunsichert, wie wir uns selber und die Kunden schützen können. Aber selbst die Empfehlungen zum Tragen von Mundschutz und Handschuhen gehen weit auseinander. Der Virus ist einfach zu neu für uns alle, um verbindliche Aussagen machen zu können. Wir konzentrieren uns daher vor allem auf Informieren der Leute, Händewaschen und Abstand halten. Im Grunde also das, was alle machen sollten…

Und ja, die Situation ist ernst, ja, es werden noch viel mehr Leute erkranken, auch Leute, die wir kennen. Und ja, die Krankenhäuser, die Ärzte und das Pflegepersonal sind überlastet, aber die Situation kann sich nur dadurch normalisieren, dass wir Ruhe bewahren und die offiziellen Anweisung befolgen, möglichst wenig soziale Kontakte zu haben. Also bitte nicht die neugewonnene Freizeit mit den Kindern auf dem Spielplatz mit 20 anderen Kindern verbringen, sondern mal zu Hause ein Gesellschaftsspiel auspacken und vor allem: nicht die gute Laune und schon gar nicht den Mut verlieren.

Zumindest kann man sich beim Busfahren inzwischen auch nicht mehr anstecken. Seit gestern fahre ich allein Mercedes mit eigenem Chauffeur ;-).

Nicole Aulich (Inhaberin der Werft-Apotheke in Kiel Gaarden)

Written by tlow

19. März 2020 at 11:14

Veröffentlicht in Gesundheit

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Bericht zu erstem #JanesWalk in #Kiel

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jw_10_logo_smallIn Deutschland ist Jane Jacobs vielen nicht bekannt. Eher schon sozusagen den europäische Counterpart Lucius Burckhardt. Sie war eine großartige Kämpferin für Städte die menschengerecht sind. So half sie, dass Manhattan nicht weitere Stadtteile an weitere Schnellstraßen verlor. Ihr bekanntestestes Buch war auch gleichzeitig ihr erstes: „Tod und Leben großer amerikanischer Städte“

Zu Ehren von Jane Jacobs und ihrem Wirken werden weltweit die sog. Jane’s Walks durchgeführt. In manchen Städten finden sogar mehrere hundert Spaziergänge statt. Diese decken mehrere Orte und Themen ab. Es geht auch um Stadtplanung von unten von den „Experten“ (in dem Sinne die Anwohner*innen!)

Dieses Jahr gab es in Deutschland außer in Kiel lediglich in Leipzig und Bochum einen Spaziergang. Ich hatte mich entschieden dieses Jahr für Kiel-Gaarden  einen Spaziergang zu organisieren, um die Ideen vorzustellen und auch, um es zu nutzen mit einem Nachbarschaftsspaziergang Leute aus dem Viertel anzusprechen, ebenso wie Leute aus anderen Stadtteilen.

Insgesamt 12 Bürger*innen (davon auch aus jeweils einer aus Ellerbek, Brunswik und Südfriedhof). Ich hoffe nicht zu viele waren am falschen Ort, weil ich erst tage vorher feststellte, dass auf Ostufer Kiel war eine falsche Startadresse angegeben, die aber nicht von mir kam. Aber man kann leider nicht gleichzeitig an zwei verschiedenen Orten sein. Vielleicht wären es so auch noch mehr Teilnehmer*innen gewesen.

Wir starteten vor der Werftapotheke, weil hier das Zentrum von Gaarden startet (also Elisabeth- Ecke Augusten- oder Norddeutsche Straße) und weil hier die Bürgersteige besonders breit sind. Was Frau Jacobs als einen wichtigen Faktor für funktionierende Straßen ansah: Man kann sich dort versammeln und dennoch können Passanten aneinander vorbeigehen. Es kann viel dort stattfinden und es macht Spaß dort spazieren zu gehen.

Der weitere Weg führte über den Vinetaplatz und dann via Wikingerstraße durch den Gustav-Schatz-Hof und unter dem Fußgängertunnel im Ostring zu dem derzeit geschlossenen Freibad Katzheide. Letzteres ist ein Skandal für sich, unabhängig von den weiteren Plänen der Stadt Kiel. Der Ortsbeirat wurde so informiert, dass Katzheide gleichzeitig mit der Strandsaison geöffnet wird. Ohne weitere Erklärung. Es schein also keine technischen Gründe zu geben. Und offenbar versteht man nicht, dass der eigentliche Vorteil von Katzheide ist, dass es weit vor den Stränden warmes Wasser haben kann! ein heißes Mai-Wochenende. Überall sind die Freibäder auf, außer in Kiel. Es zeigt wieder wie weit die Stadt von den Bürger*innen, vom Menschen entfernt ist. Ein Datum, was scheinbar beliebig festgelegt wird. Und das ist auch einer der Gründe, warum Besucherzahlen zurückgehen. Während wir davor standen, kamen auch einige Leute, um sich über die Öffnungszeiten zu informieren. Zu finden war aber nur ein Plakat aus dem Jahre 2015. Offenbar findet man es dieses Jahr wieder nicht nötig die potentiellen Besucher*innen ausreichend zu informieren.

Der Fußgängertunnel erlaubt dem Autoverkehr auf dem Ostring ungebremst durchzufahren, schafft aber auch einen Angstraum für Fußgänger und stellt auch ein gewisses Hindernis dar, da man Höhenunterschiede überwinden muss (insbesondere für Rollstuhlfahrer). Es wurde auch erwähnt, dass die Veloroute für Fahrräder hier durchführt, obgleich es ein Fußweg ist. Der Ostring durchschneidet Gaarden nicht nur an dieser Stelle. Ein Bau der Umgehung Südspange-Gaarden wird den Verkehr hier sicher vervielfachen.

Weiter ging es über die Hans-Christian-Andersen-Schule und die Medusastraße in den Medusahof und via Kaiserstraße zum Karlstal.

Abgeschlossen wurde der Spaziergang auf dem Rückweg an der Bushaltestelle vor der großen Fotowand, die inzwischen in Teilen schon stark beschädigt ist. Und wozu es von den Teinehmer*innen unterschiedliche Meinungen gab.

Mit einer verkleinerten Gruppe besuchten wir dann noch die aktuelle Ausstellung im ehemaligen Schlecker-Markt, der von der K34 bespielt wird.

Insgesamt dauerte der Spaziergang, so wie ich es auch eingeschätzt hatte ca. 1 1/2 Stunden. Ich hatte mich darauf insoweit mehr auf die Inhalte von Jane Jacobs vorbereitet und weniger konkret zu den Orten in Gaarden. Auf der Tour vermisste ich, dass es keine Teilnehmer der Generation 70plus gab, so dass z.B. niemand etwas zum ehemaligen Star-Palast sagen konnte. Vermutlich war diese schon zu früh geschlossen für die meisten Anwesenden.

Dies war auch der erste Spaziergang, den ich je geleitet habe und somit auch mein erster Jane’s Walk. In der Nachbetrachtung hätte ich dann dich gerne einiges mehr recherchiert. Da habe ich zu sehr darauf gesetzt, dass die Gaardener*innen sich mehr einbringen. Aber insgesamt war es schon angemessen und natürlich das beste Wetter, was man sich wünschen kann.

Es geht bei den Jane’s Walks ja nicht so sehr um eine fertige Touristenführung als viel mehr darum, dass sich Bewohner*innen eines Viertels begegnen und gleichzeitig Besucher*innen von außerhalb den Stadtteil kennenlernen. Je weniger da vorgegeben ist, desto mehr können Teilnehmer sich einbringen und desto variabler ist der Spaziergang.

Sicher wird das nicht mein letzter Spaziergang sein, den ich anbiete, weil er eine nette Möglichkeit darstellt Gespräche, Beobachtung, Begegnung und Freizeit miteinander zu verbinden.

Als nächste Themen bieten sich an: Radverkehr in Gaarden, die Südspange Gaarden und Kai-City und der Neubau des Zentralbades. Vermutlich dann ab Juni wieder.

Als einzigster Spaziergang in meiner stadt bin ich irgend wie automatisch zum City Organizer für Kiel geworden. Wer also selbst etwas anmelden möchte, auch außerhalb dieser Aktionstage, kann sich gerne registrieren und einen Spaziergang anmelden.

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